Kritik: Ozark – Staffel 1

Klingt wie 'Breaking Bad' – ist es aber nicht

FSK 16

Spoilerfrei!

Jason Bateman sitzt mit gefesselten Händen im Schneidersitz am Boden in der Netflix-Serie Ozark – Staffel 1

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

They just fucked with the wrong Mexican

Marty Byrde (Jason Bateman) kann reden. Und wie. Innerhalb weniger Momente haut der Vermögensverwalter aus Chicago seinem Gegenüber rhetorisch geschliffen und inhaltlich plausibel seine Argumente um die Ohren, bis sich dieses überzeugen lässt. Und diese Fähigkeit rettet ihm mehr als einmal seinen Hintern.

Gemeinsam mit seinem Partner Bruce (Josh Randall) hat sich Marty auf einen heiklen Deal eingelassen. Die gemeinsame Firma wäscht für ein mexikanisches Drogenkartell Geld. Das geht so lange gut, bis auffliegt, dass sein Partner über die Jahre 8 Millionen Dollar in die eigene Tasche hat fließen lassen. Minuten später landet er dafür in einem Säurefass. Der unwissende Marty kann der Strafe seines Bosses Del (Esai Morales) entgehen: Er überzeugt ihn in der Seenlandschaft der Ozarks innerhalb von 5 Jahren satte 500 Millionen Dollar waschen zu können.

Damit nicht genug: Martys untreue Frau Wendy (brillant: Laura Linney), seine Tochter Charlotte (Sofia Hublitz) und Sohnemann Jonah (Skylar Gaertner) werden in die Affäre hineingezogen und sind gezwungen, mit ihm die Großstadt zu verlassen. In den Ozarks angekommen, wartet jedoch bereits eine ganze Riege an Problemen und zwielichtigen Gestalten...

Marty und Wendy Byrde sowie deren beiden Kinder sind um einen Plastiktisch auf einer trostlosen Hotel-Terrasse versammelt
Anders als bei 'Breaking Bad' dauert es nicht lange, bis die ganze Familie von Papas kriminellen Machenschaften weiß.

Ein Wundertüte an Facetten

Ozark ist ein seltsamer Serienhybrid, bei dem man nie so ganz recht weiß, wie man sich denn nun fühlen soll. Ein wenig Drogenthriller, ein bisschen Familiendrama, hier mal etwas Coming-of-Age, ein paar fast schon absurd-witzige Momente und eine ordentliche Prise Gewalt. Dazu kommt eine Vielzahl an Nebengeschichten und Nebencharakteren, die sich in jeder Konstellation mal über den Weg laufen. Kann das funktionieren? Über weite Strecken: ja!


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Der Spannungsaufbau der Serie funktioniert hervorragend. Marty hat den ersten Sommer in den Ozarks Zeit zu beweisen, dass er dort tatsächlich Geld waschen kann. 8 Millionen für den Start. Mit diesem Wissen im Hinterkopf lässt jeder Fehlschlag, jede Hürde, jedes neue Problem den Zuschauer ein ums andere Mal verzweifeln. Marty wird mal ein Teil des Geldes von Rednecks gestohlen; dann steht eines Tages das FBI vor der Tür und wie es der Zufall will, legt er sich unwissend mit einem anderen Drogenkartell an. Nein, an wendungsreicher Handlung fehlt es Ozark bestimmt nicht.

Noch spannender wird es zu sehen, wie sich Marty aus all diesen Situationen herausredet. Zwar erzwingt er temporäre Lösungen, doch erschafft er dadurch auch immer wieder neue Komplikationen. Sein Handeln führt eher in eine Abwärtsspirale als zu einem Ausweg. Marty reagiert auf seine Umstände, doch einfacher macht er seine Situationen dadurch nicht.

"Things happen because human beings make decisions, they commit acts and that makes things happen. And it creates a snowball effect with their world around them, causes other people to make decisions. Cycle continues, snowball keeps rolling."

Marty Byrde

Auf den Mund gefallen? Fehlanzeige!

Jeder Auftritt der vielen Figuren hat einen klaren Zweck: ein neuer Kontrahent, ein potenzieller Verbündeter, eine neue Möglichkeit mehr Geld zu waschen. Doch den Autoren von Ozark gelingt es, vielen Charakteren sowohl Motivation als auch ausreichend Tiefe mitzugeben, um noch glaubhaft zu wirken. Keine Frage: die Story wirkt – so spannend sie auch ist – absolut konstruiert. Doch wer darüber hinwegsehen kann, bekommt einen ganzen Schlag interessanter Figuren vorgesetzt, die vom Cast glänzend interpretiert werden.

Jason Bateman, der sich auch als Produzent und Regisseur der mitunter rasantesten Episoden verantwortlich zeigt, hat einen faszinierenden Part zu spielen. Einerseits legt er sein altbekanntes Nice-Guy-Spiel (z.B.: Arrested Development, Kill the Boss) an den Tag, andererseits blitzt immer wieder knallhartes Kalkül auf, wenn er seine Umgebung manipuliert. Wenn er mit fast schon stoischer Miene und latent-aggressivem Tonfall seine geschliffenen Dialoge abfeuert, kann einem ganz anders werden. Das macht Laune; ist aber nicht das Highlight der Serie.

Jason Bateman als Marty Byrde stellt Ruth Langmore und ihre Redneck-Familie zur Rede
Ruth Langmore (Julia Garner) und ihre Redneck-Familie sind Martys geringsten Sorgen.

Es sind die Frauenrollen, die wirklich umhauen. Allen voran Laura Linney, die als zutiefst verletzte und gleichzeitig messerscharf artikulierende Ehefrau aus sich heraus wächst und die neue familiäre Situation selbstbestimmt anpackt. Ähnlich großartig spielt auch Julia Garner, die als toughes Redneck-Gör immer wieder von einem Extrem zum nächsten geworfen wird. Überhaupt wirken fast alle Charaktere in Ozark – Staffel 1 ausgesprochen schlagfertig und redegewandt. Das ist nicht sonderlich realitätsnah, unterhält aber blendend. Und sorgt immer wieder für überraschende "You-did-not-just-say-that"-Momente.

Stille Wasser sind tief

Die erste Staffel Ozark mag zwar unterhalten, doch leichtes Entertainment ist das sicher nicht. Keine klassische Binge-Serie, also. Allein die Auftaktfolge legt eine hohe Messlatte an und zeigt, dass es hier nicht nur großen Gangster-Talk gibt, sondern auch die Waffen sprechen. Spätestens wenn ein Kerl aus einem Wolkenkratzer geworfen wird und vor unserem Protagonisten auf den Asphalt aufschlägt ist klar, wohin die Serie geht.

Für den Rest der Atmosphäre sorgt das Setting. Endlos weite Wasserflächen, bedrohlich wirkende Wälder, die abgefuckten Wohnwagen-Trailer der Rednecks. Fast schon befremdlich, wie das omnipräsente Sonnenlicht die dunklen Gestalten anstrahlt und sich dabei mit dem düsteren Blaustich beißt. Diese optische Entfremdung passt gleichzeitig jedoch wieder zum Ton der Serie: selbst in diesem augenscheinlich freundlichen Ferienparadies hat das Verbrechen längst Einzug gefunden.

Die unheilvolle Stimmung wird zudem gekonnt mit dem Serien-Intro gefüttert, das sich von Folge zu Folge ändert und in Symbolen ein kleines Foreshadowing abliefert. Und wenn da plötzlich zwei ausgerissene Augäpfel auftauchen, rutscht man eben noch ein klein wenig mehr an den Rand des Sofas.

'Ozark' vereint von Allem etwas

Nun, Ozark ist vor allem eins: von allem etwas. Und das macht die Sache so paradox. Die Netflix-Serie ist enorm fesselnd, aber gleichsam unangenehm. Sie ist brutal und überzogen, doch in ihren Konflikten auch sehr menschlich. Sie ist glaubhaft und doch in der rhetorischen Perfektion ihrer Dialoge unrealistisch. Ozark wird, da bin ich mir sicher, eine weitere "love it or hate it"-Geschichte werden. Aber warum auch nicht? Im Einheitsbrei der im Stakkato rausgefeuerten 08/15-Serien ist willkommen, was Kante zeigt. Und das tut Ozark – spätestens im aufrüttelnden Finale – definitiv.

'Ozark – Staffel 1' ist ungemütlich und unheimlich spannend

Es ist schwierig, Ozark einzuordnen. Zum einen ist das das Befremdliche und gleichzeitig das Interessante an der Serie. Mit jeder Folge zieht die Spannung an und entlädt sich in einem großen Finale. Obwohl die Story arg konstruiert wirkt, zieht sie den Zuschauer in ihren Bann und wartet mit einer Fülle an tiefgehenden Charakteren, wohlüberlegten Dialogen und sehr gutem Schauspiel auf. Die vielen Nebenhandlungen und die persönlichen Konflikte der Charaktere werden nahtlos in die Storyline eingebunden und ergeben ein aufreibendes, höchst spannendes Gesamtwerk. Eine Serie für jeden? Nein. Einen Blick wert? Absolut!

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