Review: Stranger Things – Staffel 1

Stranger Wins – Jetzt will jeder ein 80er-Kid sein

Titelbild zur Serienkritik an Stranger Things - Staffel 1

Auf Netflix passieren seltsame Dinge. Es gibt eine neue Hit-Serie. Man kann sie anschauen, ohne davor den Altersfreigaben-PIN einzugeben. Auf dem Plakat sind Kinder – kein Kevin Spacey. Eventuell hat der Streaming-Dienst mal wieder irgendwelche Lückenfüller aus den 80ern hochgeladen. Das denkst du dir zumindest, wenn du Stranger Things noch nicht gesehen hast. Aber wenn zehn Freunde sagen, dass die Serie der absolute Wahnsinn sei, dann muss da ja auch was dran sein, oder? Falls dir niemand genau erklären kann, was die Serie so besonders macht, dann hilft dir vielleicht unsere Serienkritik weiter.

Statt dir jetzt ausführlich Setting und Atmosphäre zu erklären – denk einfach an E.T. – Der Außerirdische. 80er-Jahre, amerikanische Kleinstadt und Kinder auf Fahrrädern. Im Fokus stehen die Schulfreunde Will (Noah Schnapp), Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin). Die Kids stehen kurz vor der Pubertät und spielen am liebsten solange das Roleplay Dungeons & Dragons, bis Mikes Mutter Karen (Cara Buono) feststellt, dass Zeit für die Heia sei. Die vier haben die Kindheit, die sich vermutlich jedes Kind wünscht. 

Will ist weg

Aber es bleibt nicht friedlich. Eines Nachts verschwindet Will, der kleinste der Truppe, spurlos. Wills Mutter Joyce (Winona Ryder) ist verzweifelt. Die geschiedene junge Frau geht mit ihrem älteren Sohn Jonathan (Charlie Heaton) auf die Suche nach ihrem Jüngsten. Selbst als Polizei und Freunde ihr erklären wollen, dass Will vermutlich nicht mehr nach Hause kommen wird, gibt die zähe Mutter nicht auf. Sie ist fest davon überzeugt, ihren Sohn "spüren" zu können. Er kommuniziere mit ihr über die Wohnungsbeleuchtung. Am liebsten mit Hilfe von Lichterketten! WTF? Ist Joyce verrückt?

Auch Wills Freunde bleiben nicht tatenlos und schmieden einen Rettungsplan. Dabei treffen sie auf ein mysteriöses Mädchen mit kahl rasiertem Kopf. Ihr Name ist „Elf“ (Millie Bobby Brown). Sie redet kaum und hat keine Angehörige; dafür aber Superkräfte. In Telekinese, also dem Beeinflussen ihrer Umwelt allein durch ihre Gedanken, ist sie ein Ass. In Flashbacks findest du mehr über „Elfies“ Vergangenheit heraus. Hat sie eventuell etwas mit Wills Verschwinden zu tun?

Mikes größere Schwester Nancy (Natalia Dyer) ist (k)eine typische Teenagerin. Sie geht nicht nur auf Jungs- sondern auch auf Monsterjagd. Obwohl Nancy mit dem „Douchebag“ Steve (Joe Keery) zusammen ist, geht sie mit Wills großem Bruder Jonathan eine mysteriöse Gestalt jagen, die in der Stadt ihr Unwesen treibt. Was hat die Gestallt mit Wills Verschwinden zu tun?

Auch der einsame Polizist Jim Hopper (David Harbour) glaubt auch nicht an Wills Tod. Auf eigene Faust treibt er die Ermittlungen voran und gerät mit CIA und einer einer Einrichtung, die geheime wissenschaftliche Versuche mit Menschen durchführt, aneinander. Der Chef des Energieministeriums Dr. Martin Brenner (Matthew Modine) hat offenbar einiges zu vertuschen. Ist er an Wills Verschwinden Schuld?

Klassisch und dennoch erfrischend

Stranger Things Joyce (Winona Ryders) Jonathan (Charlie Heaton) und Nancy (Natalia Dyers) sitzen auf einem Sofa
Joyce (Winona Ryders) Jonathan (Charlie Heaton) und Nancy (Natalia Dyers) wollen über Lichterketten mit den verschwunden Will kommunizieren.

Was sind eigentlich gute Hauptcharaktere? Schauen wir uns doch einmal die bekannten Serien an: Krebskranke Drogendealer, rücksichtslose Präsidenten, psychopathische Kannibalen, gestörte Blutspritz-Forensiker, soziopathische Superdetektive, und so weiter. Vergessen wir nicht die brutalen Selbstjustiz übenden „Superhelden“. Die Schlagworte sind ganz klar „psychopathisch“, „rücksichtslos“ oder „super“. Während sich Serienformate immer mehr durch unkonventionelle Anti-Helden-Plots beweisen wollen, rudert Stranger Things zurück zu den Wurzeln des klassischen Popcorn-Kinos. Die Helden der Geschichte sind Kinder. Sie sind keine Massenmörder und keine Superhirne. Sie sind sympathisch – und das reicht. Während diese Hauptcharaktere im Kinoformat „eindimensional“ und „klischeehaft“ wären, sind sie im Serienformat genau das Gegenteil. Endlich gibt es wieder Hauptcharaktere, bei den man nicht seine eigene Moral hinterfragen muss, wenn man mit ihnen mitfiebert. Die vier Kids wachsen einem sofort ans Herz.

Kinderserie oder Serie mit Kindern?

Lucas (Caleb McLaughlin), Mike (Finn Wolfhard), Elfie (Willie Bobby Brown) und Dustin (Maten Matarazzo) entdecken etwas in Stranger Things.
Lucas (Caleb McLaughlin), Mike (Finn Wolfhard), Elfie (Willie Bobby Brown) und Dustin (Maten Matarazzo) machen eine schreckliche Entdeckung.

Das Durchschnittsalter des kompletten Casts beträgt bei Stranger Things maximal 16 Jahre. Erwachsene sind klar in der Minderheit. Ist die Serie also überhaupt etwas für die "Großen"? Besser gefragt, sollten die Kleinen Stranger Things überhaupt anschauen dürfen? Antwort: Ja. Nein.

Die Serie macht schon relativ bald klar, dass sie keine Angst davor hat, hart zu sein – obwohl der unschuldige Vibe eines E.T. oder The Goonies trotzdem nicht verloren geht. Zum Teil erinnern die regelmäßigen Horror-Sequenzen stark an die frühen Alien-Filme, inklusive Blut, Schleim und Tentakeln aus Körperöffnungen. Jede Folge haut mindestens drei Mal einen Jumpscare raus, viele wirken allerdings etwas gezwungen. Ein bisschen mehr subtilerer Horror hätte gut getan. Dafür ist  die erste Staffel von Stranger Things ungemein spannend, verursacht angenehmes Gänsehaut-Kribbeln und lässt einem pro Folge mehrmals den Atem gefrieren. 

Auch die Mischung aus psychotisch-visuellen Eindrücken und gruseliger Soundkulisse funktioniert hervorragend. Einige Bilder, besonders die vielen Flashbacks von Elfie, sind verstörend und ganz sicher nicht für Kinder. Für zartbesaitete Erwachsene  gilt vermutlich das Selbe. 

Elf von zehn Sterne für Elfie

Millie Bobby Brown in Stranger Things Staffel 1
Elfie (Millie Bobby Brown) setzt ihre Fähigkeiten ein – inklusive Todesblick!

Der Star und eigentliche Hauptcharakter in Stranger Things ist Elfie. Die zwölfjährige Millie Bobby Brown hat in acht Folgen geschätzt 20 Wörter Text, doch ihre physische Darstellung eines traumatisierten aber gleichzeitig ungemein mutigen Mädchens geht unter die Haut. Allein mit ihrem Blick schafft sie mehr auszudrücken, als viele "Hollywood-Schauspieler" mit tausend Wörtern. Dialogzeilen braucht Millie Bobby Brown nicht, den komplexen Charakter Elfie zeichnet sie praktisch ohne Stifte. Ein  denkwürdiges Meisterwerk erschafft sie dennoch. 

Obwohl Elfie mit ihren Superkräften jeden in einem Sekundenbruchteil töten könnte, sucht sie vor allem eins: Halt und Schutz. Sie benutzt ihrer Kräfte jedoch nur, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Elfie will kein „Freak“ sein, sondern in die normale Gesellschaft integriert werden. Sie will ein normales Mädchen sein. Dieser Konflikt wird in Stranger Things hervorragend herausgearbeitet.

Wie viel Sterne bekommt der Rest?

Die "Gang" um Finn Wolfhard als Mike bekommt Fleißsternchen in ihr Arbeitsheft geklebt. Sie geben ihr Bestes und funktionieren in der Gruppe hervorragend. Gaten Matarazzo als zahnlos lispelnder Dustin ist der Sympathieträger der Serie. Seine Performance ist unglaublich unterhaltsam und sorgt für viele Lacher, sein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit regt zum Nachdenken an.

Natalia Dyer als Teenagerin Nancy bekommt auch ein Sternchen – ihr Schmoll-Blick ist zu aufdringlich um Nein zu sagen. Auch sie wird durch ihre „normale“ Charakterzeichnung zu einer Sympathieträgerin.

David Harbour als Polizist Jim Hopper bekommt die Medal of Honor für außergewöhnliche Coolness und sitzende One-Liner. Er ist der bekannteste Schauspieler in Stranger Things, so kennt man ihn zum Beispiel aus Suicide Squad, Black Mass und James Bond: Ein Quantum Trost. Seine Erfahrung macht sich bemerkbar: Er spielt den einsamen Cop, für den sich ein Fall zu einer persönlichen Angelegenheit entwickelt, mit den nötigen Ecken und Kanten. Gegen Ende wird Polizist Hopper zu einer tragischen Figur und sorgt mit einer herzzerreißenden Szene für die Katharsis der Geschichte.

Jim Hopper (David Harbour) als Polizist in Stranger Things
Jim Hopper (David Harbour) treibt die Ermittlungen voran, doch es stellen sich immer wieder Hindernisse in den Weg.

Winon Ryder als Joyce bekommt einen Trostpreis für „Overacting“. Die allein erziehende Mutter ist konstant auf einem neurotischen Level, das fast schon an Jar Jar Binks heranreicht. Trotzdem erfüllt ihr Charakter als Teil der Geschichte ihren Job.

Eine Liebeserklärung an die Jugendfilme der 80er

Ob du die 80er miterlebt hast oder nicht, ist völlig egal. Stranger Things versetzt dich in eine Nostalgie, die vermutlich nie ein Teil von dir war. Du wünschst dir, (wieder) ein Kind in den 80ern zu sein, in Baumhäusern zu spielen und mit Fahrrädern die Straßen der Vorstadt abzuklappern. Gepaart mit ein paar naiven Science Fiction-Nerd-Fantasien aus der Alien-, E.T.- und Krieg der Sterne-Ära.

Die Referenzen zu 30 Jahre alten Jugend- und Spielbergfilmen findet man im Minutentakt. Hier ein bisschen Stand by me, dort ein bisschen Poltergeist – die Duffer Brothers (Matt Duffer und Ross Duffer), die Showrunner der Serie, haben sich ziemlich deutlich als echte 80er-Jahre-Fans geoutet.

Ein großes Lob geht auch an den Soundtrack von Kyle Dixon und Michael Stein. Die Musik wabert mit Retro-Synthesizer-Elementen über das Geschehen und verpasst dir immer wieder eine Gänsehaut. Falls du dich noch an die alten VHS-Schulfilme erinnerst, die dir mit Animationen den Aufbau von Molekülen erklären – der Soundtrack in Stranger Things klingt ähnlich hypnotisch. Nur eben in gut!

Statt die Bilder mit digitaler Brillanz herunter zu kühlen, setzt die Serie mehr auf den klassischen Film-Look, inklusive bunter Farben und durchdachtem Set-Design. Wackelkamera,  virtuose Schnitte und CGI-Overload werden nicht gebraucht, stattdessen fühlt sich Stranger Things nahbar und "normal" an. Wer genauer hinsieht, erkennt, dass sich unter der Haube ein  großartiges und bis ins Detail durchdachtes visuelles Konzept verbirgt. CGI gibt es außerdem schon. Lass dich überraschen.

Wie geht es weiter?

Nach acht Folgen ist die erste Staffel Stranger Things zu Ende. Obwohl die Geschichte aus erzählerischer Sicht zu Ende geführt wurde, sind noch längst nicht alle Fragen beantwortet. Ein bisschen mehr Hintergrundwissen über die paranormalen Ereignisse hätte der ersten Staffel noch mehr erzählerische Tiefe gegeben. Andererseits kann man die Showrunner verstehen, dass sie nicht das ganze Pulver auf einmal verschießen wollten.

Eine Fortsetzung für Stranger Things - Staffel 1 zu drehen, könnte nämlich ziemlich schwer werden. Normalerweise profitieren Serien von einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Handlung über mehrere Staffeln, dem sogenannten Schneeball-Effekt. Die Geschichte von Stranger Things erinnert bis jetzt aber eher an einen abgeschlossenen Film, der einige Fragen unbeantwortet lässt. Eine zweite Staffel könnte also die typischen Sequel-Probleme haben und in einer erzählerischen Wüste enden. Aber lassen wir diese Sorgen erst einmal Zukunftsmusik sein und hoffen auf eine Weiterführung dieser großartigen Serie.

Fazit: Stranger Things ist die bisher ausgefallenste Netflix-Serie

Stranger Things – Staffel 1 wird zu Recht gehypt, denn sie wagt neue Schritte. Statt auf härter, blutiger und „abgefuckter“ zu setzen, konzentriert sich das Mistery-Drama auf eine klassische und gesetzte Handlung, die jedoch mit einem kräftigen Schuss Mistery ordentlich aufgepeppt wird. Die Duffer-Brüder erschaffen eine Hommage an den 80er-Jahre-Jugendfilm und erzeugen neben einer mystischen Athmosphäre eine ordentliche Portion Spannung. Tolle Schauspielleistungen der Jungdarsteller, ein unterhaltsames Skript und ein unwiderstehlicher Retro-Vibe machen die erste Staffel zu einem genialen Auftakt einer (hoffentlich) großen, neuen Serie.

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