Kritik: Logan – The Wolverine

Bis dass die Krallen uns scheiden

FSK 16

Titelbild zu Logan - The Wolverine

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Ist die Ära der Mutanten vorbei?

Diese Frage ist mehr als berechtigt. Denn im Jahre 2029 existieren fast keine Mutanten mehr. Sie werden einfach nicht mehr geboren. Und selbst bei den verbliebenen Mutanten sieht es schlecht aus. Einer der wenigen Verbliebenen ist der ikonische Mutant James "Logan" Howlett aka. Wolverine (Hugh Jackman). Doch auch ihm merkt man Alter und Verzweiflung an. Seine Selbstheilkräfte werden immer schwächer und viel zum Leben bleibt ihm nicht mehr. Die einzigen Mutanten, mit denen er noch Kontakt hält, ist der Mutanten-Aufspürer Caliban (Stephen Merchant) und niemand anderes als der mächtige Telepath.

Der ehemalige Anführer der X-Men: Charles Xavier aka. Professor X (Patrick Stewart). Dessen mentale Aussetzer werden mittlerweile zu einer Gefahr, weshalb Logan ihn versteckt hält und sich um ihn kümmert.  Logan verdient sich als Limousinenfahrer, um genug Geld für Xaviers Exil zu sammeln, damit dieser seine verbleibende Zeit in Ruhe verbringen kann.

Logan (Hugh Jackman) ist sichtbar gealtert.
Logans (Hugh Jackman) Vergangenheit hat den X-Man sichtlich mitgenommen.

Doch dieser Plan geht nicht auf. Schon bald erscheint unerwartet ein neuer Mutant. Ein Mädchen namens Laura (Dafne Keen), mit der Xavier offenbar schon seit einer Weile mentalen Kontakt hat und deren Kräfte denen von Logan sehr ähneln. Logan soll sie so schnell wie möglich nach North Dakota bringen, wo es angeblich weitere Mutanten geben soll. Doch dieses Unterfangen erweist sich als schwierig. Eine Organisation, deren Bodentruppen vom skrupellosen Donald Pierce (Boyd HolbrookNarcos) angeführt werden, macht Jagd auf das Mädchen.  

Das Ende einer Liebesgeschichte

Das Verhältnis zwischen dem X-Men Franchise und Hugh Jackman ähnelt schon fast einer Liebesgeschichte. Kein anderer Schauspieler hat so lange eine Comicfigur verkörpert, wie Hugh Jackman schon seit über 17 Jahren den beliebtesten X-Men Charakter: The Wolverine. Seine Beliebtheit ist nicht wegzudenken, denn er hat es geschafft in jedem der X-Men-Filme (mit Ausnahme des unabhängigen Deadpool-Films) aufzutreten. Selbstverständlich wollte man diesem ikonischen Charakter gerecht werden und ihm das entsprechende Soloabenteuer präsentieren. Was daraus resultierte waren der Flop namens X-Men Origins: Wolverine und der sehr mittelmäßige The Wolverine. Beide scheiterten an Kompromissen, wirren Storys und sehr losen Charakterinterpretationen, die dem jahrhundertealten Veteranen nicht gerecht wurden.

Nun wollte man allerdings etwas Anderes probieren. Zum Ende von Jackmans berühmtester Rolle (und auch der von Patrick Stewart) sollte er unter der Leitung von Regisseur James Mangold und Produzent Simon Kinberg endlich die Freiheiten haben, die Wolverine in den Comics hat: blutig, brutal, unnachgiebig und gleichzeitig erstaunlich authentisch.

Harte Schale, weicher Logan

Die Umbenennung des Filmtitels von Wolverine zu Logan kommt nicht von ungefähr. Endlich soll es mal um die Person hinter dem "Tier" gehen und die Figur "Wolverine" in all ihren Facetten zeigen. Und genau das macht der Film ausgesprochen gut. Der unverwüstliche Mutant ist mittlerweile am Ende seiner Kräfte und klammert sich an das Einzige, was ihm von seiner Familie übrig geblieben ist. Dennoch scheut er sich nicht, die Krallen auf die denkbar blutigste Weise auszufahren. Es ist zweifellos die überzeugendste und gleichzeitig die ergreifendste Interpretation der Figur Wolverine, die jemals auf der Leinwand zu sehen war und den Comics zweifellos gerecht wird.

Mutanten-Film ohne Mutanten?

"Keine Mutanten mehr" heißt offenbar genauso viel wie "keine gewohnte Mutanten-Action". Doch Logan Ist kein gewöhnlicher X-Men-Film. Er ist nicht mal ein gewöhnlicher Comicfilm. Stattdessen bekommen wir einen kleinen, aber umso eindrucksvolleren Main-Cast. Dabei sind es gerade Logan und Charles, die die Handlung vorantreiben. Und auch Laura überzeugt auf ganzer Ebene mit ihrer stummen Darstellung, die als "wildes Tier" langsam mit menschlicher Gesellschaft zurecht kommt. Sonst gibt es wirklich kaum Mutanten. Aber sie fehlen auch nicht. Eine befriedigende Exposition, die das Verschwinden der Mutanten erklärt, fehlt dennoch. 

Ein emotionaler Comicfilm?

Emotionen sind sicher kein Attribut, das mit Comicfilmen in erster Linie verbunden wird. Wenn, dann nur auf platte, kitschige Weise, die sich nur gelegentlich zwischen den ganzen Actionszenen hervorwagt. Umso erstaunlicher ist es, dass es gerade der Film eines Franchise ist, dessen Prioritäten für gewöhnlich woanders liegen. Es beginnt bereits am Anfang, als Logan den bereits labilen Charles Xavier betreut und ihn mit Medikamenten bei Verstand hält. Wie die beiden "Überreste" der ehemaligen Ikonen in solchen schlimmen Zeiten immer noch zusammenhalten ist einfach nur schön mit anzusehen.  Es ist gerade dieser Kontrast zwischen dem zynischen und verbitterten Logan und Charles, der immer noch idealistisch an eine Zukunft glaubt, der die nötige emotionale Tiefe erreicht.

Logan kümmert sich um Charles Xavier (Patrick Stewart).
Charles Xavier (Patrick Stewart) ist an seinen mentalen Grenzen angelangt und benötigt Betreuung von Logan.

Und dann gesellt sich die kleine Laura hinzu. Schnell entsteht eine Beziehung, die an eine Mischung aus dem Computerspiel The Last of Us und Stranger Things erinnert – was die Handlung allerdings nicht weniger emotional macht. Die Vaterrolle, die Logan anfangs unfreiwillig für Laura einnimmt, funktioniert einfach – gerade durch Logans ruppige Art. Da kann man auch darüber hinwegsehen, dass gerade im dritten Akt ein paar emotionale Stellen nicht ganz denselben Effekt hervorrufen, wie noch zuvor im Film. Generell ähnelt Logan - The Wolverine dennoch eher einem Drama-Thriller, als einer klassischen Comicverfilmung.

Kämpfen wie die Tiere

Doch keine Sorge, gekämpft wird trotzdem – und das alles andere als zimperlich. Ganz zu Ehren der Comicbücher wird in diesem Film gemetzelt, wie nie zuvor. Und hier ist nicht die Rede von ein paar Bluttröpfchen. Die Rede ist von abgetrennten Gliedmaßen, frischen Schnittwunden, brutalen Enthauptungen, oder anders formuliert: Einem Wolverine, der endlich das Tier herauslassen darf. Und erstaunlicherweise überzeugt auch Laura mit nicht weniger brutalen, aber auch nicht weniger beeindruckenden Metzel-Szenen. Es braucht zwar eine Weile, bis man sich an das vor Blut triefende Mädchen gewöhnt, das den abgetrennten Kopf eines Handlangers präsentiert, doch sobald es soweit ist, kann man sie sich nicht mehr aus den Actionszenen wegdenken. 

Untypisch für einen Comicfilm hat Logan - The Wolverine vergleichsweise wenig Action, die dafür jedoch erstaunlich gut platziert ist. Vielfalt und aufwendige Inszenierung sorgen dabei für das gewisse Etwas. Hier zeigt sich auch die starke visuelle Umsetzung, die vor allem durch gut platzierte Kameraeinstellungen punktet, da "glücklicherweise" auf viel CGI verzichtet wurde, um ein möglichst raues und realistisches Feeling zu erzeugen. Ein wahrlich intensives Action-Spektakel.

Laura (Dafne Keen) schlitzt sich durch.
Laura (Dafne Keen) hat Logans Mutantenfähigkeiten - und auch sein Temperament.

Roadtrip

Wenn wir schon von realistischer Darstellung reden, so lebt davon gerade die Atmosphäre des Filmes. Trotz dem Zukunftsszenario im Jahre 2029, bekommt der Zuschauer davon kaum etwas mit – mit Ausnahme von Cyborgprotesen und selbstfahrenden Trucks. Stattdessen ähnelt das Szenario einem melancholischen Neo-Western, das perfekt zum gealterten Wolverine passt. Es braucht keine Mutanten-tötenden Sentinels (X-Men: Zukunft ist Vergangenheit), um ein depressives Zukunftsszenario zu präsentieren. Die Flucht vor Pierce und seinen "Reavern" resultiert in einem Roadtrip quer durch Amerika und vermittelt ein Gefühl der Verlassenheit. Die Atmosphäre harmoniert sowohl mit der Action – als auch mit den emotionaleren Szenen. Zudem sorgt der  Soundtrack der Country-Legende Johnny Cash für eine ganz besondere Western-Stimmung.

'Logan – The Wolverine' ist der unübertreffliche Abschied von einer Legende

Logan – The Wolverine übertrifft nicht nur die Erwartungen, die wir an ein X-Men-Film hatten, er gibt auch vor, was wir von künftigen Comicverfilmungen zu erwarten haben. Der Film ist eine Antithese zu dem jugendfreundlichen Trend, den Marvel mit seinem Marvel Cinematic Universe aufgebaut hat. Statt einem CGI-Actionbrei bekommen wir ein grimmiges, brutales und erwachsenes Anti-Helden-Drama serviert. Und es funktioniert! Zusammengefasst ist Logan - The Wolverine eine Liebeserklärung an Hugh Jackmans berühmteste Rolle und die bestmögliche Art, seinen Abschied zu ehren. Gleichzeitig könnte der Film der Anfang einer neuen Generation von Comicverfilmungen sein, die ihren Comic-Vorlagen (endlich) gerecht werden.

Dir gefällt dieser Beitrag? Jetzt teilen:

Kommentar verfassen