Kritik: Mr. Robot – Staffel 1

Zwischen Täuschung, Manipulation und Quellcodes

FSK 16

Titelbild zu Mr Robot - Staffel 1

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

"F*ck Society!"

Jeder kennt Elliot Alderson (Rami Malek, Motion Capture für Until Dawn) als den eigenartigen und sozial unbeholfenen Techniker, der bei der IT-Sicherheitsfirma Allsafe Cybersecurity still vor sich hin arbeitet. Doch hat er sich einmal in seinen eigenen vier Wänden isoliert, agiert er als Profihacker, der sich in nahezu jeden Rechner hackt, um seine Mitmenschen zu beschützen und Verbrecher auszuliefern. Doch auch sonst ist Elliot alles andere als normal. Er leidet an Depression, Angstzuständen und einer Persönlichkeitsstörung, die lediglich durch die Einnahme von Morphin erträglich wird. Das alles wird gestärkt durch den Hass, den er auf die moderne, konsumorientierte Gesellschaft hegt, vor allem auf das Konglomerat E Corp, das Elliot immer als Evil Corp wahrnimmt.

Elliot (Rami Malek) sitzt einsam in der U-Bahn.
Elliot (Rami Malek) bevorzugt die Isolation.

Sein Alltag ändert sich jedoch, als er von einer Hackergruppe namens fsociety kontaktiert wird. Die Hackergruppe, geleitet von dem mysteriösen Mr. Robot (Christian Slater), will durch Cyberangriffe E Corp zerstören. Interessiert ist Elliot allemal, doch wird die Entscheidung dadurch erschwert, dass gerade seine Sicherheitsfirma E Corp beschützt und mit ihr seine Kollegin und Kindheitsfreundin Angela Moss (Portia Doubleday). Elliot muss clever handeln, während er in das Spiel aus Trug und Manipulation eintaucht.

Digitale Hölle

Innerhalb weniger Jahre hat sich die Welt entscheidend verändert. Mittlerweile ist alles vernetzt und die meisten Tagesabläufe ereignen sich auf digitale Weise. Von Anonymität ist nicht mehr die Rede. So war es lediglich eine Frage der Zeit, bis eine Serie kommt, die diese Entwicklung gnadenlos aufgreift. Und dies funktioniert am besten mit einem der interessantesten Seriencharakteren seit einiger Zeit: Elliont Alderson. Rami Malek brilliert mit seiner Darstellung des durchgeknallten Einzelgängers mit dem Hass auf die Gesellschaft. Er ist klar das Kernstück der Serie. Wir bekommen sehr viel von seiner Persönlichkeit mit. Sogar mehr, als uns lieb ist:

"Hallo Freund"

Zur Info: Der Freund bist du. Und ich. Und jeder Zuschauer, der sich Mr. Robot ansieht. Denn wir sind alle der imaginäre Freund, den sich Elliot in seiner Einsamkeit ausgedacht hat. Ein Protagonist, dessen inneren Monolog der Zuschauer mithört, ist bei weitem nichts Neues. Doch die Tatsache, dass er den Zuschauer so direkt adressiert und sich unserer bewusst ist, erreicht schon eine meta-fiktionale Ebene. Nicht er ist fiktiv, wir sind es. Er diskutiert mit uns, streitet mit uns und hinterfragt durch uns seine Realität.

Doch wir sind nicht das einzig Fiktive, das aus Elliots Verstand entspringt. Die gesamte Darstellung der Serie entspricht Elliots subjektiver Sichtweise und seinen Gedanken. Angefangen mit dem E Corp Logo, dass wir durch Elliots Augen nur noch als "Evil Corp" wahrnehmen, können wir uns nie sicher sein, was echt ist. Elliots Gedankengänge sind fließend und springen von der Erörterung seines Lebens zu zynisch kommentierten Ausschnitten kapitalistischer Werbung. Ständig haben wir es mit Elliots Verstand im direkten zu tun. Manchmal ist sogar unklar, was er ausspricht und was er lediglich denkt. Der visuelle Stil variiert ständig, abhängig von Elliots Geisteszustand, was eindeutig der visuellen Darstellung zugute kommt.

Und wer ist sonst noch dabei?

Auch wenn die meiste Aufmerksamkeit klar bei Elliot liegt, so ist er auf jeden Fall nicht die einzig faszinierende Persönlichkeit. Eine der zweifellos interessantesten Persönlichkeiten neben Elliot ist der aufstrebende Manager von E Corp, Tyrell Wellick (Martin Wallström). Er will der neue CTO des Konglomerates werden und dafür ist er bereit alles zu tun. Ein großes Lob geht hierbei an Wallström, der den soziopathisch veranlagten Karrieristen sehr überzeugend darstellt. Wie Elliot ist er sich der Verkommenheit der digitalen Gesellschaft wohl bewusst, doch arbeitet er mit ihr, statt gegen sie. Anfangs noch bekommt man den Eindruck, er sei Elliots böses Gegenstück und wird noch sein Gegenspieler. Doch bei seiner Unberechenbarkeit ist man sich hierbei schnell nicht mehr so sicher. Diese Unberechenbarkeit ist sowohl furchteinflößend, als auch faszinierend.

Tyrell Wellick (Martin Wallström) wartet gespannt.
Tyrell Wellick (Martin Wallström) tut alles, um CTO zu werden.

Auch wenn die ganzen Charaktere interessante Handlungsstränge aufbauen, gänzlich fehlerlos gehen sie nicht auf. Dafür liegt der erzählerische Fokus doch zu sehr bei Elliot. Die Handlung der anderen Darsteller ereignet sich leicht inkonsistent und wird zum Schluss nur bedingt aufgelöst. Da kann man nur hoffen, dass dies lediglich ein Auftakt für Staffel 2 sein wird.

Hacking für Anfänger

Kommen wir zum Kernstück der Serie: dem Hacking. Dieses Element galt in der medialen Kultur aufgrund seiner lächerlichen und hoffnungslos übertriebenen Darstellungen im Film und Fernsehen als verhöhnt. Man wusste einfach nicht, wie man monotones Code-Getippe spannend darstellen sollte. Doch Mr. Robot bietet hier glücklicherweise mal eine gelungene Darstellung der Hack-Kultur. Es gibt keine aufwendig visualisierten Programmtabs und erst recht keine flackernden Zahlen und Grafiken, um künstliche Spannung zu erzeugen. Wir sehen einfach nur ein Typ im Dunkeln, der vor sich hin arbeitet. Umso erstaunlicher ist es, wie Mr. Robot es auf subtile Weise schafft, durch das ruhige Tippen von Codes die nötige Spannung zu erzeugen, vor allem wenn die Protagonisten unter Zeitdruck stehen.

Natürlich kommt eine Menge technisches Fachlatein hinzu, doch es erreicht nie ein Niveau, bei dem der Zuschauer der Handlung nicht mehr folgen kann. Zumindest aus dem Kontext ist die Vorgehensweise verständlich. Doch bei reinem Technikkram bleibt es nicht. Denn besonders interessant wird es dann, sobald zum Hacking mehr hinzukommt, als nur Computerarbeit. Was Elliot alles tut, um den nötigen Zugang zu kriegen, grenzt schon fast an Detektivarbeit an, etwa wenn er geschickt Social Hacking anwendet, oder logisch zu deduzieren versucht. Tricks, Täuschung und Betrug kommen ebenfalls dazu, sodass es nie eintönig bleibt. Die Serie zeigt effektiv, wie Spannung erzeugt werden kann, ohne sich auf künstlichen Schnickschnack einzulassen. 

Mr. Robot is Watching you!

Elliot kann einem viel über die dekadente und verkommene Konsumgesellschaft erzählen. Doch was wir vor allem sehen, ist die Gefahr im gezeigten Potenzial des Hackings. Bereits am Anfang der Serie zeigt Elliot, wie erschreckend einfach ist, sich in nahezu jedes Profil zu hacken. Grundsätzlich fällt es sehr schwer, mit einer Gruppe zu sympathisieren, die in der hoffnungslos vernetzten Gesellschaft fast göttliche Kräfte haben. Sicher war es auch das Ziel des Regisseuren, eine Grauzone zu erschaffen, doch gleicht die Gefahr des Hackings die gezeigten Gefahren der Konzerne unweigerlich aus. Zusammengefasst bietet die Serie einen erschreckenden Einblick in die moderne Hackerkultur und darauf, zu welchen zerstörerischen Ausmaßen sie fähig ist. Es ist unmöglich, die Serie komplett anzuschauen, ohne einen gewissen Grad an Paranoia zu entwickeln. Zumindest die Webcam wird man in Zukunft abkleben. (Sofern die Paranoia nicht bereits seit Snowden vorhanden ist.)

Mr. Robot (Christian Slater) in einer Unterhaltung mit Elliot (Rami Malek).
Wer ist dieser mysteriöse Mr. Robot (Christian Slater)?

Kommt dir das nicht bekannt vor?

Wenn man die Zusammenfassung von Mr. Robot liest, wird man sofort mit Matrix-Assoziationen konfrontiert. Und dieses Gefühl der Vertrautheit bleibt erhalten. Bereits während der ersten Episode fallen dem Zuschauer diverse nostalgische Assoziationen mit anderen Filmen und Serien auf. Egal ob Matrix, Taxi Driver, Fight Club, American Psycho, House of Cards, oder auch Dexter. Automatisch wird man an all die guten Filme und Serien erinnert, die eine positive Vertrautheit hervorrufen. Auch reale Beispiele sind existent, so auch die Anlehnung an das Internetkollektiv "Anonymous". Immerhin hat Showrunner und bekennender Filmgeek Esmail nie einen Hehl drum gemacht, dass er sich von guten Filmen inspirieren ließ.

Es ist eine Sache, wenn man sich bezüglich stylischen Aspekten von anderen Filmen inspirieren lässt. Schwieriger zu beurteilen wird es jedoch, wenn ganze Handlungsstränge von anderen Filmen "inspiriert" wurden. Und ohne zu spoilern: Gerade bei den letzten Episoden fällt dies am Stärksten auf. Schnell kommt die Frage auf, wie sehr sich ein Regisseur inspirieren lassen darf. Böse Zungen könnten schon fast von einem zusammengewürfelten Remake in moderner Form reden. Selbstverständlich ist die Serie kein Plagiat und bietet trotz allem eine originelle Handlung. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt aber dennoch erhalten.

Mr. Robot Staffel 1 hat sich etwas Originelles zusammengehackt

Mr. Robot ist auf seine eigene Weise einzigartig. Selten bekommt der Zuschauer modernes Hacking auf so eine spannende Weise serviert.  Hinzu kommt die moderne Gesellschaftskritik und voilà: Wir haben eine tolle Serie. Nichtsdestotrotz bekommt man das Gefühl, dass einfach zu viele Elemente reingepackt wurden. Technikthriller, Psychothriller, "Politik"-Drama u.s.w.. Darunter leidet das Storytelling – Esmail ließ sich offenbar bei zu vielen Werken inspirieren. Dennoch funktioniert es. Zusammengefasst hat Mr. Robot das Potenzial, eine der originellsten Serien der letzten Jahre zu werden, sofern Esmails Inspirationen nicht mehr ganz so offensichtlich ausfallen. 

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