Kritik: You Are Wanted – Staffel 1

Geht doch, Deutschland!

FSK 16

Spoilerfrei!

Matthias Schweighöfer rennt als Lukas Franke auf dem Hauptplakat der der ersten Staffel der Serie You Are Wanted während sein Körper sich in einzelne digitale Pixel auflöst

Wenig Zeit? Am Textende gibt's das Fazit.

Eine Kritik ohne Gnade

Hinweis: Sind wir mal ganz ehrlich: Sehen wir (Zuschauer und Kritiker) – eine deutsche Kino- oder Fernsehproduktion, legen wir meist eine wohlwollendere Messlatte an, als wir es bei der Kritik an einem US-Blockbuster tun würden. Die Hoffnung, dass wir auf eine Produktion „Made in Germany“ stolz sein dürfen, schwingt eben immer mit. Diese Kritik wird das nicht machen. Keine Gnade. Das Ergebnis ist umso überraschender.

Brisante Handlung

Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) erlebt den digitalen Albtraum: Hackern haben ihn unter Kontrolle.

Der Business-Man Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) lebt mit seiner Frau Hanna Franke (Alexandra Maria Lara) und seinem Sohn ein sorgloses Leben. Das ändert sich jedoch abrupt, als ein mysteriöser Stromausfall ganz Berlin lahmlegt und sich ein Schatten auf Lukas Dasein legt:  Er wird Opfer eines Hackerangriffes und muss fortan tun, was die Erpresser ihm auftragen. Zudem gerät er ins Visier der Polizei, die ihn für einen Terroristen hält. Um seine Unschuld zu beweisen, muss der Familienvater an seine Grenzen gehen.  

Mit You Are Wanted veröffentlicht Amazon Prime Video eine Serie von besonderer Brisanz – erst Anfang März fiel im Bundestag das Internet aus nachdem im Jahr 2015 das Netz durch einen Hackerangriff infiltriert wurde. Neben dem aktuellen Bezug können die sechs Folgen der ersten Staffel mit einer soliden, wenn auch durchschnittlichen Handlung überzeugen. Fiese Cliffhanger und unerwartete Plot Twists werden dem Genre „Thriller“ gerecht.

Um seine Familie zu retten, muss Lukas tun, was ihm die Erpresser auftragen.

Dialoge, für die man sich nicht schämen muss

Größter Knackpunkt der deutschen Filmwelt sind Dialoge die meist daher gestelzt kommen, wie hinkende Giraffen. Überraschend ist, dass You Are Wanted – Staffel 1 diese Peinlichkeit weitestgehend nicht passiert. Til Schweiger (Tschiller: Off Duty) kann hier noch see[...]eehr viel lernen.

Was jedoch nicht gelingen will, ist der Spagat, der einen erstklassigen Thriller auszeichnet. Dass wir zu Beginn im Unwissenden gelassen werden und zusammen mit der Hauptfigur Puzzleteil für Puzzleteil den Hackern auf die Spur kommen, ist Standard. Dennoch versäumt die Serie es, uns richtig aufzuklären, weswegen das Ende verklausuliert und unübersichtlich wird.

Das 'Tatort'-Trauma

Ohne Tatort-Klischees hätte es mehr Spaß gemacht.

Der Versuch der Serienmacher (Richard Kropf, Hanno Hackfort und Christoph Bob Konrad) uns die wichtige Message zu überbringen, dass jeder Online-Nutzer etwas zu verbergen hat, geht jedoch in einem typisch fernsehdeutschen Behördengang unter: Statt der Handlung Tiefe, Abwechslung und Spannung hinzuzufügen, bremst der Handlungsstrang des Polizisten-Duos Sandra Jansen (Catrin Striebeck) und Thorsten Siebert (Edin Hasanovic) unnötig aus. Das Geplänkel zwischen den Ermittlern erinnert an das altbekannte und ermüdende Muster, dem die allsonntägliche Fernsehmesse Tatort seit Jahrzehnten folgt. Liebe Produzenten, Deutschland ist reif für Stoffe ohne Krimi-Elemente. Davon quillt doch schon das Fernsehprogramm über.

Schweighöfer überzeugt

Matthias Schweighöfer geht in der Rolle Lukas Franke auf.

You Are Wanted ist Matthias Schweighöfer in Ämterhäufung: Er ist Darsteller, Regisseur und Produzent zugleich. Sogar am Soundtrack, hat er mitgemischt. Überfordert ist der Shooting-Star damit nicht, sodass genug Kraft bleibt, eine überzeugende schauspielerische Leistung abzuliefern. Auch wenn er das Image des Sunnyboys nicht ganz abstreifen kann, verleiht er dem gejagten Lukas Franke Glaubhaftigkeit und führt selbstbewusst durch die wechselnden Abschnitte der Handlung.   

Abgehängt werden dabei jedoch Frauenrollen, die zu wenig Raum bekommen um sich ausreichend zu entfalten. Besonders Alexandra Maria Lara darf kaum mehr als die besorgte Hausfrau spielen. Ihre Rolle Hanna Franke bleibt ein Klischee. Spannend wäre gewesen, wenn Sie ihrem Ehemann selbstbewusster entgegengetreten wäre. Wie das geht, hat Homeland mit Jessica Brody (Morena Baccarin) gezeigt.

Karoline Herfurth hätte mehr verdient

Trotz hartem Auftreten: Karoline Herfurths Rolle bleibt schwach.

Ausgestattet mit Pistole, Lederjacke und Motorrad, soll Karoline Herfurth den Gegenpart zu Lukas Franke spielen. Ihre Rolle Lena Arandt bleibt jedoch ohne Tiefe: was sie antreibt ist lange Zeit unklar und später zu eindimensional. Schade, denn Lena Arandt hätte die Serie auf das nächste Level heben können. Zumindest wenn man ihre Story mit gleicher Sorgfalt wie die von Lukas Franke erzählt hätte.

Auch der Antagonist der Serie, den ich natürlich nicht verraten werde, hat seine Schwächen und bleibt bestenfalls mittelmäßig. Seine Beweggründe bleiben rational, was der Dramaturgie weniger hilft als es eine emotionale Verwicklung getan hätte. Auch wenn ich ein Gegner des Typecastings bin, erschwert seine schauspielerische Vergangenheit die Glaubhaftigkeit der Rolle des Bösewichts. Warum nicht mal ein neues Gesicht ausprobieren? Gute Schauspieler hat Deutschland doch genug.

Packende Atmosphäre und visuelle Kraft

Matthias Schweighöfer in einem dunklen Keller in der ersten Staffel von You Are Wanted
Seine Flucht treibt Lukas auch in einen dunklen Hacker-Keller.

Zwar findet der deutsche Hackerfilm Who Am I (2014) von Baran bo Odar einen kreativeren und raffinierten Zugang zum Thema Cyber-Kriminalität, dafür kann You Are Wanted aber mit Realismus und packender Atmosphäre punkten.

Das liegt vor allem an einem subtilen Soundtrack, der sich die Stimmung einer mysteriösen und schleichenden Bedrohung zu eigen macht. Zum anderen überzeugt die visuelle Kraft der Serie, die auf der einfühlsamen Kameraarbeit von Bernhard Jasper basiert.

Seine Kamera unterstreicht herausragend das emotionale Auf-und-Ab des Hauptdarstellers: In einfallsreichen „zeitlupigen“ Ultranah-Aufnahmen wird die Anspannung und Lähmung des Charakters transportiert (Stichwort: Flughafenszene). Für Perspektivwechsel und Tempo sorgen wiederum zügige Kameraflüge (Bsp.: Hochhausszene in Folge 1), für die eine besondere Seilkamera-Technik verwendet wurde. Abgerundet wird die visuelle Kraft der Serie durch eine hervorragende und stimmungsvolle Farbigkeit, die zum Beispiel dem Hollywood-Thriller Snowden so schrecklich fehlte.      

’You Are Wanted – Staffel 1’ ist auf dem richtigen Weg

Beide eifern amerikanischen Vorbildern nach: Was die Schweiger-Pleite Tschiller: Off Duty jedoch verbockt hat macht You Are Wanted – Staffel 1 richtig. Unerwartete Wendungen der Handlung sorgen für gute Unterhaltung, die von einem soliden Cast transportiert wird, der dennoch Luft nach oben hat. Peinliche Dialoge – ein Kennzeichen des deutschen Mainstream-Films – bleiben weitestgehend aus, sodass die sechs Folgen der ersten Staffel zu einem kurzweiligen Bingewatching-Wochenende gerade zu einladen. Was die Amazon Prime Video-Serie jedoch so erwähnenswert macht, ist der Lichtblick, dass Deutschland doch gutes Fernsehen produzieren kann. Und das sogar mit Matthias Schweighöfer.

Du bist meiner Meinung oder denkst, dass ich mit der Serie zu hart ins Gericht gegangen bin oder wunderst dich einfach, dass ich das Schlagerlächeln von Tom Beck nicht erwähnt habe? Schreibe mir deine Meinung auf Twitter!

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