Review: Jessica Jones – Staffel 1

Düster ... Brutal ... Jessica Jones

Jessica Jones Marvel Netflix

Marvel nervt. Nicht die Filme und Serien an sich. Es ist mehr dieser rote Schriftzug über dem Namen jedes zweiten Blockbusters, der in den letzten fünf Jahren erschienen ist. Wie viele Comic Superhelden mit abstrusen Fähigkeiten und dunklen Entstehungsmythen gibt es denn noch?! Und wieso hängen deren Welten immer irgendwie miteinander zusammen? Wie viele Crossovers wie „The Avengers“ erwarten uns noch? Marvel ist überall, und das obwohl vermutlich die aller Wenigsten ein echtes Marvel Comic auch nur mal in der Hand gehalten haben. Die neueste Ergänzung heißt Jessica Jones, und spielt im selben Universum wie Daredevil. Beide Netflix Original Serien deuten natürlich auf ein weiteres Crossover namens „The Defenders“ hin. Sollte man Marvel nun endgültig aufgrund der Ausschlachtung des Superhelden-Genres boykottieren?

Jessica Jones (Krysten Ritter, Jesse Pinkman’s erste Freundin aus Breaking Bad) ist Privatdetektivin im Herzen New Yorks. Der Job hört sich erstmal glorreicher an, als er ist, denn in Wirklichkeit besteht Jessica’s Arbeit darin, schmutzige Seitensprünge von frustrierten Ehegatten auf Foto zu bannen. Nur die wenigsten wissen, dass hinter dem zierlichem und stark zynischem Mädchen eine „Begabte“ steckt, die übermenschliche Stärke besitzt. So kann sie einerseits meterhoch springen, und anderseits einen Profiboxer mit einer Ohrfeige k.o. schlagen. Doch es gibt auch Menschen, vor den sich  selbst eine Jessica Jones fürchten muss: Ihr totgeglaubter Stalker „Kilgrave“ (David Tennant) ist zurückgekehrt. Er beherrscht die Begabung der Gedankenkontrolle, und kann jedem Menschen befehlen, was ihm gerade beliebt. Jessica bekommt Hilfe von ihrer  Stiefschwester Trish (Rachael Taylor). Doch Kilgraves Macht scheint niemand gewachsen zu sein, und sein Rachefeldzug gegen Jessica Jones trifft hauptsächlich die Unschuldigen…

Jessica Jones, keine Superheldin und ohne Kostüm
Jessica Jones: Keine "Superheldin" und kein Kostüm

Die neue Avengers-Generation

Nach dem etwas überflüssigen Ant-Man, oder dem katastrophalen Fantastic Four-Reboot, ist Marvel mit dem Jahr 2015 noch lange nicht am Ende. Mittlerweile hat sich nämlich auch Netflix das Comic-Fieber eingefangen, und baut jetzt sein ganz eigenes kleines Pendant zum großen Vorbild „The Avengers“ auf. Doch geht es dabei ganz andere Wege. Jessica Jones, sowie das ebenfalls 2015 erschienene Daredevil, erinnern viel mehr an die düstere und bodenständige The Dark Knight-Trilogie, als an das bunte Actionfeuerwerk der X-Men, Captain Americas, Hulks, Thors, und wie sie noch alle heißen.

Genau hierin liegt die riesige Stärke von Jessica Jones: Anstatt der gewöhnlichen Superhelden Entstehungsgeschichten, baut die Serie eine komplexe Story auf, die mit Hingabe erzählt wird. Alles spielt sich auf einer extrem introvertierten und persönlichen Ebene ab, ohne dabei zu viel Wert auf Action und Effekte zu legen. Dazu trägt Krysten Ritters Performance als die namengebende „Heldin“ immens bei. Sie verkörpert eine Frau, die ihr wahres Ich hinter der Fassade einer „superstarken“, zynischen und schlecht gelaunten Privatdetektivin versteckt: Sensibel, verletzbar und einsam.

Psychospielchen

Nichts ist so kostbar wie ein gesunder Verstand, eine Moral, die Jessica Jones auf die harte Tour erfahren muss. Denn ihr Stalker „Kilgrave“ versucht sich immer wieder in den Kopf seiner Verehrten einzuschleichen. Wie bereits erwähnt, ist auch er eine Person mit  einer besonderen Fähigkeit: Gedankenkontrolle. Das hört sich erst etwas kindisch an, wird in der Serie aber so düster und brutal dargestellt, wie noch nirgendwo anders. Um seine Ziele zu erreichen, lässt Kilgrave Menschen einfach Suizid begehen, sich gegenseitig umbringen, oder macht sie zu seinen Sklaven. Der britische Schauspieler David Tennant zeigt hier einen Schurken der Superlative, und ist das klare Highlight der Serie.

Kilgrave (David Tennant) und Jessica Jones (Krysten Ritter)
Kilgrave (David Tennant) und Jessica Jones (Krysten Ritter)

Düsteres Neo-Noir Setting

Von Episode zu Episode merkt man, dass Jessica Jones düsterer und brutaler ist als alles, was Marvel bis jetzt veröffentlicht hat (und das ist nicht wenig). Angefangen von der visuell grandios eingefangenen Atmosphäre, bis zu den exzessiven Gewaltausbrüchen mit jeder Menge Blut, ist diese Serie wirklich nur für Erwachsene bestimmt. Der Superhelden-Touch stellt sich so gut wie nie ein. Dafür wurde aber auch absichtlich gesorgt, denn die physischen Fähigkeiten der „Begabten“ werden nur minimalistisch gezeigt. Das ändert nichts daran, dass es hin und wieder dreckige Kampfszenen gibt, die sehr intensiv und realistisch dargestellt werden.

Atmosphärisch ist Jessica Jones, wie auch schon Daredevil, stark im Neo-Noir angelegt. Die dunklen Gassen und Straßen New Yorks bei Nacht, beleuchtet von kaltem Neonlicht,  oder das noch kältere Tageslicht während der letzten Herbsttage, geben der Serie ein stilsicheres, visuelles Gewand. Die bluesige Filmmusik tut den Rest.

Die perfekte Serie für einen zweitägigen Netflix-Marathon

Die 13 Folgen sind so schnell vorbei, dass man meinen könnte, man habe ein paar Episoden übersprungen. Jessica Jones ist nicht nur eine der kurzweiligsten Serien aus dem Hause Netflix, sondern auch eine der besten. Dass der Streaming Anbieter hochwertiges Material produziert ist ja schon bekannt, doch diese Serie sticht wirklich heraus. Obwohl von Marvel.

Eine durchgehend hohe Spannung und unerwartete, kreative Wendungen ziehen einen komplett in das Geschehen. Lediglich das Ende hätte noch etwas ausführlicher und dramatischer ausfallen können. Womöglich fühlt es sich aber einfach nur so an, da Jessica Jones davor schon ultraintensive Momente rausgehauen hat, die man nur schwer toppen kann.

Fazit

Es scheint fast so, als hätten wir hier eines der besten Marvel-Projekte, die je auf Film gebannt wurden. Netflix schlägt mit seinen Comicvorlagen ganz andere Wege ein, als es die großen Filmunternehmen tun. Auch wenn man Marvel eine riesige Kommerzgeilheit vorwerfen kann, so bringt es meist doch bessere Blockbuster hervor, als der große Rest. Jessica Jones und Daredevil sind darüber hinaus aber erfrischend anders, und funktionieren im Serienformat noch um einiges besser, als in einem zwei Stunden Film komprimiert. Es gilt also, auch für Nicht-Comicfans: Anschauen!

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One thought on “Review: Jessica Jones – Staffel 1

  1. Ich kann der Rezension nur zustimmen, wenn ich auch mehr als zwei Tage gebraucht habe, mir alle Folgen anzusehen. Mir hat gefallen, dass sich hier eine Comic-Verfilmung (!) zum ersten Mal Zeit nimmt, auch auf die Opfer einzugehen. Es wird beschrieben, was die Gewaltverbrechen aus einem Menschen machen – hier im Besonderen die Mind-Control – und auch Jessica zieht es immer vor, die Opfer, die ihr bei den Verfolgungen in den Weg gestellt werden, zuerst zu retten. Die Serie geht sogar soweit, dass eine Verbindung zu den Angehörigen eines Opfers aus den Avengers-Collateral-Schäden hergestellt wird – das ist witzig und außergewöhnlich.
    Die Geschichte selbst gibt von der Storyline nicht soviel her, dass 13 Folgen gerechtfertigt wären, das langsame Erzähltempo rechtfertigt sie aber. Am Ende werden noch ein paar Fäden geknüpft zu Daredevil und einige Punkte nicht gelöst, so dass man auf eine stimmige Fortsetzung hoffen kann.
    Was mir nicht so gefallen hat – die Musik hätte etwas ausdrücklicher sein können. Da wo sie vorhanden war, war sie schön und geschmackvoll, aber bei vielen Szenen fehlte sie.

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