Review: The Return of the First Avenger

Marvel macht einen auf Nolan: The American Knight Rises?

Captain America 2 The Return of the First Avenger

Die Inszenierung von Comic-Verfilmungen bewegt sich irgendwo zwischen „total abgespaced“ und „fast so ernst wie die Realität“. Vor 15 Jahren wäre man nie auf die Idee gekommen, eine Geschichte um genmanipulierte Superkräfte, außerirdische Gottheiten und grüne Wutmonster im realistischen Erzählton abzufilmen. Erst Christopher Nolan und seine düster-schwermütige Interpretation des Batman Universums haben einen neuen Trend in der Unterhaltungsfilm-Szene gesetzt. Aber nicht jeder machte mit. The Avengers aus dem Jahr 2012 gab dem Marvel Universum seine sympathische Naivität zurück. Nun ging es aber über zu „Phase 2“ des Marvel Franchises und The Return of the first Avenger kam in die Kinos. Er sollte alles ändern.

Moment, was ist „Phase 2“? Ganz einfach: Das sind alle Superhelden-Filme, die nach dem ersten Avengers-Film gedreht wurden und die Story von Avengers 2: Age of Ultron einleiten sollen.

Zur Phase 2 gehören:

  1. Iron Man 3
  2. Thor 2: The Dark Kingdom
  3. The Return of The First Avenger

 

Warum The Return of The First Avenger der mit Abstand beste Phase 2-Film ist, hier in der Kritik.

Captain America - Kein hübscher Name für das europäische Gemüt

Der nicht ganz so mysteriöse „First Avenger“ ist natürlich Captain America. Nach dem etwas mauen ersten Teil aus Phase 1, will man nun nichts mehr mit dem Originaltitel zu tun haben. Zumindest in Deutschland.

„Captain America“ hört sich in unseren Ohren einfach zu sehr nach Michael Bay an und wir denken sofort an eine käsige Selbstbeweihräucherung der Amis. „Captain America“ gibt uns das unangenehme Gefühl, dass in diesem Film Megan Fox halbnackt einen Truck repariert, während im Hintergrund, im rötlichen Sonnenuntergang, eine amerikanische Flagge im Westcoast-Wind flattert und ein Linkin Park Song die ganze Szene plump unterstreicht.

Return of the First Avenger Captain America
Interessante Chemie - Natasha aka Black Widow (Scarlet Johannson) und Steve aka Captain America (Chris Evans)

Sowieso war Captain America (Chris Evans) der uncoolste Typ in The Avengers. Während Tony Stark (Robert Downey Jr.), Bruce Banner (Mark Ruffalo) und The Black Widow (Scarlett Johannson) alle lässig ihre One-Liner raushauten, war Steve Rogers (das ist sein richtiger Name) der Spießer der Gruppe. Seinen Charakter kann man mit dem Kind aus der Schule vergleichen, das immer petzt wenn jemand abschreibt. Sein ungezügelter Durst nach Moral und Prinzipien ging schnell auf die Nerven und machten den Charakter eindimensional.

Raus aus dem Mist

Während das Setting des ersten Teils von Captain America noch im Zweiten Weltkrieg, also in den 1940er-Jahren, angesiedelt war, spielt The Return of the First Avenger in der modernen Realität. Steve Rogers alias der Cap. hat sich immer noch nicht ganz an das Leben des 21ten Jahrhunderts gewöhnt; doch er gibt sich Mühe. In einer sympathischen Szene zu Beginn des Films sehen wir eine von ihm geführte Liste, gefüllt mit Begriffen aus der Pop-Kultur, die Steve allerdings noch nicht versteht (zum Beispiel „Star Wars/Trek, Nirvana, Rocky, Disko“ usw.). Schon durch dieses kleine Element bekommt der Captain mehr Charakter und Sympathie als in seinen beiden letzten Filmen zusammengerechnet.

Auch die Handlung von The Return of the First Avenger ist zum Glück weniger kitschig als beim Vorgänger. Im Gegenteil: Hier geht es erstaunlich erwachsen und komplex zu. Statt kindischem Patriotismus kriegen wir es mit Vertuschungen und Verschwörungen innerhalb von politischen Geheimdiensten zu tun. Nach und nach deckt Captain America nämlich düstere Geheimnisse seines Arbeitgebers S.H.I.E.L.D. auf. In der Organisation bildet sich eine geheime Splittergruppe, die durch Infiltrierung Schritt für Schritt die Macht übernimmt. Ihr Ziel: Ein totaler Überwachungsstaat, realisiert durch konsequente Eliminierung aller „Staatsfeinde“. Selbst auf den einäugigen Direktor von  S.H.I.E.L.D. Nick Fury (Samuel L. Jackson) werden Assassinen gehetzt. Stattdessen übernimmt ein Mitglied des Weltsicherheitsrates, Alexander Pierce (niemand anderes als Robert Redford), das Steuer und lenkt die Organisation auf einen gefährlichen Kurs. Aber halt: Nicht mit Captain America! Zusammen mit Natasha Romanov aka „The Black Widow“ will er die bösen Mächte innerhalb von S.H.I.E.L.D. im Keim ersticken. Doch je tiefer sie graben, desto größer stellt sich die ganze Verschwörung dar. Sie reicht sogar bis zu den Nazis des Dritten Reichs zurück…

Samuel Jackson in Return of The First Avenger
Samuel Jackson in The Return of the First Avenger

Weniger Avengers – Dafür mehr Spannung

Nach Joss Whedons buntem Effektfeuerwerk namens The Avengers, zieht das Regie-Duo Anthony Russo und Joe Russo einen konsequent bodenständigen Erzählton durch. Der erinnert auf Dauer mehr an einen Liam Neeson Action-Thriller als an Marvels verrückte Comicwelt. Auch wenn die Komplexität eines The Dark Knight nicht ganz erreicht wird; naiv oder kitschig ist in The Return of the First Avenger gar nichts.

Es reiht sich eine spannungsgeladene Szene an die nächste. Gemeint ist echte Spannung und keine hohle Pseudo-Dramatik, die eher einlullt als einbezieht. Im Gegensatz zu den grundsoliden aber eher mäßig faszinierenden Superhelden-Geschichten wie Ant-Man, Thor und Co. gelingt es dem Regie-Duo der Russo-Brüder, dass wir während des Films WIRKLICH wissen wollen, wie es weitergeht. Die Handlung ist nicht nur ein Gerüst für möglichst viele Action-Setpieces, sondern ein selbständiges Element eines starken Films.

Warum ist The Return of the First Avenger aber so viel besser als herkömmliche Marvel-Streifen? Einfache Antwort: weil er fokussiert ist. Statt den Film mit einer möglichst epischen Handlung mit möglichst vielen Raumschiffen und übernatürlichen Kräften aufzupumpen, geht es hier um (mehr oder weniger) realistische Konflikte. In Zeiten des Terrors und der Geheimdienste, wirkt The Return of the First Avenger erstaunlich relevant; und kein bisschen patriotisch.

Wer ist der Winter Soldier?

Der Originaltitel des Films ist Captain America: The Winter Soldier. Ausnahmsweise macht hier die Änderung des deutschen Titels in einen anderen englischen Titel Sinn. Denn der Winter Soldier ist für den Film niemals derart relevant, dass er seinen Namen im Titel verdient. Er ist nicht einmal der zentrale Bösewicht. Zwar strahlt der maskierte Superagent eine gewisse mysteriöse Aura aus und seine Actioneinlagen sind mehr als sehenswert. Doch er bleibt nur eine Randfigur.

Im Fokus steht hingegen das Trio aus Captain America, Black Widow und Nick Fury. Mehr Avengers gibt es in The Return of the First Avenger auch nicht zu sehen. Durch die begrenzte Anzahl der Filmfiguren bekommen die Charaktere aber viel mehr Platz zum Atmen. Besonders die „Beziehung“ zwischen Cap. und Black Widow, die irgendwo zwischen Friendzone und Urlaubsflirt anzusiedeln ist, bietet einiges an Unterhaltungsstoff. (Der Besuch eines Apple-Stores zählt definitiv zu den heimlichen Filmhighlights.)

Effektive Action, voll auf die Zwölf 

Return of the First Avenger Action
Rasant und wuchtig inszeniert - Die Russo Brüder sind ausgezeichnete Action-Regisseure

Von realistischen Actionszenen kann zwar lange nicht die Rede sein, doch The Return oft he First Avenger zeigt, dass weniger manchmal doch mehr ist. CGI gibt es für Marvel-Verhältnisse kaum. Dafür strotzen die Zweikämpfe vor Kraft und technischer Raffinesse, während Explosionen eine echte Druckwelle zu erzeugen scheinen. Ein Beispiel wäre die Verfolgungsjagd durch den Großstadtdschungel gleich zu Beginn des Films. Als an einer Straßenkreuzung ein Polizeiauto mit einem anbrausenden Truck kollidiert, dann rumst das so gewaltig, dass man vor Schreck einen Anschnallgurt im Kinosessel sucht.

The Return of the First Avenger bietet Action-Kracher im Minutentakt. Diese wurden allerdings so effektiv inszeniert, dass man über die komplette Laufzeit nie ein Sättigungsgefühl bekommt. 

Fazit: The Return of the First Avenger ist ungewöhnlich starkes Kinomaterial von Marvel

Wenn man beide Captain America-Filme miteinander vergleicht, dann kann The Return of the First Avenger ungelogen zu den besten Sequels aller Zeiten gezählt werden. Rasante Action, ein (endlich!) interessanter Hauptcharakter und eine straffe Handlung machen den Film zu perfektem Unterhaltungskino. Selbst Comicfilm-Hasser sollten diesem Action-Thriller etwas abgewinnen können. In solider Dark Knight-Manier peitschen die Russo-Brüder ihre düster-komplexe Handlung über zwei Stunden voran, ohne auch nur eine Sekunde zu langweilen. Der striktere Fokus auf wenige Charaktere lädt eher zum Mitfiebern ein, als das Nerd-Epos The Avengers. Man darf gespannt sein, ob der dritte Captain America-Teil The First Avenger: Civil War diese Stärke beibehält.

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