Kritik: La La Land

Ga Ga Ganz viele Oscars

FSK 0

Spoilerfrei!

Titelbild für La La Land mit Emma Stone und Ryan Gosling

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Wir befinden uns in einem (fast) fiktiven Los Angeles, das aussieht wie ein zeitlicher Querschnitt der letzten sechs Jahrzehnte. Im bunten Alltagstrubel greift Mia (Emma Stone) nach dem großen Glück endlich eine bekannte Schauspielerin zu werden. Ihr ständig abwesender Freund Greg (Finn Wittrock) kann sie auch nicht glücklich machen.

Parallel lebt Sebastian (Ryan Gosling, The Nice Guys) komplett für die Jazz-Musik. Der begabte Jazz-Musiker und Pianist verkauft sein Talent an billige Nebenjobs, nur um irgendwann genug Geld für seinen eigenen Jazz-Club zu haben. Lediglich seine Schwester Laura (Rosemarie Dewitt) will ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Wie durch Schicksal, kreuzen sich die Wege von Mia und Sebastian mehrmals. Die vorläufige Abneigung entwickelt sich jedoch schon bald zu einer kleinen Hollywood-Romanze, welche beide dazu beflügelt, ihre Träume endlich in die Tat umzusetzen.

Märchenstunde in Kalifornien

La La Land ist kein Film über das Showbusiness. Er ist ein Film über das Showbusiness, wie wir es uns gerne vorstellen. Das komplette Hollywood-Setting wird romantisiert und mit naiver Disney-Sentimentalität aufgehübscht. Einzig und allein die knallharten Schauspieler-Castings, durch die sich Mia kämpfen muss, haben ein Gefühl von Authentizität.

Wahrscheinlich ist dieser farbenfrohe Kitsch für einige zu viel, oder sogar schon grotesk. Die knallbunten Kleider von Passanten, Oldtimer-Schlitten und Bombast-Partys ergeben aber ein verdammt eindrucksvolles und stimmiges Szenenbild, das mit der virtuosen Kamera von Linus Sandgren in all seiner Eleganz aufgesaugt wird.

Wie kombiniert man Film mit Musik?

Ein Paradebeispiel dafür ist die Eröffnungssequenz auf dem Highway, die mit einem spektakulären Tracking-Shot das erste Musikstück des Films einfängt. Damit wirft Damien Chazelle den Zuschauer sofort ins kalte Wasser und lässt eine Horde von singenden und tanzenden Passanten  auf ihn los. Schock überstanden? Gut, weiter geht’s.

La La Land versucht, die jazzigen Musicaleinlagen von Komponist Justin Hurwitz aus dem Moment heraus zu entwickeln, damit diese sich nicht wie Fremdkörper anfühlen und vom Zuschauer nicht abgestoßen werden. Das gelingt Chazelle zum Großteil – aber nicht immer. Das erste Duett zwischen Mia und Sebastian wirkt etwas gezwungen und versucht zu sehr, die Magie eines „Singin’ in the Rain“ von Gene Kelly einzufangen. Stattdessen wirkt die vorsichtige Tanzeinlage leicht hölzern.

 

Ein Beitrag geteilt von La La Land (@lalaland) am

Neben diesen cinematischen Musical-Szenen baut Chazelle auch eine ganze Konzertnummer von Musiker John Legend ein, der in La La Land ebenfalls eine Nebenrolle spielt. Abgesehen vom schönen Song wirkt die Szene hingegen wie ein Ausschnitt aus einer Live-DVD. An dieser Stelle fragt man sich, ob Chazelle nicht womöglich zu viel in seinem Film gepackt hat.

Die „großen“ Musicalnummern dominieren vor allem die erste Hälfte des Films. Im Gegensatz zu den zuvor genannten Fehltritten, haut das bombastische „Somewhere in the crowd“ so richtig rein. Emma Stone, Jessica Rothe und die restliche Mädchen-Gang von „Aspiring Actresses“ (Möchtegern-Schauspielerinnen in L.A., ohne echte Arbeit) tanzen sich durch ein Party-Feuerwerk, das man so zuletzt nur in The Great Gatsby gesehen hat.

Hollywoods Lieblings-Leinwandpaar

Ab der zweiten Hälfte weicht das Singen und Tanzen langsam aber sicher aus der Geschichte. La La Land entwickelt sich vom romantischen Musical zu einer Romanze mit Musical-Elementen. Natürlich müssen Emma Stone und Ryan Gosling ihre Leinwand-Chemie nicht mehr beweisen. Darüber hinaus haben wir beide Schauspieler aber schon in spannenderen Rollen gesehen.

Eine Oscar-Nominierung für „Beste Hauptdarstellerin“ darf Emma Stone trotzdem wieder aufsammeln – und das nicht unbedingt ungerechtfertigt. Im Gegensatz zu Ryan Gosling, präsentiert sie nämlich ein großes Facettenreichtum und eine ordentliche Singstimme. Gosling überzeugt dann am meisten, wenn er am Piano sitzt und einfach gut aussieht.

Schmachten – heiß und fettig

La La Land ist kein schwer zugängliches, komplexes Musikkino à la Les Misérables. Stattdessen erinnert Musik und Erzählweise an ein klassisches Disney-Musical. Statt gezeichneter Tiere spielen echte Menschen die Hauptrollen, und „La La Land“ ist die kunterbunte Fantasiewelt, in der sie leben. Selbst Story-Elemente wie „Schicksal“ werden ohne Wimpernzucken bedient. Chazelle entschuldigt sich also nicht für das kolossale Ausmaß an Kitsch, er reizt es bewusst bis zum Anschlag aus.

Das gilt vor allem für die letzten zehn Minuten. Aus der Perspektive eines Filmemachers ist das Finale von La La Land pure Kreativität. Aus Zuschauersicht fragt man sich hingegen, ob dieser Hollywood-Kitsch heute wirklich noch ernst zu nehmen ist, oder ob gerade diese Sentimentalität die alten Filmklassiker mit Fred Astaire, James Dean und Co. so faszinierend gemacht haben. Wie sehr man im Endeffekt „mitschmachten“ kann, bleibt jedem selbst überlassen.

„Instant Classic“ oder überbewertet?

Vermutlich beides. An La La Land werden sich die Geister scheiden, wie bei keinem anderem Oscar-Film dieses Jahr. Während die einen beinahe an einem Zuckerschock kollabieren, werden sich die anderen an diesem zuckersüßen Film jahrelang sattsehen. Dennoch ist der Film viel zu groß und ambitioniert, um Chazelles Arbeit nicht wertschätzen zu können.

Leider erreicht der junge Filmemacher aber nicht die euphorischen Höhen, die er mit seinem vorherigen Werk Whiplash erklommen hat. Obwohl beide Filme das selbe Statement zur Jazz-Musik und dem Streben nach Erfolg machen, schwebt La La Land auf seiner rosaroten Wolke doch etwas an einer Pointe vorbei. Aber wer will schon eine Message eingetrichtert bekommen, wenn man stattdessen mindestens drei kompetente Ohrwürmer bekommt.

Update: 'La La Land' räumt bei den Oscars ab

Die Oscars 2017 wurden vergeben und ganze sechs Stück gingen dabei an La La Land. Darunter sind: 

  • "Beste Regie" – Damien Chazelle
  • "Beste Hauptdarstellerin" – Emma Stone
  • "Beste Kamera" – Linus Sandgren 
  • "Bestes Szenenbild" – David Wasco und Sandy Reynolds-Wasco
  • "Beste Filmmusik" – Justin Hurwitz
  • "Bester Filmsong" – "City of Stars" - Justin Hurwitz

Dennoch sind die sechs gewonnen Trophäen im Gegensatz zu den 14 Nominierungen beinahe schon schwach. Nach der Oscar-Blamage der "Bester Film"-Kategorie, bei welcher das Team hinter La La Land zu Unrecht als Sieger gekürt wurde, verließ das Hollywood-Musical die Oscar-Zeremonie schon beinahe als großer Verlierer und musste Platz für Moonlight machen. 

'La La Land' ist Hollywoods große Liebeserklärung an sich selbst

Regisseur Damien Chazelle hat ein ultra-ambitioniertes, visuelles Feuerwerk erschaffen, welches das Filmmusical-Genre glücklicherweise so wenig peinlich wie möglich darstellt. Denn La La Land greift ganz selbstbewusst auf die altbewährte Disney-Formel zurück und erzählt ein romantisches Märchen in einer (quasi-)fiktiven Welt, vollgepackt mit Referenzen an das Hollywood-Kino der 50er und 60er Jahre. Abseits der Musik, funktioniert das Gesamtpaket aber wesentlich besser als Schmacht-Streifen, da vor allem in der zweiten Hälfte die Gesangseinlagen an Bedeutung verlieren. Wer sich mit „seriösem“ Kitsch anfreunden kann, der kann La La Land lieben.

Dir gefällt dieser Beitrag? Jetzt teilen:

Kommentar verfassen