Review: Raum

So viel Geschichte passt auf zehn Quadratmeter

Raum Film Cover

Raum ist die Sorte von Film, die keiner kennt und eigentlich auch niemand anschauen will. Der Name klingt langweilig, das Plakat ist (vermeintlich) nichtssagend, und allgemein geht man dann doch lieber wegen Star Wars Episode VII oder Deadpool ins Kino. Selbst dort wird Raum im 45minütigen Werbe- und Trailerexzess nicht angekündigt. Wenn man von dem Film hört, dann höchstens durch die Nominierung als „Bester Film“ bei den Academy Awards. Und schon ist die Aufmerksamkeit da…

Die Story zusammenzufassen fällt in diesem Fall besonders schwer. Nicht weil sie derart komplex ist oder Raum für Interpretation lässt, sondern weil es das Filmerlebnis tatsächlich erheblich spoilern könnte. Deshalb hier nur das Nötigste:

Der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine „Ma’“ Joy (Brie Larson) leben in einem kleinen Raum, schäbig und ohne Fenster. Trotzdem versuchen sie, aus ihrem Leben das beste zu machen. Joy gibt alles, eine fürsorgliche und gewissenhafte Mutter zu sein, die ihrem Kind das bestmögliche Leben schenken will.

Denn Joy und Jack sind Gefangene. Seit sieben Jahren wird Joy von ihrem Kidnapper gefangen gehalten und täglich vergewaltigt. Der fünfjährige Jack hat in seinem Leben noch nichts von der Außenwelt gesehen. Bäume, Autos und Hunde sind für ihn Drachen und Einhörner in einer imaginären Welt, die er nur aus dem Fernsehen kennt. „Raum“ ist alles, dahinter ist nichts. Jacks Akzeptanz seiner kleinen Welt, bringt die Mutter zum Verzweifeln. Aus diesem Grund entschließt sie sich, ihrem Sohn die eigens aufgebaute Illusion wieder zu nehmen und von der großen Welt zu erzählen. Denn, so hoffnungslos die Situation auch sein mag, Jack soll wie jedes andere Kind ein Leben in Freiheit genießen dürfen.

Tatsächlich sah ich den Film ohne auch nur IRGENDWAS über die Handlung zu wissen. Wie Jack, lies ich mich auf die Illusion einer kleinen Welt ein, ohne auch nur ansatzweise von den ekelhaften Hintergründen zu ahnen. Doch ohne diese kleine Zusammenfassung würde sich wohl so gut wie niemand den Film ansehen, um es mal zynisch auszudrücken. Mit genau der richtigen Dosis an Background-Wissen funktioniert Raum jedoch am besten. Der offizielle Trailer spoilert hingegen ohne Scham. Deswegen ausnahmsweise mal keine Verlinkung unter der Review.

Jacob Tremblay Raum
Der fünfjährige Jack in "Raum". Das einzige, was er kennt und für real hält.

Realität von ihrer dunkelsten Seite

Raum ist ein Roman von Emma Donoghue, der von dem Fall Josef Fritzl aus Wien inspiriert wurde. Einige Handlungselemente sind vergleichbar mit diesen realen Ereignissen. Die Autorin selbst schrieb auch das Drehbuch für die Verfilmung, was sich definitiv ausgezahlt hat.

Nun, Raum hört sich immer mehr nach unglaublich schwer verdaulicher Kost an. Zur Frage, ob er es wirklich ist: Erstaunlicherweise, ja und nein.

Blutgefrierend & herzerwärmend 

Der Grundton von Raum ist so positiv, wie es bei der Thematik überhaupt möglich ist. Denn die Geschichte wird aus den Augen des kleinen Jack erzählt, der mit seiner unerschöpflichen Fantasie Dreck in glänzende Perlen verwandelt. In regelmäßigen Monologen erklärt Jack dem Zuschauer sein Weltbild. So sind Spinnen und Moskitos beispielsweise „echt“, da sie in das Universum „Raum“ hineinpassen. Pferde, Hasen, Hunde, usw. sind jedoch Fantasie, denn sie sind zu groß. Es gibt auch nur zwei weitere Menschen: Ma’ und „Old Nick“, der wiederum nur „halb echt“ ist.

Doch Jack’s positive Lebensenergie lässt die Situation und deren Unfassbarkeit nicht komplett überstrahlen. Immer wieder bekommt man als Zuschauer ein flaues Gefühl im Magen, immer wieder stößt der Ekel auf. Dazu bietet Raum eine Handvoll Szenen, die einem aufgrund ihrer emotionalen Wucht nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. Hier wird ganz großes Drama geboten.

Die beste Child-Performance der letzten Jahre

Jacob Tremblay ist eine Offenbarung. Die Darstellung des neunjährigen Schauspielers ist so unglaublich, dass sie einen nur sprachlos zurücklässt. So ungekünstelt und echt sieht man ein Kind selten in einem Film. Seine Performance erinnert etwas an Noah Wiseman in Der Babadook.

Obwohl Brie Larson als Joy die Nominierung als beste Hauptdarstellerin bei den Academy Awards in der Tasche hat, ist Tremblay der wahre Star des Films. Aber auch Brie Larson ist die perfekte Besetzung einer verzweifelten und dennoch starken Mutter. Luft nach oben gibt es hier nicht.

Jacob Tremblay und Brie Larson in Raum
Brie Larson und Jacob Tremblay als Mutter und Sohn, isoliert von der Außenwelt.

Effektive Kamera und emotionale Musik

Viel Platz ist in einem 10 Quadratmeter großen Raum nicht. Doch die Kamera schafft es, dem „Raum mehr Raum“ zu geben. Geschickt nutzt sie alle Winkel und Kanten, um Tiefe und Abwechslung in die Bilder zu bringen. Nichtsdestotrotz ist ein klaustrophobisches Ambiente gewollt.

Auch die Musik ergänzt den Film perfekt. Es handelt sich meist um verspielte Klaviermelodien, positiv, aber dennoch melancholisch. In dramatischen Momenten fährt der Score von Stephen Rennicks zu großen Klängen auf, um für einen noch größeren emotionalen Schlag auszuholen.

Fazit: Raum ist faszinierend, einzigartig und erstaunlich schön

Nein, weder ist Raum ein kafkaeskes Kammerspiel, noch ein ekelerregender Psycho-Thriller geworden. Stattdessen haben wir hier einen Film, der sehr beklemmend, aber auch sehr lebensbejahend ist. Raum ist eines der besten Dramen des letzten Jahres, und wird durch sein meisterhaftes Schauspiel und seine großartigen Emotionen lange im Gedächtnis bleiben. Der Oscar für den besten Film wäre definitiv verdient… doch wohl eher unwahrscheinlich. Da sind wohl eher The Revenant oder Mad Max: Fury Road die Favoriten. 

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