Kritik: Hacksaw Ridge – Die Entscheidung

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FSK 16

Spoilerfrei!

Sanitäter Doss rennt über ein Schlachtfeld auf eine Wolke von Rauch und Nebel zu

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Eine wahre Geschichte in falschen Händen

Nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor im Jahr 1942 meldet sich Desmond Doss (Andrew Garfield) freiwillig zur Armee. Der Haken dabei ist, dass der 23-Jährige als Angehöriger der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten Gottes Gebot nicht zu töten, besonders heiligt. Seinem Land dienen, will der Protestant Doss dennoch. Als Kriegssanitäter will er an die vorderste Front des Zweiten Weltkriegs. Eine Waffe, so schwört er sich, will er dabei aber nicht anrühren.

Die wahre Geschichte von Desmond Doss, der in der Schlacht um das japanische Okinawa 75 Männern das Leben rettete und dabei auf den Gebrauch einer Waffe verzichtete, ist die archetypische Geschichte des selbstlosen Superhelden. Ergo: perfekter Stoff für Hollywood. Dass sich ausgerechnet Regisseur Mel Gibson den Stoff unter den Nagel gerissen hat, ist – eine Enttäuschung.

'Hacksaw Ridge' muss sich Hinten anstellen

Gibson, der mit seinem ausgeprägten Katholizismus sowie rassistischen und antisemitischen Äußerungen in Ungnade gefallen war, kehrt mit Hacksaw Ridge nach 11-Jähriger Regie-Pause zurück. Das Kriegsdrama zeigt, dass der einstige Superstar in seiner Pause nichts dazu gelernt hat – nichts Gutes zumindest.

Der Kampf für die große Sache und die großen Werte war stets Gibsons Thema – als Schauspieler, wie auch Regisseur: Im Meisterwerk Braveheart (Hauptrolle und Regie) kämpfen die Schotten für die Unabhängigkeit, in Der Patriot (Hauptrolle, Regie: Roland Emmerich) geht es um Gerechtigkeit, in die Passion Christi (Regie) um den Glauben. Hacksaw Ridge steht in dieser Tradition, muss sich aber ganz Hinten anstellen.

Generischer Kitsch und nerviger Pathos

Desmond Doss (Andrew Garfield) und die Krankenschwester Dorothy Schutte (Teresa Palmer) stehen sich im Krankenhaus gegenüber
Kitschig – Desmond Doss (Andrew Garfield) macht Dorothy Schutte (Teresa Palmer) den Hof.

Dass ein Gibson-Film pathetisch sein würde, war ja zu erwarten. Hacksaw Ridge schießt jedoch über’s Ziel hinaus und ist oft einfach nur – lächerlich. Besonders emotionale-angelegt Szenen wirken hölzern und sind teils unfreiwillig komisch. Dazu kommt, dass Autoren und Regisseur kaum eigene Einfälle haben und sich bei anderen Filmen bedienen.

So setzt sich das Drama aus generischen Szenen zusammen, die wir so oder gar besser bereits woanders gesehen haben: Das Armee-Bootcamp wirkt wie eine billige Kopie des tiefgründigen Klassikers Full Metal Jacket. Dialoge wirken hölzern – mitunter sogar kitschig. Die Romanze zwischen Desmond und der Dorothy (Teresa Palmer) könnte im ZDF-Vorabend-Programm laufen. Lediglich die Inszenierung der Schlachtszenen lässt eine eigene Handschrift erkennen.

Ridge vs. Ryan: Willkommen im Schlachthaus

Sergeant Howell (Vince Vaughn) stürmt mit seinen Männern die japanischen Stellungen
Erbarmungslos – Sergeant Howell (Vince Vaughn) führt seine Truppe zur Schlachtbank.

Die Handschrift Gibsons ist üppig und äußerst blutig. Mit schonungslosem Stil zeichnet sein Film die Gräuel des Krieges in blutrot auf die Leinwand und macht der ikonischen Eröffnungsszene von Steven Spielbergs Meisterwerk Der Soldat James Ryan Konkurrenz. Wie der Name des Schlachtfeldes schon glauben macht, ist der Kampf um Sägeblatt-Kamm martialisch und bar jeder Menschlichkeit.

Einem Immobilienmakler gleich, führt Gibson dabei durch das Schlachthaus und weist explizit auf die Hauptattraktionen hin: Maden in zerfetzen Gesichtern, an Knochen nagende Ratten und versprengte Gliedmaßen sind nur einige davon. 

Tatsächlich gehen die visuell eindrucksvoll inszenierten Gefechte unter die Haut und verursachen sowas wie Magenkrämpfe. Einige Jumpscare-Schocker reichern den Kriegshorror zusätzlich an. Dennoch verfehlt Gibson sein Ziel, denn die Barbarei des Krieges scheint von Hauptfigur Doss abzuperlen und hilft nicht dabei seinen Charakter spannend zu machen. 

Die Hauptfigur zieht einfach nicht

Desmond Doss stützt einen verletzten Kameraden und rettet ihn vom Schlachfeld
Prinzipientreu – Desmond will Leben retten, nicht nehmen.

Was für eine Geschichte? Was für ein Held? Desmond Doss, der aus Gewissensgründen ohne Waffe in den Krieg zieht, hätte das Zeug zu einem erstklassigen Filmcharakter. Was geht in einem Menschen vor, der selbstlos sein Leben riskiert um Andere zu retten? Regisseur Mel Gibson hat darauf keine Antwort.

Sein Bild von Desmond Doss ist nicht mehr als ein Heiligenbild, das auf einen Kirchenaltar gehört. Hinter die Kulisse des Kriegshelden dürfen wir nicht blicken. Statt zu zeigen, wie Doss mit seinem Entschluss nicht zu töten hadert, zeigt Hacksaw Ridge lediglich seine Heldentaten. Aber was ist Heldentum schon, wenn es selbstverständlich ist, wenn es ohne eigenes Opfer und ohne Zweifel kommt?

Wahrscheinlich hat der echte Doss mit Gott und seinem Entschluss gehadert. Garantiert hat er unter dem bestialischen Töten gelitten, seinen Glauben vielleicht sogar zwischenzeitlich verloren. Nicht so die Filmfigur, die frohen Mutes übers Schlachtfeld stapft und ihre Kameraden rettet.

Ein Film ohne Konflikt ist kein Film

Eine gute Geschichte braucht einen Konflikt, an dem der Protagonist zu zerbrechen droht, sich dann aber doch noch aufrafft und ihn besiegt. Das ist Heldentum. Die Figur von Andrew Garfield jedoch, stellt ihre Mission nur ein einziges Mal kurz in Frage:

Was soll ich tun, sag’s mir?

Desmond Doss im Gespräch mit Gott

Dieser Moment des Zweifels bleibt aber nur – ein Moment. Was sich als Turning Point tarnt, ist keiner. Nur Sekunden später ruft ein Verletzter um Hilfe. Doss nimmt das als Zeichen Gottes und macht sich mit den Worten „Also gut“ auf den Weg. Alles wie gehabt also. Eine Charakterentwicklung gibt es nicht.

Andrew Garfield fällt durch

Als Kriegssanitäter versorgt Andrew Garfield einen bewusstlosen Kameraden
Eindimensional – Andrew Garfield spielt einen tiefreligiösen Rettungssanitäter, der kein Grund zum Zweifel hat.

Der Film-Doss ist von der ersten bis zur letzten Sekunde des Films der selbe tiefgläubige Christ. Und damit: langweilig. Ganz anders: Desmonds Vater, der durch seinen traumatischen Einsatz im Ersten Weltkrieg gebrochen ist und hervorragend von Hugo Weaving (Matrix, Der Herr der Ringe) gespielt wird. Auch wenn Sam Worthington und Vince Vaughn in den Nebenrollen als Kommandierende von Doss’ Einheit überzeugen, fällt der Hauptdarsteller Andrew Garfield durch. Seine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller ist ein schlechter Witz.


Die 6 Oscar-Nominierungen auf einen Blick

  1. Bester Film
  2. Beste Regie (Mel Gibson)
  3. Bester Hauptdarsteller (Andrew Garfield)
  4. Bester Ton
  5. Bester Schnitt
  6. Bester Tonschnitt

Garfields Darbietung ist eindimensional und besonders zu Beginn des Films überzeichnet, kitschig und nervig. In den Schlachtszenen macht er nicht viel mehr, als von A nach B zu laufen und sein Mantra, „Hilf mir noch einen zu retten“ aufzusagen. Eine Beziehung zwischen Soldat Doss und dem Publikum entsteht nicht. Ganz anders als die Leistung von Casey Affleck in Manchester by the Sea, ist das nicht Oscar-würdig.

’Hacksaw Ridge’ ist pathetisches Kino, das sein Ziel verfehlt

Mit Hacksaw Ridge scheint Regisseur Mel Gibson vorzuhaben, der Bibel ein neues Kapitel hinzuzufügen. In seinem Bestreben die christlich-moralische Überlegenheit eines wahren Helden zu illustrieren, erschafft er jedoch kein würdiges Denkmal, sondern lediglich einen Film voll missionarischen Eifers. Der moralische Konflikt, der eine gute Filmfigur auszeichnet, bleibt dabei aus und lässt Andrew Garfields Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller absurd erscheinen. Dennoch kann Hacksaw Ridge mit packenden Actionszenen und einer starken visuellen Umsetzung aufwarten. Eine Oscar-Nominierung als bester Film ist dennoch eine Farce.

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2 thoughts on “Kritik: Hacksaw Ridge – Die Entscheidung

  1. Hi Maximilian, erstmal danke für deine Meinung. Geraucht haben wir nichts, die Kritik kommt also wohl überlegt und nicht aus dem Bauch heraus. Zu deinem ersten Punkt: Ja es stimmt, dass der Anfang von Doss‘ Entwicklung in eben jenen zwei von dir genannten Szenen einsetzt. Aber das ist beides relativ am Anfang des Films bzw. am Anfang der Erzählung. Unter dramaturgischen Gesichtspunkten ist das die Exposition – also die Einleitung. Die Funktion der zwei Szenen: Es wird klipp und klar, dass Doss‘ nicht Töten will. Das ist das Fundament des Films, wenn du so willst. Aber eben nur das Fundament. Eine richtige Charakterentwicklung wäre es gewesen, wenn in der kommenden Handlung, z.B. auf dem Schlachtfeld, Doss‘ mit seiner Einscheidung nicht zu Töten gerungen hätte, wenn er sich unsicher geworden wäre oder im Eifer des Gefechts sich vielleicht doch zum Töten hätte hinreißen lassen. Indem er dann wieder zu seinem Glauben des Nicht-Tötens zurückgefunden hätte, wäre die Story rund geworden. Das wäre dann eine Charakterentwicklung. Zu deinem nächsten Punkt: Wie schon zu Beginn der Kritik steht, ist uns ganz klar, dass Gibson besonders viel Pathos liefert. Ist ja auch okay. Szenen, wie eine der letzten in der der verwundete Held auf einer Seilbahn einem „religiösen Engel“ gleich im Gegenlicht zu Boden schwebt, ist mir dennoch zu dick aufgetragen. Die Albtraum-Szene, die du erwähnst, fanden wir sehr gut, da sie überraschend kam und sich elegant in die Story eingebettet hat. Vielleicht hast du Recht, und wir hätten diese Szene in der Kritik nochmal explizit erwähnen sollen. Dennoch war das eine der wenigen Szenen, die uns Doss‘ Innenleben zeigt. Die mit majestätischer Musik unterlegten Szenen in denen Doss seine verletzten Kameraden abseilt, wurden stattdessen gleich mehrmals gezeigt. Das „Leiden“ und der innere Kampf des Protagonisten mit sich selbst, gehen dabei unter. Andrew Garfield mag nicht wirklich schlecht gespielt haben, aber gut auf jeden Fall auch nicht – soweit unsere Meinung. Das mag aber auch am Drehbuch oder der Regie liegen. Denn in den eigentlichen Schlachtszenen geht der Protagonist etwas unter. Der Anfang des Films gibt Garfield zwar mehr Raum, doch spielt er seine Rolle dort deutlich zu überzogen, einseitig und nervig naiv. Das mag Absicht sein, aber dann ist es dem Regisseur anzukreiden. Grüße Nono

  2. Keine Ahnung was ihr geraucht habt aber, die Entwicklung von Desmond T Doss wird ganz klar definiert ab dem Zeitpunkt als er geschockt vor seinen bewusstlosem Bruder steht den er zuvor bei einer Rauferei mit einem Ziegelstein KO geschlagen hatte!!! Dieser wird noch mehr manifestiert als er seinen Vater entwaffnen muss und Diese dann auf ihn richtet!! Habt ihr gepennt in dem Film? Der Film ist zwar pathoslastig aber das ist bei einem Gibsonfilm nicht anders zu erwarten!!! Falls ihr es nicht gerafft habt aber in dem Film lässt Doss die Kriegsszenerie nicht kalt. Sonst wäre er nicht auf dem Schlachtfeld durch einen Alptraum erwacht! Trotzdem behält er einen kühlen Kopf und tut seinen Job! Andrews schauspielerische Leistung ist absolut überzeugend!!! und kam bei der großen Masse gut an.Und zwar mit Recht!!! Schon alleine der Vergleich mit Der Soldat James Ryan oder Full Metal Jacket ist asbolut fehl am Platz.

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