Review: Hand of God – Staffel 1

Amazon hat nicht Gottes Segen

Titelbild zur Serienkritik an Hand of God - Staffel 1 @4001Reviews

Pernell Harris hört Stimmen. Eine Stimme. Die seines Sohnes. Nachdem PJ, Pernells Sohn, mit ansehen musste wie seine Frau Jocelyn vergewaltigt wurde,  drückt er ab. Kopfschuss. Versuchter Selbstmord. Jetzt liegt PJ im Koma.

Die Diagnose der Ärzte ist niederschmetternd. Der lebensfrohe PJ ist hirntot und wird nie wieder erwachen. Was soll nun geschehen? Über diese Frage zerstreitet sich der einschüchternde 2-Meter-Muskelberg und Hauptcharakter Richter Pernell Harris mit seiner Schwiegertochter Jocelyn.

Soll PJ sterben?

In der 10 Folgen umfassenden Amazon-Serie werden große Fragen aufgeworfen jedoch stümperhaft in Szene gesetzt. Soll PJ (PeeeJaayy) weiterleben oder sollte man den Stecker der Geräte ziehen?

Eine existentielle Frage, die viel Stoff für eine spannende Serie bieten könnte! Könnte. Aber nicht tut. Jocelyn, Ehefrau des Koma-Patienten, entscheidet sich für das Ende der lebenserhaltenden Maßnahmen und damit für PJs Tod. Ihre Beweggründe wirken jedoch konstruiert und sind für den Zuschauer - trotz der insgesamt 10 Folgen der Serie - nur schwer nachzuvollziehen.

Harris hofft, dass Gott durch seinen Einsatz für die Hand of God Gemeinde ein Wunder geschehen lässt und PJ aus dem Koma aufwacht. Deshalb ist er gegen das Abstellen der Beatmungsmaschine. Jocelyn will einfach nur das alles vorbei ist. Es kommt zu einem Rechtsstreit zwischen Pernell Harris und Jocelyn.

Im Auftrag Gottes

Geplagt mit der Entscheidung über Tod und Leben des eigenen Sohnes, findet Pernell Trost und Zuspruch in der frischgegründeten Gemeinde der obskuren Hand of God Church. Fortan hört er bei jedem Besuch im Krankenhaus die Stimme seines Sohnes in seinem Kopf. Zum Leidwesen seiner Mitmenschen glaubt der angesehene Richter Harris schon bald von Gott auserwählt worden zu sein, um das Unrecht, das seinem Sohn widerfuhr, zu rächen.

PJs Stimme in seinem Kopf versorgt Papa Pernell mit immer neuen Puzzleteilen  um die rätselhafte Vergewaltigung. Ergänzt werden sie durch filmisch nur mittelmäßig umgesetzte Visionen und Vorahnungen. In diesen biblisch-angehauchten Wahnvorstellungen meint der getriebene Pernell Weisungen Gottes zu erkennen. Rigoros folgt Pernell diesen Eingebungen und  treibt - im Namen Gottes - seinen Rachefeldzug voran.

Unterstützt wird er dabei von einem Aussteiger-Neonazi. Der fromme KD (fabelhaft und bewegend gespielt von Garret Dillahunt) hat Hitler gegen Jesus getauscht und will sich von seinen früheren Sünden reinwaschen. Da er in Pernell einen Boten Gottes sieht, erledigt er für ihn die blutige Drecksarbeit, die bei einer Vendetta eben so anfällt. Das das nicht lange gut geht, kann man sich ja denken.

Bobo big in Business

Was auch nicht gut geht, ist das Business. Richter Harris ist kraft seines Amtes einer der mächtigsten Männer des sonnigen kalifornischen San Vincente, dem Spielort der Serie. Der mächtigste Mann ist Robert "Bobo" Boston, der Bürgermeister. Goldene Manschettenknöpfe und eine goldene Protz-Uhr sind seine Markenzeichen. Bobo (Andre Royo) will zum Wohl der Stadt einen großen Deal abschließen. Dazu braucht er aber Pernell - der aber ganz andere Sorgen hat.

Der dauergestresste, unter Bluthochdruck leidende Bürgermeister Bobo ist ein Lichtblick der Serie. Seine Minderwertigkeitskomplexe, die er auf direkt-vulgäre (und dadurch: sehr unterhaltende) Art  an seinen Untergeben auslässt, sorgen für Lacher und Ausgleich in der sonst dahinplätschernden Serie.

Was sonst noch passiert? Pernells Frau Chrystal (Dana Delany) ist sauer auf ihren Mann. Dabei hilft ihr nicht, dass Pernell seinen früheren Baboo-Lifestyle (Huren inklusive) gegen besessene Gottesfürchtigkeit getauscht hat. In ihren Augen ist der Sunnyboy Reverand Paul (Julian Morris) Schuld an Pernells Transformation. Was sich der attraktive Pastor aber wirklich zu Schulden kommen lässt, wird hier nicht verraten (Nein! Nix mit Kindern!).

Fazit: Story floppt, Perlman rockt

Ron Perlman als Richter Pernell Harris
Gelobt sei der Herr - Ron Perlman als Richter Pernell Harris

Es wäre alles da: Mystik, Spannung, Drama, visuelles Potenzial. Doch Hand of God bietet lediglich seichte Unterhaltung. Traurige Wahrheit ist, dass die erste Staffel der Amazon-Serie es nicht schafft, die PS auf die Straße zu bringen. Das ist umso  enttäuschender, da die angeschnittenen Themen und ethisch-moralischen Fragen des Plots einen wundervollen Nährboden für spannende und außergewöhnliche Unterhaltung hätte bieten können.

Leider versäumen die Serienmacher es auch, den Nebencharakteren Tiefe zu geben. Es fallen zwar Andeutungen über deren Vergangenheiten oder deren Machenschaften, doch werden diese in der Serie nicht stringent aufgedröselt, was einen in den Wahnsinn treiben kann. Auch Pernells Visionen sind oft noch einen Schuss zu eintönig um wirklich dauerhaft zu fesseln, wenn auch der Soundtrack die Visionen großartig unterstreicht. Absolut unverständlich ist aber, warum erst in Folge 9 der spannendste Punkt der Handlung einsetzt. Er hätte die ganze Serie von Anbeginn bestimmen können.

Hand of God kratzt vorsichtig an der Oberfläche brisanter Themen wie  Tod und Leben, Schuld und Vergebung, Beichte und Bestechung. Doch immer wenn es spannend zu werden beginnt, zieht sich die Story wieder an die Oberfläche zurück und verfolgt durchsichtige und ermüdende Handlungsstränge.

Was der Serie Hand of God jedoch fehlt, gleicht Ron Perlman wieder aus. Es ist tragisch-komisch, dem  bulligen, cholerischen und einst ehrenhaften Richter zuzuschauen, wie er hilflos zwischen Krankenhaus, Altherrenclub und Baugrube (kein Kommentar!) hin und her irrt. Der massige „Bad-Ass“ Schauspieler brilliert mit emotionalen Szenen, die man ihm so nicht zugetraut hätte. Hinter der kantigen Hackfresse (sorry Ron!) und dem mächtigen Bizeps des Richters Harris verbirgt sich ein verletzlicher Mann, der mit sich und dem versuchten Selbstmord seines Sohnes hadert. Dabei sucht er die Schuld am Selbstmordversuch seines Sohnes vor allem bei anderen - und bestraft sie dafür. Die eigene Schuld gesteht sich das selbstgerechte Super-Ego Pernell Harris jedoch kaum ein. Bis zum Ende.

Doch dann kommt alles anders als erwartet. Eine zweite Staffel erwarten wir aber nicht. Braucht nämlich keiner.

Zusammengefasst:

In einem Satz: War nett, aber haut auch nicht um, ist aber nix fürs Bibelcamp.

Anschauen wenn... Netflix gerade keine neue Serie rausgebracht hat.

Genau richtig mit...der ganzen Klasse und dem Lehrer im sonst langweiligen Religionsunterricht.

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