Kritik: Hell or High Water

Trinken nicht vergessen: Dieser Film ist staubtrocken

FSK 12

Spoilerfrei!

Die beiden Hauptfiguren warten auf ihrer verlassenen Ranch

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Tanner Howard (Ben Foster, Warcraft: The Beginning) kommt gerade erst aus dem Knast, verwickelt aber kurz darauf seinen kleinen und vernünftigeren Bruder Toby (Chris Pine, Star Trek) wieder in einen neuen Coup. Anders als sonst, soll dieses Mal die Gerechtigkeit auf ihrer Seite stehen.

Die Brüder haben von ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Land geerbt. Doch die Bank will die Familienfarm zwangsversteigern. Der Grund: Unter dem Land liegt Öl. Somit greifen die Brüder zur Selbstjustiz und begeben sich auf einen Raubzug, der ausschließlich die Filialen der besagten Bank als Ziel hat. Die Vornahme ist, so viel Geld zu stehlen, bis sie sich aus ihren Schulden befreien und die Farm behalten können.

Gleichzeitig will Texas Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges) kurz vor seinem Ruhestand noch einmal den Badass raushängen lassen und geht mit seinem Partner Alberto Parker (Gil Birmingham) auf Ganovenjagd.

Chris Pine als Toby Howard angelehnt an einem Zaun in Hell or High Water
Toby (Chris Pine) ist ein guter Kerl, doch sein älterer Bruder verleitet ihn zu Verbrechen.

Once upon a time in the west…

Wenn ihr meine Inhaltsangabe gelesen habt, dann könntet ihr genauso gut davon ausgehen, dass Hell or High Water im Wilden Westen angesiedelt ist und mit Revolvern und Pferden einen auf Italo Western macht. Ganz so falsch ist diese Annahme auch nicht. Denn Regisseur David Mackenzie (Young Adam) inszenierte einen lupenreinen Genrefilm, der lediglich in der Zeit 200 Jahre nach vorne gerutscht ist. Statt Pferden reist man nun eben mit Cadillacs durch die Prärie.

Dementsprechend ist Hell or High Water kein Action-Thriller. Wie es für einen Western üblich ist, lässt sich das Erzähltempo alle Zeit der Welt und fängt das Geschehen mit einer dramatischen Ruhe ein, welche die Spannung im Moment sucht, statt in einer schnellen Erzählung. Das mag für viele Kinobesucher zu anstrengend sein, besonders wenn die Erwartungen falsch sind.

Draufhalten.

Diese „Trägheit“ gilt nicht nur für das Erzähltempo, sondern auch für die Inszenierung. Schnelle Schnitte und hektische Kamerafahrten gibt’s kaum. Stattdessen zeigt Hell or High Water sorgfältig geplante Bildkompositionen, welche die Protagonisten als ein Teil des staubtrockenen Settings darstellen. Durch fokussierte Nahaufnahmen auf die eingefurchten und dreckigen Gesichter der Charaktere wird eine leise Dramatik erzeugt, wie wir sie aus Western-Klassikern wie Spiel mir das Lied vom Tod kennen. Liebhaber dieser Filme werden während Hell or High Water immer wieder diese subtilen Parallelen erkennen.

Ben Foster auf einem Highway mit einem Maschinengewehr in Hell or High Water
Gangster im Wilden Westen: Ben Foster als Tanner nimmt es alleine mit der Polizei auf.

Chris Pine in seiner männlichsten Rolle

Das Gesicht des neuen Star Trek-Franchise muss aufpassen, dass es sein Image des „Captain Kirk“ nicht auf Ewigkeiten wie ein Fluch durch Hollywood tragen muss. Doch Chris Pine zeigt sich in Hell or High Water von einer ungewöhnlich rauen und gleichzeitig zurückhaltenden Seite. Mit Bart und ins Gesicht hängenden Haaren gibt Pine einen überzeugenden Protagonisten, der komischerweise für keinen Oscar nominiert wurde. Besonders im Zusammenspiel mit seinem aufgedrehteren großen Bruder, ebenfalls hervorragend gespielt von Ben Foster, kann sich Hell or High Water vollends auf seine beiden Hauptcharaktere stützen.

Ein Oscar könnte dafür an Jeff Bridges für „Bester Nebendarsteller“ gehen. Dass Bridges markantes Gesicht hervorragend in das Western-Genre passt, wurde bereits mit True Grit belegt. Besonders im Original-Ton ist der schnatternde Texas Ranger ein wahres Highlight. Der erzkonservative Charakter ist hervorragend geschrieben und geht besonders in den rassistischen Dialogen mit seinem von amerikanischen Ureinwohnern abstammenden Partner Alberto auf. Während des Films durchläuft der Ranger allerdings eine emotionale Wandlung, wodurch er beinahe schon zum Protagonisten des Films wird. 

Jeff Bridges und Gil Birmingham als Texas Ranger in Hell or High Water
Texas Ranger: Jeff Bridges und Gil Birmingham als harte Cops auf Verbrecherjagd.

The Good and the Bad?

Ich habe es also schon deutlich gemacht: Schwarz und weiß gibt es in Hell or High Water natürlich nicht. Stattdessen spielt die Geschichte mit der Moral des Zuschauers. Wir können uns in die Motive eines jeden Charakters hinein fühlen, bemerken zwischendurch aber auch immer wieder, wie eine Linie überschritten wird. Allen voran geht es natürlich um das uramerikanische Streitthema der Selbstjustiz. Diese gibt es nämlich auch auf der Seite der Cops. Kleiner Fun-Fact: Taylor Sheridan, der in Sons of Anarchy den oberehrlichen Polizei-Streber Dept. Hale spielte, ist nach langer Abwesenheit als Schauspieler wieder in einer kleinen Nebenrolle zu sehen. 

Ein Oscar-Film: Sinnloses Geballer gibt es nicht

Vier Nominierungen gab es von den Academy Awards für Hell or High Water, darunter auch für „Bester Film“. Man darf also davon ausgehen, dass es sich hierbei nicht um hirnloses Action-Kino handelt. Es gibt zwar Schießereien, doch diese dienen in erster Linie der Geschichte und zeigen sich extrem realistisch – doch das macht sie umso brutaler.

So gut die ruhige Herangehensweise auch gemeint ist, gibt es im Mittelteil ein paar Längen, die sich deutlich bemerkbar machen. Im letzten Drittel fährt der Film jedoch die Spannungskurve wieder aus dem Schlamm und sorgt dafür, dass man während der End-Credits bereits das Gefühl hat, diesen Film nicht so schnell zu vergessen. Dennoch wird Hell or High Water bei den Oscars nicht sehr große Chancen haben. Dafür fehlt es dem Film doch etwas an Durchschlagskraft.

Update: 'Hell or High Water' geht bei den Oscars leer aus

Das Western-Drama konnte, wie erwartet, keine Nominierung in eine Trophäe verwandeln. Hell or High Water wurde für die folgenden Kategorien nominiert: 

  • "Bester Film"
  • "Bester Nebendarsteller" – Jeff Bridges
  • "Bestes Originaldrehbuch" – Taylor Sheridan
  • "Bester Schnitt" – Jake Roberts

'Hell or High Water' ist eine kleine Revolution des Western-Genres

Genre-Liebhaber können mit einem Kinogang absolut nichts falsch machen. Doch für den Standart-Zuschauer ist Hell or High Water vermutlich etwas zu zäh, auch wenn andere genau darin die große Stärke sehen werden. Denn der Film nimmt sich die Zeit, eine staubtrockene Atmosphäre aufzubauen und seine dreckigen Charaktere zu formen. Dieser Western der besonderen Art ist ein kleiner aber feiner Streifen geworden, der vor allem durch die Performances von Chris Pines und Jeffrey Bridges zum Leben erwacht.

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