Review: Fargo – der Film

Eine kleine, aber feine Crime-Komödie aus dem Hause Coen

UNBEDINGT AUSFÜLLEN !!! (Nicht in Großbuchstaben)

Du willst endlich auf eigenen Beinen stehen! Doch dafür brauchst du Geld. Dein reicher Stiefvater hält dich aber für einen Versager. Er leiht dir nichts. Was machst du? Für Jerry Lundegard, Hauptdarsteller in Fargo, ist die Antwort ganz klar: Er engagiert zwei Ganoven und lässt seine Frau entführen. Von seinem Stiefvater hofft er einen dicken Geldbetrag zu erpressen. Nach erfolgreicher Übergabe des Lösegeldes, plant er seine Ehefrau wohlbehalten zurückzubekommen. Klingt doch nach einem super Plan, oder?

Dass der Coup ein paar Haken hat, sollte Jemandem mit gesundem Menschenverstand auf Anhieb klar sein. Es kommt wie es kommen muss: ein paar Dinge laufen schief. Verrückt ist, dass der unglaublich dumme Coup auf wahren Begebenheiten beruht, die sich so 1987 in Minnesota zugetragen haben sollen. Aus dem Stoff haben die Brüder Ethan und Joel Coen einen bitterbösen und zynischen Film gemacht.

Far far away in Fargo

An der Grenze zu Minnesota liegt Fargo. Die US-amerikanische Stadt, die noch in North Dakota liegt ist vor allem Namensgeber des Films. Wer eine Karte vor sich hat, der lässt seinen Blick nach rechts schweifen und befindet sich nun auf der Hauptbühne des Films Fargo.

Warum das wichtig ist? Neben den Schauspielern ist die zugeschneite eisige Landschaft Minnesotas ein weiterer Hauptdarsteller des Films. Die Landschaft um die Kleinstadt Brainerd ist kalt unwirtlich und wenig einladend. Perfektes Setting für den Kuh-Kaff-Krimi und sein Repertoire an Dorfbewohnern.

Coen Brothers vs. Tarantino

 

Brainerd im Film Fargo
Brainerd. Na, wenn das mal nicht einladend ist...

Aber eigentlich ist Fargo gar kein klassischer Krimi. Zwar zitieren die Coen Brothers (The Big Lebowski, No Country for Old Men, True Grit, etc. ) Elemente des Genres doch backen die beiden wieder einmal ihr eigenen Brötchen. Worum es den Filmemacher-Brüdern wirklich geht, sind die Charaktere. Und hier zeigt sich die absolut großartige Klasse des Films.

Stolz präsentiert Fargo eine reiche Sammlung von, höflich ausgedrückt, außergewöhnlich gewöhnlichen Menschen. Was soll das schon wieder heißen? Erst mal, dass Fargos Protagonisten normale Menschen sind.

Doch sind sie auch Versager, Hinterwäldler und Muttersöhnchen. Sie sind naiv, einfältig oder dumm. Sie sind wortkarg oder reden zu viel. Sie sehen komisch aus oder sind gar hässlich. Auf jeden Fall haben ziemlich alle mindestens eine Macke. Von der Dorf-Nutte bis zum Sheriff: alles Unikate. Und  die meisten haben schwedische Vorfahren (no offense), was aber weiter keine Rolle spielt.

Wer Filme der Coen Brothers sieht, kommt schnell in Versuchung diese mit Werken Quentin Tarantinos (Pulp Fiction, Inglorious Basterds, Django, etc.) zu vergleichen. Doch funktionieren diese gänzlich anders.

Tarantinos Filme sind „Kunst“-Werke. Sie sind künstlich. Der Ausnahmeregisseur schafft es, uns Bekanntes auf banale Weise zu übertreiben und in Dialog-Feuerwerke und Gewehrsalven münden zu lassen. Das macht Tarantino so unterhaltsam. Die Coen Brothers gehen jedoch einen anderen Weg. Fargo ist dafür das beste Beispiel.

Auch Fargo ist grotesk und absurd. Doch arbeiten die Coens subtiler. Ihre Dialoge und Protagonisten wirken realer und sind glaubwürdiger als bei Tarantino. Das macht den Film umso unterhaltender, denn meist hat man den Eindruck, man würde echten Menschen zuschauen. Nicht Schauspielern.

Jerry Lundegaard – Der Versager

William H. Macy als Jerry Lundegaard in Fargo
William H. Macy in der Loserrolle Jerry Lundegaard.

Es ist eine pure Wonne zuzusehen, wie Hauptdarsteller und Anti-Held Jerry Lundegaard (William H. Macy) einfach alles verkackt. Vom Abendessen mit seinem Stiefvater, über Deals als miserabler Autoverkäufer bis hin zu seinem zum Scheitern verurteilten Plan seine Frau entführen zu lassen will ihm einfach nichts gelingen. Alles läuft schief. Manchmal möchte man Jerry in den Arm nehmen und trösten. Meistens will man ihm einen Tritt in den Hintern geben um ihn daran zu erinnern, dass er sich nicht von allen herumkommandieren lassen soll. Kurzum: Man leidet mit ihm. Und so muss es sein, bei einem guten Film.

Carl  & Gaear – Glubschauge & Riesen-Baby

Peter Stormare als Gaear Grimsrud in Fargo
Riesen-Baby Gaear Grimsrud (Peter Stormare).

Die von Jerry Lundegaard engagierten Entführer sind Gaear Grimsrud (Peter Stormare) und Carl Showalter (Steve Buscemi). Ein ungleiches Paar. Gaear schweigt die meiste Zeit und starrt mit leerem Blick entweder auf die verschneiten Landstraßen Minnesotas oder aber auf einen Fernseher in denen Telenovelas laufen. Ansonsten hat das Riesen-Baby aber auch ein paar ganz dunkle Seiten… Carl hingegen ist eine Labbertasche. Er ist hysterisch und hat das vermutlich schlechteste Schauspieler-Gebiss überhaupt. Wenn Ganove Carl einem mit hervorquellenden Glubschaugen droht, ist man sich nicht sicher, ob es sich um einen Scherz oder Ernst handelt. Doch Ernst zu machen, hat Carl keine Bedenken.

Die beiden Entführer, die sich als dilettantische Profis beschreiben lassen, sind ein Goldschatz des Filmes. Ihre Dialoge, ihre Szenen und ihr Verhältnis zueinander sind urkomisch ohne dabei albern zu sein und tragen den gesamten Film.

Marge Gunderson – Schwanger im Dienst

Marge Gunderson
Oscar-gekrönt: Frances McDormand als Marge Gunderson in Fargo.

Zu erwähnen bleibt noch Marge Gunderson (Frances McDormand). Als Sheriff von Brainerd ist Marge, die im siebten Monat schwanger ist, Carl und Gaear auf der Spur. Deren Fährte führt sie nach Fargo und durch die weiße und kalte Landschaft Minnesotas. Zwar stolpert die Schwangere ab und an im Tiefschnee, doch strickt sie Stück für Stück an der Aufklärung der Ereignisse.

Sicher ist Sheriff Gunderson die klügste Person, die einem im Film Fargo über den Weg läuft, doch versteckt sie ihre Intelligenz meist, sodass sie sich auf einem Level mit ihren einfältigen Schutzbefohlenen unterhalten kann. Die schauspielerische Palette von Frances McDormand ist aber alles andere als eintönig. Der Rolle des Sheriffs verleiht sie unterschiedlichste Facetten und wechselt gekonnt, wenn auch sehr subtil, von vermeidlich einfältiger Dorfpolizistin zu  schnippischer oder gar mutiger Ermittlerin. Der Academy war ihre schauspielerische Leistung einen Oscar als beste Hauptdarstellerin wert, den sie 1997 erhielt.

Fazit: kein perfektes Verbrechen aber ein perfekter Film

Kalt, trist, einsam
Kalt, trist, einsam: Willkommen in Fargo.

Fargo ist ein Meisterwerk. Regisseur Joel Coen schafft es jedem Darsteller, egal ob Kleinst- oder Hauptdarsteller Leben einzuhauchen. Selbst Nebenrollen oder gar Komparsen sind einzigartig und oft unterhaltender als viele Hauptdarsteller in anderen Filmen.

Vorwerfen ließe sich Fargo, dass seine Handlung nur wenig echte Spannung bietet. Doch beabsichtigen die Coen Brothers genau das. Die träge Geschwindigkeit der Handlung und die chronologische Folge der Ereignisse passt zu den lethargischen Charakteren, die der Film so hervorragend portraitiert. Schritt für Schritt entwickeln sich die Ereignisse und reiten deren Charaktere mehr und mehr ins Fiasko. Fargo ist komisch aber nicht albern doch platt ist der Film allemal nicht und transportiert einen Appell an unsere westliche Gesellschaft.

Die Menschen in Fargo sind genauso kalt wie der eisige Winter, der sie umgibt. Denn die meisten Charaktere des Films denken nur an sich und an Dollars. Es geht andauernd nur um das Geld. Das Entführungsopfer, Miss Lundegaard, spielt keine Rolle. Die Coen Brothers setzen dieses egoistische Feilschen und Gezeter konsequent um und würdigen der Entführten nahezu keine eigene Szene. Den größten Teil des Films hat Miss Lundegaard einen Sack auf dem Kopf. Niemand schert sich um ihr Wohlergehen.

Verstörend daran ist auch, dass Hauptdarsteller Jerry Lundegaard, sein Stiefvater und sogar die zwei Entführer alle menschliche Seiten haben und keine grundsätzlichen Monster sind. In ihrer Ignoranz scheinen alle Parteien schlichtweg zu vergessen, dass es hier um Menschenleben geht. Jerry vergisst sogar seinem Sohn von der Entführung seiner Mutter zu erzählen. Als er es doch tut, schafft er es nicht einmal den armen Jungen in den Arm zu nehmen.

Fargo hält der amerikanischen im Besonderen, und der westlichen Gesellschaft im Allgemeinen, einen Spiegel vor. Darin sehen wir unsere Augen gierig starren. Kalte Dollars spiegeln sich darin.

Nur Sherriff Gunderson gibt uns Hoffnung. Die Schwangere ist der moralische Anker des Films. Gegen Ende des Films scheint sie das Publikum, also uns, direkt anzusprechen und trifft voll ins Schwarze: „Es gibt mehr im Leben, als ein bisschen Geld, wissen Sie? Wissen Sie das etwa nicht?“ Und nach einer langen Pause: „Ich verstehe es einfach nicht.“ In zwei Monaten bekommt Marge ihr Baby. Wenigstens ihr Kind, wird mit der richtigen Überzeugung aufwachsen.

Ob die gleichnamige Spin-Off-Serie mit Fargo, dem Film, mithalten kann steht in einer eigenen Review zur ersten Staffel von Fargo.

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