Kritik: Silence

Wie ein Anti-Scorsese-Film, gemacht von Martin Scorsese, aussieht

FSK 12

Spoilerfrei!

Liam Neeson in Silence von Martin Scorsese

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Nach The Last Temptation of Christ (1988) und Kundun (1997) erscheint nun, auch bei uns, Martin Scorseses dritter Film, der seine Passion Glauben in den Mittelpunkt stellt: Silence. Das waren dann aber auch schon die Gemeinsamkeiten mit den beiden genannten Filmen: Während sich Last Temptation of Christ als "religiöses Event-Movie" bezeichnen lässt, und Kundun in seiner Machart und Erzählweise von meditativem buddhistischen Gleichmut durchdrungen ist, ist Silence ungleich schwerer zu fassen und einzuordnen. Scorsese schickt uns auf eine fast dreistündige Qual, die den Begriff „Filmerlebnis“ nur bedingt verdient. 

Religiöser Selbstfindungstrip

Pater Garpe (Adam Driver) und Pater Rodrigues (Andrew Garfield) verstecken sich in einem Feld
Auf christlicher Mission in Fernost: Pater Garpe (Adam Driver) und Pater Rodrigues (Andrew Garfield).

Die Handlung lautet wie folgt: Zwei Jesuitenpriester (Andrew Garfield, der eben erst in Hacksaw Ridge zu sehen war, und Adam Driver) pilgern im 17. Jahrhundert nach Japan, um sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Mentor (Liam Neeson) zu machen. Gerüchte besagen, dass er seinem Glauben, der in Japan verboten ist, abgeschworen hat. Was seine Schüler nicht zur Kenntnis nehmen wollen: Wie soll es möglich sein, dass ihr Lehrer all das, woran sie glauben, verleugnet? So machen sie sich auf die Suche, nach ihrem Mentor, nach ihrem Glauben, und nach sich selbst.

Wer Scorsese-Filme mag, tut das zumeist auch darum: Sein Werk pulsiert vor Bewegung, Energie und Virtuosität, die ihn wie kaum einen zweiten Regisseur auszeichnet. Wer seine Filme also vor Allem deshalb verehrt, wird von Silence zutiefst enttäuscht sein: Nichts davon findet sich hier. Keine langen Kamerafahrten, keine Jump-Cuts, kaum Musik, kaum Bewegung: nur Silence – also Stille.

Filmische Selbstkasteiung

Pater Rodrigues (Andrew Garfield) kniet und spricht Mokichi (Shinya Tsukamoto) Mut zu.
Pater Rodrigues (Andrew Garfield) steht seinen japanischen Brüdern zur Seite.

Man fragt sich, warum Scorsese sich und seinen Zuschauern das antut: Die Antwort findet man vielleicht in seinem Faible für Theologie und christlichen Glauben. Wollte er mit diesem Film das Gefühl der „katholischen Selbstkasteiung“ auf die Leinwand bringen? Teilweise wirkt es so.

Den Film als „schlecht“ oder „langweilig“ zu bezeichnen, würde zu kurz greifen (obwohl die Attribute sicher oft fallen werden). Vielmehr entzieht er sich gängigen Kategorisierungen. Auch Vergleiche mit anderen Scorsese'schen Werken, wie eben Kundun und The Last Temptation of Christ hinken, da sie doch immer auch bekannte Elemente des Regisseurs enthielten: Sei es der gequälte, suchende, verzweifelte Einzelgänger, als der Jesus in Last Temptation gezeichnet wird, oder die starken, kraftvollen Bilder, die Kundun ausmachen. All das sucht man in Silence vergeblich.

Scoresese auf Sparkurs

Der Dolmetscher des Samurais (Tadanobu Asano, links) und Pater Rodrigues (Andrew Garfield, rechts) in Silence
Wie in Meditation: Silence ruht in sich selbst und ist vor allem – still.

Stattdessen wird an allen Ecken und Enden gespart: An Bewegung, an Musik, an Handlung, an Sprache: In gewisser Weise ist Silence ein „Anti-Scorsese“ – gedreht von Martin Scorsese.

Thematisch stehen vor Allem theologische Fragestellungen im Zentrum: Was heißt es, zu glauben? Ist Glaube stärker als Zweifel? Was ist der Preis für Glauben? Dass das alles naturgemäß nicht sonderlich spannend ist, ist nicht weiter überraschend, dass es aber derart spannungslos aufbereitet wurde, allerdings schon.

'Silence' ist eine Qual – auf hohem Niveau

Wer mit dem Werk des Regisseurs Martin Scorsese vertraut ist, wird von Silence überrascht, mitunter auch enttäuscht sein. Wenige bis keine seiner Trademarks finden sich hier, stattdessen viel Ruhe, Stille, und wenig Handlung. Teilweise qualvoll mutet das Ganze an, sowohl in seiner Erzählweise, als auch als „Filmerlebnis“. Möglich ist, dass die Absicht war, Gefühle des (Selbst-)Quälens, des Zweifels und der Isolation glaubhaft auf die Leinwand zu bannen. Dass dies naturgemäß wenig „Spaß“ macht, ist logisch; war das die Absicht, ist der Film in diesem Sinne gut gelungen. Vermutlich wird aber die Anzahl der Kinobesucher, die an diesem „Anti-Filmerlebnis“ Gefallen finden wird, überschaubar bleiben.

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