Review: Tschiller: Off Duty

Gut gemeint, schlecht gemacht

Til Schweiger als Nick Tschiller in Tschiller: Off Duty

In Tschiller: Off Duty ist Til Schweiger als Nick Tschiller auf Rettungsmission. Bei der Fernsehsendung Doppelpass vom letzten Sonntag machte Til Schweiger klar, in welcher Tradition er Tschiller: Off Duty sieht. Es fielen Namen wie 96 Hours und James Bond. Til Schweiger steckt die Messlatte hoch. Messen wir also.

Bevor wir Tschiller: Off Duty unter die Lupe nehmen, noch eins: Diese Kritik will kein unseriöses Schweiger-Bashing betreiben. Uns geht es um den Film. Ein paar feste Hiebe wird Schweiger trotzdem einstecken müssen. In den Ring steigen wir aber erst später. Erst mal Positives.

Einmal Istanbul-Moskau, bitte

Tschiller: Off Duty knüpft an die vorhergegangenen Fernseh-Tatorte des Hamburger-Ermittler-Duos Tschiller-Gümer an, lässt sich aber auch ohne, dass man diese gesehen hat problemlos verstehen.

Lenny Tschiller (Luna Schweiger), die 17-jährige Tochter des Hamburger Randale-Polizisten Nick Tschiller (Til Schweiger) ist auf Rachemission alleine in Istanbul. Ihr Plan: In einem Hotelzimmer Firat Astan (Erdal Yıldız), Nicks Gegenspieler der Fernsehfolgen und Mörder Lunas Mutter, zu töten. Das klappt natürlich nicht und Lenny findet sich alsbald - nach einer Schiffsreise in einem Container - auf dem Strich in Moskau wieder. Tschiller ist auf Rache aus und reist, wie Schweigers großes Vorbild Liam Neeson, nach Istanbul und später nach Moskau. Denn er hofft, seine "große Liebe", wie er es formuliert, frei zu boxen.

Überraschende Plot Twists oder Turns gibt es keine,  aber in puncto Handlung, aber auch keine dramatischen Ausrutscher. Die sind woanders. Aber dazu kommen wir noch.

Ciao Schnulzen-Schland

Istanbul in Tschiller: Off Duty
Istanbul – große Kulisse für schlechte Dialoge

Bei Tschiller: Off Duty ist der Name Programm. Der Fernsehklassiker Tatort ist Off Duty - außer Dienst. Das ist aber nicht weiter schlimm. Im Gegenteil. Wer will schon einen Tatort unter der Woche im Kino sehen?

Stattdessen macht der Kinofilm einen wagemutigen Schritt in Richtung deutsches Actionkino. Neuland in Schweiger-Höfers Schnulzen-Schlaaand. Statt selber etwas aufzubauen, pflückt Off Duty dabei aber heimlich die Früchte der großen Hollywood-Vorbilder. Naja, Off Duty versucht es zumindest. Das ist dann ein bisschen wie im Film selbst, wenn  Nick Tschiller über die wackeligen Dachsimse Istanbuls hastet. Rechts und links geht's abwärts. Bei Tschiller: Off Duty handelt es sich um eine Gratwanderung.

Der Film will eigentlich großes Actionkino sein. Doch kann er sich nicht entscheiden, ob er eine Komödie oder ein dramatischer Actionfilm sein will. Auf der Suche nach Lenny reißen Tschiller und Gümer schon mal Witze, wie es Buddys auf Partytour tun würden. Oft, besonders wegen Gümer, ist das sogar lustig aber gleichzeitig absurd und geschmacklos. Herrgott Tschiller, deiner Tochter droht Zwangsprostitution. Checks mal!

Ansonsten nimmt der Streifen an Filmen wie 96 Hours - Taken 2 oder James Bond - Goldeneye Anleihe. Die abgekupferten Ideen sind kaum zu übersehen. Statt in einem Panzer wie James Bond tuckert Schweiger mit einem Mähdrescher durch Moskau. Man mag sich vorstellen, wie das Autorenteam beim gemeinsamen Hollywood-DVD-Abend zusammen saß und mehrmals rief: "Auja, die Szene ist geil. Die bauen wir auch ein." Ein Sammelsurium von Abklatsch.

Überraschend ist jedoch, dass das gar nicht schlecht geklappt hat. Ein eigenständiger Film ist Tschiller: Off Duty zwar nicht, aber das sind die meisten Hollywood-Blockbuster auch nur noch selten. Spickeln ist gängige Praxis. Wie damals in der Schule.

Dennoch: die soliden Actionszenen überzeugen. Kameraflüge, visuell starke Bilder, schnelle Schnitte und glaubwürdige Bösewichte funktionieren und bieten gute Unterhaltung. Ganz besonders, wenn man bedenkt, wie klein das Budget im Vergleich zu den oben genannten Hollywood-Produktionen ausfiel. Allein nach diesem Kriterium kann sich der Film sehen lassen. Tja, wenn jetzt nicht... aber dazu kommen wir später. Positive Thinking:

Schweiger geht durch die Wand – Yardim spielt ihn an die Wand

Fahri Yardim als Gümer in Tschiller: Off Duty
Fahri Yardim kann man bei Tschiller: Off Duty am meisten abgewinnen.

Fahri Yardim ist einfach der Beste. In der Rolle des Tschiller-Sidekicks Yalcin Gümer liefert er - wie auch schon in der Fernsehreihe - eine großartige Leistung. Gümers trockener Humor, seine mal frechen, mal selbstironischen Lines abgerundet durch den Dialekt eines Hamburger Jung' machen großen Spaß. Yardims Charme und Witz lockert die Handlung auf und sorgt für echte Lacher, ohne dass das Ganze zu einer peinlichen Slapstick-Nummer wird. Im Gegensatz zum Rest des Filmes ist Fahri Yirdim ein Unikat.

Schweiger, bitte schweig

Ganz anders: Til Schweiger. Er kann es einfach nicht lassen. Til Schweiger muss wieder einmal Til Schweiger spielen. Er kann so oft durch Wände springen, auf Mähdreschern balancieren und Liam Neeson auf den Dächern Istanbuls hinterher rennen, den harten Kerl nimmt man dem Mann, dessen Produktionsfirma zu deutsch "Barfuß Filme" heißt,  einfach nicht ab. Solange er nur durch die Gegend heizt, rennt oder boxt ist er zwar gerade noch so vertretbar. Aber sobald er den Mund aufmacht: Gute Nacht, Land der Dichter und Denker. Gemeint ist nicht Schweigers Nuscheln, das schon so oft kritisiert wurde, dass es keinen Spaß mehr macht darüber zu schreiben. Gemeint sind seine Dialoge und sein Schauspiel.

Die Dialoge in Tschiller: Off Duty - Yardims Lines ausgeschlossen - sind sowieso fatal schlecht. Sie torpedieren den ganzen Film und ziehen ihn stellenweise ins Lächerliche. Tschiller-Schweiger nennt schon mal einen türkischen Gefängnis-Insassen "Hummel" oder "Fleischklops" (siehe Trailer unten) und lächelt dabei, als hätte er den Witz den Jahrhunderts gerissen. Nicht lustig. Und einfach unglaubwürdig. Apropos unglaubwürdig: Welcher Vater, dessen Tochter in die Zwangsprostitution verschleppt wurde, würde ge-ts-chillt mit der nächstbesten Lady ins Bett steigen? What the Fuck? Welcher Depp hat sich denn diese Szene ausgedacht? Und noch was, direkt an die Drehbuchautoren und Herrn Schweiger persönlich: Ungeschützter Geschlechtsverkehr mit Dahergelaufenen ist nichts, dass man mit dem achtzehnten Lebensjahr erreichen muss. Die Verantwortungslosigkeit der Filmemacher lässt einen sprachlos.

Fazit: Tschiller: Off Duty wäre ohne Schweiger besser dran

Tschiller: Off Duty betritt Neuland: deutsches Actionkino. Dafür gebührt ihm Respekt. Die Bilder des Filmes überzeugen und können bei durchschnittlichem Hollywoodkino mithalten. Die mehr als zweistündige Handlung des Filmes ist wenig innovativ, bietet aber - drückt man ab und an ein Auge zu - solide Unterhaltung. In Zukunft aber bitte ohne grottenschlechte Dialoge. Im Film ist Nick Tschiller, der LKA-Beamte vom Dienst suspendiert. Off Duty. Geht das auch mit Til Schweiger. Wir wünschen es uns.

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