Review: Preacher – Staffel 1

Hat der Seriengott unsere Gebete für Preacher erhört?

Preacher Staffel 1 Titelbild

Preacher - blutig, düster und herrlich blasphemisch. Kein Wunder also, dass es so ein vergebliches Unterfangen war, den Comic von Garth Ennis und Steve Dillon in die amerikanischen Kinos zu bringen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich ausgerechnet das Komiker-Duo Seth Rogen und Evan Goldberg (Produzenten von Das ist das Ende und The Interview) an die Sache ranmachen und es tatsächlich durchziehen - allerdings als Amazon Prime Serie. Für etwas Dramatik holten sie noch Sam Catlin mit an Bord, der bereits bei Breaking Bad mitgearbeitet hat. Das Resultat ist eine erste Staffel, die zum einen dem Comicstil treu bleiben und zum anderen eigene Wege gehen will. Höllisches Drama, oder göttliche Komödie? Oder beides?

Von explodierenden Predigern

Die Gebete der Prediger werden endlich erhört. Oder zumindest hat es den Anschein, als zufällige Prediger auf verschiedenen Teilen der Erde von einer mysteriösen Macht durchdrungen werden - kurz bevor sie auf sehr blutige Weise explodieren. Panik, Hysterie und Trauma sind die verständlichen Reaktionen der Anwesenden, die sofort das Weite suchen. Die einzige Konstante sind zwei mysteriöse Männer (Anatol Yusef und Tom Brooke), die offenbar nur allzu gut wissen, was da aktuell geschieht.

Jesse Custer (Dominic Cooper) scheint das alles nicht zu kümmern. Als Prediger mit mysteriöser Vergangenheit agiert er als letztes Überbleibsel der Moral in der texanischen Stadt Annville. Er selbst ist allerdings auch kein Heiliger: Er trinkt, lässt gerne seine Fäuste sprechen, und hat selbst beinahe das Vertrauen in Gott verloren, in Anbetracht der verkommenen und zurückgebliebenen Kleinstadt. Als er fast schon aufgeben will, durchdringt ihn eines Nachts in seiner Kirche die Macht, die schon Prediger vor ihm dahingerafft hat. Als er am nächsten Morgen zu sich kommt, hat er neue Stärke gefunden, als Prediger weiterzumachen. Mit der mysteriösen Macht im Schlepptau ist Custer bemüht, seine Stadt zu retten und Gott zu finden.

Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) zündet sich eine Zigarette an. Er ist selbst kein Heiliger.
Der Prediger Jesse Custer (Dominic Cooper) ist selbst kein Heiliger.

Die Wege des Herrn sind unergründlich

Der Weg zu Gott ist eine Grundthematik, die selbst in der modernen Zeit noch ihre Bedeutung hat. Umso geschickter ist es, eben diese zum roten Faden der Staffel 1 von Preacher zu machen. Jesse Custer, der erst eine Glaubenskrise hat und dann von der scheinbar göttlichen Macht durchdrungen wird, eignet sich als Protagonist dieser Religionsgroteske perfekt. Die Handlung ist stabil und schlüssig und erzählt strukturiert die Geschichte, wie Custer den Glauben seiner verkommenen Stadt näher bringen kann. Die Handlung um seine Bemühungen und seine Kämpfe mit seiner eigenen inneren Verkommenheit und seiner Vergangenheit sind spannend, intensiv und erstaunlich originell.  

Die Handlung ist nicht so chronologisch, wie es anfangs erscheint. Dafür erscheint sie anfangs recht unergründlich. Das kommt daher, dass es mehrere Handlungsstränge gibt, die offenbar zufällig auftreten und scheinbar nur wenig miteinander zu tun haben. Wir bekommen zufällige Szenen mit dem kleinen Jesse mit und seinem erschwerten Verhältnis zu seinem Vater John Custer (Nathan Darrow) zu sehen und erfahren auch ein paar Details aus seiner kriminellen Vergangenheit mit seiner damaligen Partnerin Tulip O'Hare (Ruth Negga, Misfists). Die hitzköpfige und entschlossene junge Frau kam nämlich in der Gegenwart den ganzen Weg nach Annville, um Jesse in sein altes Leben zurückzuholen.

Es war einmal ein Cowboy

Einblicke in die Vergangenheit einer Figur tragen für gewöhnlich zur Handlung bei, weshalb sie doch nicht so unergründlich sind.  Preacher zeigt nämlich, wie man seine Zuschauer richtig verwirren kann: Ein namenloser Cowboy (Graham McTavish), der sich aufmacht, Medizin für seine Tochter zu kaufen und dabei die unschöne Seite der Prärie entdeckt. Folgende Frage ist durchaus berechtigt: Was hat das mit der Handlung zu tun? Und bis zum Ende wird man sich diese Frage stellen, denn erst am Schluss, wenn man schon gar nicht mehr fragt, stellt sich heraus, dass der Cowboy Teil der Handlung ist. So ergeht es den meisten Szenen, die scheinbar zufällig auftauchen, bevor sie eine Erklärung bekommen. Ein sehr interessantes Stilmittel, dass der intensiven Handlung nochmal zugute kommt. 

Dennoch hätte man sich gewünscht, dass man auf Elemente der Handlung näher eingegangen wäre. Ob beabsichtigt oder nicht, einige Ereignisse werden nur angedeutet und nicht tatsächlich erklärt.

Vampire, so wie sie sein sollten

In Preacher geht es nicht mild vonstatten, das muss hoffentlich nicht mehr extra erwähnt werden. Dasselbe gilt auch für die schrägen Charaktere, die in der Stadt residieren, oder in diese kommen. Hauptfigur Jesse Custer erscheint da trotz seiner übernatürlichen Macht immernoch als der "Normalste". Ein Beispiel hierfür ist "Arseface" (Ian Colletti), dessen Name keine Metapher ist. 

Rogen und Goldberg wissen, wie man Figuren eine würdige Einführung widmet und auch wann sie alle Register ziehen sollen, um bestimmte Charaktere besonders hervorzuheben. Nehmen wir dafür den bis dato schrägsten Charakter und ungebrochenen Serienliebling: Cassidy (Joseph Gilgun, ebenfalls in Misfits). Um es kurz zum machen: Er ist ein irischer Vampir, der auf der Flucht vor Vampirjägern ist. Und wie stellt man den Vampir vor? Richtig - als koksschnüffelnden Draufgänger auf einem Luxusflug. So plötzlich wie die Einführung, geht es auch gleich zur Sache und der Vampir präsentiert sich auf eine herrlich blutige Weise, während er gleichzeitig etablierte Vampir-Stereotypen dementiert. "Notlanden" muss er in eben diesem Drecksloch namens Annville, wo er sich recht schnell einlebt. Dort erweist er sich als hedonistischer und planloser, aber guter Freund, der auch mal als moralischer Kompass Custers agiert - was ziemlich traurig ist.

Noch trauriger ist es, dass Cassidy selbst keinen eigenen Handlungsstrang bekommt. Viel erfahren wir von ihm nicht, abgesehen von den wagen Angaben, die er im Rausch von sich gibt. Meist glänzt er hauptsächlich in Kombination mit Jesse Custer, oder auch Tulip O'Hare, aber alleine ist er selten das Zentrum des Geschehens. Wir hätten gern deutlich mehr von ihm gesehen, denn als draufgängerischer Vampir überzeugt er nicht nur durch einige der blutigsten Szenen in der Serie, sondern auch durch erstaunlich eindringliche Dialoge. Ein Vampir, wie er es sein sollte.

Cassidy (Joseph Gilgun) betrinkt sich. Für ein Vampir ist er erstaunlich menschlich.
Für einen Vampir ist Cassidy (Joseph Gilgun) erstaunlich menschlich.

Breaking Bad-Flair

Dass Breaking Bad Co-Produzent Sam Caitlin mit dabei ist, zahlt sich aus. Tatsächlich bekommt der Zuschauer ein vertrautes Gefühl, während die Charaktere vor der Landschaft auf und ab gehen.  Das kommt nicht von ungefähr, denn die Serie wurde, wie schon Breaking Bad damals, in Albuquerque gefilmt. Easter Eggs garantiert. Doch auch abgesehen von beabsichtigen Anspielungen lassen sich Parallelen am Setting erkennen: Die Ortschaft vermittelt ein Gefühl der melancholischen Abgeschiedenheit und auch der Isolation. Die städtische Zivilisation scheint weit entfernt zu sein und das gesetzlose Wüstengebiet breitet sich unter dem gleißenden Sonnenlicht immer weiter aus. Preacher gibt dieses Gefühl perfekt wieder, bloß verkörpert es diesmal die Gottverlassenheit, statt die gewünschte Isolation eines Meth-Kochs, um heimlich Drogen herzustellen. Dennoch funktionieren die Referenzen wunderbar. 

Let the Bodies Hit the Floor

Der Untertitel sagt schon alles: Der Gewaltpegel in Preacher ist sehr hoch - und wird meist mit unglaublichen unpassenden Kulturreferenzen begleitet. Sie ist nicht dauerhaft präsent, doch wenn sie auftritt, dann erst recht und das schön plastisch. Bei solchen Stellen geht jede Subtilität flöten. Tatsächlich wird die Gewalt so detailliert und selbstironisch gezeigt, dass sie ihr eigenes Stilmittel entwickelt. Nach einer Weile kann man nicht anders, als über die überzogene Gewaltdarstellung zu lachen, vor allem wenn sie unerwartet kommt. Auffällig sind auch die einleitenden, cleveren Dialoge und Kulturreferenzen, die zu den denkbar unpassendsten Stellen ausgesprochen werden. So etwas hätten wir bis jetzt nur einem Tarantino zugetraut - und tatsächlich kommt ihm zu Ehren eine Filmreferenz von Pulp-Fiction.

Mehr "Super", weniger "Natural"

Man mag es kaum glauben, doch trotz etablierter Thematik über eine "göttliche" Macht, die Prediger explodieren lässt und dem Protagonisten das "Wort Gottes" gibt, geht die Serie sparsam mit übernatürlichen Elementen um. Zwar gibt es Vampire, göttliche Mächte und auch Engel, doch eine zu hohe Gewichtung nehmen die Fantasyelemente nicht ein. Wenn sie jedoch eingesetzt werden, zeichnen sie sich durch überraschend realistische Darstellung aus. Das ist eine Entwarnung für alle, die eine Serie a la Supernatural befürchten. Preacher benutzt weder Over-the-Top Fantasy Horror, noch Monster-der-Woche-Handlungen über Dämonen und Teufel, auch wenn die Serie vielleicht zuerst danach aussieht. Ansonsten genügt die reine Verkommenheit der Menschen, mit der die Protagonisten konfrontiert werden, um ein Bild des Horrors zu vermitteln. Das furchterregendste Wesen ist offenbar doch der Mensch.

Der Horror des Ungesehenen

Es ist erstaunlich, wie eine geschickte Kameraführung selbst die besten Spezialeffekte ersetzen kann. Sei es als Standbild durch eine Abfolge von deprimierenden Landschaftsaufnahmen, oder als dynamischer Begleiter des Geschehens, die Kamera ist und bleibt immer ein entscheidendes Stilmittel. Nur in wenigen Serien erfolgt der Einsatz der Kamera auf solch geschickte und einfallsreiche Weise. Einmal kann sie detaillierte und intensive Szenen von der Nähe zeigen, bis sie sich plötzlich entfernt und der Szene plötzlich eine humoristisch, lächerliche Note verleiht. Doch es ist genauso erstaunlich, wie durch Kameraeinsatz möglich wird, Horror und Intensität zu erzeugen, indem die wichtigen Elemente eben nicht gezeigt werden. Viele Geschehnisse bleiben gezielt im Verborgenen. Subtiler Horror vom Feinsten. Da freuen sich nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Sender, die sich was an den Effekten einsparen können.

Die brillante visuelle Umsetzung schließt allerdings nicht nur die Kameraführung ein. Die clevere Nutzung der Lichteffekte, die Musikuntermalung, der Schnitt, die Auswahl an Requisiten. Alles wurde geschickt ausgewählt, um sich so wenig an Spezialeffekte machen zu müssen wie nur möglich. Und es klappt hervorragend. Mit den subtilsten Filmtechniken kann man in dieses dunkle Machwerk einen ganzen Haufen Symbolik hineinbringen, mit einer ordentlichen Brise schwarzem Humor. Wieso soll man dämonische Mächte visuell darstellen, wenn man ein umgedrehtes Kreuz auf einer Kirche filmen kann, das von einer Erschütterung umgefallen ist? Wieso braucht man für eine rituelle Extraktion aufwendige Requisiten, wenn man einfach eine Kaffeedose nutzen kann? Der sparsame Umgang mit Fantasy-Elementen ist erstaunlich einfallsreich umgesetzt, sowohl komisch, als auch düster und zum Teil überraschend glaubwürdig. Die visuelle Umsetzung ist klar ein Markenzeichen von Preacher.

Eine Kirche steht in der Ferne einer verlassenen Ortschaft. Custer (Dominic Cooper) ist auf dem Weg in die Kirche.
Die Kirche kann nicht davor hinwegtäuschen, dass Gott diese Stadt schon vor langer Zeit verlassen hat.

So traurig, dass man nur noch lachen kann

Man kann Seth Rogen und Evan Goldberg nicht so eine bitterböse Vorlage wie den Comic Preacher geben und erwarten, dass es nichts zu Lachen gibt. Und tatsächlich: Preacher Staffel 1 strotzt nur so vor schwarzer Comedy, sei sie subtil, oder unverschämt direkt. Die Serie behandelt wichtige Themen wie Gesellschaftskritik und Religion, doch nimmt sich dabei nicht allzu ernst. Das Resultat ist eine überzogene Darstellung, die so eindringlich, wie komisch ist.

Dennoch ist Preacher keine bloße schwarze Komödie. Dafür hinterlässt der Humor einen zu starken Nachgeschmack: Man lacht über die überzogene Gewalt, über die überspitzte Thematik, über die verkommene Gesellschaft und über pietätlose Dialoge, bis man merkt, dass es im Grunde gar nicht so witzig sein darf. Rogen und Goldberg wissen, wo die Grenze zwischen gezielter Komik und komplettem Absurdum ist und halten perfekt die Balance. Der schwarze Humor ist ein überzeugendes Mittel zum Zweck, das Drama hervorzuheben -  aber braucht schwarzer Humor überhaupt eine Begründung?

Wirklich so blasphemisch?

Also was ist es nun? Ist Preacher wirklich so blasphemisch und gotteslästerlich, oder verbirgt sich da tatsächlich eine tiefere Bedeutung? Tatsächlich stellt sich die Serie auf keine klare Position. Zwar werden die Diener Gottes auf spöttische Weise dargestellt, doch anti-religiös wird die Serie zu keinem Zeitpunkt. Das Gegenteil ist meist der Fall. Bei all der Verkommenheit und Sünde wird die Frage gestellt, welchen Wert der Glaube in der heutigen Zeit tatsächlich noch hat. Selbst ein Atheist bekommt Mitleid mit dem Prediger, wenn er obszöne Aufschriebe auf dem Kirchenschild korrigiert und hofft, dass er wenigstens etwas Gutes in diese Stadt bringen kann. Welchen philosophischen Eindruck die Serie auch hinterlassen mag, angeregt zum Denken wird man auf jeden Fall.

Fazit - Himmlisch gut und teuflisch böse

Es fällt unerwartet schwer eine Serienkritik zu Preacher - Staffel 1 zu schreiben. Dafür gibt es zu viele unterschiedliche Aspekte, die sich unter anderem widersprechen. Beantwortet die Serie nun alle storytechnischen Fragen, oder nicht? Hat die Serie einen Überschuss an schwarzer Komödie, oder ist sie doch ein tiefgründiges Drama? Ist sie direkt und überspitzt, oder erstaunlich subtil? Und hat Preacher eine festgelegte Grundthematik, oder ist es ein wilder Genre-Mix, bestehend aus Western, Fantasyhorror, Drama und bitterböser Komödie, der sich auf absurde Weise abwechselt. Tatsächlich ist Preacher etwas von allem - und macht dabei eine sehr gute Figur. Obwohl die Serie gewisse Probleme hat, sich auf einen festgelegten, thematischen Fokus zu einigen, so überzeugt sie doch in hohem Maße. Custers Suche nach Gott ist eine unberechenbare,  düstere, aber auch schräge Reise durch die Abgründe der menschlichen Sünde. In Staffel 2 geht die Suche nach Gott hoffentlich ebenso "schön" weiter.

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