Review: Mad Max – Fury Road

"Mad Max: Fury Road" - Der Energydrink des Actiongenres kickt wie eine Ladung Nitro auf Ex

Mad Max: Fury Road mit Tom Hardy und Charlize Theron

Zurrt eure Sicherheitsgurt fest und macht euch bereit für einen heißen Ritt. Wir schauen Mad Max: Fury Road unter die Haube. Ein Tipp vorab: Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Wer sich Fury Road ansieht, der sollte nicht vergessen ab und an Luft zu holen. Denn der vierte Teil der Comicverfilmung überholt mit Vollgas seine Actionfilm-Konkurrenz. Sind die insgesamt 10 Nominierungen bei den Oscars 2016 gerechtfertigt? Wir sagen's euch. Gang rein. Los geht's!

Wüste. Wüste. Wüste. Soweit das Auge reicht. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die rotgelbe Landschaft nieder. Nichts rührt sich. Die Welt, wie wir sie kennen, ist kollabiert. Endzeitstimmung. Ab jetzt, herrscht nur noch eins:  das nackte Überleben. Und der, der Wasser und Treibstoff sein Eigen nennt. Hinter dem Horizont: ein Grollen, wie aus der Brust eines Löwen. Staubwolken verdunkeln die Sicht. Sie kommen...

Nichts für schwache Nerven

Charaktere in Mad Max Fury Road
Wortkarg, willenstark, willkürlich: Max (Tom Hardy), Furiosa (Charlize Theron) und Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne).

Irgendwann in (hoffentlich) ferner Zukunft: Der Warlord Immortan Joe (Hugh Keays-Byrneund seine Jünger, die Warboys, haben Wasser, Essen, Frauen und Treibstoff. Alles was man zum Leben braucht. Gegen andere Warclans verteidigen sie sich mit zusammengeschweißten, schwerbewaffneten und angsteinflößenden  Kampfautos, die streng genommen Schrottkisten sind.

Imperator Furiosa (Charlize Theron), eine vermeintliche Getreue des wahn-warzigen Warlords Joe will nur noch weg von der abstoßenden und brutalen Schreckensherrschaft. In unserer Welt würde man vielleicht sagen, dass man kurz Zigaretten holen geht. In Fury Road fährt man halt tanken, und biegt bei der nächstbesten Möglichkeit links ab. Und dann? Immer gerade aus.

Kurzum: Furiosa stiehlt den schwerbewaffneten Tanklaster und noch so manches mehr und findet in dem verschleppten und Max (Tom Hardy) einen tüchtigen und wortkargen Unterstützer. An einer Tankstelle kommen sie dann doch nicht vorbei. Stattdessen liefert Mad Max: Fury Road fortan ein wahres Feuerwerk an Action, Action und noch mehr Action.

Die Handlung von Mad Max: Fury Road ist flach. Die Charaktere haben wenig Tiefe. Wirklich überraschende Abbiegungen, Umwege oder Abkürzungen nimmt die Geschichte nicht. Alles halb so wild, denn darum geht es bei dem trashigen Apokalypse-Streifen auch nicht.

Kein Sand im Getriebe

Action in Mad Max Fury Road
Brachial, brutal, beispiellos: Actionsequenzen auf dem höchsten Niveau.

Die moderne Filmwelt ist verseucht mit Greenscreens, mit CGI und Effekthascherei. Viele Filme sehen so künstlich aus, dass sie nur noch langweilen.

Ganz anders jedoch Mad Max: Fury Road. Der Streifen drückt ordentlich auf die Tube, presst einen in den Fernsehsessel und knallt einem richtig um die Ohren. Man spürt jedes Sandkorn auf der Haut, jedes Schlagloch im Kreuz und den Feind im Nacken. Fury Road ist echt. Und das meine ich wörtlich. Insgesamt wurden 140 Fahrzeuge für den Film liebevoll zusammengeschraubt und in die Wüsten Namibias verfrachtet. Und dort ging es richtig rund. Alle Stunts sind echt. Und das merkt man.

Was Fury Road besonders macht, ist der Schneid, mit dem Regisseur George Miller den Film inszeniert hat. Keine Kompromisse. Statt in Studios oder auf unbeweglichen Bühnen, drehte das Team den größten Teil des Filmes in voller Fahrt. Und das, auf einer Flotte von absurden Fahrzeugen, die mit hoher Geschwindigkeit durch die staubige Wüste rasten. Dieser Fakt hat vielleicht nichts in einer Filmkritik zu suchen, ist aber wichtig um zu verstehen, wie einzigartig dieser Film für die traditionell eher unbewegliche Welt Hollywoods ist. Stacheln, Schweiß und Schweißnähte statt cleane Computereffekte.

Dazu kommt, dass der peitschende und antreibende Soundtrack dem Film die Krone aufsetzt. Misstönende Akkorde, mächtige Melodien und hysterisch kreischende Streicher gehen unter die Haut und lassen das Blut in den Adern kochen.

Mit Vollgas in die Apokalypse

Mad Max Fury Road Autos
Stacheln, Ketten oder dicke Reifen - Autos zum Gernhaben.

Mad Max: Fury Road ist einer der unkonventionellsten, brachialsten und erbarmungslosesten Blockbuster seit Langem. Was Mad Max neben der knüppelharten Action so besonders macht, ist sein überwältigendes und andersartiges Production Design.

In Worte fassen lässt sich der Look des Filmes nur schwer. Das selbe Problem hatte anscheinend auch Regisseur George Miller. Seinem Hauptdarsteller Tom Hardy konnte er offensichtlich seine Vision des finalen Films nicht hundertprozentig vermitteln. Das Resultat: Hardy, der bei den Dreharbeiten physisch richtig hart ran musste, war frustriert. Nach dem er den finalen Film gesehen hatte, war er aber so überwältigt, dass er das Bedürfnis verspürte sich bei einer Pressekonferenz zu entschuldigen:

"I have to apologize to you, because I got frustrated. There was no way that George could have explained what he had conceived."

Tom Hardy über die harten Dreharbeiten mit Regisseur George Miller

Das Szenenbild, die Kostüme und die Maske des Filmes sind zurecht allesamt für einen Oscar nominiert. Der Kampf zwischen The Revenant (12 Nominierungen) und Fury Road (10 Nominierungen) wird spannend werden. Bei beiden Filmen ergeben Szenenbild, Kostüme und Maske eine Einheit und erschaffen eine jeweils eigene Welt. In  Mad Max: Fury Road überzeugen die drei Disziplinen vor allem mit hohem Aufwand und großer Kreativität.  Von der kleinsten rostigen Nieten, über die von den Warboys angebeteten Lenkräder, bis hin zu den gewaltigen War Machines, den Fahrzeugen des Films, ist alles liebevoll und detailreich gestaltet.

Vieles im Film wird nur angedeutet. Zum Beispiel leiden die Warboys und ihr Führer Immortan Joe an widerlichen Ekzemen und schwulstigen Tumor-Beulen. Warum das so ist, wird nicht erzählt. Dadurch erschafft der Film das Gefühl, dass wir als Zuschauer in einer zwar fremden, aber realen Welt aufgeschlagen sind. Kein Erzähler, kein Charakter, kein Vorspann erzählt uns was Sache ist. Wir sind der todbringenden Welt von Mad Max: Fury Road egal. Und das lässt uns umso mehr in dieser Welt versinken.

Mehr als Motoröl

Mad Max ist wie ein Albtraum oder eine düstere Vision der Zukunft unseres Planeten. Ein apokalyptischer Drogentrip. George Miller zeigt uns eine Menschheit, die ihre Menschlichkeit verloren hat. Die Welt von Mad Max: Fury Road kennt keine Gnade. Den Fuß auf dem Gaspedal. Keine Zeit für Gespräche. Keine Zeit zum Anhalten. Es geht nur ums Überleben.

Trotzdem verbirgt sich unter einer dicken Schicht Staub, Dreck, Motoröl und Chrom mehr: Emotionen. Man muss nur genau hinschauen. Gefühlsduselei gibt es nämlich keine. Man leidet und fühlt mit den Charakteren von Max Max. Und das, obwohl im Film kaum gesprochen wird.

Besonders der irrgeleitete Warboy Nux (Nicholas Hoult) wächst einem ans Herz. Aber auch Imperator Furiosa (Charlize Theron) bringt Fahrt in den Film. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Comicverfilmungen (z.B.: Deadpool) handelt es sich bei der Figur Furiosa nicht um ein leichtbekleidetes Mädel, der man eine Waffe in die Hand gedrückt hat. Genauso wenig ist sie eine Kampfemanze. Furiosa ist einfach eine Kämpferin. Geschlechterbilder spielen hier keine Rolle. Sehr angenehm.

Tom Hardy: Hannibal Lecter auf Roadtrip

Tom Hardy in Mad Max Fury Road
Gefesselt und Geknebelt: Tom Hardy als Max Rockatansky.

Das Tom Hardy auch mit einer Maske, die nur Platz für seine Augen lässt, beeindruckend schauspielern kann, wissen wir seit seinem Auftritt als Bösewicht Bane in Batman - The Dark Knight Rises. Auch in Mad Max: Fury Road trägt Hardy über lange Strecken eine Maske, die an Hannibal Lecter erinnert. Dazu kommt, dass sich die Dialogzeilen der Hauptfigur Max auf maximal eine Drehbuchseite drucken lassen. Hardy ist das egal. Mit Körpersprache, Gegrunze und nur seinen Augen legt er eine der ungewöhnlichsten Schauspielerleistungen des Jahres 2015 hin. Schauspiel im eigentlichen Sinne ist das gar nicht mehr. Funktioniert aber.

Auch sonst wählt Mad Max: Fury Road einen Weg, der fernab anderer Filme seines Genres liegt und kommt ohne nervige Witz-Einlagen und ohne den ausgelutschten Hollywood-Helden-Pathos aus. Für beides haben die Figuren des Films keine Zeit und keinen Nerv, denn jeder Moment könnte ihr letzter sein.

Fazit: Mad Max: Fury Road ist kompromisslos, selbstironisch, einzigartig

Regisseur George Miller feuert mit Mad Max: Fury Road ein bombastisches Feuerwerk an den Sternenhimmel Hollywoods. Fury Road ist rasend schnell, fesselnd und bildgewaltig. Zwar gibt es keine innovative Handlung. Aus dem Staunen kommt man aber von der ersten bis zur letzten Szene nicht mehr heraus. "What the Hell", stammelt man in einem nicht enden wollenden Mantra vor sich hin. Der zehnfach oscarnomminierte post-apokalyptische Actionfilm ist ein Sonderling. Darauf kann er verdammt stolz sein.

Außerdem: Wer sich am Tag nach dem Film fragt, wo die Schmerzen im Nacken herkommen: Das ist Muskelkater. Der kommt vom rund zweistündigen ungläubigen Kopfschütteln.

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