Kritik: Die Schöne und das Biest

Sollte Disney doch wieder anfangen zu zeichnen?

FSK 6

Spoilerfrei!

Die schöne Belle gespielt von Emma Watson tanzt mit gehörnten Biest im Film die Schöne und das Biest

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Für alle, die wirklich noch eine Inhaltsangabe brauchen…

… für euch gibt’s jetzt Märchenstunde: Es war einmal ein schöner Prinz (Dan Stevens), der das dekadente Leben in seinem prunkvollen Anwesen in vollen Zügen genoss. Doch eines Nachts verirrt sich eine Bettlerin vor das Schlosstor. Angewidert und gleichgültig, lässt der Prinz die Bettlerin im Regen stehen. Doch die Bettlerin war in Wirklichkeit eine schöne Hexe (Hattie Morahan). Sie belegte das Schloss mit einem Fluch, der alle Bewohner in lebendige Möbel verwandelt und den Prinzen in ein abscheuliches Biest. Nur wenn der Prinz die wahre Liebe findet bevor eine magische Rose verdorben ist, kann der Fluch aufgehoben werden.

Nicht weit vom verwunschenen Schloss entfernt, in einer kleinen Provinz, lebt die schöne Belle (Emma Watson), die sich tagtäglich mit den abstoßenden Annäherungsversuchen des Dorf-Machos Gaston (Luke Evans) abgeben muss. Als ihr Vater während einer Reise in die Fänge des Biests gerät, tauscht Belle ihr Leben gegen das ihres Vaters ein – und muss für alle Ewigkeit im Schloss ausharren. Die verzauberten Bewohner sehen in Belle hingegen das Ende des Fluchs. Könnte sich zwischen der Schönen und dem Biest eine „echte“ Liebe entwickeln?

Belle (Emma Watson) beim Tanz mit dem Biest (Dan Stevens)
Still a MUCH better lovestory than Fifty Shades of Grey: Belle (Emma Watson) und das Biest (Dan Steven) in der berühmten Ballsaal-Szene.

Hermine… Hermine… Hermine…

Das sind die Gedanken, die in der ersten halben Stunde des Films einfach keine Ruhe geben wollen. Das ist Hermine. Es lässt sich einfach nicht wegdenken. Im Gegensatz zu Daniel Radcliffe, der sein Harry Potter-Image mit mutigen Rollen als Nazi oder gar als Leiche erfolgreich abgestreift hat, ist Emma Watsons Performance in Die Schöne und das Biest weniger bezaubernd als gedacht. Natürlich passt sie rein optisch perfekt in die Rolle und ihre Singstimme ist lupenrein. Doch irgendwo fehlt es der neuen Belle an Charisma. Schade, dass gerade die Zeichentrick-Version von Belle „echter“ wirkt als Emma Watsons Darstellung.

Umso genialer ist Luke Evans als Gaston, der für die Rolle wie geboren zu sein scheint. Sobald Gaston durch das Bild stolziert, macht der Film am meisten Spaß. Belles Vater Maurice (Kevin Kline) wirkt dagegen eher langweilig und bei weitem nicht schrullig genug.

Belle (Emma Watson) mit ihrem Vater Maurice (Kevin Kline)
Maurice (Kevin Kline) würde alles für seine Tocher Belle (Emma Watson) tun – umgekehrt auch.

Stars in ihren hölzernsten Rollen

Das Versteckspiel der zur Unkenntlichkeit verwandelten Charaktere aus dem Schloss war schon immer ein faszinierendes Element der Geschichte. In der Realverfilmung setzt man deshalb natürlich auf große Stars, welche die lebendigen Möbel spielen, damit sie im großen Finale (eventuell) in ihrer menschlichen Gestalt von der Bühne gehen können. Surprise!

Ewan McGregor als Kerzenleuchter Lumière und Ian McKellen als Uhr Von Unruh sind grandios animiert und gesprochen. Auch die restlichen Schlossbewohner verleihen dieser Version von Die Schöne und das Biest den unverwechselbaren Disney-Charme.

Das zu schöne Biest

Man muss es den Designern einfach lassen: Das neue Biest, charmant gespielt von Dan Stevens, sieht ziemlich gut aus. Doch es ist nicht nur hübsch animiert, es ist allgemein irgendwie… hübsch. Und damit definitiv zu hübsch, um wirklich als abscheuliches, verfluchtes Biest durchzugehen. Natürlich will Disney die Zuschauer nicht zu sehr mit einer hässlichen Fratze abschrecken – man muss das Biest ja noch als Love-Interest für Belle akzeptieren können. Doch ein bisschen mehr Biss in Dan Stevens Performance hätte gut getan und die Neuinterpretation deutlich spannender gemacht. Mehr als mürrisch ist das Biest nämlich nicht wirklich. Da wirkt selbst Chewbacca bedrohlicher.

Das Biest (Dan Stevens) in Die Schöne und das Biest
Das Biest (Dan Stevens) zieht mal wieder eine Schnute.

Irgendwann sind eben alle Geschichten erzählt

Die Filmbranche findet immer neue Wege, Geschichten zu recyceln. Sei es in Form von Comic-Buch-Adaptionen, oder seit neuestem in Form von Remakes. Denn Walt Disney geht momentan all-in. Gestoppt wird vermutlich erst, wenn jedes einzelne Zeichentrick-Märchen von Disney eine Realverfilmung bekommen hat.

Dabei hat Die Schöne und das Biest jedoch ein Problem, dass The Junglebook aus dem letzten Jahr weitgehend umgehen konnte. Die vertraute Geschichte wird mit wenig erzählerischer Hingabe abgearbeitet, so als wüsste das Drehbuch bereits, dass jeder Zuschauer das Märchen sowieso schon kenne. Schade, dass der Film die Spannung so leichtfertig aufgibt. Schließlich können gerade Märchen auch nach mehrfachem Erzählen faszinierend und mitreißend sein.

Stattdessen setzt das Remake einen anderen Fokus. Die Musical-Schiene wird über die komplette Laufzeit gefahren. Zwar wird natürlich nicht jedes Wort gesungen, doch der Soundtrack ist immer im Fokus. Das funktioniert zum Großteil prächtig, vor allem wenn die alt bekannten Song-Einlagen wie „Be Our Guest“ oder „The Mob Song“ ihren Bombast entfalten. Doch gerade in Szenen, die sich mehr auf Geschichte und Charaktere konzentrieren, hätte der Score den Schauspielern auch mal Platz zum atmen geben können.

Das ist besser als am Zeichentrick-Film

Der über zwei Stunden lange Film bietet natürlich viel mehr kleine Details als das Zeichentrick-Vorbild. Das Schloss sieht fantastisch aus und die Schlossbewohner sind sogar noch charmanter und magischer als wir sie aus dem über 20 Jahre alten Original kennen.

Auch wenn für einige das Einbringen von dunkelhäutigen Schauspielern und homosexuellen Charakteren gezwungen vorkommen mag, profitiert der Film davon sehr. Die Modernisierung und Aufhebung von Stereotypen in klassischen Hollywoodfilmen ist wichtig, doch funktioniert sie selten so gut wie ein schwuler Le Fou. Nicht nur liefert Josh Gad die beste Performance des Films, sein Charakter fügt sich darüber hinaus nahtlos in die Geschichte ein.

Gaston (Luke Evans) und Le Fou (Josh Gad) in Die Schöne und das Biest
Jetzt küsst euch doch endlich: Gaston (Luke Evans) und sein verliebter Handlanger Le Fou (Josh Gad).

Während dem Finale wurde der Dramatik-Regler deutlich nach oben geschraubt. Trotzdem fällt das Ende immer noch recht kurz aus, doch das stört nicht. Stattdessen verlässt sich Regisseur Bill Condon auf ein Crescendo, das nicht unnötig lange angehalten wird und im richtigen Moment die End-Credits einleitet.

Das ist schlechter als am Zeichentrick-Film

Abgesehen davon, dass die Credits stark an eine Herzschmerz-Telenovela erinnern, kommt die Realverfilmung nicht immer ganz drumrum, hölzern zu wirken. Die quietschbunten Kostüme sehen oft zu sehr nach Kostümen aus und der Greenscreen macht sich deutlich bemerkbar, wenn er denn mal da ist. Ein komplett animierter Film, egal ob Zeichentrick oder computeranimiert, macht da doch mehr Disney-Magie her und wirkt im Gesamtpaket hochwertiger.

Die Hauptfiguren aus dem Original können Dan Stevens und Emma Watson leider nicht toppen. Da fehlt es an Chemie und Bodenständigkeit.

'Die Schöne und das Biest' ist belangloser, aber charmanter Disney-Kitsch

Natürlich sollte jeder ins Kino gehen, der schon seit Monaten die Trailer rauf und runter schaut. Wer Disney mag, der wird auch die Neuverfilmung von Die Schöne und das Biest mögen. Dennoch fehlt es dieser Version an erzählerischer Hingabe. Die bekannten Szenen werden auf handwerklich (fast immer) hohem Niveau abgearbeitet, ohne dass die Schöne oder das Biest uns wirklich in ihren Bann ziehen, wie es das Original aus dem Jahr 1991 geschafft hat.  

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