Kritik: American Gods – Staffel 1

Versteckter Glaubenskrieg in Amerika

FSK 16

Bilquis der Göttin der Liebe sitzt in einem Bett in einem roterleuchteten Raum in American Gods Staffel 1

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

"Oh, say can you see?"

Es verbleiben nur noch einige Tage, bis Shadow Moon (Ricky Whittle) seine Gefängnisstrafe abgebüßt hat und er zurück zu seiner geliebten Laura (Emily Browning) kann. Doch dazu kommt es nicht: Laura verstarb unerwartet an einem Autounfall. Tief bestürzt mietet Shadow den nächsten Flug, um bei ihrer Beerdigung anwesend zu sein. Doch die Obskuritäten hören nicht auf. Während des Fluges trifft er auf einen exzentrischen Mann (Ian McShane), der lediglich von sich preisgibt, dass der Mittwoch "sein Tag" ist. Dieser will Shadow als Bodyguard einstellen für eine Stelle, auf die "Mister Wednesday" nicht näher eingeht. Nach anfänglichen Ablehnungen willigt Shadow ein, sofern er rechtzeitig der Beerdigung beiwohnen kann.

Zu dieser Zeit ahnt er noch nicht, dass er sich auf eine Reise eingelassen hat, jenseits von Vernunft und Logik. Einer Welt, basierend auf Glaube, Ehrfurcht und Visionen. Oder kurz gesagt: Die Götter sind in Amerika angekommen und wollen angebetet werden.

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Mr. Wednesday (Ian McShane) und Shadow Moon (Ricky Whittle) beobachten Schneeflocken.
Mr Wednesday (Ian McShane) demonstriert Shadow Moon (Ricky Whittle) die surreale Welt des Glaubens.

Amazon Video wird gottesfürchtig

So könnte man die Angebot der Amazon-Exclusive-Serien interpretieren. Angefangen mit Preacher und Lucifer, bei welchen man mit der "heiligen" Vorlage noch relativ sachte umging, trifft American Gods den Nagel nun endgültig auf den Kopf und bombardiert den Zuschauer mit einer geballten Ladung Göttlichkeit. Die Serie lebt durch ihre einzigartige Prämisse, und es ist vor allem Ian McShanes Darstellung des mysteriösen Mr. Wednesday, die der Handlung das Übernatürliche verleiht. Auch wenn man mit ein bisschen Erfahrung in nordischer Mythologie vermutlich etwas schlauer ist...

Woran glauben Amerikaner?

Die alten Götter sind zusammen mit den gläubigen Menschen nach Amerika immigriert. Aufgrund des schwindenden Glaubens sind sie geschwächt und kämpfen um ihr alltägliches Dasein. So erscheint es wie das Normalste auf der Welt, wenn sie dem Kobold Mad Sweeney (Pablo Schreiber) begegnen, oder dem slawischen Gott Czernobog (Peter Stormare; Fargo), der in einem Schlachthof arbeitet.

 

Doch woran glauben die Amerikaner, wenn nicht an die alten Götter? Die Antwort ist so bizarr, dass sie wieder genial ist: Die neuen Götter sind "Die moderne Technologie" und "Die Medien". Durch die Aufmerksamkeit und das Vertrauen, dass die Menschen ihnen widmen, sind diese als personifizierte Götter zum Leben erwacht und wollen gegenüber den alten Göttern ihre Dominanz behaupten. Hierbei gilt ein besonderes Lob an die Schauspieler, die ihre jeweilige Domäne perfekt verkörpern: Während "Media" (Gillian Anderson) als diplomatische Übermittlerin in Form von ikonischen medialen Persönlichkeiten agiert, so ist der "Technical Boy" (Bruce Langley) als Verkörperung des jungen "Digital Natives" vorlaut, frech und ungeduldig. Es ist erstaunlich wie gelungen die Schauspieler diese metaphorischen Persönlichkeiten eingefangen haben.

Der neue Gott Technical Boy (Bruce Langley) in seinem technisch geprägten Reich.
Der neue Gott Technical Boy (Bruce Langley) is arrogant und respektlos, oder kurz: Die Verkörperung der medienaffinen Jugend.

Zu viel des Gottesdienstes?

Eine Religion wird bewusst durch Geschichten, Sagen und Legenden überbracht und so am Leben erhalten. Und bei American Gods ist es nicht anders: Nahezu jede Episode beginnt mit einer kurzen Geschichte, die den Glauben verschiedener Kulturen thematisieren. Seien es nun Wikinger, die in Nordamerika angekommen sind und nun zu Odin beten, oder der afrikanische Gott Mr. Nancy (Orlando Jones), der eine Gruppe künftiger Sklaven davon überzeugt, das Sklavenschiff in Brand zu setzen; American Gods ist geprägt von sagenumwobenen Geschichten, die mehr oder weniger zur Handlung beitragen. Auch zwischendurch bekommt der Zuschauer Einblicke in das "gotteslastige" Amerika.

Doch so faszinierend diese Geschichten auch sind, sie sind auch das größte Manko der Serie: Sie lenken zu sehr vom Hauptplot ab. Durch die vielen einzelnen Nebenhandlungen entwickelt sich die Geschichte um Shadow Moon und Mr. Wednesday nur langsam, und es bleibt unklar, inwiefern die Geschichten zur Haupthandlung beitragen. Ein Beispiel dafür ist die Göttin Bilquis (Yetide Badaki) mit ihrer menschenfressenden Vagina (jep, richtig gelesen), die kurz in der ersten Episode auftaucht, nur um dann für längere Zeit wieder zu verschwinden. Zwar tragen die mythologischen Nebenhandlungsstränge zur Atmosphäre bei, dennoch muss man ihnen eine Chance geben, denn nicht jeder Zuschauer wird die nötige Geduld für all die "Religionsstunden" haben.

Mr. Wednesday und Shadow Moon stehen vor einem Garten.
Wer ist der mysteriöse Mr. Wednesday wirklich?

Visuelles Wunderland

American Gods lebt durch seine sagenumwobene und surreale Welt und gerade die visuelle Umsetzung brilliert darin, diese Atmosphäre zu verdeutlichen. Die Showrunner Fuller und Green sparen nicht am Budget, um dem Zuschauer ein überragendes Spektakel zu servieren, dass Mythen und Realität miteinander vermischt. Der Realismus ist immer von einem Gefühl des Fantastischen umgeben und springt ohne Probleme ins gänzlich Märchenhafte, dass durch bildgewaltige Effekte erstrahlt. Bereits das Opening, dass Elemente der amerikanischen Kultur mit religiöser Symbolik vermischt, ist eine Klasse für sich. Und genauso ist die Atmosphäre der Serie aufgebaut: Eine psychedelische Reise, die beweist, dass die Menschen nie aufgehört haben zu glauben. Der Glaube hat sich nur verlagert.

'American Gods' ist ein einziger spiritueller Trip

American Gods ist auf seine eigene Weise einzigartig. Mit surrealen visuellen Eindrücken und einprägsamen Charakteren wird der Zuschauer zusammen mit Shadow Moon auf eine philosophische Reise geschickt, die sich nicht davor scheut, sich auch auf kontroverses Terrain zu begeben. Natürlich können die einzelnen Geschichten ablenkend wirken, doch wer sich dieser "Religionsstunde" hingibt, erfährt eine faszinierende und erstaunlich lehrreiche Erfahrung. Die Geschichten, die in einem Machtkampf zwischen alten und neuen Göttern resultiert, sind eine clevere Darstellung des menschlichen Glaubens, die noch lange danach zum Nachdenken anregt.

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