Review: The Last Kingdom – Staffel 1

Ein neues Serien-Epos setzt die Segel

The Last Kingdom Poster

Jede Serie, die kein modernes Setting zeigt, muss sich prinzipiell an Game of Thrones messen. Sobald Pferde, Schwerter und ungewaschene Menschen zu sehen sind, ist es ja sowieso ein „verzweifelter Versuch an den Erfolg von GoT anzuknüpfen“. Da gab es in den letzten Jahren schon einige Kandidaten. Wenige haben sich dabei wirklich einen festen Platz in der Serien Hall of Fame gesichert, wie zum Beispiel Vikings. Zum Verwechseln ähnlich scheint dabei die neue Serie des amerikanischen BBC The Last Kingdom, die auf einer Buchreihe von Autor Bernard Cornwell basiert. Denn Wikinger sind gerade voll im Trend. Mit Hipster-Frisuren und aufgepumpten Body, ersetzen sie die Piraten aus der Karibik, die bis vor paar Jahren noch die coolsten Kostümierten in der Film- und Serienwelt waren. 

Nur wenig historische Fakten sind über die Wikinger bekannt, doch im Mittelalter-Epos von Cornwell wird Realismus groß geschrieben. So wurde zum Beispiel das Wort „Wikinger“ zur damaligen Zeit kaum verwendet, denn in erster Linie waren Wikinger einfach nur Dänen und Skandinavier, die mit ihren Schiffen Küstengebiete plünderten. So fällt der Begriff „Wikinger“ in der kompletten Serie auch nur zwei oder drei mal. 

Das erste Mal dafür gleich zu Beginn. Nachdem Lord Uhtred von Bebbanburg (David Matthew Macfadyen) an der Küste lauthals mit den Worten „Danes! They come as vikings!“ Alarm schlägt, legt The Last Kingdom einen furiosen Start hin. Sofort wird man mit einem hitzigen Erzähltempo in das Mittelalter katapultiert. Die gespaltenen Königreiche der Sachsen auf der englischen Insel müssen sich den wilden Dänen stellen, die immer wieder ihr Land überfallen und an sich reißen wollen.

Uhtred von Bebbanburg

Auch Lord Uhtred muss sich einem gefährlichen Trupp Dänen in einer Schlacht stellen. Doch die Schlacht wird verloren, und sein junger, gleichnamiger Sohn wird Zeuge, wie der Vater brutal ermordet wird. Der kleine Uhtred stellt sich wacker den dänischen Kriegern, die ihn jedoch einfach einpacken, und als Gefangenen mit nach Hause nehmen. Dort lebt sich Uhtred immer mehr in seine neue Familie ein; er wird ein echter Däne.

Uhtred Last Kingdom
Uhtred von Bebbanburg oder Uhtred Ragnarson? Ein Leben zwischen Feinden.

Zu einem Protagonist gehört auch immer ein innerer Kampf, ein Konflikt des Gewissens und der Selbstbestimmung. So offensichtlich wie der Zwiespalt von Uhtred ist dieser aber selten. Sachse oder Däne? Landlord oder Räuber? Als Mittelsmann in einem Krieg um Land und Religion, verschlägt es ihn immer wieder auf beide Seiten. Dabei macht er auch Bekanntschaft mit King Alfred, der in Uhtred einen strategischen Schlüssel zum endgültigen Sieg über die Dänen sieht.

Ein Thriller im Historien-Gewand

Wie es normalerweise während des „Universe Building“ bei großen Serien üblich ist, haben Formate wie Game of Thrones und Vikings oft einige Längen. Charaktere müssen eingeführt, Settings erklärt, und Atmosphäre erzeugt werden. Darunter kann natürlich immer wieder das Erzähltempo leiden, besonders wenn man als Neueinsteiger erst in die Serie abtauchen will. Aber Überraschung: All das ist bei The Last Kingdom nicht der Fall. Die Handlung stürmt mit Galopp voran, ohne Rast und Ruh. Unnötige Nebengeschichten werden gestrichen und größere Zeitsprünge in Kauf genommen. Alles zu Gunsten eines massiv unterhaltenden Plots, der an Straffheit kaum zu überbieten ist. Fans der Bücher von Cornwell könnte das natürlich etwas unangenehm aufstoßen, da für die Verfilmung mit Sicherheit einige großzügige Abstriche im Plot in Kauf genommen wurden. Solange das Ergebnis aber in sich stimmig ist, gibt's da wenig zu meckern. 

Rauer als Schmiedehände

Natürlich muss eine Serie dieser Art hart sein. Um es an dem allbekannten Game of Thrones Maßstab zu messen, fällt The Last Kingdom mindestens genauso blutig und unbarmherzig aus. Wenn Köpfe fliegen müssen, dann fliegen eben Köpfe, und wenn Menschen wie Vieh geschlachtet werden, dann hat man keine Scheu das auch zu zeigen. Nur der Geschlechtsverkehr wird in The Last Kingdom nicht so sehr zelebriert wie beim Vergleichsformat. Aber ganz ohne geht natürlich auch nicht.

Es ist jedoch nicht nur die schonungslose Gewalt, welche die Darstellung des Mittelalters in The Last Kingdom so erschreckend echt wirken lässt: Ein üppiges Setdesign sorgt dafür, dass man nie das Gefühl bekommt, man schaue nur eine budget-limitierte Mittelalter-Serie, die große Bilder meidet. Große Kamerafahrten über Hügel und Wälder geben den visuellen Eindrücken Platz zum Atmen. Auch Schlachtsequenzen, die hunderte Statisten involvieren, werden mit handwerklichem Geschick eingefangen. Das hat die erste Staffel Game of Thrones beispielsweise noch nicht geschafft!

The Last Kingdom Schlacht
The Last Kingdom scheut sich nicht davor große Schlachten darzustellen.

Den rauen Bildern steht ein mitreißender, oft wunderschöner Soundtrack gegenüber. Dieser wurde zum Großteil von Eivør Pálsdóttir eingesungen, die mit ihrem grandiosen Stimmorgan einige Szenen zum Besten gibt. Der keltische, folklorische Gesang sorgt für eine Mittelalter-Romantik, die sich sofort als Teppich über die ganze Serie legt.

Acht Episoden Mittelalter Epos. Ganz ohne Drachen!

Die Handlung und die meisten Charaktere basieren auf wahren Ereignissen aus dem neunten Jahrhundert. Dementsprechend gibt’s keine Fabelwesen und keine Magie. Das einzige mythische Element ist Religion. In The Last Kingdom werden die Grenzen zwischen wahren „Wundern“ und reiner Fantasie der Menschen elegant verwaschen, so dass sowohl das Christentum, als auch die heidnische Mythologie der Dänen authentisch dargestellt werden. Die Wichtigkeit und Allgegenwärtigkeit der Religion im Mittelalter wird hier in seiner mystischsten und brutalsten Form dargestellt.

Ein unbekannter, aber starker Cast

Bekannte Gesichter bietet The Last Kingdom nicht. Der Cast hat zum Großteil britische oder deutsche Wurzeln. Die Krone trägt dabei (auch wortwörtlich) David Dawson als King Alfred, der als kühler Stratege mit zerbrechlicher, und dennoch robuster Aura eine meisterhafte Performance abliefert. Er stiehlt auch Alexander Dreymon die Show, der den temperamentvollen Hauptcharakter Uhtred zwar solide darstellt, aber schauspielerisch dennoch eine Klasse unterlegen ist. Als heimlicher Liebling könnte sich auch der mürrische Krieger Leofric (Adrian Bower) herausbilden. Die Freundschaft zwischen Uhtred und Leofric dürfte wohl die makaberste „Bromance“ aller Zeiten sein.

Leider hinkt der weibliche Cast etwas hinterher. Nach einer Staffel hat Uhtred bereits drei verschiedenen Damen den Hof gemacht. Während Emily Cox als wilde Halb-Dänin Brida einigermaßen Eindruck hinterlässt, kommen andere Frauen in The Last Kingdom etwas blass daher.

Brida wuchs zusammen mit Uhtred auf. Sie bekennt sich zu den Dänen, obwohl sie als Kind von ihnen entführt wurde.

Die Wikinger erfüllen jedoch ihren Zweck: Cool aussehen, böse sein. Vor allem der Dänen-Boss „Ubba“ (Rune Temte) sorgt durch seine wuchtige physische Präsenz für einige intensive Momente.

Nahezu komplett zerstört wird The Last Kingdom allerdings durch die deutsche Synchronisation. Einige Sprechrollen wirken billig und komplett fehlbesetzt, wodurch die Serie um einiges kitschiger wirkt. Deswegen: Unbedingt im Originalton anschauen!

Das Beste kommt zum Schluss

In der letzten Folge fährt The Last Kingdom zu dramaturgischen Höhen auf. Der Regler für Epik und Spannung wird hemmungslos voll aufgedreht, and shit goes down. Genau so sollte eine Staffel enden! Die Geschichte findet einen würdigen Schluss, doch gleichzeitig wird eine mögliche Fortsetzung angedeutet. Eine zweite Staffel ist momentan tatsächlich in Planung. Man kann sich nur darauf freuen!

Fazit: The Last Kingdom ist ein echter Geheimtipp für Genrefans

Diese Serie überrascht. The Last Kingdom liefert eine bärenstarke erste Staffel ab, von der andere große Serien damals nur hätten träumen können. Üppiges Setdesign trifft auf eine gnadenlos involvierende Geschichte, die ohne Durchhänger über acht Stunden erzählt wird. Wer mit Historien-Dramen etwas anfangen kann, für den ist The Last Kingdom Pflichtprogramm. Zur Zeit wird die Serie auf Netflix angeboten, und kann somit sehr schön „gebingewatched“ werden. Ein mehr als großer Trost während der Wartezeit auf Game of Thrones.

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