Kritik: Lion: Der lange Weg nach Hause

Eine Lebensgeschichte wie ein Hollywood-Film

FSK 12

Spoilerfrei!

Poster von Film Lion

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Saroo (Sunny Pawar) ist gerade mal fünf Jahre alt, doch arbeitet er mit seinem älteren Bruder Guddu (Abhishek Bharate) hart für das Überleben seiner Familie. Im Norden Indiens ist der Lebensstandard niedrig, doch die sorgsame Mutter (Priyanka Bose) erzieht ihre drei Kinder mit einer lebensfrohen Hingabe.

Saroo und Guddu wandern zusammen in Film Lion
Saroo (Sunny Pawar) und sein großer Bruder Guddu müssen hart arbeiten, um die Familie zu ernähren.

Guddu nimmt den eifrigen Saroo ausnahmsweise mit auf seine Nachtschicht. Am Bahnhof geht Saroo jedoch wegen einer Unachtsamkeit seines großen Bruders verloren und steigt unwissentlich in einen Zug, der ihn in das hunderte Kilometern entfernte Kalkutta bringt. Verloren, obdachlos und der bengalischen Sprache nicht mächtig, irrt der Junge durch den Alltagstrubel einer der chaotischsten Städte auf der Welt.

Eine wahre Geschichte…

Glück für Saroo, dass er von einem Waisenhaus entdeckt und an ein wohlhabendes, australisches Ehepaar (Nicole Kidman und David Wenham) übergeben wird. In Australien kostet der indische Junge die Vorzüge eines unbeschwerten Lebens in der ersten Welt.

Mehr als 20 Jahre später nagt im erwachsenen Saroo (Dev Patel) ein fixer Gedanke: „Wo komme ich überhaupt her? Wie geht es meiner leiblichen Familie?“ 

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst – sagt man. Die Geschichte des verlorenen Saroo ist so unglaublich, dass sie eigentlich als „Hollywood-Quatsch“ abgestempelt werden müsste. Doch zum Glück entschied sich der „echte“ Saroo Brierley dafür, sein Leben im Roman A Long Way Home niederzuschreiben. Da Menschen nicht mehr lesen, teilt nun Regie-Debütant Garth Davis die Geschichte mit einem größerem Publikum – darunter natürlich auch die erhabenen Damen und Herren der Academy

Wer ist der Star des Films?

Die einfache Antwort: Dev Patel. Schließlich brachte ihm diese Rolle eine Nominierung als „Bester Nebendarsteller“ ein. Moment. Nebendarsteller?

Die richtige Antwort: So sehr Patel in der Rolle des erwachsenen Saroo auch überzeugt, das Jüngere-Ich seines Charakters, gespielt von Sunny Pawar, stiehlt ihm sowas von die Show. Vier Monate suchte die Casting-Crew in Indien nach der perfekten Besetzung für den fünfjährigen Saroo. Sunny Pawar ist ein Glücksgriff und an Authentizität kaum zu überbieten.

Saroo (Sunny Pawar) liegt in einem Bett in Film Lion
Saroo ist allein, obdachlos und schlichtweg verloren.

Dev Patel ist zurecht nur ein Nebendarsteller. Die Hälfte des Films gehört nämlich komplett seinem Kind-Pendant. Sunny trägt die erste Stunde in Lion mit einer unfassbar emotionalen Wucht, die nicht nur Eltern, sondern auch jeden anderen Zuschauer schwer schlucken lässt.

Zusammen mit einer großartigen visuellen Darstellung und einem subtilen Score, ist die erste Hälfte von Lion schon dramatisch und atmosphärisch genug für einen eigenen Kinofilm. Das Gefühl, komplett verloren zu sein, saugt sich in jede Hautpore und stellt uns die Nackenhaare auf. Das ist gewaltiges Kino. Etablierte indische Schauspieler wie Nawazuddin Siddiqui, Deepti Naval und Tannishtha Chatterjee bekommen nun auch internationales Publikum, doch der kleine Sunny Pawar macht uns alle sprachlos.

Seitenwechsel zur Halbzeit

Perfekt zur Mitte des Films wechselt das Setting. Bühne frei für Dev Patel. Mit Slumdog Millionär hat der gebürtige Brite bewiesen, dass er mitreißendes Drama auf die Leinwand zaubern kann. Dabei gibt es natürlich deutliche Parallelen zu Lion, der dem Zuschauer ebenfalls die Geschichte eines indischen Armenjungen erzählt.

Nun wirkt Dev Patel aber nicht mehr wie ein Junge, sondern wie ein erfahrener und talentierter Schauspieler, der es in die höchsten Kreise Hollywoods schaffen könnte. Nicht nur seine selbstbewusste Performance trägt den zweiten Akt, sondern auch seine Erscheinung. Mit langem Haar und Bart wird Patel plötzlich zu einem Hingucker – doch nicht nur für Frauen. Kameramann Greig Fraser (Rogue One: A Star Wars Story) weiß nämlich, wie man die Emotionen eines Charakters aus der genau richtigen Perspektive einfängt.

Dev Patel als Saroo und Rooney Mara als Lucy schlafen zusammen in Lion
Saroo (Dev Patel) ist nun erwachsen, integriert und hat eine Freundin (Rooney Mara).

Letztendlich ist Patel für seine Oscar-Nominierung als „Bester Nebendarsteller“ also keine Überraschung, auch wenn Sunny Pawar einfach den größeren Eindruck hinterlässt.

Du willst einen Oscar? Du brauchst einen Monolog.

Natürlich gibt es da noch Nicole Kidman und David Wenham, die das Adoptivelternpaar Sue und John Brierley darstellen. Dabei ist Kidman kaum wieder zu erkennen. Um Gottes Willen, was soll diese Perücke, Nicole? Ach ja. Wir sind ja in den 80ern. Und du willst einen Oscar für „Beste Nebendarstellerin“ gewinnen. Alles gut.

An dieser Stelle muss ich aber fair sein. Auch wenn Nicole Kidman in Lion dem Begriff „Oscar-Baitng“ mit ihrem Herzschmerz-Monolog über das Leben einer Adoptivmutter mehr als gerecht wird, ist es trotzdem schauspielerische Höchstdisziplin. David Wenham bleibt dagegen eher unspektakulär.

Nicole Kidman David Wenham und Sunny Pawar begegnen sich in Lion
Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) holen den kleinen Saroo vom Flughafen ab.

Neben Saroos Adoptiveltern, mischt sich in der zweiten Hälfte des Films immer wieder sein Love-Interest Lucy (Rooney Mara). Natürlich darf ein attraktiver Typ wie Dev Patel nicht vollkommen ohne Frau rumlaufen. Ihre Rolle im Film bleibt in Puncto Dramaturgie aber bedeutungslos. Warum sie es auf das Haupt-Cover des Films schafft, bleibt ein Rätsel.

Google Earth – der beste Werbespot aller Zeiten

Der Beginn der zweiten Hälfte ist um einiges weniger mitreißend, als die Geschichte des kleinen Saroo. Aber was heißt das schon. Wir reden hier immer noch von überzeugendem Charakter-Drama. Nachdem diese (vermeintliche) Durststrecke überwunden ist, fährt Lion im letzten Drittel schließlich die ganz großen Geschütze auf.

Gegenwart und Rückblenden vermischen sich wieder. Saroo wird wie besessen von seiner Vergangenheit und dieser Tatendrang steckt den Zuschauer gnadenlos an. Wir alle wollen mit irgendetwas aus unserer Vergangenheit abschließen oder Antworten auf ungeklärte Fragen finden. Saroo will seine Familie finden und das auf die undramatischste Weise überhaupt: Mit Google Earth.

Aber von wegen. Regisseur Garth Davis und Kameramann Greig Fraser zaubern aus dem letzten Drittel des Films einen unvergesslichen Höhepunkt.

Dev Patel als Saroo sucht seine Herkunft anhand von Karten in Lion
Saroo ist von seiner Vergangenheit besessen. Wo kommt er wirklich her?

„Brecht den Damm! Befreit den Fluss!“

Dieses Baumbart-Zitat trifft es ziemlich gut. Denn wer schon mit Sendungen wie Vermisst auf RTL gnadenlos überfordert ist und in Rotz und Wasser ausbricht, der sollte um Lion einen ganz großen Bogen machen. Der Film schwingt seine emotionale Keule und trifft mitten ins Herz. Aua.

Die letzten Minuten beweisen letztendlich, wie nahe die Realität oft an erzählerischer Fiktion liegt. Viel „dazu erfunden“ wurde seitens der Filmemacher nicht, was Lion noch faszinierender macht. Der typische Text-Epilog gehört dabei zu den besten und effektivsten, die es jemals in einem vergleichbaren Filmdrama gab. Lion endet auf die bestmögliche Art und lässt uns seelisch geplättet aber zufrieden zurück.

Nach all der Tragik verlässt man den Kinosaal dennoch mit einer gewissen Euphorie. Lion ist, im Gegensatz zu vielen seiner Oscar-Mitstreiter, ein echter Crowd-Pleaser. Hochwertiges Drama muss nicht immer die kultivierte Subtilität eines Manchester by the Sea haben, um als Meisterwerk zu gelten. Beinahe ironisch: Während dieser eine fiktive Geschichte auf bemüht "realistische" Art erzählen will, zeigt Lion, dass die Realität selbst so dramatisch wie Fiktion sein kann. Die Entscheidung, die End-Credits mit einem Song von Sia zu untermalen, ist ganz bestimmt kein Oscar-Baiting, sondern ein Service für das breite Publikum.

Update: 'Lion' gewinnt keinen einzigen Oscar

Der Film geht als großer Verlierer der Oscars 2017 hervor. Von ganzen sechs Nominierungen, konnte er keinen Preis für sich beanspruchen. Lion wurde für die folgenden Kategorien nominiert: 

  • "Bester Film"
  • "Bester Nebendarsteller" – Dev Patel
  • "Beste Nebendarstellerin" – Nicole Kidman
  • "Bestes adaptiertes Drehbuch" – Luke Davies
  • "Beste Kamera" – Greig Fraser
  • "Beste Filmmusik" – Dustin O'Halloran und Hauschka

'Lion' ist unwiderstehlich mitreißendes Gefühlskino im XXL-Format

Gegen La La Land und Manchester by the Sea hat Lion bei den Oscars wohl keine Chance. Der Underdog-Film ist nämlich (potentiell) massentauglich und könnte somit schnell zum „fan-favorite“ der diesjährigen Preisverleihung werden. Lion reißt die Emotionen der Zuschauer wie ein Löwe seine Beute – schnell, direkt und gnadenlos. Sunny Pawar und Dev Patel verkörpern den Protagonisten in seinen verschiedenen Lebensphasen mit einer faszinierenden Tiefe und Authentizität. Die wahre Geschichte des Saroo Brierley gehört zu den schönsten Film-Dramen, die ich dieses und letztes Jahr sehen durfte. Danke, Garth Davis, für dieses löwenstarke Film-Debüt!

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