Kritik: Die Insel der besonderen Kinder

Burton von der Stange

FSK 12

Die Besonderen Kinder schauen einen Film in Die Insel der Besonderen Kinder

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Tim Burton erfindet nicht gerne eigene Geschichten. Er bedient sich lieber an schon vorhandener Erzählungen, um sie mit seiner visuellen Fantasie umzusetzen. Auch Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children, ebenfalls der englische Originaltitel des Films, ist ein Roman von Autor Ransom Riggs. Die Geschichte ist so absurd und makaber, dass sie wie für Burton geschrieben ist.

Um was geht’s überhaupt?

Jacob Portman (Asa Butterfield) ist ein schlaksiger und melancholischer Jugendlicher, der nach dem seltsamen Tod von Großvater „Abe“ (Terence Stamp) Halluzinationen bekommt. Hat wirklich ein Monster seinen Opa getötet? Um seinen Tod zu verarbeiten, erinnert sich Jacob an die Geschichten, die er von Abe als kleines Kind erzählt bekommen hat: Er hätte damals in einem Waisenhaus für „besondere Kinder“ mit speziellen Fähigkeiten gelebt, abgeschottet von der Zivilisation. Doch Jacobs Vater (Chris O’Dowd) glaubt an keine Märchen: Großvater sei einfach verrückt und das Waisenhaus wäre in Wirklichkeit eine Irrenanstalt gewesen.

Jacobs Psychologin rät ihm jedoch, dem Ursprung der Geschichten seines Großvaters auf den Grund zu gehen, um seine psychischen Probleme zu verarbeiten. Gesagt getan: Jacob und sein Vater reisen nach Wales, um das Waisenhaus zu suchen. Doch Jacob merkt bald, dass hinter den Geschichten seines Großvaters noch viel mehr steckt: Die besonderen Kinder leben seit Jahren schon in einer 24 Stunden langen Zeitschleife, da am 30. September 1940 das Waisenhaus von deutschen Bombern zerstört wurde. Heimleiterin Miss Peregrine (Eva Green) besitzt nämlich die Fähigkeit, Zeit zu manipulieren. Doch ganz so sicher sind die „Besonderen“ in ihrer Zeitschleife auch nicht. Übernatürliche Kräfte versuchen, das Waisenhaus zu überfallen…

Die Besonderen Kinder betreten die Zeitschleife in Die Insel der Besonderen Kinder
Sobald die besonderen Kinder diesen Eingang betreten, gelangen sie aus der Gegenwart in die Zeitschleife im Jahr 1940.

Charles Xaviers Schule für Hochbegabte?

Tim Burton kann Marvel nicht ausstehen. Die Comic-Filme sind ihm zu unkreativ. In einem Interview mit Yahoo! sagte Burton:

"Marvel, they have their thing and there’s a certain formula to it all which seems to still be working, but how many times can you say ‘you’re wearing a funny costume’ with the tights and stuff?“ – Tim Burton, Interview von Yahoo!

Aber auch in Die Insel der Besonderen Kinder gibt es Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Besonders Miss Peregrines Waisenhaus erinnert sehr an Professor Xs Schule für Mutanten aus den X-Men-Filmen: Die Kinder spielen im Garten und benutzen ihre abstrusen Fähigkeiten, während sie von der Außenwelt abgeschottet sind und von einer weisen Autoritätsperson beschützt werden. Dennoch hat Burton’s Film nichts mit dem herkömmlichen Superhelden-Genre zu tun.

Eva Green als Miss Perigrine in Die Insel der besonderen Kinder
Miss Perigrine (Eva Green) beschützt das Heim vor externen Gefahren – zum Beispiel vor Monstern.

Was zeichnet Tim Burtons Filme aus?

In erster Linie natürlich die Optik. Tim Burton dreht keine Filme, er malt sie. Jede Einstellung muss wie ein Artwork aus einer Kunstmappe aussehen. Das gelingt ihm abermals mit seinem neuesten Werk – auch wenn es ein paar kleine, weniger schöne Kleckser gibt.

In Die Insel der besonderen Kinder verwendet Burton wieder seine Fertigkeit, normale Szenerien zu entfremden und total surreal aussehen zu lassen. Ein stinknormaler, amerikanischer Vorort sieht in diesem Film aus wie ein Bild aus einem Fiebertraum. Die Beleuchtung und die Farben folgen keinen realistischen Regeln, sondern machen genau das, was Burtons expressionistisches Auge gerne sehen möchte. Die ersten Filmminuten zeigen das besonders eindrucksvoll.

Als das Setting von Florida nach Wales verlagert wird, machen jedoch auch die Farben eine 360-Grad-Wende. Mit einem massiven Einsatz von Filtern, taucht Burton jedes Bild in einen einzigen, dunklen Blauton. Im Grunde folgt Burton ja nur der Hollywoodregel, dass jedes europäische Setting trist, gräulich und bläulich aussehen muss. Aber in diesen Szenen hat es der Meister  etwas übertrieben. Die Bilder wirken eher billig als kunstvoll.

Zum Glück ändert sich das, als das Setting wiederum in das Jahr 1940 verlagert wird. Burton lässt endlich wieder seine Farben spielen. Dazu sehen wir hübsche Kostüme und Spezialeffekte, sobald die „Besonderen Kinder“ Teil des Films werden. Jetzt spielt Burton seine Stärken aus.

Jacob (Asa Butterfield) geht mit Emma (Ella Purnett) am Stand spazieren.
Jacob (Asa Butterfield) und die schwerelose Emma (Ella Purnett) erforschen die Geheimnisse der Insel.

Was darf sonst noch in keinem Burton-Film fehlen? Natürlich der Score von Danny Elfmann. Der ist dieses Mal aber leider etwas belanglos und weniger pompös geraten, als man es sonst vom Kult-Komponisten gewohnt ist. Zwar fügt sich die Musik wunderbar als dezente Begleitmusik für einzelne Szenen, doch ist es für Burton-Filme sehr ungewöhnlich und nicht unbedingt die beste Wahl. Auf eine einprägsame Titelmelodie müssen wir diesmal leider verzichten.

Was zeichnet Tim Burtons Filme nicht aus?

So sehr Burton seine Filme auch durchstylen kann, er ist kein besonders guter Geschichtenerzähler. Bei jedem seiner Werke ist er auf Hilfe für das Drehbuchschreiben angewiesen. Neben einigen Glanzleistungen wie Big Fish und Sweeney Todd, hat dieser Film leider die gleichen Probleme wie einige seiner anderen schwachen Beiträge: Es fehlt einfach an Spannung.

Dabei ist die Story doch interessant genug! Superkräfte, Zeitreisen und Monster – was braucht ein Blockbuster mehr? Doch die Geschichte läuft so gemächlich vor sich hin wie ein Sonntagsspaziergang. Zwar hält der Film mit seiner visuellen Umsetzung und mit den spannenden Fantasy-Ansätzen den Zuschauer noch einigermaßen bei der Stange, aber dramatische Höhen gibt es in den ersten zwei Dritteln des Films nicht. Die Dramaturgie ist so flach wie ein Brett.

Erst gegen Ende gibt’s die Action. Leider geht der Showdown aber viel zu lang und schießt in seiner Absurdität irgendwann über das Ziel hinaus. Ein paar spaßige Szenen gibt es dennoch zu bestaunen. Zwei Worte: Skelette, Schiffswrack.

Samuel L. Jackson spielt Samuel L. Jackson

Der Cast des Films ist okay. Die „Besonderen Kinder“ sind zwar bis auf ihre Fähigkeiten gar nicht so besonders, aber sie fallen auch nicht negativ auf. Ironischerweise ist der unsichtbare Millard  (Cameron King) am unterhaltsamsten. Die kleine Romanze zwischen Jacob und der schwebenden Emma (Ella Purnell) ist ganz süß, aber irgendwie fehlt es der Beziehung doch an Bodenständigkeit. Wortspiel kapiert?

Jacob (Asa Butterfield) und Emma (Ella Butterfield) kommen sich näher in Die Insel der besonderen Kinder
Niedlich: Jacob und Emma kommen sich näher.

Ausnahmsweise wirkt Samuel L. Jackson dieses Mal etwas Fehl am Platz. Normalerweise kann jeder Film einen Samuel L. Jackson gebrauchen, aber eine Traumbesetzung ist er für den fiesen „Barron“ nicht. Aber Samuel ist eben Samuel – jetzt sogar mit scharfen Zähnen und weißen Augen. Man freut sich also doch immer ein bisschen, ihn in einer Szene zu sehen.

Die Insel der besonderen Kinder ist gesundes Mittelmaß in der Burton-Filmographie

So vorhersehbar diese Kritik auch gewesen sein mag: Dieser Film ist Burton in Reinkultur. Zum Guten aber auch zum Schlechten. Die malerische visuelle Umsetzung kann die Schwächen im Drehbuch nicht ganz überzeichnen. Letztendlich kann man sich das Märchen aber dennoch getrost im Kino anschauen, denn das 3D ist auch in Ordnung. Fans des Exzentrikers werden mit Sicherheit auf ihre Kosten kommen.

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