Kritik: Snowden

Kitsch, Klischees und Computernerds

FSK 6

Titelbild zur Filmkritik an Edward Snowden

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Snowden, der Film, beginnt mit vier Menschen und einem stickigen Hotelzimmer. Ein Whistleblower, zwei Journalisten, und eine Dokumentarfilmerin. Was hier passiert ist historisch: Snowden (Joseph Gordon-Levitt) verpfeift seinen Arbeitgeber: die US-Regierung. Genauer gesagt: er legt offen, wie NSA, CIA und Co. illegal einfach jedes Handy überwachen. Und das ist erst der Anfang.

Im Interview mit der Dokumentarfilmerin  Laura Poitras (Melissa Leo) und den Journalisten Gleen Greenwood (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson) erzählt Snowden, wie aus ihm, dem Jungen mit der randlosen Brille, der Staatsfeind Nr. 1 wurde. Genauso ist dürfte es sich auch tatsächlich zugetragen haben, wie im Dokumentarfilm Citizenfour von Laura Poitras eindrucksvoll nachvollzogen werden kann. Anders als in Poitras eindrucksvoller und Oscar-prämierter Dokumentation, der man die Anspannung und Paranoia in jeder Einstellung anmerkt, verfehlt Oliver Stones Spielfilm-Adaption sein Ziel. Warum das so ist, möchte ich in fünf Punkten klar machen. 

Fail 1: Klischee-Marathon

Joseph Gordon Levitt als Edward Snowden
Nerd-Klischee 1 (Streberbrille und zugeknöpftes Hemd) trifft auf Nerdtyp 2 (Fetthaare und Fanshirt).

Moderne Geheimdienstarbeit ist weniger Trenchcoat und Schlapphut sondern deutlich mehr Tastatur-Getippe. Dass Computer-Spezialisten die neuen James Bonds sind ist soweit also klar. Dass in Filmen, die sich mit Cyberkriminalität oder Cyberabwehr befassen, jedoch fortwährend die Computerspezialisten als exzentrische einseitige Nerds inszeniert werden, finde ich ätzend. Auch in Stones Film treffen wir auf eine Fülle an Computer-Nerd-Klischees, die von der eigentlichen Story ablenken und den Ernst der Thematik herabwürdigen.

Auch die Filmfigur Edward Snowden selbst kann sich nicht ganz von dem Vorwurf der Klischeehaftigkeit freimachen, auch wenn hier einiges besser läuft. Dennoch erlaubt es uns das Polit-Drama nicht, hinter die Fassade des Mythos Snowden zu blicken. An Joseph Gordon-Levitt liegt das nicht. Der 35-Jährige gibt alles und kommt mit seiner schauspielerischen Darbietung den wenigen Originalaufnahmen, die es von Edward Snowden gibt, faszinierend nahe, doch bietet das Script kaum Szenen, die uns ermöglichen, in Snowdens Kopf zu schauen.

Das liegt auch daran, dass die meisten Gespräche zwischen Snowden und seiner Freundin an Klischee-Sätzen wie: „Ich kann nicht drüber reden. Ist eine Sache der nationalen Sicherheit“ scheitern. Das mag authentisch sein und die Paranoia, die der Film erzeugen will unterstützen, aber aus dramaturgischen Gesichtspunkten schießt sich der Film ins Bein, denn in eben jenen Gesprächen hätte der zweifelnde Ed sein Inneres nach Außen kehren können. Viel besser und höchst eindrucksvoll löst das beispielsweise das Kriegsdrama Good Kill, das einen US-Drohnenpilot porträtiert, der sich an seinem persönlichen Point-Break wenigstens seinen Kollegen anvertraut.

Regisseur Oliver Stone bedient sich stattdessen einfallslosen Flashback-Sequenzen, die den Epileptiker Snowden vor jedem Anfall ereilen und erhofft sich damit Snowdens moralischen Konflikt in den Kinosaal zu transportieren. Fehlanzeige.

Fail 2: Visuelles Wirrwarr

Joseph Gordon Levitt als Edward Snowden schaut nachdenklich drein
Joseph Gordon-Levitt mit Will Smiths Zauberwürfel. Alles nur geklaut?

Was Snowden mit am meisten fehlt, ist ein eigenes visuelles Konzept. Der Film scheint aus den Resten besserer Filme zusammengeschustert zu sein. Ein unterirdischer Geheimbunker auf Hawaii erinnert an James Bond-Klassiker, den Zauberwürfel, mit dem Ed so gerne spielt, hat schon Will Smith in Pursuit of Happiness in den Händen gehalten und das Bootcamp, an dem Wannabe-Marine Snowden teilnimmt, scheint 1:1 aus Full Metal Jacket geklaut worden zu sein.

Ein weiterer Punkt, der mich enttäuscht, ist die plumpe und einfallslose Art, in der Stones Film erklärt, wie die Überwachung durch die US-Sicherheitsbehörden genau funktioniert und welches Ausmaß diese haben. Die leuchtenden Datenströme, die sich verästeln und wieder verästeln erinnern in ihrer Ästhetik an Illustrationen, die ich vor 15 Jahren in meinem Biologie-Buch hatte. Vielleicht hätte sicher Stone lieber mal Who Am I des Schweizer Regisseurs Baran bo Odar ansehen sollen. Hier wird der „Cyberspace“ filmisch und kreativ gelöst.

Fail 3: Kitsch

Shailene Woodley und Joseph Gordon Levitt in Snowden Arm in Arm
Buntes Farbkonzept, wie im ZDF-Vorabendprogramm.

Fast noch schlimmer ist jedoch das wirre Farbkonzept des Filmes. Bei Thrillern gibt es sowas, wie ein ungeschriebenes Gesetz: gedeckte Farben, viele Blau- und Schwarztöne, keine all zu „fröhlichen“ Farbtöne. Natürlich ist das kein in Stein gemeißeltes Gesetz, Sinn macht es dennoch und hilft dabei Atmosphäre zu erzeugen.

Snowden erinnert mit seinen kitschigen Sonnenuntergängen, seinen satten Farben und Lindsay Mills mal blauen, mal roten, mal lilafarbigen Kleidungsstücken jedoch eher an eine Teenie-Lovestory als an ein relevantes Drama. Mag sein, dass sich Oliver Stone um ein möglichst nicht über-ästhetisiertes und stattdessen reales Werk bemüht. Aber das heißt doch nicht, dass der halbe Streifen nach ZDF-Vorabend-Programm aussehen muss. Die Serie Narcos, schafft das doch auch.

Fail 4: Naivität

Ein weiteres Problem ist, dass Regisseur Oliver Stone nicht weiß, für welches Genre er sich entscheiden soll. Das der Film biografisch ist, lässt sich natürlich nicht leugnen, aber Stones Porträt pendelt rastlos zwischen Drama und Romanze hin und her und findet dabei nicht seinen eigenen Weg.

Shailene Woodley und Joseph Gordon Levitt im Snowden-Film machen Fotos
Kitschig inszenierte Liebesszenen rauben dem Snowden-Film die Ernsthaftigkeit.

 Dazu kommt, dass besagte Romanze auf einer kitschigen Beziehung zwischen dem werdenden Whistleblower und seiner naiven Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley) wächst. Denn die Figur Lindsay, die zu Beginn des Filmes noch frech und wortwitzig daherkommt, verkümmert im Laufe von Stones Regie zur besorgten Hausfrau, deren einzige filmische Funktion darin besteht, Ed Vorwürfe zu machen und den Zuschauer mit ihrer Naivität zu terrorisieren. Das Oliver Stone kein Könner bei der Inszenierung von Frauenrollen  ist, ist bekannt, doch die Figur, die Lindsay Mills spielen muss, ist besonders schlecht gezeichnet.

Fail 5: Langweile

Ein weiteres Problem ist, dass das Biopic kaum Spannung aufbaut und weitestgehend langweilt. Erschreckend ist das besonders, da die Geheimdienst-Affäre, die weltweit für Aufruhr sorgte, den perfekten Aufhänger für einen packenden Thriller mit Gänsehaut-Momenten hätte geben können. Stattdessen braucht die Filmfigur Ed Snowden fast eineinhalb Stunden, bis sie an den Scheidepunkt kommt und sich erst dann entschließt Top-Secret-Daten auf einer Speicherkarte außer Haus zu schleusen. Diese Szene ist dann auch spannend. Der Rest des Filmes ist es einfach nicht. Viel spannender wäre es gewesen, Snowdens Flucht vor NSA, CIA und Co. sowie seine Festsetzung im fragwürdig-demokratischen Russland zu zeigen. 

Snowden ist spannungsarmer Kitsch

Der Film Snowden ist eine Enttäuschung und wird seinem Helden nicht gerecht. Zwar ist das Biopic um Authentizität bemüht und erreicht diese zumindest in der Besetzung mit Joseph Gordon-Levitt überraschend gut, doch raubt der Film durch eine enervierend kitschige Beziehungsstory zwischen Snowden und seiner Freundin der Handlung an Spannung und der Message an Wirkung. Dass Edward Snowden sein „Okay“ zum Drehbuch gab, macht alles nur noch umso peinlicher. Mindestens so peinlich wie die letzte Szene, in der ein Hörsaal voller Studenten Edward Snowden laut beklatscht. Das klingt so, als ob sich der Film selber beklatsche. Was es da zu Klatschen gibt, weiß ich aber nicht? 

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