Kritik: Wonder Woman

Marvel verliert das Qualitäts-Monopol

FSK 12

Spoilerfrei!

Gal Gadot kniet in voller Rüstung als Wonder Woman am Strand im Sonnenuntergang

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.


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Was für ein Segen, dass Warner Bros. sein Spin-Off Wonder Woman stattdessen der Regisseurin Patty Jenkins anvertraut hat. Snyder kann vielleicht ästhetische Bilder auf die Leinwand zaubern – doch er kann einfach keine Geschichten erzählen.

Das Setting macht’s

Wonder Woman basiert auf der gleichamigen Comic-Reihe* und ist das DC-Pendant zu Marvel’s Thor. Die Kreuzung aus alter Mythologie und Comic-Heldentum funktioniert einfach zu gut. Dementsprechend gibt es schon gleich zu Beginn des Films eine malerische Szenenmontage der griechischen Götter-Sage, die charmant in das Setting einführt. So stylisch kann Exposition sein!

Die Amazonen auf der Insel Themyscira leben abgeschottet und ohne Männer. Die jüngste der Amazonen ist Diana (Gal Gadot), die sich trotzdem der harten Ausbildung ihrer Mutter (Connie Nielsen) unterzieht, um eine Kriegerin zu werden. An Szenen wird dabei nicht gespart: Die schönen Aufnahmen der mediterranen Insel „ziehen“ sich beinahe über eine halbe Stunde. Dianas Ausbildung ist zwar unterhaltsam und die Schwertkämpfe sauber choreographiert, dennoch ist es der schwächste Teil des Films.

Doppelter Kulturschock

Die Ereignisse werden interessanter, als Kampfpilot Steve Trevor (Chris Pine: Hell or High Water, Star Trek: Beyond) über Thermyscira abstürzt. Endlich prallen zwei Welten aufeinander: In der restlichen Welt herrscht nämlich der Erste Weltkrieg. Frau stößt auf Mann, Schwert auf Gewehr und Mythologie auf Kriegspolitik – die zwei Welten könnten kaum unterschiedlicher sein.

Während Chris Pine in der Mitte von heißen Kriegerinnen schon komisch genug ist, wird es noch besser, sobald Gal Gadot den erstaunten „Fisch-aus-dem-Wasser“ spielt. Trevor und Diana reisen nämlich in das industrielle London, um den Krieg zu beenden. Zumindest ist das Dianas Plan, die fest davon überzeugt ist, dass hinter all dem Unheil der Kriegsgott Ares steckt. Trevor ist nicht überzeugt.

Szenenbild aus Wonder Woman mit Chris Pine als Trevor und Gal Gadot als Diana in London
Diana (Gal Gadot) findet, dass Frauen auf der Straße angemessen verteidigungsfähig sein sollten.

Joker und Harley sind nicht das süßeste Comic-Pärchen

Die gebürtige Israeli liefert zwar keine schauspielerische Meisterleistung ab, da der ein oder andere Katzenblick dann doch zu viel des Guten ist, aber gepaart mit ihrem Aussehen und ihrer starken Action-Performance, passt sie in die Rolle der Wonder Woman perfekt hinein. Viel stärker ist aber Chris Pine, der mit seinem trockenen Humor und sympathischen Sarkasmus schnell die Gunst der Zuschauer erobert. Letztendlich ist die Chemie zwischen Chris und Gal aber das Einzige, was zählt.

Und gerade diese Chemie zwischen den Charakteren Trevor und Diana funktioniert einwandfrei. Ein Gemisch aus Verständnis, Spott und Flirt-Spielchen – das ist das Herzstück von Wonder Woman. Einige Szenen zwischen den Beiden sind so absurd, dass der ganze Saal brüllt. Andere Szenen hingegen bringen selbst den härtesten Macho zum schweigen, der doch eigentlich nur Gadots Körper begutachten wollte – und jetzt ist sogar Pipi im Auge.

Szenenbild aus Wonder Woman mit Chris Pine als Steve Trevor auf der Themse in London
Chris Pine als Captain Kirk, äh, Captain Trevor.

Das beste Comic-Film-Setting aller Zeiten?

Während zur Mitte des Films Wonder Woman wortwörtlich in ein Korsett gezwängt wird und sich wie eine feine Dame benehmen muss, werden später an der Front alle Ketten gesprengt. Die triste Einöde und die brutalen Grabenkämpfe schrecken Diana nicht ab, in voller Superhelden-Montur in die Schlacht zu marschieren.

Noch nie sahen wir einen Comic-Helden in so einem Setting – okay, Captain America war im Zweiten Weltkrieg. Dennoch ist in Wonder Woman der Horror des Krieges erstaunlich realistisch und kaltblütig eingefangen worden. In dieser Umgebung akzeptieren wir einen schimmernden Superhelden eher, als in einem fiktiven Gotham. Und wieder poliert das Comic-Genre seine Abnutzungserscheinungen. Es ist beinahe ein Running-Gag.

Szenenbild aus Wonder Woman mit Diana in der Mitte von Zivilisten im Ersten Weltkrieg
Superhelden in New York sind langweilig. Superhelden im Ersten Weltkrieg sind Helden.

DC liebt einfach seine CGI-Schlachten

Das Beste kommt zum Schluss. Das denken sich wohl auch die Köpfe hinter dem DCEU, die für den Endkampf jedes Franchise-Films das Zelluloid abfackeln möchten. Allerdings war es schon bei Man of Steel zu viel des Guten – teure CGI-Schlachten beeindrucken uns nicht mehr.

Während die (erstaunlich wenigen) Action-Szenen in Wonder Woman wuchtig und wunderbar choreographiert sind, verlässt sich das Finale mal wieder auf die üblichen apokalyptischen Zerstörungsorgien inklusive Feuerbälle, Blitze und "dragonballige" Energie-Entladungen. Das sieht zwar ganz hübsch aus, fetzt aber lange nicht so wie die davor gezeigten Kampfchoreographien.

Feminismus? Patriotismus? Nope.

Wonder Woman wäre ein nahrhafter Boden für unangenehm plakativen Feminismus gewesen. Was echte Frauenpower ist, kann Regisseurin Patty Jenkins zum Glück ohne Zeigefinger und versteckte Protest-Parolen vermitteln. Starke Frauen müssen sich nicht als stark repräsentieren – sie sind es einfach. Und Diana tritt Ärsche was das Zeug hält.

Noch schlimmer als plakativer Feminismus ist allerdings naiver Patriotismus. Zu Beginn des Films fällt irgendwann das wortwörtliche Zitat „Die Deutschen sind die Bösen!“. Da darf man als Deutscher schon mal vorsichtig den Kopf schütteln. Doch Gott sei Dank war dieser anfängliche Patriotismus beabsichtigt, nur um ihn ganz am Ende komplett auf den Kopf zu drehen und schließlich ein schönes Statement zum Thema Menschheit und Krieg zu machen. Eine ungewöhnlich starke Message für einen Comic-Film!

'Wonder Woman' ist der beste DCEU-Film – mit ganz, ganz, ganz weitem Abstand

Das Gesamtpaket stimmt. Diese Origin Story kämpft sich bis zur obersten Liga der Comic-Filme. Nolan’s The Dark Knight-Trilogie kann zwar nicht geschlagen werden, doch Patty Jenkins Wonder Woman erweist sich als ebenbürtiger Gegner für die besten Marvel-Filme. Vielleicht hat Warner Bros. nun endlich begriffen, dass Superhelden-Filme neben grandiosen Bildern und zynischen Anti-Helden auch Herz und Spaß brauchen – eine Lektion, die das MCU vor Jahren schon gelernt hat, und jetzt hoffentlich auch das DCEU. Doch beim Anblick des Justice League-Trailers kommt mir die Befürchtung, dass Zack Snyder das Franchise erneut gegen die Wand fahren lässt.

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