Kritik: Sherlock – Staffel 4

Batman und Robin aus der Baker Street

FSK 12

Spoilerfrei!

Sherlock Holmes und Dr Watson stehen vor einer grauen Steinwand

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Nach außen erscheint Staffel 4 wie jede andere Sherlock-Staffel: Drei Episoden in Spielfilmlänge und ein vertrauter Cast. Das Benedict Cumberbatch und Martin Freeman Dreamteam ist zurück! Wer die neuen Folgen aber genauer unter die Lupe nimmt, "deduziert" ganz klar einen Richtungswandel, der sich bereits in der dritten Staffel ankündigte: Sherlock will weg vom „Monster der Woche“-Konzept und hin zu komplexem und übergreifendem Storytelling, das sowieso viel mehr dem Zeitgeist der heutigen TV-Landschaft entspricht – so sehen es zumindest die Produzenten. Ein großer Teil der Fans schreckt jedoch zurück.

Schauen wir uns also die drei Episoden der vierten Staffel genauer an:

Episode 1: 'The Six Thatchers'

Die erste Episode war für viele Fans die größte Enttäuschung seit The Blind Banker der ersten Staffel. Hat die Serie wirklich einen Tiefpunkt erreicht? Natürlich reden wir hier von relativen Tiefpunkten, die alleinstehend dennoch als hochwertiges Fernsehen bezeichnet werden dürfen.

Vor der Ausstrahlung trieben Produzenten und Cast die Erwartungen an die neue Staffel mächtig in die Höhe. Sie nahmen schonungslos Superlative wie „beste“, „düsterste“ und „emotionalste Staffel“ in den Mund. Letztendlich scheiterte The Six Thatchers also an dieser Erwartungshaltung, da sie weder besonders düster, noch sehr emotional ist.

Dabei versucht die Folge gerade gegen Ende, einen „emotionalen Schock“ beim Zuschauer zu landen, der aber nicht wirklich sitzen will. Der Grundton der Episode stimmt dafür einfach nicht. The Six Thatchers konzentriert sich hauptsächlich auf Humor und Fanservice – und Action.

Hat Action wirklich was in der Serie zu suchen? Mit Mary Watsons Vergangenheit als Superspionin, werden in The Six Thatchers Szenen gerechtfertigt, die gnadenlos an James Bond oder Mission Impossible erinnern. Ich kann mich nicht wirklich entscheiden, ob diese Szenen spannend oder doch „unfreiwillig komisch“ sind. An Unterhaltung mangelt’s der Episode auf jeden Fall nicht. Dafür ist das Erzähltempo viel zu hoch.

Das größte Problem der Serie ist der Charakter Mary Watson. Amanda Abbingtons Schauspieltalent stelle ich nicht in Frage, denn sie trägt keine Schuld. Stattdessen zeichnen die Drehbuchautoren eine Figur, der es komplett an Authentizität und Erdung fehlt. Ihre Action-Agentin-Karriere wirkt so gezwungen und unpassend, dass ihr Charakter in Sherlock nur noch verwirrt. Mary ist eine normale Hausfrau, bis plötzlich ihre Killer-Fähigkeiten gebraucht werden und sie unberechenbar wird?

Die erste Episode ist Licht und Schatten: Leider konzentriert sich The Six Thatchers zum Großteil auf Marys Lebensgeschichte und zerstört somit die Sympathie der Serie, die durch die Sherlock/John-Chemie lebendig gehalten wird. Die Action-Einlagen sind kaum ernst zu nehmen, wenn auch unterhaltsam. Und hier tatsächlich liegt hier die Stärke der Episode: Vollgepackt mit Humor und virtuoser Inszenierung, schafft es The Six Thatchers immer noch, sich bis zum unteren Mittelmaß aller Sherlock-Episoden zu retten.

Episode 2: 'The Lying Detective'

Die Mittelepisoden einer Sherlock-Staffel waren meist potente Platzhalter für eine noch spektakulärere finale Episode. Stattdessen überrascht The Lying Detective wohl jeden, der sich nach The Six Thatchers enttäuscht fühlte. Hier haben wir nach Geniestreichen wie A Scandal in Belgravia oderThe Reichenbach Fall einen weiteren Instant-Classic der Sherlock-Filmographie.

Eine gute Sherlock-Episode braucht keinen endlosen Fanservice und schon gar keine Action. Stattdessen wollen wir Spannung, Mystery, Intensität und einen schaurig schönen Bösewichte – das alles liefert The Lying Detective.

Wer dachte, dass nach Jim Moriarty (Andrew Scott) und Magnussen die Ideen für Superschurken ausgeschöpft sind, der liegt verdammt falsch. Toby Jones spielt den als „Philanthrop“ getarnten (vermeintlichen) Psychopath Culverton Smith absolut furchteinflößend. Die Inszenierung seiner Person gehört zu einer der genialsten Präsentationen eines Schurken in einer Fernsehserie seit Billy Bob Thornton als Lourne Malvo in Fargo – Staffel 1.

The Lying Detective verbindet Humor, Gänsehaut und brillante Einsichten in Sherlocks Superhin. Das Versprechen der Serienmacher, mit dieser Staffel in düsterere Bereiche vorzudringen, wird letztendlich erfüllt. Die Episode macht einen auf Psycho-Thriller, der die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verwischt. Wird Sherlock verrückt?

Benedict Cumberbatch liefert eine seiner besten Performances der Serie, indem er Sherlock von einer komplett anderen Seite zeigt: Gebrochen, verwirrt und absolut high.

Am Ende erwartet uns ein Twist, der storytechnisch zwar gezwungen wirkt, in seiner Ausführung aber meisterhaft funktioniert und kaum vorherzusehen ist. Kann die dritte Episode das Niveau halten?

Episode 3: 'The Final Problem'

Schon seit Staffel 2 warten wir darauf. Was ist das finale Problem, das Moriarty so geheimnisvoll ankündigte? Da wir nun das vorübergehende Ende der Serie erreicht haben und die Fans ein „Finale“ erwarten, sollen sie es auch bekommen. Die Produzenten und Drehbuchautoren geben also alles und kratzen dabei fast schon an der Grenze zur maßlosen Übertreibung.

Von allen 13 Episoden dürfte The Final Problem die untypischste Sherlock Episode überhaupt sein. Der Showdown zwischen Sherlock und dem neuen Bösewicht (der hier nicht verraten wird) in einer Irrenanstalt wirkt schon beinahe surreal. Sherlock, Watson und Mycroft kämpfen sich wie Laborratten durch „soziale Experimente“. Charaktere und Zuschauer werden gleichzeitig psychisch „gefoltert“. Jeder unserer geliebten Hauptcharaktere wird dazu gezwungen, Opfer zu bringen und schreckliche Entscheidungen zu treffen. Die finale Folge wirkt dadurch schon beinahe wie eine Episode aus Black Mirror.

The Final Problem hat nichts mehr mit mysteriösen Kriminalfällen zu tun. Stattdessen zeigt sich die finale Folge als psychologischer Mindfuck-Thriller, der mit Realismus überhaupt nichts mehr am Hut hat. Das Autorenteam hebt endgültig ab und begibt sich schon fast in Fantasy-/Science-Fiction-Territorium. 

Aber die Kreativität und die Leidenschaft der Drehbuchautoren für ihr Sherlock-Projekt zeigt sich bei jedem Shot und in jeder Dialogzeile. Obwohl sie letztendlich nicht viel Risiko eingehen eingefleischte Sherlock-Fans mit gewissen „Entscheidungen“ zu vergraulen, beweist die neue Richtung der Serie sehr viel Mut. Denn einfache Krimi-Fans werden spätestens jetzt abwinken.

Wer dachte, dass die bisherigen Twists und Turns in Sherlock übertrieben oder konstruiert wären, dem wünsche ich viel Spaß bei dieser Folge. So abstrus einige Auflösungen auch erscheinen mögen, sie wirken dennoch nicht willkürlich, sondern sorgfältig geplant. Einige Hinweise wurden bereits in Staffel 3 gesät – doch die dürfte wohl jeder übersehen haben, wenn selbst Sherlock sie nicht erkannt hat.

Gehen die Serienmacher endgültig zu weit? Die Frage lässt sich kaum beantworten, es ist nämlich reine Geschmacksache. Letztendlich ist The Final Problem ein extrem spannender und emotionaler Höllenritt, der den Spaß am Ganzen aber zum Glück nicht vergisst. Die letzten zehn Minuten sind veredelter Fanservice und trifft (wortwörtlich) den genau richtigen Ton für ein Serienfinale. Ich war verwirrt, außer Atem und zufrieden!

'Sherlock' – Staffel 4 polarisiert die Fans

Die dritte Staffel hat es angekündigt: Sherlock will weg vom Crime-Genre und hin zum Superhelden-Epos. Die drei Folgen sind vollgestopft mit Twists, Action, visuellen Experimenten und Fanservice – der Ideenreichtum und die Verspieltheit platzen aus allen Nähten. Dabei setzt die Serie aber nicht immer den richtigen Fokus und wirkt zeitweilig zu abgehoben und zerfasert. The Lying Detective wird wohl als das Highlight der Staffel hervorgehen, wobei The Final Problem nicht ganz problemlos, aber dennoch als vermutlich ambitionierteste und spannendste Sherlock-Episode überhaupt genannt werden darf. Ob man von den neuen drei Episoden nun begeistert oder enttäuscht sein soll, muss jeder für sich selbst herausfinden. Den Höhepunkt hat die Serie wohl dennoch mit grandiosen zweiten Staffel erreicht.

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