Kommentar: Sequels, Spin-Offs und Reboots

Fortsetzungen: Die Hassliebe eines Kino-Nerds

Eine Pressekonferenz von Star Wars: Rogue One

Episode I: Das dunkle Geständnis

Ich gestehe: Mich faszinieren Geschichten, die über mehrere Filme oder Bücher erzählt werden. Ich hasse Fortsetzungen an sich also gar nicht. Ich bin mit Filmreihen aufgewachsen: Erst Toy Story, dann Harry Potter, dann Fluch der Karibik und als Krönung natürlich Der Herr der Ringe. Animes waren nie so mein Fall, Sitcoms auch nicht. Statt mir mittags nach der Schule auf RTL2 die neueste Folge Digimon reinzuziehen, habe ich lieber das x-te Mal eine meiner Lieblings-Filmreihen angeschaut – rauf und runter, vorwärts und rückwärts, bis ich Daniel Radcliffes Textzeilen sicherer aufsagen konnte als er selbst.

Sobald ein neues Abenteuer mit Jack Sparrow in die Kinos kam, war ich mindestens drei Mal mit an Bord. Mindestens. Ich konnte es nicht fassen, dass ein Abenteuer, das ich bis zum Abwinken angeschaut hatte, endlich weiter geht. Qui-Gon Jinn hätte gesagt: „Der Hype ist stark in mir.“ Schade aber, dass ich Star Wars erst sehr viel später für mich entdeckt habe.

Was ich sagen will: Filmreihen haben definitiv etwas magisches. Es gibt aber Grenzen. Seit geraumer Zeit zieht nämlich ein roter Riese namens „Marvel“ am Horizont auf – und der kennt keine Grenzen. Er ist übermächtig und feiert die Selbstjustiz genau so sehr, wie die Superhelden, die in seinem Universum leben. Aber sind wirklich Comic-Filme daran schuld, dass im Kino Geschichten nur noch aufgewärmt werden?


Fluch der Sequels 2: Am Ende der Geduld

Ich spreche gerade die ganze Zeit nur über Sequels. Das Sequel ist aber nicht allein. Es hat zwei kleine, fiese Geschwister: Reboots und Spin-Offs. Alle Drei leben in einem großen Haus namens „Franchise-Building“. Sobald sich das Dreiergespann etwas leisten kann, dann zieht es um in das größere Haus namens „Universe-Building“.

Genug Metaphern: Was ist Franchise-Building? In der Film- und Serienwelt ist das ein großes Projekt der Studiofirmen, mit bestimmten Geschichten massig Geld zu verdienen – nicht nur mit einem Film, sondern mit zwei, drei oder vier Filmen. Mit Merchandising, mit Spielzeug und mit Videospielen. Wir bekommen fiktive Welten gebaut, in welche wir aufgrund unserer Nerd-Emotionen massig Geld reinpumpen. Denn Nerds geben sich nicht mit einem Film zufrieden, Nerds brauchen „Universen“.

Aber wie gesagt: Ich selbst war und bin irgendwie ein Nerd. Und ich bereue nichts. Shut up and take my money. Das Problem ist viel mehr, dass viele Filmstudios dieses Franchise-Building mittlerweile erzwingen – auf Superheld komm raus. Einige werden sogar ausgebuddelt und wiederbelebt – das nennt man dann Reboot. Wie das richtig geht, zeigen Star Trek, Mad Max: Fury Road und Planet der Affen. Wie das in die Hose geht, zeigen Ghostbusters, MacGyver, Terminator: Die Erlösung, Spider-Man, und so weiter...

Studios lernen langsam 3: Jetzt erst recht

Schuld sind die da oben: die Studiobosse. So naiv sich diese These auch anhört, sie stimmt. Weder Regisseure, noch Drehbuchautoren entscheiden sich für ein Franchise. Diese Entscheidung kommt immer von oben. Das bestätigt auch Regisseur Brad Bird, der unter anderem die grandiosen Pixar-Filme Ratatouille und Die Unglaublichen gedreht hat. Der sagte nämlich in einem Interview mit Entertainment Weekly

"Viele meiner Lieblingsfilme sind Sequels. Aber ich mache mir Sorgen, wenn diese über 50 Prozent der Big-Budget-Bandbreite einnehmen [...] Das bedeutet, dass nichts Neues dem Ökosystem hinzugefügt wird. Das ist auf Dauer nicht gesund für die Filmszene."

Brad Bird, Regisseur

Brad Bird schlägt einen Lösungsansatz vor. Aber die Filmstudios sind anscheinend auch dafür zu feige:

"Jedes Studio sollte sich, wie eine Entschädigung, eine bestimmte Anzahl an Franchises erlauben, und als Investition für die Zukunft auch risikobehaftete Dinge probieren, die noch nicht etabliert sind. Es gab auch mal eine Zeit, da war Star Wars ein riskantes Projekt."

Brad Bird, Regisseur

So gut Studiomanager ihre Unternehmen auch managen können, sie verstehen nichts von Kreativität. Für sie ist ein Film keine Kunst, sondern ein Produkt. Studios fürchten sich deshalb nicht vor Kritikern, sie fürchten sich vor dem Mainstream. Dieser strömt langsam und ist träge, er mag Gewohnheiten und keine Experimente. Der Mainstream vertraut Filmen, Schauspielern und Filmcharakteren, die ihm bekannt vorkommen, und Studios nutzen das aus.

Die Website für Filmdaten stephenfollows.com hat interessante Statistiken zu Sequels veröffentlicht:

  • In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl von umsatzstarken Sequels verdoppelt
  • Im Durchschnitt sind sieben der zehn erfolgreichsten Filme der jeweils letzten Jahre Sequels
  • Die Hälfte des Geldes, das für Action- und Abenteuerfilme investiert wurde, wurde in Sequels investiert

Doch statt immer nur mit Box-Office-Zahlen zu kalkulieren, sollten Studiobosse vielleicht doch mal mehr auf „echtes“ Feedback der Zuschauer hören. Aber Studios lernen langsam. In den letzten Jahren konnte ich einige ungeschriebene „Gesetze“ der Filmstudios beobachten, die mittlerweile beim Publikum zu versagen drohen.

Stellt euch nun einen glatzköpfigen Studioboss im Strategiemeeting vor:

„Ist mir egal, ob die Leute den Film scheiße fanden. Sie waren im Kino, also macht endlich Teil Zwei.“

Hier ein paar Beispiele: Haben wir wirklich ein Kampf der Titanen-Sequel gebraucht? Der erste Teil ist nur auf den Hype-Zug des 3D-Kinos aufgesprungen, denn er kam kurz nach Avatar. Den Film mochte fast niemand. Egal. Vielleicht fallen wir ja nochmal darauf rein. Vielleicht aber auch nicht, wie es sich gezeigt hat.

Das Gleiche macht das Fantastic Four-Reboot. Der Film wurde gehasst und bespuckt. Trotzdem bekommt das überflüssige Reboot ein noch überflüssigeres Sequel Fan4stic 2. Ja, der Name steht tatsächlich in dieser Schreibform auf den Plakaten. So genial, oder?

„Die Romanreihe hat nur drei Bücher?! Okay, das letzte Buch splitten wir in zwei Filme.“

Harry Potter hat damit angefangen. Twilight zog nach, dann Der Hobbit, dann Die Tribute von Panem und schließlich Divergent. Nur Die Heiligtümer des Todes hat diesen Split verdient und ich bin glücklich, dass wir Teil 1 und Teil 2 bekommen haben. Die Trennung macht Sinn und die Filme funktionieren auch wunderbar für sich alleine gestellt. Aber was ist mit dem Rest? Lächerlich. Hätte man es bei Der Hobbit wenigstens bei zwei statt drei Filmen gelassen, dann hätten wir jetzt womöglich zwei Filme auf Herr der Ringe-Niveau, statt „nur“ drei ordentliche Filme. Über Twilight brauch ich überhaupt nichts sagen. Und Divergent hat sich endgültig selbst ins Bein geschossen. Der letzte Film floppte so stark, dass das Finale nur noch im TV ausgestrahlt wird. Tja.

"Es gibt mehr als einen guten Charakter im Film? Gebt ihm ein Spin-Off.“ 

Ich muss zugeben, Marvel macht es ganz gut – DC aber nicht. Ich kam lange Zeit gut mit Comicfilmen aus. Aber als der neue Justice League-Trailer rauskam und der Affleck-Batmanmit cooler Stimme sagt: „I’m putting together a team of people with special abilities“ hat der Nerd in mir Alarm geschlagen. Jetzt reicht’s.

Dann gibt es noch Disney – der neue Mitstreiter im Franchise-Building. Disney ist der Hauptgewinn in den Schoß gefallen. F*cking Star Wars! Jetzt gibt’s nicht nur eine neue Trilogie, sondern auch haufenweise Spin-Offs. Dabei gab es in 30 Jahren nur sechs Star Wars-Filme. Jetzt bekommen wir in sechs Jahren sechs neue Star Wars-Filme. Instinktiv freut mich das. Aber wenn ich weiter denke: Macht das nicht die komplette Faszination dahinter kaputt? Ach, dieses Jahr schon wieder ein neuer Star Wars mit Darth Vader. Pff. Vor 20 Jahren wäre die ganze Welt aufgrund des kommenden Star Wars: Rogue One völlig durchgedreht. Heute ist der Hype eher verhalten. Wir bekommen jetzt einfach zu viel: Die Dunkle Seite will uns versuchen.


Film vs. Serie: Dawn of Justice

Franchise ist nicht immer Fan-Scheiss. Ein gutes Film-Franchise erzählt eine (von Anfang an) durchdachte und progressive Geschichte. Ein schlechtes Film-Franchise stellt die Story in die Mikrowelle und wärmt sie auf – natürlich schmeckt’s dann weniger.

Marvel steht irgendwo dazwischen. Die vielen Comic-Verfilmungen verknoten sich aber zu sehr in sinnlosen und gezwungenen Zusammenhängen – denn kein Comic-Film ist bloß ein Comic-Film. Jeder Film muss einen anderen Film vorbereiten und hier und da Hints zu anderen Franchise-Einträgen verteilen. Oh, ein neuer Superschurke am Ende des Films. Muss ich den wirklich kennen? Wir müssen also alle verdammten Filme des Universums sehen, um alles verstehen zu können. Immerhin haben sich die ganzen Verästelungen letztens in The First Avenger: Civil War ordentlich ausgezahlt.

Das Konzept, das Marvel und DC halbgar auf die Kinoleinwand bringen will, funktioniert bei Serien jedoch erstaunlich gut. Netflix hat mit dem Dreier Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage mehr geschafft als ein Dutzend Kinofilme. Woran liegt das? Ganz einfach: Serien leben von Fortsetzung, von Universe-Building und von Gewohnheit – also von allem, dass ich zuvor an der aktuellen Kino-Landschaft kritisiert habe. Wir schauen weniger unterschiedliche Serien als wir unterschiedliche Filme schauen. Es ist jedes Mal eine Anstrengung, in eine komplett unbekannte Serie einzutauchen. Der Einstieg in das kommende Luke Cage wird mir aufgrund der anderen beiden Serien aber leicht fallen. Und ich freue mich darauf.

Fazit: Bis(s) zum Abwinken? 

Falls dich die geballte Kraft meines Film-Gewäschs überrumpelt hat, das will ich eigentlich sagen: Nahezu das komplette Mainstream-Kino besteht nur noch aus Sequeln und Franchises. Marvel und DC übertreiben es maßlos. Wir kriegen kaum noch alleinstehende Blockbuster, die die Massen begeistern. Popcorn-Kino wird feiger statt mutiger. Wir sind alle Gewohnheitstiere. So. Ich gehe jetzt und freue mich heimlich auf die drei neuen Avatar-Filme in 2018, 2020 und 2022. 

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