Kritik: Doctor Strange

Komischer Doktor bringt Magie ins Marvel-Universum

FSK 12

Ein Wallpaper von Doctor Strange

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Dr. Strange kommt, um zu verhandeln

Der Chirurg Dr. Stephen Strange (Benedict CumberbatchSherlock, Hobbit 3) ist ein wahrer Meister seines Fachs. Seine Genialität und sein überlegener Intellekt ist ihm jedoch wohl bewusst und so ist der arrogante Experte davon überzeugt, alles zu wissen, was es über die Welt zu wissen gibt. Christine Palmer (Rachel McAdams) ist die Einzige, die sein Ego ertragen kann. Doch sein Leben ändert sich auf schreckliche Weise, als er in einen Autounfall gerät und dabei seine Hände zerschmettert werden. Kein anderer Chirurg ist in der Lage, seine beschädigten Hände wieder vollständig zu verarzten, sodass Strange seinem Fachgebiet nicht mehr nachgehen kann.

In seiner Verzweiflung greift Strange zum allerletzten Strohhalm: die Krankenakte eines gewissen Jonathan Pangborn (Benjamin Bratt), der trotz eines inoperablen Schadens wieder vollständig geheilt wurde. Als Strange Pangborn aufsucht, erzählt dieser ihm von einem Kloster in Tibet und der Ältesten (Tilda Swinton), die offenbar über mystische Kräfte verfügt. Alles auf eine Karte setzend, macht sich Strange zu diesem sagenumwobenen Kloster auf, nur um zu lernen, dass er nichts über die wahre Natur des Universums weiß. Bevor er jedoch seine Heilung antreten kann, muss er die wahre Natur der Welt erforschen, in die mystischen Geheimnisse der Multiversen eintauchen und sich seinem größten Feind stellen: Seinem Ego.

Die Avengers bekommen magische Unterstützung

Marvel kann es einfach nicht lassen. Während DC peinlich genau seine Settings auswählt, packt Marvel alles aus, was jemals in gedruckter Form rauskam. Nach dem Weltallspektakel Guardians of the Galaxy und dem Mikrohelden Ant-Man, packt Marvel ein sehr ungewöhnliches Setting für die kommenden Avengers-Teile aus. Und diesmal gesellt sich eine kräftige Portion mystische Magie zu den klassischen Superhelden. Mit Doctor Strange haben die Drehbuchautoren nun zusätzliche Freiheiten, da sie nicht auf wissenschaftliche Pseudo-Erklärungen achten müssen. Nicht, dass sie das allzu oft gemacht haben...

Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) blickt zur Seite.
Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) ist das magische Pendant der Marvelhelden.

Eine zauberhafte Reise

Um eines gleich unverständlich klar zu machen: Es geht sehr schnell zur Sache. Bereits die erste Szene mit der surrealen Auseinandersetzung zwischen der Ältesten und den bösen Dissidenten zeigt dem Zuschauer, auf was sie sich mit dem Film einlassen. Erst danach lernen wir die tragische Geschichte um den gebrochenen Dr. Stephen Strange kennen, der seine Heldenreise antritt und dabei hoffentlich zu einem neuen Mensch heranreift - und das möglichst rasch. Denn der Film lässt kaum Zeit zum durchatmen.

Trotz einer sehr stabilen Handlung, die sich konsequent auf die klassische Superheldenformel bezieht, kommt das Gefühl auf, dass sich viele Ereignisse zu schnell ereignen. Dies wird vor allem bei seiner spirituellen Ausbildung deutlich: Viel zu schnell wird der zweifelnde Strange zu einem der mächtigsten Zauberer im Kloster. Zwar wird das mit seinem Intellekt und seiner Entschlossenheit erklärt, dennoch wirkt es überstürzt. Trotzdem bietet der Film eine gelungene Handlung, die in der Lage ist, zu überraschen. Vor allem das Ende wird niemand kommen sehen.

Der exzentrische Cumberbatch

Dass Doctor Strange eine schillernde Persönlichkeit ist, sollte klar sein. Und wer könnte diesen Exzentriker besser spielen, als der ohnehin exzentrische Benedict Cumberbatch. Tatsächlich ist diese Art von Rolle dem modernen Sherlock Holmes nicht unähnlich. Denn genauso wie dieser, ist Doctor Strange gesegnet mit enormen Intellekt und einem gnadenlosen Ego. Cumberbatch schafft es, überzeugend und glaubhaft das arrogante Arschloch zu spielen und der Figur gleichzeitig den nötigen Charme zu verleihen. Natürlich ist dieses Charakter-Stereotyp nichts Neues - Bereits Robert Downey Jr. aka. Iron Man, aka. "der andere Sherlock Holmes", hat seinen exzentrischen Genies das nötige Leben verliehen. Dennoch überzeugt Doctor Strange mit seine eigenen Art – zweifellos eine der interessantesten Figuren des MCU

Gute Zauberer, schlechte Zauberer

Die tibetanische Zauberschule bietet ein Heim für sehr interessante Persönlichkeiten. Dennoch zeichnet sich die Besetzung durch ihre sparsame Anzahl aus, denn gerade mal ein paar Zauberer werden ausgiebig beleuchtet – doch diese haben es in sich. Während Mordo (Chiwetel Ejiofor) als Unterweiser von Strange eine solide Performance bietet, zeigt die Älteste da schon mehr. Als weise und gleichzeitig überraschend schlagfertige Mentorin weiß Tilda Swinton zu überzeugen. Da vergisst man auch die "Whitewashing"-Kontroverse, da man diese Rolle "natürlich" einer nichtasiatischen Frau gegeben hat.

Man könnte meinen, dass das Ego von Doctor Strange groß genug ist, um als selbstständiger Superschurke aufzutreten. Dieser würde sich aber schlecht vermarkten lassen, weshalb ein anderer diese Rolle übernahm: Kaecilius (Mads Mikkelsen). Anfangs noch kommt das Gefühl einer klassischen Schurkenbiografie auf: Ein ehemaliger Lehrling der Ältesten, der sich von ihr hintergangen fühlte und nun sein eigenes, böses Ding durchzieht. Schnell denkt man an andere Szenarios, nicht zuletzt an Kung Fu Panda. Doch glücklicherweise bietet Kaecilius überraschend viel Tiefe, sodass seine Motivation sogar in gewisser Weise nachvollziehbar wird. Es werden Parallelen zu Dr. Strange selbst ersichtlich, was ihn gleichzeitig dazu veranlasst, die wahren Hintergründe seiner neuen Mentorin zu hinterfragen. Kaecilius ist bei weitem kein Loki, doch ein bemerkenswerter Marvelschurke.

Kaecilius (Mads Mikkblick) schaut bedrohlich drein.
Kaecilius (Mads Mikkelsen) blickt mit verbrannten Augen in die Geheimnisse des Lebens.

Marvel auf LSD

So und nicht anders kann man die Drehbuchautoren und Animatoren beschreiben, die für diesen Film verantwortlich waren. Das Motto "Hinterfrage die Realität" haben sie VIEL zu wörtlich genommen. Und tatsächlich stellen die Spezialeffekte alles auf den Kopf, was man glaubt, an Realität zu verstehen. Oben und Unten verlieren an Bedeutung und ganze Gebäude verändern sich einem Kaleidoskop gleich, während man sich diesem surrealen Trip hingibt. Inception war gestern. Tatsächlich gibt es nur ein Begriff, um die Spezialeffekte in diesem Film zu beschreiben: einzigartig! Die aufwendigen Effekte zählen zweifellos zu dem Besten, was man an Spezialeffekten in Superheldenfilmen – und sogar generell – gesehen hat. Diesen Film MUSS man in 3D gesehen haben, sonst kann man es gleich lassen.

New York verändert in Doctor Strange seine Form.
Physik ist nur was für Anfänger.

Den Geist herausprügeln

In einer Welt, in der man den physikalisch Gesetzen nicht trauen darf, ist selbstverständlich die Action auf einem komplett anderen Niveau. Gewöhnliche Schlachten und Explosionen sind einem Zauberer unwürdig. Stattdessen bekämpfen sich die mystischen Krieger mit grellen Zaubersprüchen und einer Kulisse, deren Beschaffenheit und Gravitation nicht zu trauen ist. Die Realität selbst wird zum Feind. Es hat schon etwas besonderes in einem New York zu kämpfen, das sich dynamisch verändert, in alle Richtungen teilt und sämtlichen Gesetzen der Physik trotzt. Und das ist noch längst nicht alles: Faustkämpfe von geisterhaften Astral-Projektionen gehören auch mit zu den unvergesslichen Actionszenen.

Die Älteste (Tilda Swinton) schlägt Doctor Strange den Geist raus.
Die Älteste (Tilda Swinton) prügelt Strange's Geist raus und Vernunft rein.

Natürlich werden fast alle Actionszenen massiv mit Spezialeffekten aufgepumpt, doch gerade diese fehlerlose Einbindung ist es, was den Film ausmacht. Bei all den physischen Kampfszenen in den Marvel-Filmen ist es eine wahre Wohltat, solch einfallsreiche Actionszenen serviert zu bekommen. Wer eine eintönige, finale Schlacht erwartet, wird angenehm überrascht werden. Das sind zweifellos  Momente, die man nicht so schnell vergisst.

Mystiker mit Humor

Dieser Film macht erneut deutlich, was das Marvel Cinematic Universe besser macht, als sein DC-Pendant. Marvel hat einfach keine Angst, neue und innovative Handlungen und Settings einzubringen und sich gleichzeitig nicht allzu ernst zu nehmen. Und entgegen allem Anschein, entpuppt sich Doctor Strange als genau das. Einerseits bekommen wir ein anmutend surreales Setting serviert, andererseits werden die dramatischen Szenen von zahlreichen komödiantischen Szenen erleichtert. Und es funktioniert. Auf dramatische Action folgt ein Wortwitz, ohne dass der Film in die Lächerlichkeit abdriftet. Es ist eine Balance, auf der Doctor Strange nahezu fehlerfrei balanciert. Fun Fact: Die ursprüngliche Version des Films war weitaus weniger lustig. Durch Nachdrehs wurden einige der grandiosen Gags erst eingefügt. 

'Doctor Strange' ist ein surrealer Achterbahn-Trip

Marvels Entscheidung, immer abgedrehtere Settings rausbringen, macht sich mit Doctor Strange erneut bezahlt. Denn es funktioniert. Das Abenteuer, das einen gebrochenen Mann zu einem mächtigen Zauberer macht, ist eine geniale, aufwendige und erstaunlich selbstironische Darbietung, ohne dass jemals Langeweile aufkommt. Wie denn auch? Selbst der Zuschauer verliert den Bezug zur Realität, sobald die gesamte Welt auf und abgeht. Die Spezialeffekte leiern nämlich alles aus, was vom technischen Stand heutzutage möglich ist. Besser wäre höchstens Virtual Reality.  Endlich erleben wir wieder qualitatives Blockbusterkino mit Spezialeffekten, die ihresgleichen suchen.

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