Review: High-Rise

Fun Fact: Unsere Gesellschaft kann ziemlich krank sein

Wallpaper von High-Rise mit Tom Hiddleston und Luke Evans

Tom Hiddleston hat sie so gut wie in der Tasche: Die Rolle des neuen James Bond. Doch bevor er in den feinen Bond-Anzug schlüpfen darf, muss der Brite erst einmal in paar kleineren Produktionen beweisen, dass er ein hervorragender Anzug-Träger ist. Nach der Amazon-Serie The Night Manager, stellt er seine Fähigkeiten nun also auch in High-Rise zur Schau. Der neue Film von Regisseur Ben Wheatley macht durch Trailer, Filmplakate und Promos einen sehr spannenden Eindruck. Um was geht’s? Unsere Kritik soll aufklären. 

„Was wäre, wenn…?“ Die einfachste Taktik für die Schöpfung einer Geschichte ist es, diese Frage zu vervollständigen. „Was wäre, wenn…?“-Geschichten sind oft tiefgründige, sozialkritische und anspruchsvolle Gedankenexperimente und sollen gleichzeitig die Verdorbenheit unserer Gesellschaft aufdecken. Hier ein kleines „Was wäre, wenn…?“-Quiz:

  • „Was wäre, wenn dein ganzes Leben eine heimliche TV-Show wäre?" - Die Truman Show
  • „Was wäre, wenn die dystopische Zukunftsgesellschaft Gladiatorenkämpfe wieder einführt?“ - Die Tribute von Panem
  • „Was wäre, wenn ein einziger Wolkenkratzer die komplette soziale Gesellschaftsstruktur darstellt?“ - High-Rise

Wenn Ikarus dem Himmel zu nahe kommt

„High-Rise“ ist ein soziales Experiment vom Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons). Wie es sich für die 70er Jahre gehörte, erschuf Royal ein betonlastiges Hochhauskomplex. Von außen pfui, von innen hui. Das Leben im Wolkenkratzer ist luxuriös und vielfältig. Die Bewohner brauchen überhaupt nicht mehr das Gebäude zu verlassen, denn Supermarkt, Schwimmbad, Clubs und Bars  findet man auch im High-Rise. Royal ist also der Gründer einer abgeschotteten Parallelgesellschaft. Wie es sich für eine Gesellschaft allerdings gehört, gibt es soziale Schichten. Ganz oben leben die Superreichen. In der Mitte lebt die Mittelschicht. Unten lebt der Abschaum. Keine subtile, aber dafür eine anschauliche Metapher.

Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) ist frisch geschieden und erfolgreicher Physiologe. Der Doktor zieht in die „obere Mitte“ des Gebäudes ein und findet über seinen Balkon auch schnell Freunde. Die alleinerziehende Mutter Charlotte Melville (Sienna Miller) erwischt Dr. Laing nackt beim Sonnen. Nach gefühlten drei Sekunden starten die Beiden eine Affäre.

Tom Hiddleston in einem Fahrstuhl in High-Rise
Anständig und geleckt - Dr. Laing (Tom Hiddleston) kommt im High-Rise an.

Auf exzessiven Parties lernt Dr. Laing den erfolglosen Dokumentarfilmer Richard Wilder (Luke Evans) kennen, der sich an den sozialen Ungerechtigkeiten im High-Rise stört. So stürmt Wilder mit den Gästen eines Kindergeburtstags den Swimming Pool, der eigentlich für die High Society reserviert war. Spannungen zwischen Ober- und Unterschicht treten auf.

Im Hochhaus entsteht ein kompromissloser Wettbewerb. Welche Schicht kann die fettesten Parties schmeißen? Das Chaos beginnt. Alkohol, Drogen und Gewalt erschüttern die Grundfesten des Hochhauses. Es folgen Morde und Vergewaltigungen. Wenn jemand aus dem 40ten Stock fällt, interessiert das auch niemanden. Es wird weitergefeiert.

Architekt Royal zweifelt langsam aber sicher daran, dass sein soziales Experiment auf fruchtbarem Boden gelandet ist. Der ein oder andere Bewohner aus der Unterschicht macht sich bereits auf den langen Weg nach oben, um den Architekten umzubringen…

Sauffeeeen!

Die ultimative Eskalation sahen wir zuletzt in Scorsese’s The Wolf of Wallstreet. Sex-Orgien und Champagner bis zum Umfallen. High-Rise nahm die Herausforderung an und hat sie gewonnen.

Über die Hälfte der Laufzeit zeigt uns High-Rise die Abgründe der menschlichen Dekadenz, die nach und nach in pure Anarchie umfällt. Laute Musik, bescheuerte Tanzeinlagen, nackte Haut, klebriger Alkohol, noch klebrigeres Blut. Ben Wheatley hatte beim Dreh offenbar mächtig Spaß.

High-Rise Gebäude aus dem gleichnamigen Film von außen
Was sich in diesem Hochhaus abspielt, kann von aussen keiner erahnen...

Tom Hiddleston mitten im Wahnsinn

Eines hat High-Rise definitiv: Einen namenhaften Cast. Neben dem gehypten Tom Hiddleston in der Hauptrolle, sorgt vor allem Jeremy Irons als exzentrischer Architekt für die nötige schauspielerische Klasse. Auch Luke Evans als cholerischer Dokumentarfilmer überzeugt durchaus. Trotzdem fehlt es dem Film an tiefgrabenden Dialogen, die den Charakteren eine Seele verleihen. Die Schauspieler wirken in High-Rise mehr wie Schachfiguren in einem Schachspiel ohne Regeln.

Psychedelische Umsetzung

Regisseur Ben Wheatley konzentriert sich viel mehr auf die Technik, statt auf den Inhalt. Für ein sozialkritisches Drama ist das natürlich kontraproduktiv. Dennoch lässt High-Rise immer wieder den Puls seiner Zuschauer hochfahren. Pumpende Musikeinlagen treffen auf surreale Bilder - die Mischung fühlt sich an wie ein makaberer LSD-Trip.

Jeremy Irons als Architekt in High-Rise
Der Architekt, gespielt von Jeremy Irons, verliert die Kontrolle über sein Gebäude.

Einige Songs aus den 70ern, wie beispielsweise SOS von ABBA, haben ihren ganz besonderen Platz im Film und unterstreichen die Atmosphäre grandios. Während abwechselnd Klassik und Diskopop durch die Betonwände des surrealen Settings hallen, sorgt die Kamera für den ultimativen Realitätsverlust. Hier punktet High-Rise ohne Zweifel.

Ein Song ohne Rhythmus und Struktur

Die Grundidee von High-Rise entfaltet riesiges Potential. Uns alle faszinieren düstere Science-Fiction-Dystopien, die unsere Werte und Normen auf den Kopf stellen. Man hätte daraus ein involvierendes und komplexes Thriller-Drama machen können. Stattdessen entscheidet sich Drehbuchautorin Amy Jump dafür, dem Film jede Struktur zu nehmen. Eine Dramaturgie ist praktisch nicht vorhanden. Somit auch kein echter Spannungsbogen.

Als Zuschauer sucht man während High-Rise ständig irgendwelche Schnittstellen für eine Identifikation, an die man sich festklammern kann. Doch der Film lässt einen leider kalt. Die Charaktere erscheinen oft unnatürlich und unlogisch in ihrem Verhalten. Der Kollaps der Hochhaus-Gesellschaft zu einer gewalttätigen Anarchie wird viel zu holprig und lückenhaft erzählt, als das er wirklich nachvollziehbar wäre.

Über die komplette Laufzeit hat man das Gefühl, der Film arbeite auf ein besonderes Ziel zu. Letztendlich verpufft die Spannung aber im Nichts. Das Ende ist einfallslos und liefert leider nicht die Pointe, die eine Geschichte wie diese verdient. Wenn die End-Credits rollen, stellt sich leichte Ernüchterung ein. Der Film hätte so viel mehr sein können.

Fazit: High-Rise ist verschenktes Potential

Schade. Ich hatte mich auf den Film gefreut, da die Trailer Lust auf mehr machten. Leider ist High-Rise aber eine sehr wirre und orientierungslose Darstellung einer Dystopie, die wir in anderen Formen schon besser gesehen haben. Die Geschichten der Computerspiel-Reihe Bioshock greifen das selbe Thema beispielsweise mit einer viel sichereren Hand auf und sorgen für erschreckende Einblicke in einen gesellschaftlichen Verfall. In High-Rise wirkt der Exzess mehr wie reiner Selbstzweck. Regisseur Ben Wheatley und Produzent Jeremy Thomas haben einen hübschen, aber etwas leeren Film geschaffen. Er kann trotz seiner ambitionierten Machart kein Statement setzen und verschwindet somit leider in der Bedeutungslosigkeit.

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