Kritik: The Defenders – Staffel 1

Defenders assemble!

FSK 16

Spoilerfrei!

Defenders Titelbild für Kritik The Defenders Staffel 1 mit Iron Fist, Luke Cage, Daredevil und Jessica Jones

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Achtung: Wir empfehlen euch, dass ihr zuerst 'Daredevil', 'Jessica Jones', 'Luke Cage' und 'Iron Fist' anschaut, bevor ihr euch an 'The Defenders' wagt.

Wiedersehen der Serien-Superhelden

Man kann den Masterminds der Marvel-Studios entweder unverhohlenen Kommerz vorwerfen oder aber den Hut ziehen angesichts der Tatsache, dass sie augenscheinlich mühelos ein derart erfolgreiches Franchise aus den Ärmeln schütteln. Die Figuren rund um The Defenders haben sich in den vergangenen Jahren für viele zu  den heimlichen Stars der hauseigenen Netflix-Produktionen gemausert.

Dabei gingen die Origin-Stories einen ganz anderen Weg, als das Kino-Pendant: zerrissene Charaktere mit den eigenen Dämonen im Nacken. Düstere Bösewichte und brutale Fights in der Gosse von New York City. Weniger Effekt-Spektakel, dafür viel handgemachte Action mit tatsächlich verwundbaren Helden. Nein, mit dem happy-clappy Universum der Avengers haben unsere Netflix-Superhelden trotz loser geschichtlicher Verbindungen nur wenig zu tun.

In The Defenders geht erst einmal alles da weiter, wo die zuvor erzählten Geschichten aufgehört haben: Daredevil alias Matthew Murdock (Charlie Cox) hat sein Cape an den Nagel gehängt und versucht, durch seine Arbeit als Anwalt Gerechtigkeit in seine geliebte Stadt zu bringen. Jessica Jones (Krysten Ritter) arbeitet nach wie vor als Privatermittlerin und schießt sich nach Feierabend wie gewohnt amtlich die Lichter aus. Luke Cage (Mike Colter) hat nach den Ereignissen in Harlem seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück in sein Heimatviertel, das immer noch von Verbrechen gezeichnet ist. Lediglich Iron Fist alias Danny Rand (Finn Jones) ist bereits dem Endboss auf der Spur: seine Suche nach "The Hand" - verantwortlich für die Zerstörung seiner mystischen Wahlheimat K'un-Lun -  führt ihn nach New York. Nach und nach bekommen auch die anderen Wind von der bösen Macht, die sich im Untergrund der Stadt zusammenbraut - doch an Teamwork ist erst einmal nicht zu denken...

Aus vier mach eins - nur wie?

Es ist nicht zu unterschätzen, vor welche Mammutaufgabe die Showrunner in The Defenders gestellt wurden: alle vier Superhelden bringen nicht nur inhaltlich, sondern vor allem stilistisch ihre Eigenheiten in das Crossover. Luke Cage räumte bislang als Ersatzvater zu treibenden Hip-Hop Beats sein Viertel auf, Matt Murdock verbringt die Hälfte seiner Screentime mit Klienten in Gerichtsräumen. Auch qualitativ gibt es große Unterschiede, vor allem die letzte Auskopplung Iron Fist, die bei Fans und Kritikern gleichermaßen für Missmut sorgte. Wie also bringt man die ungleichen Helden zusammen?

Diese Hürde lösen die Macher zunächst mit einem genialen Kniff: während unsere Defenders alleine unterwegs sind, springt die Kamera in flotten Schnitten zwischen den Settings. Dabei kommt das charakteristische Colour Grading der Helden zum Tragen und sofort fühlt man wieder die ganz eigene Atmosphäre der titelgebenden Figuren: Daredevil "sieht rot", Jessica Jones wandelt in gewohnt unterkühlt-blauen Tönen durch New York City, Luke Cage bekommt nicht nur gelb leuchtende Bilder, sondern wie erwähnt auch den fetzigsten Soundtrack spendiert, während Iron Fist einen grünen Anstrich kassiert.

Dieses im Intro bereits angedeutete Stilmittel ist ebenso stimmig wie intelligent eingesetzt: sobald unser Lieblingsheld auftritt, ist man sofort ganz in seine Lebensrealität eingetaucht. Fanservice at its best! Beim ersten Zusammentreffen der vier Figuren - und das dauert immerhin drei ganze Folgen - wird auch die Farbgebung einheitlich und macht Platz für das eigentliche Highlight der Serie: vier grundlegend unterschiedliche Typen treffen aufeinander. Und das macht mächtig Laune!

Szenenbild aus Kritik The Defenders Staffel 1 im Aufzug mit Jessica Jones, Iron Fist, Daredevil und Luke Cage
Kein CGI, keine Kostüme: Die Defenders sind ziemlich down-to-earth.

Ein Blinder, eine Alkoholikerin und ein Kugelsicherer kommen in eine Bar

Praktisch durch Zufall geraten die vier Defenders in einem knackig inszenierten Kampf gegen das gemeinsame Böse aneinander. Während sich die Helden anschließend in einem Chinarestaurant langsam beschnuppern, werden nicht nur die Eigenheiten der Charaktere, sondern auch deren Motivationen und Zweifel wunderbar heraus gearbeitet. Obwohl hier fast eine Stunde lang nur geredet wird, ist diese Folge die beste der gesamten Staffel.

The Defenders ist kein Ringelpietz mit Anfassen. Am liebsten würde sich jeder sofort aus der Affäre ziehen und den Teamgedanken schnell über Bord werfen. "There is no we", keift Jessica Jones, bevor sie überhaupt weiß, wer ihr gegenüber steht. Jeder hat eine Geschichte, jeder hat einen Grund, den anderen zu misstrauen. Der gemeinsame Kampf gegen das Böse? Dieser sonst so unerschütterliche Moralgedanke wird in The Defenders gründlich hinterfragt. Und klar, unsere Superhelden finden sich zusammen - doch das geschieht, bis zuletzt, äußerst widerwillig. Hier zeigt sich die erfrischend neue Seite der Serie!

Richtig witzig wird es natürlich, wenn das übernatürliche Geschwafel von Danny Rand durch Jessica Jones' sarkastische Sprüche untergraben wird. Immer wieder zieht sie die mystische Prämisse der Serie ins Lächerliche und dürfte dabei auch dem einen oder anderen Zuschauer aus der Seele sprechen. Überhaupt: wenn unsere Hauptcharaktere aufeinanderprallen, fliegen in den Dialogen nur so die Funken. Schade, dass von diesem enormen Potenzial später nicht mehr ganz so viel Gebrauch gemacht wird. Da hätte es getrost noch ein paar mehr augenzwinkernde Konflikte geben dürfen.

Iron Fist: "I'm the Immortal Iron Fist."
Daredevil: "Come on, again?"
Iron Fist: "Sworn protector of K'un-Lun."
Jessica Jones: "What are you on? Lithium?"

Seichte Story, großartiger Bösewicht

Die Geschichte der Defenders führt die Fäden vorheriger Storylines zusammen: bereits in Daredevil oder Iron Fist war die Untergrundorganisation "The Hand" schon mit von der Partie. Nun erfahren wir endlich, was es mit dem geheimnisvollen Kult auf sich hat. Dass der blasse Danny "Iron Fist" Rand die zentrale Figur der Handlung wird, ist einer der Schwachpunkte der Serie.

Nach dem Rohrkrepierer Iron Fist dürfte den meisten Zuschauern herzlich egal sein, ob sich der naive Sunnyboy mal wieder verhält, wie die Axt im Walde. Selbst wer die Vorgeschichte nicht kennt, wird nur wenig beeindruckt sein. Anfangs macht es Spaß, die vielen unterschiedichen Handlungsstränge der einzelnen Defenders zu beobachten, doch sobald auf die Hauptstoryline rund um Danny Rand reduziert wird, reißt die Geschichte einfach nicht mehr so mit. Dafür werden wir immerhin mit satter Action, witzigen Onelinern und einem würdigen Finale belohnt!

Was die Marvel-Serien von Netflix zweifelsohne aus dem Effeff beherrschen sind glaubhafte und vielschichtige Bösewichte. Wilson Fisk, Zebediah Killgrave, Cottonmouth - was haben wir nicht für eine Freude mit ihnen gehabt. In The Defenders gibt sich keine Geringere als die Schauspiellegende Sigourney Weaver die Ehre, diese großen Schuhe zu füllen und das Gesicht von "The Hand" zu mimen. Und das meistert sie bravourös.

Ihre Figur Alexandra wird ungewöhnlich eingeführt. Nämlich mit der Diagnose, dass sie sterben wird. Einmal mehr eine zerbrechliche Widersacherin, die zudem mit ihren prunkvollen Kleidern und weiß ausgeleuchteten Räumen fast schon als Heilige inszeniert wird. Ihr Spiel ist angenehm, mal kühl-berechnend, mal zweifelnd und leidend. Es macht Spaß, Weaver dabei zuzusehen, wie sie einer unglaublich gewaltbereiten Persönlichkeit menschliches Leben einhaucht.

Szenenbild aus Kritik The Defenders Staffel 1 mit Segourney Weaver
Alexandra: "It's just a city. You'll get used to watching them fall."

Abgespeckt, aber nicht ausgehungert

Viele der bekannten Nebenfiguren der vorherigen Geschichten finden in The Defenders ihren Platz. Anwalt Foggy Nelson (Elden Henson), Jerri Hogarth (Carrie-Anne Moss), Moderatorin Trish Walker (Rachael Taylor), der legendäre Kampf-Opa Stick (Scott Glenn) sowie unsere Action-Krankenschwester Claire Temple  (Rosario Dawson) haben kleinere oder größere Auftritte und würzen das ohnehin stark aufspielende Ensemble gekonnt mit eindrücklichen Momenten. Neue Tiefe bekommen diese Figuren dadurch aber nicht.

Dies liegt sicherlich auch daran, dass die neue Superhelden-Serie nur acht Folgen hat (alle anderen Geschichten wurden in 13 Folgen erzählt). Trotzdem lassen sich die Macher Zeit, ihre Figuren wieder einzuführen, die Geschichte langsam aufzubauen und dann doch rasant Fahrt aufzunehmen. Es macht Spaß, seinen Lieblingscharakteren bei der "Arbeit" zuzusehen. Einmal mehr beweist Netflix Gespür für Atmosphäre, die Action ist brachial, das Setting stimmig und auch optisch dürfen sich Filmgeeks an ausgefallenen Kameraperspektiven erfreuen. Es bleibt spannend, in welche Richtung sich das Franchise mit seinen eigenwilligen Charakteren in den nächsten Jahren entwickeln wird - und wann wir den Fanliebling The Punisher in seiner eigenen Serie bewundern dürfen.

Das "Avengers" des kleinen Mannes bietet solide Unterhaltung

Mit The Defenders ist Netflix nach dem Flop Iron Fist wieder auf dem Erfolgskurs. Geschickt werden die unterschiedlichen Helden und Serienstile miteinander kombiniert. Dabei entsteht ein actiongeladenes, teils witziges, jedoch gegen Ende auch etwas handlungsarmes Potpourri, das insgesamt zu unterhalten weiß. Neben den bekannten Hauptcharakteren glänzt vor allem Sigourney Weaver als unberechenbare Antagonistin. The Defenders gelingt das Kunststück, allen Charakteren weitestgehend gerecht zu werden, auch wenn der Fokus auf Danny Rand einiges an Wind aus den Segeln nimmt. Freunde der Marvel-Reihe dürfen auf jeden Fall beherzt zugreifen.

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