Kritik: Fences

Bühne frei für den Oscar!

FSK 6

Titelbild zur Kritik an Fences

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Im idyllischen Pittsburgh der 50er Jahre...

...lebt der Afroamerikaner Troy Maxson (Denzel Washington) mit seiner Frau Rose (Viola Davis) und ihrem gemeinsamen Sohn Cory (Jovan Adepo). Tagtäglich arbeitet er hart und ehrgeizig als Müllmann, um seine Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Obwohl er stolz ist mit dem was er erreicht hat, so quält es ihn stets, dass er nicht seinem Traum nachgehen konnte: professionell Baseball spielen zu können. Er ist überzeugt, dass Diskriminierung die Ursache ist, wenngleich auch eigenes Verschulden angedeutet wird. Den Frust seiner Vergangenheit und den Stress kompensiert er mit Anekdoten und wilden Geschichten, die er seiner Familie und seinem besten Freund Jim Bono (Stephen Henderson) erzählt.

So sehr er um Kontrolle in seinem Leben bemüht ist, so sehr muss er sich auch mit Schwierigkeiten innerhalb seiner Familie konfrontieren: Sein Sohn aus einer früheren Ehe Lyons (Russell Hornsby) widmet sich zu Troys Leidwesen der Musik und leiht von ihm ständig Geld. Troy's Bruder Gabe (Mykelti Williamson) benötigt konstante Pflege und Aufmerksamkeit, nachdem er von einer Kopfverletzung im zweiten Weltkrieg mental beeinträchtigt wurde. Und auch mit seinem Sohn Cory kommt es immer stärker zu Konflikten, vor allem da dieser professionell Football spielen möchte, was sein Vater aufgrund der eigenen schlechten Erfahrungen zu verhindern versucht. Immer größer wird die Kluft in der Familie Maxson...

Troy (Denzel Washington), Bono (Stephen Henderson) und Lyons (Russell Hornsby) unterhalten sich im Vorgarten.
Troy (Denzel Washington) erzählt seinem Freund Bono (Stephen Henderson) und seinem ersten Sohn Lyons (Russell Hornsby) gerne wilde Geschichten im Vorgarten.

Stichwort: Oscarfilm

Fences ist einer der klassischen Beispiele für einen Film, der erst dann Aufmerksamkeit bekam, als er scheinbar aus dem Nichts als Top-Kandidat für die Oscars ins Rampenlicht gerückt wurde. Doch Fences ist keineswegs ein Fremdwort für die darstellende Kunstform, denn als Augusts Wilson im Jahr 1986 das Theaterstück veröffentlichte, brachte ihm das sogar den Pulitzer-Preis ein. Um diesem Werk die entsprechende Ehre zu gebühren und es für die breite Masse aufzubereiten, sah es Denzel Washington als Pflicht an, dieses Drama auf die große Leinwand zu bringen. Was folgte, waren vier Oscar-Nominierungen:

  1. Bester Film
  2. Bester Hauptdarsteller
  3. Beste Nebendarstellerin
  4. Bestes adaptiertes Drehbuch

 

Bei einigen rief der Film vorerst Skepsis hervor. Erneut wurde ein Film gelobt, der ein nur allzu bekanntes Thema präsentiert: Eine afroamerikanische Familie, die sich trotz Rassismus und Diskriminierung heroisch durchkämpft. Für viele Zuschauer ähneln diese Filme eher Predigen, als aussagekräftigen Statements. Umso erfreulicher ist es, dass Fences diesen Umstand geschickt umgeht...

Keine Helden, nur Menschen

Die amerikanische Geschichte ist geprägt von Rassismus und Abgrenzung, weshalb zahlreiche Filmemacher zurecht diesen Misstand hervorheben wollten. Was allerdings folgte, war eine übermäßige Reihe von Filmen, die Afroamerikaner lediglich als Opfer darstellen (Beispiele: The Help, 12 Years a Slave). Statt Afroamerikanern auch mehr tragende Rollen in der Filmbranche zu geben, für welche ihre Hautfarbe völlig irrelevant ist,  teilte man ihn nur jene Rollen zu, für die weiße Schauspieler sowieso nicht in Frage kämen. Das Resultat ist vermehrtes Augenrollen bei den Zuschauern. In Fences wird jedoch ein anderer Weg eingeschlagen: Uns wird Troy Maxson als ein verbitterter und streitlustiger Mann präsentiert, der gerne heroisch absurde Geschichten über sich erzählt. Ein Charakter mit Ecken und Kanten. 

Die Besonderheit ist auch, dass der einzige Rassismus, der im Film tatsächlich zu sehen ist, nur aus seinem Mund kommt. So erzählt er des Öfteren, dass Rassismus der einzige Grund für sein Scheitern sei, obwohl ganz eindeutig ist, dass auch andere Gründe dafür vorherrschen. Das hat zur Folge, dass der Zuschauer zum einen mit dem Ausmaß des Rassismus zur damaligen Zeit konfrontiert wird, zum anderen allerdings den Protagonisten als Menschen mit Fehlern ansieht, statt "nur" als Opfer, was die Charaktere und dargestellte Problematik um einiges authentischer macht. Die Geschichte in Fences handelt nicht nur von Helden und Opfern. Sie handelt von einem Mann und einem Konflikt, den er nach innen, nach außen und auch mit seiner Familie austragen muss.

Troy (Denzel Washington) und Cory (Jovan Adepo) sehen sich böse an.
Vater-und-Sohn-Konflikt: Cory (Jovan Adepo) soll kein Profisportler werden, um nicht wie sein Vater zu scheitern. Oder steckt da auch Neid dahinter?

Von Dialog zu Dialog

Das Theaterstück lebt von seinen Dialogen. Denzel Washington will dem gerecht werden und redet sich die Zunge wund. Bereits während den ersten Minuten bekommt der Zuschauer einen ersten Eindruck davon, wie dialoglastig der Film wird. Troy Maxson übernimmt die klare Mehrheit der gesprochenen Dialoge und bringt durch seine zahlreichen Interaktionen mit den anderen Charakteren die Handlung voran.  Vor allem, wenn Troy in Form von ausschweifenden Anekdoten seinen Frust rauslässt, nur um kurz darauf eine 180 Grad Wende zur bedeutungsschweren "Moral-der-Geschicht" zu absolvieren, zeigt Fences seine Besonderheit.

So aufwendig die Dialoge auch gestaltet sind, so schnell schnell fällt auch auf, dass dieser Film absichtlich lang geraten ist. Das fällt vor allem in der ersten Hälfte auf, die doch relativ langatmig erscheint. Wenn Troy beispielsweise sein Wort mit Beispielen aus dem Baseball bekräftigt, trägt das zwar der ambitionierten Dialogführung bei, driftet allerdings auch zu sehr vom Kern ab, was für ein sehr zähes Erzähltempo sorgt. Erst ab der zweiten Hälfte stößt die Geschichte und die Dialoge auf emotionale Tiefe, doch bis dahin wird man ein paar mal auf die Uhr schauen.  Nicht alles, was auf der Bühne funktioniert, kann auch 1:1 für den Film übernommen werden. 

Eingezäunt

Das Fences eine Theaterverfilmung ist, ist nämlich nicht schwer zu übersehen. Abgesehen von Maxsons Arbeitsbereich und einigen atmosphärischen Aufnahmen vom Amerika der 50er Jahre, findet die gesamte Handlung innerhalb des Hauses, bzw. innerhalb des Vorgartens statt. Dadurch wird der Film zum Kammerspiel. Es herrscht ein konstantes Gefühl der Beengtheit, selbst wenn die meisten Gespräche draußen im Vorgarten stattfinden.  Hierbei gilt ein Lob der visuellen Umsetzung. Diese zeichnet sich nicht durch aufwendige Stilmittel aus, sondern beschränkt sich auf klassische und effektive Einstellungen. Es ist gerade die subtil durchdachte Kameraführung, die diesen Effekt hervorruft. In den meisten Fällen filmt sie von dort, wo der Zaun platziert ist, und schafft es dort zu sein, wo sie hingehört: bei den größtmöglichen Emotionen.

Denzel Washington schauspielert sich die Seele raus

Man kann vieles über die Kulisse sagen, doch es sind gerade die Schauspieler, die diese Filmaufführung aufrecht halten. Vor allem Denzel Washington, der als Troy Maxson der Dreh und Angelpunkt der Handlung ist, lässt alles raus, was er an schauspielerischer Leistung drauf hat. Das Resultat ist bemerkenswert. Mit starker Ausdrucksweise präsentiert Washington den launenhaften Choleriker in all seinen Facetten. Für die emotionalsten Stellen im Film sorgt Viola Davis. Kein Wunder also, dass beide Darsteller jeweils für einen Oscar nominiert wurden.

Troy (Denzel Washington) und Rose (Viola Davis) reden vor dem Haus.
Rose Maxson (Viola Davis) muss sich regelmäßig mit den Launen ihres Mannes auseinandersetzen.

Nun könnte man allerdings einwenden, dass nicht viel subtiles Schauspiel zu finden ist. Stattdessen punkten die Schauspieler mit auffälliger Gestik und einer emotionalen und eindringlichen Ausdrucksweise. Unter gewöhnlichen Film-Umständen könnte das als überzogen gewertet werden, doch aufgrund der Theater-Atmosphäre darf man das entschuldigen. Das Schauspiel erreicht die nötige Portion an emotionaler Wucht und bleibt in Erinnerung.

Mit anderen Worten: Ein bisschen Drama muss sein.

'Fences' bringt Film und Theater in Einklang

Fences weiß, was es sein will und wie es das am besten erreicht. Durch aufwendige Dialoge und eine ausdrucksstarke schauspielerische Leistung wird mit wenigen Mitteln ein intensives Kammerspiel erzählt. Ohne in Helden- und Opferrollen abzudriften, erzählte Wilson das Drama einer afroamerikanischen Familie, dessen Authentizität Denzel Washington überzeugend eingefangen hat. Und auch wenn die Handlung in der ersten Hälfte langatmig ausfällt, so erreicht sie ab der zweiten Hälfte die nötige Dramatik. Schlussendlich reiht sich Fences in das Mittelfeld der diesjährigen Oscar-Kandidaten ein.

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