Kritik: Split

Ein Dutzend Persönlichkeiten zum Preis von einer

FSK 16

Titelbild zu Split

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Der etwas andere Geisteskranke

Casey (Anya Taylor-Joy) war stets die Sonderbare in der Schule, weshalb die beliebten Schülerinnen Claire (Haley Lu Richardson) und Marcia (Jessica Sula) sie eher aus Mitleid zu ihrer Party eingeladen haben. So wurde sie unglücklicherweise ebenfalls das Opfer eines mysteriösen Entführers (James Mcavoy, X-Men), der die Mädchen betäubte und verschleppte. Als sie wieder zu sich kommen müssen sie schnell feststellen, dass sie es mit mehr als nur einem Mann zu tun haben: Der Entführer hat eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung – ganze 23 Persönlichkeiten teilen sich einen Körper.

Während sich der bessere Teil brav mit seiner Therapeutin Dr. Karen Fletcher (Betty Buckley) trifft, die eine wahre Faszination für diese Individuen entwickelt, haben andere Persönlichkeiten perfide Pläne mit den drei Mädchen. Was folgt ist ein bizarres Psychospiel zwischen den Mädchen und den Persönlichkeiten. Doch die Zeit drängt, denn eine 24. Persönlichkeit droht auszubrechen...

Eine der gespaltenen Persönlichkeiten blickt bedrohlich in die Kamera.
Eine von vielen Persönlichkeiten, die dieser Irre in sich trägt (James McAvoy).

 Shi Sha Shyamalan

Vom zweiten Spielberg zu einem schlechten Witz. So konnte man die Filmkarriere des ehemaligen "Twistmasters" am besten beschreiben. Während Shyamalans  The Sixth Sense ein fantastischer Kultklassiker ist, der durch seine unerwartete Wendung brilliert, waren seine neueren Errungenschaften, wie The Happening, eher eine schlechte Parodie seiner früheren Werke. Doch obwohl Shyamalan die Erwartungen deutlich herabgesenkt hat, können wir einfach nicht anders, als zu hoffen, dass der nächste Versuch tatsächlich überraschen wird. Bereits mit The Visit zeigte Shyamalan, dass er noch nicht aufgegeben hat. Doch es ist gerade Split, der Shyamalan wieder zu einem gefragten Regisseur machen soll. Und die Karten stehen gut...

Nervenaufreibendes Kammerspiel

Die Handlung des Films lässt nicht auf sich warten. Bereits in den ersten Minuten werden die Mädchen aus ihrem gewohnten Leben gerissen und müssen sich im unbekannten und beengten Gebiet zurechtfinden, was der klaustrophobischen Atmosphäre eines Kammerspiels ähnelt. Was jedoch Split von einem gewöhnlichem Entführungsthriller abhebt, ist das stetige Gefühl des Unbekannten, nicht zuletzt durch den gespaltenen Täter, der genauso gut als Opfer empfunden werden kann. Shyamalan will Verwirrung stiften und erreicht dies durch einen festen erzählerischen Aufbau, bei dem die Darsteller immer mehr Facetten von sich offenbaren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert...

Psychothriller oder Dokumentation?

Neben dem Psychohorror zeigt Split die psychische Krankheit auch von einer anderen Seite: Hierfür lernen wir Dr. Karen Fletcher kennen. Als kluge und mitfühlende Therapeutin betreut sie den psychisch Kranken und verbirgt dabei ihr Interesse und ihre Faszination nicht, die sie für diese Menschen empfindet. Bei diesen Stellen ähnelt der Film einer Dokumenation über geistige Störungen, statt einem eindringlichen Psychothriller, vor allem wenn Fletcher mit wissenschaftlicher Hingabe über ihren Fall bei einer Videokonferenz berichtet. Es ist vor allem der Kontrast zwischen der Schönmalerei, mit welcher Fletcher diese Menschen beschreibt und den tatsächlichen Ausmaßen des Wahnsinns, zu dem diese fähig sind, nicht zuletzt dadurch, dass McAvoy's Figur eine enorme Tiefe verbirgt.   

Therapeutin Dr. Fletcher (Betty Buckley) in einer Sitzung mit dem Geisteskranken
Therapeutin Dr. Fletcher (Betty Buckley) ahnt nichts von den wahren Abgründen ihres Patienten.

Everyman McAvoy

Überspringen wir die ganze Interpretation und kommen gleich zum Kernstück des Films: James McAvoy. Mit einer fast schon unheimlich gelungenen Leitung schafft er es, zwischen gänzlich unterschiedlichen Persönlichkeiten hin und her zu springen. Das faszinierende dabei ist, dass er alleine durch seine Mimik und Gestik in der Lage ist, jeder der Persönlichkeiten komplett individuelles Leben einzuhauchen. Egal ob er den zwangsneurotischen Entführer, oder einen neunjährigen Jungen spielt, sie alle wirken wie eine eigenständige Person. 

McAvoy alleine schafft es überzeugend, über die Hälfte des Main Casts zu spielen. Und sobald eine der Persönlichkeiten versucht, eine andere Persönlichkeit zu imitieren, erreicht die Leistung von McAvoy neue Maßstäbe. Doch es spielt keine Rolle, welche der obskuren Persönlichkeiten er einnimmt. Alleine durch ihre Anwesenheit bringen sie die nötige Portion an Spannung in jede Szene mit ein. Wenn der Film einen Oscar verdient hätte, dann für den besten Hauptdarsteller. Doch dafür sind die Oscars wohl nicht mutig genug. 

Kleiner Cast, große Wirkung

Auch wenn McAvoy als Ein-Mann-Besetzung problemlos agieren könnte, ist er nicht der einzige Schauspieler, der überzeugt. Nehmen wir dafür Casey, die sich als weibliche Hauptdarstellerinnen klar von den anderen beiden Mädchen abhebt, die schnell in den Hintergrund rücken. Sie ist auch die einzige mit einer eingehenden Hintergrundgeschichte, die sie zu einer facettenreichen Persönlichkeit macht. Sie liefert sich ein nervenaufreibendes Psychoduell mit ihrem Entführer und kommt dabei seinem Geheimnis immer näher. Sie sorgt für die wahre Spannung, da die anderen beiden Mädchen bis zum Schluss blass bleiben.

Casey und Crumbs Kinder-Persönlichkeit Hedwig führen ein Gespräch
Casey (Anya Taylor-Joy) liefert sich eine haarstreubende Auseinandersetzung mit ihrem Entführer.

Starker Aufbau, schwache Auflösung

Shyamalan hat sich viel vorgenommen. Mit einem konsistenten Spannungsaufbau errichtet er eine eingehende Handlung, die eine ausführliche Auflösung im dritten Akt verspricht. Das Problem ist jedoch, dass diese nur zum Teil eintritt. Die Auflösung erfolgt zu schnell und bricht genauso schnell wieder ab. Hier hat man zurecht das Gefühl, dass einiges an Potenzial verschwendet wird. Zum Beispiel bekommen wir von den 23 Persönlichkeiten gerade mal weniger als ein Drittel zu sehen, während die Auflösung der 24. Persönlichkeit an übertriebener Melodramatik scheitert. Gerade im dritten Akt driften einige der Dialoge ins absurd Lächerliche und Charakterentwicklungen kommen nicht zum Höhepunkt. Der Grund für den Qualitätseinbruch am Ende ist eigentlich ein "typischer Shyamalan":

Kein Shyamalan ohne Twist

Nein, nicht wegschalten! Keine Sorge, wir haben unsere Prinzipien nicht vergessen. Die Kritiken sind und bleiben auch spoilerfrei! Dennoch muss man ein paar Dinge zu diesem Twist sagen: Er kommt unerwartet - allerdings nicht zwangsweise auf eine gute Weise. Eins Vorweg: Es ist für Shyamalans Verhältnisse ein ungewöhnlicher Twist, der ein garantiertes "WTF" zur Folge haben wird, der die Wahrnehmung des Films für den Zuschauer verändern wird. Das Problem hierbei ist, dass dieser Twist das Ende negativ beeinflusst, da es viele Entwicklungen offen lässt. Es entsteht das Gefühl, dass aufgrund dieser Überraschung einiges an Handlung und Charakterentwicklung nicht komplett ausgenutzt wurde. Tatsächlich ist die "Wendung" eine, die man eher aus einem Marvel-Film kennt, nicht aber aus einem (offenbar) eigenständigen Werk.

'Split' ist Shyamalans Ticket zurück nach Oben

So ausgelutscht die Psychothriller über geisteskranke Täter auch sein mögen, so überraschend ist es auch, dass Split es tatsächlich schafft, zu beeindrucken. Er ist eine eindringliche Reise in die Abgründe der menschliche Psyche, die bis auf wenige Spannungseinbrüche spannend bleibt. Gerade McAvoy ist in der Lage, mit seiner schauspielerischen Leistung ein halbes Dutzend Persönlichkeiten überzeugend darzustellen und agiert somit als Dreh und Angelpunkt des Films. Und auch wenn es an der Auflösung scheitert und einiges an Handlungsentwicklung dem "Twist" zum Opfer fällt,  so schafft es Shyamalan, tatsächlich zu beweisen, dass er als Regisseur noch lange nicht am Ende ist. Hier gibt's Potenzial für die Zukunft!

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