Review: Marco Polo – Staffel 2

Liebes Netflix, ist das alles, was du kannst?

Titelbild zur Kritik von Marco Polo - Staffel 2

Mit Marco Polo - Staffel 2 verfolgt Netflix das ehrgeizige Ziel, der HBO-Serie Game of Thrones Konkurrenz zu machen. Dass das ein hochgestecktes Ziel ist, ist klar. Ganz unrealistisch ist es jedoch nicht, zumindest wenn man das Budget  der Historienserie betrachtet. Doch Marco Polo ist ein eigenständiges Werk und sollte auch als solches gesehen werden. Ein paar Game of Thrones-Vergleiche kann sich unsere Serienkritik dann aber doch nicht verkneifen. 

John Fusco, der Showrunner von Marco Polo, ist mutig. In der Branche gilt eigentlich das Prinzip, Filme oder Serien zu produzieren, deren Hauptdarsteller oder deren Hauptsetting mit der Welt der Zuschauer möglichst übereinstimmt. Der Hintergedanke: Wenn wir uns mit der Welt oder deren Figuren identifizieren können, dann bleiben wir auch länger vor der Glotze  „hängen“. Soweit die Theorie. Die Rolle der Identifikationsfigur übernimmt in Marco Polo – wer hätte es gedacht – natürlich Marco Polo, der junge Venezianer, der von seinem Vater, der als Händler den Osten bereist, am Hofe des mongolischen Herrschers Kublai Khan (Benedict Wong) zurückgelassen wurde.

Braucht diese Serie einen neuen Namen?

Benedict Wong als Kublai Khan und Lorenzo Richelmy als Marco Polo in Marco Polo – Staffel 2 | Serienkritik @4001Reviews
Marco Polo (Lorenzo Richelmy) lebt an der Seite Kublai Khans (Benedict Wong) den „Mongol Way of Life“.

Das Problem ist jedoch, das der gewissenhafte, charmante und gut aussehende Marco (Lorenzo Richelmy) in Staffel 1 so gut funktioniert hat, dass wir vortrefflich in der fremden Welt des mittelalterlichen mongolischen Reichs angekommen sind und uns dort pudelwohl fühlen. Eine Identifikationsfigur, einen Freund in der Not oder einen Anker wie Marco es ist, brauchen wir in Staffel 2 nicht mehr.  Alle anderen Charaktere sind deutlich spannender und cooler. Vielleicht sollte sich die Serie in Kublai Khan umbenennen. Denn der spielt eine deutlich wichtigere Rolle als Marco. 

Okay, zugegeben, der Lockenschopf Marco ist und bleibt immer noch ein Zuschauerliebling. Aber seine Reise, so scheint es, ist vorüber. Sein Abenteuer ist vorbei. Denn in Marco Polo – Staffel 2 ist der vermeintliche Hauptdarsteller zum Ziehsohn des mächtigen und massigen Kublai Khan geworden. Er ist integer, akzeptiert und lebt den „Mongol Way of Life“. Ende gut alles gut. 

Das es mit Marco nicht mehr viel zu erzählen gibt, merken auch die Serienmacher. Als Lösung dieses Debakels lassen sie Marcos Vater wieder auftauchen. Die Absicht seines Besuches und das „Mitbringsel“, das Niccolò Polo (Pierfrancesco Favino) dabei hat, stellen Marco vor einen Loyalitätskonflikt, der in Staffel 2 jedoch nur in wenigen Szenen armselig  thematisiert wird. Dennoch gibt es Hoffnung, das Marco in Staffel 3 wieder zu einem interessanten Charakter wird.  

Der eigentliche Grund, warum es sich lohnt, Marco Polo anzusehen

Großartiges Szenenbild in Marco Polo – Staffel 2 | Serienkritik @4001Reviews
Opulente Kostüme und detaillierte Szenenbilder sorgen für einzigartigen Flair.

Der Reiz der Serie liegt in der (uns Westeuropäern) fremden Welt des mittelalterlichen fernen Osten. Mit einer visuellen Umsetzung auf hohem Niveau, wird Marco Polo – Staffel 2 diesem Anspruch gerecht. Schon die erste Szene der zweiten Staffel lässt einen staunen. Anders als bei Game of Thrones – Staffel 6 – der neuen Messlatte des Serienuniversums – ist bei Marco Polo – Staffel 2 jedoch klar, dass es sich um eine Serie und nicht um einen Kinofilm handelt. Serientypische „Einschränkungen“ gibt es zu Hauf. Massenszenen werden weitestgehend vermieden. Große Teile der Handlung finden in leeren Steppen, geschlossenen Gemächern oder unter Nomadenzeltplanen statt, womit der Produktionsaufwand vergleichsweise gering gehalten wird.

Schlimm ist das jedoch nicht. Denn alles, das man zusehen bekommt, also sämtliche Kostüme, Möbel, Waffen usw. sind von einer Kunstfertigkeit und einem Detailgrad, den man nur bei sehr wenigen Produktionen wiederfindet. Während das europäische Mittelalter-Epos The Last Kingdom (ebenfalls aus dem Hause Netflix) dreckig, wild und ungezügelt wirkt, ist Marco Polo sein elegantes Gegenüber. Beide Serien zeichnen sich durch die Natürlichkeit des Szenen- und Kostümbilds aus. In Marco Polo entführt dieses wahrhaftig in eine fremde Welt und böte den besten Nährboden für eine erstklassige Historienserie. Wäre da nichtfolgendes Problem:

Es fehlt an genialen Einfällen

Das kunstfertige Szenenbild täuscht leider nicht über ein entscheidendes Manko der Serie hinweg. Marco Polo – Staffel 2 fehlt es an eigenen Ideen. Bis auf einige Ausnahmen, wie zum Beispiel Kublais Angriffstaktik in Folge 8, kommen vorrangig nur altbekannte und durchschnittliche Stilmittel, Stereotypen und Plot Twist zum Einsatz. Zwar werden diese gekonnt umgesetzt, doch fehlt es der Historienserie, die so gerne das neue Game of Thrones aus dem Hause Netflix wäre, an Raffinesse und Gerissenheit, um mit dem Vorbild mithalten zu können. Ein Manko, dass sich auch in der Netflix-Politserie Marseille wiederfinden lässt. Hat Netflix mit der gefeierten Serie House of Cards etwa schon sein Pulver verschossen? Ein weiteren Dämpfer erfährt die Serie durch ihre dramaturgischen Konflikte, die entweder schwach konzipiert oder enttäuschend inszeniert sind.

Schwache Konflikte rauben Spannung

Benedict Wong als Kublai in Marco Polo – Staffel 2 | Serienkritik @4001Reviews
Kublai Khan (Benedict Wong) muss sich mit Herausforderern aus den eigenen Reihen messen.

Kublai Khan, der Nachfahre des großen Dschingis Khan, thront in Cambulac, der Hauptstadt seines neuen mongolischen Reiches und der Vorfahrin des heutigen Beijing. Nach der Eroberung Chinas und seinem Sieg über die Song-Dynastie, muss er nun regieren. Die größte Herausforderung kommt jedoch aus seinen eigenen Reihen.

Kaidu (Rick Yune, Prison Break), ein einflussreicher Mongolen-Fürst, zwingt Kublai zum Kurultai, einer Abstimmung bei der die mächtigsten Mongolen-Häuptlinge ihren Khan, also ihren König, wählen. Das Wahlprogramm der beiden könnte nicht unterschiedlicher sein. Kublai schaut nach vorne, will aus dem zerstrittenen Nomadenvolk ein sesshaftes und mächtiges Weltreich machen. Kaidu klagt darüber, dass Kublai die Tradition vergesse, die Herkunft seines Volkes verneine und sich stattdessen dem chinesischen Lebensstil zu sehr angleiche.

Die Lösung des Konflikts gipfelt nach zehn Folgen in einem ansehnlichen Staffelfinale. Schauspielerisch und dramaturgisch ist der Kampf jedoch gewonnen, bevor er begonnen hat. Der Brite Benedict Wong verleiht der Rolle Kublais eine Tiefe, wie sie nur wenige Darsteller ihren Figuren geben können. Wong ist ein Meister seines Faches und erschafft einen facettenreichen und fesselnden Herrscher: Kublai ist gutmütig, voller Liebe für seine Familie und offenherzig. Ahmad (Mahesh Jadu), einen arabischen Straßenjungen, zieht er wie einen Sohn auf und macht ihn zu seinem Vize-Regenten. Marco Polo schließt er ins Herz und nennt ihn seinen Sohn. Gleichzeitig ist Kublai temperamentvoll, stur und, wenn er in Rage gerät und sich vergisst, brutal. Die physische Präsens, die Emotionalität und die einzigartige Mimik, die Wong seiner Rolle verleiht, sucht Ihresgleichen.

Kaidu ist kein würdiger Gegner Kublais

Im Gegensatz zu Kublai ist Kaidu vor allem eins: unentschlossen. Zwar verleiht Rick Yune mit seinem kantigen Gesicht und seinen traurigen Augen Kaidu eine eigene Erscheinung, doch einen starken Willen vergaß man der Rolle ins Drehbuch zu schreiben. Kaidu, dem seine Tochter Khutulun (Claudia Kim) und sein Sohn Orus (Leonard Wu) zur Seite stehen, tut sich schwer mit seinem Los als Herausforderer und leidet unter den schweren Entscheidungen, die er zu treffen hat. Meist sitzt er mit trauriger Miene und hängendem Kopf rum und macht ein langes Gesicht. Kaidu ist kein würdiger Gegner für Kublai. Ein Kampf, der nicht auf Augenhöhe ausgetragen wird, ist wenig spannend, was sich negativ auf Staffel 2 auswirkt. Starke Gegner, wie Jia Sidao (Chin Han) in Staffel 1 würden der Handlung gut tun. 

Kokachin hat nichts zu erzählen

Zhu Zhu als Kokachin in Marco Polo – Staffel 2 @4001Reviews | Serienkritik @4001Reviews
Ermüdend wie ein lauwarmes Bad: Zhu Zhu als Kokachin in Marco Polo - Staffel 2.

Ein weiterer enttäuschender Handlungsstrang ist der von Kokachin (Zhu Zhu). Die gefangene Blaue Prinzessin, wird an Kublais Sohn und Thronfolger Jingim zwangsverheiratet. Chabi (Joan Chen), Kublais Frau, nimmt die schöne Prinzessin unter ihre Fittiche und tut Kokachin mitunter schlimmes an. Diese ist jedoch nicht nachtragend und wird schnell Best Friends mit ihrer Peinigerin. Das ist nicht nur nicht nachvollziehbar, sondern auch langweilig. Auch das Wannabe-Verhältnis zwischen Kokachin und Marco spielt keine entscheidende Rolle mehr. Statt durchzubrennen oder andere verbotene Dinge miteinander zu tun, sind beide brav und anständigwas super langweilig ist. Kokachins Geschichte zieht die Handlung unnötig in die Länge. Schade. 

Was Ahmad und Kleinfinger aus Game of Thrones verbindet

Überzeugend wiederum ist Ahmad, der Ziehsohn Kublais, der, wie zum Ende der ersten Staffel klar wird, seit geraumer Zeit plant, seinem Adoptivvater den Thron zu rauben. Mahesh Jadu ist ein Gewinn für die Serie. Dem Verräter Ahmad verleiht der talentierte Schauspieler nicht nur perfide Gerissenheit sondern auch eine majestätische Eleganz, die die Schamlosigkeit und den Hochmut der Rolle unterstreicht. Schade ist nur, dass die Serienmacher nicht ausreichend erklären, weshalb der adoptierte arabische Straßenjunge seinen Vater so inbrünstig hasst. Dennoch schafft es Ahmad, der mit seiner Durchtriebenheit und seiner tadellosen und selbstbeherrschten Erscheinung mitunter an Lord „Kleinfinger“ Baelish aus Game of Thrones erinnert, der Serie einen würdigen Antagonisten zu verleihen.

Mahesh Jadu als Ahmad in Marco Polo – Staffel 2 | Serienkritik @4001Reviews
Der hinterlistige Ahmad (Mahesh Jadu) plant seinen nächsten Zug.

Fazit: Marco Polo – Staffel 2 lohnt sich, verschenkt aber Potenzial 

Marco Polo ist eine Serie, in die Netflix eine ordentliche Stange Geld investiert. Bei Staffel 2 zahlt sich das jedoch nur bedingt aus. Vereinzelt kann die Historienserie zwar mit beeindruckenden Szenen punkten, doch betrachtet man die gesamte Staffel, mangelt es für eine Serie dieser Klasse an eigenen Einfällen, erzählerischer Raffinesse und infolgedessen an kontinuierlich fesselnder Spannung. Aufgefangen wird dieses Manko von einer großartigen visuellen Umsetzung und guten oder sogar herausragenden Schauspielern. Marco Polo, der Namensgeber der Serie, spielt jedoch keine ausschlaggebende Rolle, was sich mit Staffel 3 – so lässt sich erahnen – hoffentlich wieder ändern wird. Halten wir also fest: Marco Polo – Staffel 2 ist wie ein gemütlicher Ritt durch die mongolische Steppe bei dem einem eins klar wird: Schöne Landschaften sind toll, aber eben nicht alles. Aber eben auch etwas.

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