Review: Spotlight

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Spotlight Poster

Boston im Jahr 2001. Als die ganze Welt mit Entsetzen den 11. September verarbeitete, hat sich im Hintergrund jedoch eine weitere Schreckensgeschichte an die Öffentlichkeit gegraben. Die Rede ist von den Missbrauchsskandalen gegen Kinder, die sich in der Katholischen Kirche stillschweigend über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben. Die Münder waren versiegelt, die Augen geschlossen. Nur wenige Opfer haben sich getraut, mit ihrem Geheimnis an die Öffentlichkeit zu gehen. Aus diesem Grund nahmen sich die investigativen Journalisten des Boston Globes den Fall zu herzen. Doch je weiter das Spotlight Team grub, desto größer zeigte sich das Verbrechen…

Die Geschichte basiert bis ins Detail auf wahren Begebenheiten. Sie beginnt mit der Ernennung des neuen Chefredakteurs Marty Baron (Liev Schreiber), der das Journalistenteam „Spotlight“ auf eine neue und große Story ansetzen will.

Spotlight, das sind Robby (Michael Keaton), Sacha (Rachel McAdams), Michael (Mark Ruffalo), und Matt (Brian d'Arcy James). Ihr Spezialgebiet ist der investigative Journalismus. Mit stahlhartem Ehrgeiz und dem Gespür eines Jagdhundes, beißen sie sich an die mutmaßlichen Missbrauchsfälle der Katholischen Kirche fest, und lassen nicht mehr los. Ihre Suche führt über Anwälte, Kardinäle, und schließlich zu den eingeschüchterten Opfern. Doch die Kirche ist mächtig. Mit allen Mitteln will sie vertuschen, bestechen und manipulieren, damit die entsetzliche Story niemals auf gedrucktem Papier erzählt wird.

Spotlight Movie
Unordnung, Chaos und brennender Eifer. Das Spotlight Team bei der Arbeit.

Fesselnder Realismus

Pädophiler Kindesmissbrauch. Eine Thematik, die das höchste Maß an Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit erfordert, da sie sonst einen Film schnell in die Geschmacklosigkeit katapultieren kann. Wie man es richtig macht, zeigt Spotlight auf brillante Weise.

Im Fokus steht der seriöse Journalismus. Spotlight zeigt zu keiner Zeit die kranken Fantasien der Prieste oder sonstiges, abstoßendes Bildmaterial. Die komplette Handlung wird aus der Sicht der vier Hauptcharaktere erzählt. Spotlight braucht keine visuellen Andeutungen des Verbrechens zu zeigen, um unter die Haut zu gehen. Wie es für gute Journalisten die Regel ist, werden sämtliche Informationen über Interviews und Recherche gesammelt, und genauso wird dem Zuschauer die Handlung präsentiert.

Sehr elegant gelingt es Spotlight dabei, eine übertriebene Schwarz-Weiß Zeichnung der Täter und Protagonisten zu vermeiden. Hier wird niemand als Monster dargestellt, es gibt keinen psychopathischen Priester, und auf der anderen Seite auch keine schimmernden Helden. Doch dadurch wird die Thematik umso authentischer und unheimlicher. Man spürt zu jeder Sekunde des Films, dass es sich hierbei um etwas „Reales“ handelt. 

Besonders wenn die psychisch zerbrochenen Opfer von ihrer Vergangenheit erzählen, stellt sich beim Zuschauer langsam eine Gänsehaut auf. Der Erzählton ist so objektiv und nüchtern gehalten, dass man die Thematik auch ohne unnötige Übertreibungen als abstoßend empfindet. Zuletzt gelang das Raumder eine ähnliche Thematik mit einer subjektiveren Sicht authentisch darstellte. 

Ein erhabener Cast

Die wahre Stärke von Spotlight ist die großartige Besetzung, die bis in die kleinste Nebenrolle mehr als nur überzeugt. Das Schauspiel wirkt so echt, dass man das Gefühl nicht los wird, man schaue eine sauber gefilmte Dokumentation. Allen voran sticht Mark Ruffalo als junger, emotional aufgewühlter Journalist heraus, der einige der emotionalsten Szenen des Films für sich gewinnt. Nicht umsonst verdiente er sich damit eine Nominierung als „Bester Nebendarsteller“ bei den Academy Awards.

Auch Stanley Tucci als mies gelaunter Anwalt ist ein kleines Highlight. Obwohl er eher selten im Film zu sehen ist, prägt sich Tuccis erfahrenes Schauspiel sofort in das Gedächtnis ein. Sein fürsorglicher Umgang mit den Opfern, die ebenfalls eine erschreckend authentische Performance abliefern, bildet einen schönen Kontrast zu seiner sonst sehr zynischen Art.

Spotlight Stanley Tucci
Stanley Tucci als schlecht gelaunter Anwalt Mitchell Garabedian.

Ein straffes Erzähltempo sorgt für unterschwellige Spannung

Spotlight ist natürlich ein sehr dialoglastiger Film. Das Drehbuch ist jedoch so elegant und packend geschrieben, dass sich über die 128 Minuten niemals Langeweile bildet. Im Gegenteil. Je tiefer die Journalisten bohren, desto düsterer wird die Atmosphäre. Es ist eine Handlung, die zu wirklich jeder Minute progressiv und involvierend ist. Der Eifer und die Motivation der Charaktere immer mehr herausfinden zu wollen, springt unmittelbar auf den Zuschauer über. Man könnte Spotlight auch ohne Wimpernzucken als unterschwelligen Thriller bezeichnen.

Wohl dosierte Musik und zurückhaltende Kamera

Die Inszenierung von Spotlight schlägt weniger die künstlerische Kerbe ein, als dass sich Regisseur Tom McCarthy auf eine effektive technische Umsetzung konzentriert. Die Kamera und die Musik halten sich brav zurück, um nicht von den spannenden Dialogen abzulenken. Mit ruhiger Hand werden intensive Close Ups der Charaktere eingefangen, und der Soundtrack setzt immer wieder kleine dramatische Akzente. Besonders in Erinnerung bleibt die Einspielung eines Kinderchors, während die Journalisten die dunkelsten Geheimnisse des Falls lüften. Es ist kaum zu fassen, dass der selbe Regisseur vor zwei Jahren noch Cobbler: Der Shuhmagier mit Adam Sandler drehte.

Fazit: Spotlight ist hochwertiges Kino in seiner fesselndsten Art

Unterschwellig, dialoglastig, und dennoch packend. Spotlight ist zu jeder Minute interessant und involvierend. Man fühlt sich sofort in die Rolle eines Journalisten eingesogen, und spürt den Eifer, diesen Kriminalfall mit all seinen unfassbaren Details aufzudecken. Der Realismus ist faszinierend und erschreckend zugleich. Wenn dazu meisterhafte Schauspieler mit Hingabe grandiose Dialoge führen, dann ist das Kinokunst in seiner reinsten Form.

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