Kritik: Atomic Blonde

Wasserstoffblonde Bombe ohne Sprengkraft

FSK 18

Spoilerfrei!

Charlize Theron als Lorraine Broughton in Atomic Blonde vor einer schwarzen Wand

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Darum geht’s

In Atomic Blonde wird die britische Geheimagentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) mit einem brenzligen Auftrag nach Westberlin geschickt:  Ihre Mission besteht darin, in Zusammenarbeit mit dem Agenten David Percival (James McAvoy) eine Liste sicherzustellen, die die Identität diverser britischer Agenten umfasst. Blöd nur, dass diese verschollen ist, seitdem Lorraines Kollege und Liebhaber James Gascoigne (Sam Hargrave) ermordet wurde. Noch blöder: Auch die russische Seite zeigt reges Interesse an der Agenten-Datei. Was folgt ist ein fast zweistündiges Gehaue, Gehacke und Gerangel im nostalgischen Neonlicht eines geteilten Berlins, das soeben dabei ist, die Fesseln der sozialistischen Diktatur abzulegen. Oben drauf ist es beißend kalt, wie der Titel der Graphic Novel The Coldest Winter*  – auf der der Film basiert – bereits erahnen lässt.

Neonfarben statt DDR-Einheitsgrau

Tatsächlich lässt sich Atomic Blonde mit dem Prädikat „Graphic“ recht gut beschreiben. Denn der Fokus des Filmes liegt nicht auf der Story – sozusagen der „Novel“ – sondern auf der visuellen Umsetzung. So fängt die Kamera von Jonathan Sela sorgsam inszenierte Bilder ein, die meist in pulsierendes Neonlicht – vorzugsweiße blau und pink – getaucht sind. Auch dem Stil und Flair der Neunziger wird der Thriller besonders gerecht und zeichnet das Bild eines Berlins, das zwischen Hedonismus und Sozialismus hin und her gerissen ist. Abgerundet wird das Ambiente durch einen poppigen Neunziger-Soundtrack, dessen Remix von Nenas 99-Luftballons zudem eine gewollte Komik bereithält.

Charlize Theron kämpft als Lorraine Broughton in Atomic Blonde gegen zwei deutsche Polizisten
Charlize Theron darf in Atomic Blonde ordentlich austeilen. Warum sie dazu Lingerie braucht, wird nicht wirklich klar.

Knüppelharte Action

Ein weiteres Plus sind die penibel inszenierten Action-Sequenzen, bei denen sich auszahlt, dass Regisseur David Leitch den Großteil seiner Filmkarriere als Stuntman verbrachte. Gerade gegen Ende zeigt sein Film beeindruckend, wie Nahkampf-Szenen aussehen können: brachial, stumpf und erschöpfend. Dass dabei die Kamera in langen, nahezu ungeschnittenen Einstellungen um die Kämpfenden tänzelt, zieht den Zuschauer umso mehr in den Bann.

Diese virtuos choreografierten Szenen machen Spaß, was einerseits daran liegt, dass sich hier eine eigene Handschrift erkennen lässt. Das liegt aber auch an einer packenden Charlize Theron, die – so scheint es – Hollywoods erste Wahl ist, wenn eine harte Frau gesucht wird. Denn nach ihrer eindrucksvollen Performance in Mad Max: Fury Road darf Theron auch hier wieder ordentlich zulangen – aber auch sexy aussehen.

Hollywood und seine Männerphantasien

Doch gerade in dieser Sexyness verbirgt sich das Problem des Films. Zwar ist es erfreulich, dass eine weibliche Hauptfigur durch den Film führt, denn im männerdominierten Action-Genre ist das leider viel zu selten der Fall. Doch wie schon bei der viel diskutierten Comic-Verfilmung Wonder Woman, kann sich Hollywood nicht von seinen Männerphantasien lossagen: Statt eine Filmheldin einfach nur eine Filmheldin sein zu lassen, gibt es Lesbensex, Strapse und lüsternde Kameraschwenks, die von Therons Körper nicht genug bekommen können. Einen vielschichtigen Charakter bekommen wir aber nicht.

Lesbensex in Atomic Blonde: Charlize Theron und Sofia Boutella
So sieht in Hollywoods Männerphantasie die Kooperation zwischen zwei Geheimdiensten aus.

Okay, zugegeben: Ein wenig Sexyness an der richtigen Stelle ist ja auch ganz nett: Doch die lasziven Aufnahmen und Aufmachungen der Hauptdarstellerin fallen aus dem Kontext der Story und passen so gar nicht zu einer Agentin, die eigentlich damit beschäftigt ist, die Straßen Berlins mit (Männer-)Leichen zu pflastern. Schaut man den Trailer des Films an, der bereits in der ersten Einstellung den Körper der Hauptfigur feiert, so erhärtet sich der Verdacht, dass es sich hier um eine reine Marketing-Entscheidung handelt. Denn: Sex Sells.

Story ohne Durchschlagskraft

Dazu kommt, dass weder die beinharte Action, noch eine erstklassige Theron darüber hinwegtäuschen können, dass sich der ganze Film von einer dünnen Story nährt. Hitzige Nahkämpfe und attraktive Kamerabilder machen die magere Kost zwar schmackhaft, doch letztendlich bleibt es dabei: Der Action-Thriller sieht besser aus als er ist.

Enttäuschend ist vor allem, dass es der Hauptfigur Lorraine vollkommen an einer Backstory fehlt. Ihre persönliche Motivation wird nicht klar. Und sollte diese lediglich in patriotischer Pflichterfüllung bestehen, dann ist das erstens langweilig und zweitens nicht eingeführt. Zwar versuchen die Macher dem entgegenzusteuern und führen die französische Grünschnabel-Agentin Delphine (Sofia BoutellaStar Trek: Beyond) ein, die mit ihren lieblichen Kulleraugen selbst die verschlossene Lorraine bezirzen kann. Doch der Versuch, der Hauptfigur Lorraine einen emotionalen Kern zu verleihen, geht in einer leidenschaftlichen Flut gieriger Kamerabilder und ästhetisch in Szene gesetzten Liebesakten unter.

Charlize Theron und James McAvoy spazieren entlang der Mauer durch Berlin in Atomic Blonde
Ein ungleiches Paar: David Percival (James McAvoy) und  Lorraine Broughton (Charlize Theron).

Den zweiten Rettungsversuch startet der Film durch eine sich mehr und mehr verkomplizierende Story, die krampfhaft versucht, einen Plot Twist zu etablieren, der ja schließlich auch unweigerlich zum Thriller-Genre dazu gehört. Das mag mehr oder weniger gut funktionieren, ist aber streckenweise auch reichlich verwirrend.

Was den Film jedoch wirklich rettet ist James McAvoy (Split, X-Men: Apocalypse), der den schrägen Partyvogel und MI6-Agenten David Percival mit Bravour gibt. Ebenfalls unterhaltend ist der Charakter-Schauspieler Eddie Marsan als „Spyglass“. Ach ja, fast vergessen: Til Schweiger (Tschiller: Off Duty) spielt auch mit. Und zwar so kurz, dass man sogar noch von Schauspielern reden kann.

Der Thriller ’Atomic Blonde’ sieht besser aus, als er ist

Das Setting eines verschneiten Berlins im Kalten Krieg erinnert zunächst an den Agententhriller Bridge of Spies. Doch Atomic Blonde schlägt einen anderen Weg ein: Dieser Thriller ist knallhart, knallbunt und – leider auch eine Knallerbse. Denn sobald der Effektnebel der einlullenden Kinomagie verflogen ist, bleibt die Frage, was der Film gebracht hat – außer 115 Minuten Kurzweil. Viel ist das nicht, denn Atomic Blonde fehlt es an Substanz, die die zugegeben einfallsreichen Bilder und ein solider Cast nicht vollständig wettmachen können. Zudem kommt, dass – anders als es der Film erhoffen lässt – mit Hollywood-typischen Rollenklischees von weiblichen Darstellern nicht brechen kann. 

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