Kritik: Swiss Army Man

Überragende Liebeserklärung an die Fantasie

FSK 12

Paul Dao und Daniel Radcliffe sitzen als Hank und Manny auf einer einsamen Insel im Ozean

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Um was geht’s?

Hank (Paul Dano) ist auf einer einsamen Insel mitten im Ozean gestrandet. Gerade als der Verzweifelte sich zu erhängen versucht, wird eine furzende Leiche an den Strand gespült. Doch lange bleibt der Leichnam, den der einsame Hank auf den Namen Manny tauft, nicht tot. Zumindest nicht richtig. Denn Hank haucht dem Anzug-tragenden Toten neues Leben ein. Im Gegenzug offenbart sich Manny (Daniel Radcliffe) als nützliches Überlebenswerkzeug mit übernatürlichen Kräften – sozusagen als Schweizer Taschenmesser (Englisch: Swiss Army Knife). Aus dem anfänglichen Kampf ums Überleben entsteht eine berauschende Freundschaft. Im Team machen sich die Beiden auf die Suche nach ihrer gemeinsamen Liebe Sarah (Mary Elizabeth Winstead).

Paul Dao und Daniel Radcliffe suchen als Hank und Manny in Swiss Army Man im Wald und suchen Handyempfang
Auf der Suche nach der Zivilisation: Daniel Radcliffe als Manny und Paul Dano als Hank.

Frischer Wind im Filmuniversum

Was das Publikum des renommierten Sundance-Festivals wohl dazu bewog peinlich berührt den Kinosaal zu verlassen, sind die Furze des Harry-Potter-Stars Daniel Radcliffe. Wer erst später aus dem Saal floh, dürfte sogar noch die anderen Größen der frühkindlichen Pipi-Kaka-Phase miterlebt haben: Kaka und Pipi eben.

Was das unkonventionelle Regie-Duo aus Dan Kwan und Daniel Scheinert, für die Swiss Army Man der erste Langfilm ist, mit der ganzen Pups-Thematik bezweckt ist radikal und nicht minder intelligent. Denn schon in den ersten Minuten wird dem Publikum klar gemacht, dass es sich bei diesem Film nicht um einen 08/15-Mainstream-Streifen handelt. Wer auf Einheitsbrei steht, wird gleich zu Beginn „rausgeekelt“.

Wer jedoch die Offenheit besitzt, eine sprechende und furzende Leiche mit Superkräften für die Dauer von einer Stunde und siebenunddreißig Minuten zu akzeptieren, wird eine Welt betreten, die tief berührt und einen glücklich beseelt das Kino verlassen lässt. So muss Kino sein. 

So unterhaltend war Philosophie noch nie

Natürlich geht es in Swiss Army Man nicht um Körperöffnungen und was diesen entströmen kann. Im Zentrum des Films steht das Verhältnis zwischen Hank und Leiche Manny und deren Sicht auf die Welt. Manny, der sich zu Beginn des Films weder bewegen noch sprechen kann, hat zudem seine Erinnerung an das Leben vor seinem Tod verloren. Hank erklärt ihm geduldig wie unsere Welt funktioniert und versucht sich daran Mannys tiefgründigen Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese:

„How do you hide your thoughts? And why do we have to hide them?“

Leichnam Manny philosophiert über das menschliche Verhalten

Faszinierend ist, dass das Drehbuch von Dan Kwan und Daniel Scheinert mit den absurd-naiven aber umso präziseren Dialogzeilen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit auf eine unterhaltende Weise nahe kommt, wie es nur wenige Filme schaffen. Was Swiss Army Man erreicht ist, dass du nach deinem Kinobesuch über dein Leben nachzudenken beginnst – und das mit einem optimistischen und hoffnungsvollen Gefühl.

Daniel Radcliffes beste schauspielerische Leistung?

Daniel Radcliffe liegt als Manny am Boden und betrachtet ein Pinup-Magazin während Hank ihn betrachtet
Daniel Radcliffes Verkörperung eines lebenden Leichnams ist einzigartig, witzig und tiefgründig zu gleich.

Von was der schrille und gleichzeitig nachdenklich-bewegende Film lebt, sind seine Darsteller sowie der hypnotisch-schöne Soundtrack. Zuerst zu den Darstellern:

Daniel Radcliffe hat Hochkonjunktur. Neben Swiss Army Man erscheint am 1. Dezember das Neonazi-Drama Imperium, in dem wir Daniel von einer ganz anderen Seite werden Bestaunen können. Auch in seinen letzten Filmen (Horns, Kill your Darlings, Die Unfassbaren 2) zeigt der mittlerweile 27-Jährige, der mit seiner eher mittelmäßigen Harry-Potter-Darstellung vielfach auch Kritik einheimste, ungemein weiterentwickelt hat.

Mit seiner Darbietung als unbewegliche Leiche Manny knüpft Radcliffe nahtlos an das ebenfalls skurrile Mysterydrama Horns an. Manny ist wie eine Puppe, deren Gelenke und Glieder nur lose aneinander geknüpft sind. Lässt Hank seinen Freund los, so klappt Manny zusammen. Dieses physisch anspruchsvolle Schauspiel meistert Daniel großartig. Viel entscheidender ist jedoch, dass er dem toten Körper, der lediglich nuscheln und minimale Mimik ausüben kann, einen frechen trockenen Humor und emotionale Tiefe verpasst, die überwältigt und bewegt.

Auch Paul Dano (Little Miss Sunshine), der eigentliche Hauptdarsteller des Films, bietet eine vielseitige und lebensfrohe Performance. Sein Zusammenspiel mit Radcliffe harmonisiert großartig und wird von seiner Spielfreude, seiner abgedrehten und gleichzeitig tiefgründigen Darstellung untermauert.

Ein fantastisches Abenteuer 

Mit Swiss Army Man erklärt das eigenwillige Regie-Duo der Daniels seine Liebe an die Fantasie und erteilt den strengen und teils absurden Normen und Konfektionen unserer durchgetakteten Welt eine Absage. Die Welt, die sich Manny und Hank schaffen ist eine Welt der Freiheit, der Liebe und der Freundschaft. Pupsen, Puppentheater und Traumreisen sind hier normal und sollten es – so die Message des Films – auch in „unserer“ Welt sein. Randnotiz: Ein bisschen erinnert das an Pippi Langstrumpf (Stichwort: „Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt“).

Manny tanzt in einem gebastelten Kostüm aus Müll
Hank und Manny verlieren sich in wundervollen Traumwelten aus liebevoll Gebasteltem.

Wundervoller Soundtrack

Transportiert wird die Message des Films durch eine genauso verspielte und eigenwillige visuelle Umsetzung, die sich in liebevoll-detaillierten Szenenbildern, traumhaften Kameraeinstellungen und virtuosem Schnitt manifestiert. Dazu kommt ein wunderschön melancholischer und feinfühliger Soundtrack, der sich aus dem Gesumme und Gesang der Darsteller entwickelt und aus dem Film heraus entsteht und nicht nachträglich in der Postproduktion „druntergeklatscht“ wurde. Sowohl bei Schnitt und Musik bringen die Daniels ihre Erfahrung ein, die sie bei der Regie von Musikvideos sammeln konnten. 

Dass das Werk der Daniels wundervoll und einzigartig ist, sieht auch Daniel Radcliffe so, wie er in einem Interview mit dem Guardian erklärt:

„If I had to burn every other scene I’ve ever done in my career and leave one, it would be the bus scene in Swiss Army Man. It’s the best six minutes I’ve ever been involved with onscreen.“ 

Daniel Radcliffe im Interview mit dem Guardian

Und Recht hat er. Wenn die Figur Manny nicht sogar Radcliffes beste schauspielerische Leistung ist, dann ist sie auf jeden Fall die faszinierendste.

Swiss Army Man ist ein wundervolles Unikat

Swiss Army Man ist ein wundervoll-verrückter und bewegend-tiefgründiger Film, der auf ganzer Breite überzeugt. Während Hollywood sein Kerngeschäft auf repetitive und einfallslose Spin-Offs, Sequels und Co. konzentriert, bringt das Regie-Duo Dan Kwan und Daniel Scheinert ein Unikat der Extraklasse in die Kinos. Die Mischung aus Tiefgang, Humor, Wahnwitz und visueller Umsetzung entführt uns in eine Traumwelt, die einen ins Staunen versetzt. Was Swiss Army Man macht ist ungesehen, unerhört und spricht auf höchst unterhaltende Weise Fragen unserer Zeit an. Für mich ist dieser Film ein Lichtschein im einfallslos tristen Universum Hollywoods. 

Nicht verpassen: Unser Podcast zu Swiss Army Man. Jetzt einschalten!

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