Review: Triple 9

Gang Unit statt G-Unit

Triple 9 Wallpaper

Im fesselnden Actionfilm Triple 9 nimmt uns Regisseur John Hillcoat mit auf Ghetto-Safari in die Gang-Areas von Atlanta. Mit dabei: ein umfangreicher und erstklassiger Cast. Nicht im Gepäck sind Moral und Anstand. Denn der düstere Cop-Thriller ist die schonungslose Bestandsaufnahme einer zerbrochenen Gesellschaft. Wird der Streifen den hohen Erwartungen gerecht? 

Die Vororte von Atlanta ertrinken in einem Sumpf aus Kriminalität. Rivalisierende Gangs beherrschen die Straßen. Die Gang Unit, eine Sondereinheit der Polizei von Atlanta, die eine Mischung aus Sozialarbeiter und hartem Kerl ist, operiert im Feindesland. An einen echten Sieg über Armut, Drogen und Gewalt glaubt niemand. Von den Drogen-Clans ist die Gang Unit bestenfalls geduldet. Worst Case: Kopf ab. Kein Scherz.

Polizist Marcus Belmont (Anthony Mackie) weiß wenigstens was er im Gang-Area tun und lassen kann. Chris Allen (Casey Affleck), der Neuzugang der Einheit, weiß es nicht. Dennoch stimmt sein Onkel Jeffrey Allen (Woody Harrelson), der Leiter der Unit, Chris‘ Versetzung zu. Dass Belmont, der nur mit gezückter Pistole Streife fährt, über seinen naseweisen Frischling Chris Allen nicht happy ist, brauch ich wohl kaum zu erwähnen.

Belmonts eigentliches Problem ist jedoch ein anderes: er und ein paar seiner Kollegen haben einen heiklen „Zweitjob“. Statt Uniform tragen sie bei ihrer Nebenbeschäftigung lieber Strumpfmaske und Kalaschnikow. Was die Polizisten damit tun? Banken ausrauben. Und zwar für die Chefin der ortsansässigen jüdischen Russenmafia. Das Problem: ein neuer Auftrag, den die eiskalte Irina Vlaslov (Kate Winslet) den kriminellen Cops aufdrückt, scheint unmöglich. Außer vielleicht mit Hilfe eines perfiden Coups: als Ablenkungsmanöver soll ein Polizist, also ein Kollege, sterben. Der daraufhin ausgerufene Polizeicode „999“ soll alle Einsatzkräfte binden und vom eigentlichen Raubüberfall der Gruppe ablenken. Doch welchen Kollegen soll es treffen? 

Triple 9 - Ein echter Thriller

Deadpool in Triple 9
Spielt Comic-Held Deadpool etwa auch mit?

Triple 9 ist ein Action-Thriller. Thriller fettgedruckt, wohlgemerkt. Bevor ihr euch in die Kinosessel zwängt, am Besten noch mal tiiiiiief durchatmen. Denn Triple 9 ist verdammt spannend, absolut nervenaufreibend und fesselt von der ersten bis zur letzten Kameraeinstellung. Eure Fingernägel werden nach diesem Film anders aussehen. Versprochen.

Warum das so ist, liegt auch daran, dass Triple 9 weniger ein Cop-Thriller als ein Kriegsfilm ist. Wenn die Charaktere von Anthonie Mackie und Casey Affleck wachsam ihre Runden durch die Hood der Gangs drehen, dann kommt das einem Militäreinsatz hinter den feindlichen Linien gleich. Die versuchte Festnahme eines Gangleaders erinnert mehr an Häuserkampf im Irak als an Polizeiarbeit.

Auch sonst gilt: Statt Ellbogen-Aus-Dem-Fenster-Attitüde inklusive leicht bekleideter Mädels, die zu Beats der Hip-Hop-Combo G-Unit tanzen, gibt es hier düstere Stimmung. Ganz ohne Macho-Sprüche à la Bad Boys.

Das ernüchternde Bild, das Regisseur John Hillcoat von der Parallelgesellschaft in amerikanischen No-Go-Areas zeichnet, ist schmerzlich real, nicht über-ästhetisiert oder heroisiert und genau aus diesem Grund: umso fesselnder.

Während das verwahrloste Setting die Grundstimmung des Films bestimmt, sorgt solide inszenierte Action für den nötigen Drive und treibt die Spannung in die Höhe. Kameramann Nicolas Karakatsanis hält die Bildausschnitte seiner Kamera für einen Hollywood-Actionfilm ungewöhnlich eng. Statt Luftaufnahmen von Highway-Verfolgungen gibt es eine energiegeladene enggefasste Kameraarbeit, die die Dramatik der Geschehnisse hautnah einfängt.

Besonders faszinierend ist die erste Szene des Films. Die Kamera bleibt so eng und nah an den Gesichtern der Protagonisten kleben, dass der Zuschauer komplett die Orientierung verliert. Nicht zu wissen wo man ist und – bis auf ein paar Gesichtskonturen im Dunklen – auch keine Darsteller zu sehen, ist ein gelungener Auftakt für einen überdurchschnittlichen Actionstreifen und zieht einen sofort ins Geschehen.

Auch der Soundtrack von Komponist Atticus Ross, der unter anderem die Titelmusik zu Fear The Walking Dead komponierte, trägt sein übriges zur Spannung des Filmes bei. Pulsierende synthetische Beats peitschen die Handlung vor sich her. Während misstönende subtile Melodien sich heimlich in den Gehörgang schleichen und ein konstantes Gefühl des Unbehagens verursachen. Die Musik von Atticus Ross könnte der kleine, etwas nachdenklichere Bruder des Soundtracks von Mad Max: Fury Road sein.

Nicht zu vergessen sind die gekonnt inszenierten Plot Twists, die für ein spannendes Kinoerlebnis sorgen. Angenehm dabei ist, dass Triple 9 verständlich bleibt und nicht, wie bspw. die Oceans 11-Reihe, erst nach dem x-ten Mal verständlich ist.

Großartiger Cast, geringer Output

Triple 9 Cast

Ein Problem, das viele Action-Filme haben ist, dass sie in dem komplexen Geflecht aus Gewalt, Action und Drama die Orientierung verlieren. Nicht so Triple 9. Regisseur John Hillcoat hält die Balance und verliert nie den Fokus auf das was eigentlich zählt: die Charaktere des Films.

Und die sind hochkarätig besetzt. Insgesamt müssen sich sieben Hollywood-Stars die Aufmerksamkeit des Publikums teilen. Filme mit einer Fülle an Hauptdarstellern sind für Regisseure immer wieder eine Herausforderung. Anders als die Multi-Cast-Filme The First Avenger: Civil War oder die Hobbit-Trilogie lässt John Hillcoat nicht all seinen ausgezeichneten Schauspielern die gleiche Aufmerksamkeit zu Teil werden. Stattdessen konzentriert sich die Handlung von Triple Nine relativ schnell auf einige wenige Hauptdarsteller, was wirklich schade ist.

Im Fokus der Handlung steht vor allem das Cop-Duo Marcus Belmont und Chris Allen. Anthonie Mackie und Casey Affleck spielen das Paar mit der notwendigen gegenseitigen Abneigung. Wirklich Neues können sie dem Verhältnis jedoch nicht abgewinnen.

In der Einzelwertung kann Casey Affleck hinreichend überzeugt. Der milchgesichtige Grünschnabel möchte unbedingt zur Gang Unit dazugehören. Nach außen hin lässt er sich seine Anspannung nicht anmerken. Schon im Trailer lüpft er lässig cool seine Basecap und kaut vermeintlich entspannt seinen Kaugummi. Alles nur Show. Tatsächlich setzt ihm sein neuer Job zu. Schein und Sein seiner Filmfigur zaubert Casey Affleck spielend leicht auf die Leinwand.

Kate Winslet mal anders

Kate Winslet in Triple 9
Nicht wiederzuerkennen: Kate Winselt als Mafia-Bossin

Chiwetel Ejioford spielt in der Rolle des Michael Atwood den Kopf der korrupten Cop-Crew. Zwar widmet Triple Nine gerade ihm einen Großteil seiner Laufzeit, doch bleiben vor allem Harrelson und Affleck im Gedächtnis. Spannend an der Filmfigur, die Chiwetel Ejioford verkörpert, ist vor allem eins: Mit Irina Vlaslov, dem unberechenbaren Boss der Russenmafia, hat er ein Kind, dass diese eiskalt als Druckmittel gegen ihn und seine Crew einsetzt. Das interessante Verhältnis und die damit einhergehenden Konflikte sind einer der einfallsreichsten Kniffe von Triple 9.

Unterstrichen wird das durch Kate Winslet, die als steinharte Mafiosa eine gänzlich ungesehene Seite ihres Könnens zeigt. In dieser Rolle erfindet sie sich komplett neu, was ihr mit Bravour gelingt. Ihre Verwandlung ist so gut, dass mir erst beim Abspann auffiel, wer hinter der Rolle Irina Vlaslov steckt. Hut ab, Kate. Good job!

Woody das Wrack

Woody Harrelson in Triple 9
Ausgelaugt – ein Woody Harrelson als Cop am Ende seiner Laufbahn

Die korrupten Polizisten mal außen vorgelassen, spielt vor allem Sergeant Jeffrey Allen eine Rolle. Woody Harrelson, der sich Schritt für Schritte an die Spitze Hollywoods hocharbeitet, bietet die herausragendste schauspielerische Leistung des Filmes.

In puncto Polizeiarbeit, mag er auf der moralisch „richtigen“ Seite stehen, doch frei von Laster ist er nicht. Der degenerierte Sergeant ist ein Wrack. Sein Anzug hängt wie ein loser Sack an ihm herab. Genau wie sein Träger, hat die Garderobe von Sergeant Allen schon bessere Tage gesehen. Woody Harrelson, der bereits in Die Tribute von Panem den Dauertrinker spielte, lässt seine Rolle des Öfteren zu Marihuana und Härterem greifen.

Auf die Aussage des Neuling Chris Allen, der so naiv ist zu glauben, dass seine Polizeiarbeit etwas bewegt, kann Harrelsons Charakter nur verächtlich schnauben. Das Leben des gealterten Sergeant ist das, was Chris Allen blühen wird, wenn er den nervenaufreibenden und abstumpfenden Job des Gang-Crime-Cops weiter macht. Ein Zustand zwischen Gleichgültigkeit und Depression.

The Walking Bad

Norman Reedus in Triple 9
Enttäuschend – Norman Reedus fährt nur das Fluchtauto

Auch Aaron Paul, besser bekannt als Jesse Pinkman aus Breaking Bad, kämpft wieder einmal mit der Sucht. Der Ex-Cop begeht nicht nur krumme Dinger, sondern ist auch auf Droge und Alk. Da er zu wenig Screentime hat, kommt er in Triple 9 leider nicht richtig zum Zug und erinnert zu stark an seine Hauptrolle als Junkie Jesse in Breaking Bad. Auch Norman Reedus, der grandiose Darsteller von „Armbrust-Mann“ Daryl Dixon in The Walking Dead, kommt viel zu kurz, was extrem enttäuschend ist, da er großartig in die harte Welt von Triple 9 passt.

Ebenfalls enttäuschend ist, dass die Charaktere von Aaron Paul und Woody Harrelson abgekupfert wirken. Regisseur Hillcoat schafft es nur streckenweise den beiden Rollen einen eigenen Stempel aufzudrücken. Schade. Ansonsten ist der Cast des Films bodenständig und solide. Keine schauspielerischen Überflieger. Aber auch keine Platzpatronen. Moralisch erhaben ist jedoch kaum einer.

Was Ferguson und Triple 9 verbindet

Moral scheint Regisseur John Hillcoat ein Fremdwort zu sein. Seine Message ist jedoch ganz klar. In Triple 9 portraitiert er eine Gesellschaft, die bereits zerbrochen ist. Dabei seziert er nüchtern und ohne übertriebene Aufregung ein Krebsgeschwür der amerikanischen Gesellschaft: die verlorenen Armutsvororte. Dabei erinnert seine filmische Bestandsaufnahme mehr an den brasilianischen Kinofilm City of God als an den Cop-Film Departed oder den Crime-Klassiker L.A. Confidential.

Im Gegensatz zu besagten Filmen schmeißt Hillcoat all die genre-typischen Stereotypen mitsamt ihrem Ehrgefühl über Bord. Was bleibt, sind Charaktere, die getrieben von Angst, Anspannung aber auch Gier zu allem bereit sind. Die brutale Skrupellosigkeit, mit der Cops (Sprengfallen) und Gangster (abgetrennte Köpfe) vorgehen, ist stets Ausdruck eines verzweifelten Machtkampfes. Sympathisch ist in Triple 9 weder die Staatsmacht noch sind es die Gangs.

Auch sonst ist Triple 9 angenehm unamerikanisch. Keine wehenden Stars and Stripes, keine zeitlupigen Sonnenuntergangs-Schießereien, keine Ray-Ban-Sonnenbrillen-Machos. Statt Schwarz-Weiß-Malerei ist in Hillcoats Action-Thriller ziemlich alles dunkelgrau, verwahrlost und düster. Die Grundstimmung des Filmes passt zur aktuellen Stimmung in den USA wie die Faust aufs Auge.

Denn Triple 9 zeigt uns eine Nation, die ihren Kompass verloren hat. Der Glaube vieler US-Amerikaner an die Rechtschaffenheit der Polizeibehörden ist spätestens seit den unrechtmäßigen tödlichen Schüssen auf den 18-Jährigen Schwarzen Michael Brown in der Stadt Ferguson erschüttert. Triple Nine beleuchtet weitere Aspekte dieses und ähnlicher Konflikte und zeigt, was passiert, wenn eine Nation ihre Ärmsten im Stich lässt und die Gesetzeshüter überfordert.

Casey Affleck und Gangster in Triple 9
Casey Affleck und Gangster – Wenn Welten aufeinander treffen

Fazit: Triple 9 ist ein erbarmungsloser und packender Action-Thriller

Mit Triple 9 legt Regisseur John Hillcoat seinen Finger in eine offene Wunde der amerikanischen Gesellschaft. Ursachen und Lösungen für Korruption und Kriminalität liefert der Film nicht. Stattdessen konzentriert sich der hochkarätig besetzte Action-Thriller auf seine Charaktere. Aus dem erstklassigen Cast hätte jedoch mehr gemacht werden können. Das Serienlieblinge Norman Reedus und Aaron Paul zu kurz kommen ist schmerzlich. Für Trost sorgt hingegen Woody Harrelson, der eine herausstechende Performance abliefert.

Die Handlung von Triple 9 ist nicht so intelligent wie bspw. die von Inside Job. Dennoch ist sie spannend und wendungsreich. Statt cooler Sprüche und flacher Witze gibt es im Action-Thriller düstere Stimmung. Erbarmungslose Spannung fesselt den Zuschauer auf seinen Kinosessel und ist der größte Pluspunkt des Filmes.

Besonders überzeugend ist Triple 9 vor allem, weil er keine Antwort auf Gewalt und Korruption findet. Was bleibt ist ein dumpfes Gefühl der Ohnmacht und der Hoffnungslosigkeit – und ein paar verschwitzte Hände des Kinobesuchers.

Dir gefällt dieser Beitrag? Jetzt teilen: