Review: Prisoners

Wie weit würdest du gehen um deine Tochter zu retten?

Prisoners Wallpaper

Bei den Oscars 2014 konnte Prisoners aufgrund eines sehr starken Kandidatenfeldes leider nur eine Nominierung (Beste Kamera) ergattern, bekam den Oscar letztendlich aber nicht. Bei kleineren Preisverleihungen konnte der Film allerdings gewürdigt werden. Hat das was zu bedeuten? Ja! Denis Villeneuve, der Regisseur, hat einiges auf dem Kasten. Seit 2013 hat er drei interessante Filme in seiner Filmografie zu verzeichnen: Prisoners, Enemy und Sicario. Dabei fällt auf, dass es sich bei all den genannten Vertretern um Thriller handelt. Können wir hier etwa den Aufstieg eines Filmemachers in die Reihen der ganz Großen beobachten? Ist Villeneuve etwa der Tarantino oder Nolan des Thriller-Himmels? Das wird wohl erst die Zukunft zeigen, doch was wir von seinem ersten englischsprachigen Film halten, könnt ihr auch jetzt schon lesen.  

Familienidyll im amerikanischen Vorort? Falsch gedacht!

Die zwei Familien Dover und Birch feiern zusammen Thanksgiving, als plötzlich und am helllichten Tage die beiden Töchter verschwinden. Keller (Hugh Jackman) und Grace Dover  - die Eltern der kleinen Anna - sowie Franklin und Nancy Birch  - die Eltern der kleinen Joy - machen sich auf die Suche, doch ohne Erfolg. Der einzige Anhaltspunkt ist ein ebenfalls verschwundenes Wohnmobil, an welchem die beiden Mädchen kurz zuvor gespielt hatten. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) wird mit dem Fall betraut. Die Ermittlungen ergeben, dass das Wohnmobil Alex Jones (Paul Dano), einem geistig zurückgebliebenem Jungen gehört. Allerdings hören da die Spuren auch schon auf. Loki kommt mit seiner Arbeit nicht schnell genug voran, zumindest ist das Kellers Meinung. Der Protagonist nimmt die Sache selber in die Hand und setzt alles daran seine Tochter lebend zu finden, auch wenn das bedeutet Gesetze zu brechen.

Der Film erzählt zwar keine neue Handlung, verpackt diese aber in ein so clever gestricktes und schön anzusehendes Gewand, dass man trotzdem geflasht ist. Drehbuchautor Aaron Guzikowski hat also ganze Arbeit geleistet. Der Plot ist mehrschichtig, wendungsreich und vor allem mysteriös. Auch wenn man denkt, man wäre auf des Rätsels Lösung gekommen, muss man sich kurz darauf doch wieder eingestehen, auf dem Holzweg gewesen zu sein. Der Zuschauer hat also den Charakteren gegenüber keinen Wissensvorsprung sondern erlebt alles wie diese auch. Doch nicht nur, dass man nicht weiß, wer hinter dem Verschwinden der Mädchen steckt, auch bei Hauptcharakter Keller Dover stellt man sich auch viele Fragen: Geht er mit seinen Methoden und seiner Selbstjustiz nicht zu weit? Wird er langsam verrückt und bildet sich Dinge ein? Man fragt sich auch selber: Wie würde ich in dieser Situation handeln? Würde ich dasselbe tun? Durch diese ganzen Feinheiten entsteht eine Geschichte, die von vorne bis hinten unvorhersehbar bleibt und den Zuschauer fesselt. Im Verlauf der 2,5 Stunden werden einem nach und nach Puzzleteile serviert, die sich am Ende zu einem großen Gesamtbild zusammensetzen. Am Ende kann man - muss aber nicht - Kritik üben.

Die Familie Dover in Prisoners
Die Familienidylle in Prisoners hält nicht lange an.

Die wichtigste Zutat eines Thrillers - Spannung

Ein guter Thriller lebt von seiner Spannung, ein schlechter Thriller hat keine wirkliche Spannung. Prisoners gehört ganz klar zur ersten Sorte. Schon wirklich lange habe ich keinen Film mehr gesehen, der so spannend war, dass er mich über 150 Minuten an den Bildschirm gefesselt hat, ohne ein einziges Mal das Verlangen zu spüren, auf die Uhr zu sehen. Die Handlung kommt schnell in Gang und schon nach ca. 15 bis 20 Minuten ist die Einführung abgeschlossen und der Zuschauer befindet sich mitten im Geschehen. Ab diesem Zeitpunkt bildet sich eine stetig steigende Spannungskurve, die konstant sehr hoch ist und sich in einem nervenzerreißendem Finale entlädt. Unter dem Wort Spannung könnte im Wörterbuch Duden ohne Probleme nur eines stehen: Prisoners.

Atmosphärisches Setting als Erfolgsfaktor

Ein weiteres großes Lob verdient der Schauplatz von Prisoners. Der Film hätte überall spielen bzw. gedreht werden können. Doch hier haben die Macher große Arbeit geleistet und eine Kulisse ausgewählt, die perfekt zu einer mysteriösen Kriminalgeschichte passt. Der Film spielt in einem amerikanischen Vorort. Doch hier ist es nicht idyllisch - auch die Sonne scheint nicht. Dieser Ort ist anders. Er ist umgeben von vielen Wäldern und Bäumen. Die Häuser haben eine ältere Bauweise, es regnet viel und es ist ständig bewölkt. Hierdurch wird eine unvergessliche, unheimliche, leicht hinterwäldlerische Atmosphäre erzeugt. In diesem Ort könnte ebenfalls ein waschechter Gruselfilm spielen.

Die Kameraarbeit von Roger Deakins ist elegant und setzt das Setting gut in Szene. Musik und Sound von Jóhann Jóhannsson sind ebenfalls über jeden Zweifel erhaben. Sie untermalen die Ereignisse passend mit entweder aufputschenden, epischen oder ruhigen und melancholischen Klängen. Diese drei Komponenten (Setting, Kamera, Musik) bilden ein stimmiges Ensemble.   

Ein verzweifelter Vater und ein engagierter Cop

Jake Gyllenhaal und Hugh Jackman in Prisoners
Die Besetzung in Prisoners ist ein Staraufgebot mit vielen bekannten Gesichtern.

Was die Schauspieler angeht, wird hier sowohl in den Haupt- als auch in den Nebenrollen ein großes Staraufgebot geboten. Hugh Jackman (Prestige - Die Meister der Magie, X-Men: Zukunft ist Vergangenheit) kennen die meisten aus seiner Paraderolle des Wolverine im X-Men-Franchise. Hier zeigt er als verzweifelter Familienvater Keller Dover, der alles daran setzt seine verschwundene Tochter zu finden, eine ganz andere Seite von sich. Und diese begeistert. Keller stellt die primäre Identifikationsfigur für den Zuschauer dar, weswegen es umso wichtiger ist, dass der Charakter glaubwürdig dargestellt wird. Vor allem Hugh Jackmans Emotionen, seine Trauer und seine Wut gehen einem unter die Haut. Man leidet mit ihm.

Jake Gyllenhaal (Donnie Darko, Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis) spielt den für diesen Kriminalfall verantwortlichen Polizisten Detective Loki, der bisher jeden seiner Fälle gelöst hat, doch dieses Mal an seine Grenzen stößt. Er macht seine Arbeit gewissenhaft, kann es Keller jedoch nie recht machen. Gyllenhaal ist so ein Schauspieler, den zumindest ich häufig vergesse, wenn es um Die Besten geht - obwohl seine Filme immer sehr sehenswert sind. Umso mehr hat mich seine Leistung in Prisoners überzeugt. Er und Jackman spielen sich die Bälle gekonnt zu.

Eine weitere größere Rolle übernimmt Paul Dano (12 Years a Slave, Little Miss Sunshine), der als Erster der Entführung der beiden Mädchen verdächtigt wird. Sein Charakter Alex Jones, ist ein geistig zurückgebliebener, seltsamer Junge der bei seiner Tante Holly Jones  - gespielt von Melissa Leo (21 Gramm, The Big Short) - wohnt. Terrence Howard (Empire, Iron Man) und Viola Davis (The Help, Eat Pray Love) spielen die Eltern des zweiten vermissten Mädchens, Maria Bello (A History of Violence, Kindsköpfe) die Frau von Keller Dover. Alle Fünf überzeugen ebenfalls und haben ihre starken und einprägsamen Momente.

Fazit: Prisoners

Was bleibt nach 153 Minuten Filmmaterial abschließend zu sagen? "Wow, was für ein Film"! Prisoners glänzt auf ganzer Linie und sollte in einer ausgesuchten Filmbibliothek oder einer "Filme-die-ich-gesehen-habe" Liste nicht fehlen. Dem Zuschauer wird eine mehrschichtige und spannungsgeladene Handlung geboten, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wird. Die Charaktere sind glaubwürdig geschrieben, die Schauspieler sehr stark besetzt. Die visuelle Umsetzung inklusive des Settings und der Wetterbedingungen kreieren eine dichte, mysteriöse und unheimliche Atmosphäre. Die Musik ergänzt das Gesamtbild und setzt an den passenden Stellen die richtigen Akzente. Mich hat der Film, das Gefühl beim Schauen, der Look und Teile der Handlung stark an die erste Staffel der Serie True Detective erinnert. Wer sich für Prisoners entscheidet, erlebt jedenfalls keinen langweiligen Sonntagnachmittag! Und da man sofort Lust bekommt sich den nächsten Film mit und von  Jake Gyllenhaal, Hugh Jackman oder Denis Villeneuve anzusehen, sollten auch die nächsten Filmtage gesichert sein! 

Dir gefällt dieser Beitrag? Jetzt teilen: