Review: The Man in the High Castle – Staffel 1

Es war einmal ein amerikanisches Nazi-Reich...

The Man in the High Castle

Netflix bekommt Konkurrenz. Und damit der Streaming-Riese auch mal richtig ins Schwitzen kommt, hat sich Amazon (unter anderem Produzent der Serie 'Hand of God') was ganz radikales überlegt: Eine von Ridley Scott produzierte Serie, in der Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hat, und Amerika nun von Nazis und Japanern besetzt ist. Niemand kann bestreiten, dass das sich nicht cool anhört. Genauso provozierend ist das Marketing zu 'The Man in the High Castle': Auf riesigen Plakaten in U-Bahnstationen, Straßen, usw. posiert die Freiheitsstatue, den Hitlergruß zeigend, Hakenkreuz natürlich inklusive. Geht das zu weit? Hier in Deutschland vielleicht. Doch was steckt nun wirklich in dieser Serie?

Unsere übersichtliche Zusammenfassung der 1. Staffel findest du hier

Nazi Propaganda in The Man in the High Castle
Amerikanische Nazi-Propaganda

Zunächst ist das Storykonzept nicht frei erfunden, denn es basiert auf dem Roman Das Orakel vom Berge* von Autorenlegende Philip K. Dick und erinnert auch an Robert Harris' Roman Vaterland. Es benutzt die Idee der alternativen Realität, in der nicht die Alliierten den Weltkrieg gewonnen haben, sondern das Bündnis zwischen Deutschland und Japan. Daraufhin wurde die USA zwischen den Siegermächten aufgeteilt, Japan bekommt die Westküste, Hitler die Ostküste.

Es ist das Jahr 1962. Die Welt ist gleich, und doch anders. Die typischen Merkmale Amerikas sind immer noch da, doch alles ist durchtränkt mit Nazi-Propaganda. Die Menschen leben unter dem deutschen Regime, die Kinder gehen zur Hitlerjugend, und es scheint fast so, als habe der Großteil der Bevölkerung die Niederlage einfach akzeptiert.

Mysteriöse Filmaufnahmen

Doch im Untergrund brodelt ein Aufstand. Immer wieder tauchen mysteriöse Filmrollen auf, die anscheinend von dem „Man in the high Castle“ stammen. Sie zeigen Bilder, in denen man den Sieg der Alliierten sieht. So, wie wir eben die Realität kennen. Doch was hat es mit den Filmen auf sich? Sind sie reine Propaganda? Wurde der Bevölkerung etwas verheimlicht?

Diese „Was-wäre-Wenn“-Situation gibt einiges an Stoff her, aber gleichzeitig könnte das Ganze sehr einfach ins lächerliche, oder trashige hineinrutschen. Das tut es zum Glück nicht. Hier handelt es sich nicht um einen Trashfilm wie Iron Sky, sondern um ein mitreißendes Gesellschaftsdrama.

Hier gibt es kein Schwarz und kein Weiß

Dabei steht der Nazi-Aspekt auch nicht wirklich im Vordergrund. Die drei Kulturen Amerika, Japan, Drittes Reich, die aufeinander treffen und sich vermischen, werden alle gleichberechtigt in The Man in the High Castle behandelt. Gibt es hier wirklich eine Unterscheidung von Gut und Böse? Am Anfang scheint es noch so, aber letztendlich rutscht alles ins Graue ab.

Weibliche Hauptcharaktere werden immer beliebter

Im Mittelpunkt steht die junge Amerikanerin Juliana Crane (Alexa Davalos), die durch ihre Schwester in den Besitz einer der berüchtigten Filmrollen gerät. Sie soll die Rolle an einen Mittelsmann übergeben, der im Kontakt mit dem „Man in the high Castle“ steht. Dafür reist sie in die „neutrale Zone“, ein Gebiet in Mittelamerika, dass weder von Nazis, noch von Japanern regiert wird. Es erinnert stark an den Wilden Westen. Dort trifft sie auf Joe Blake (Luke Kleintank), der alles tut um Juliana bei ihrer Aufgabe zu helfen. Doch wer ist er wirklich? Die Charaktere sind allesamt sorgfältig besetzt, auch wenn es keine wirklich große Namen unter ihnen gibt. Die beiden Hauptcharaktere überzeugen, auch wenn Alexa Davalos in der Hauptrolle etwas zu oft den bekümmerten Gesichtsausdruck aufsetzt. Auch ihr Geliebter Frank Frink (Rupert Evans) weint zu 80% der Spielzeit. Aber viel zu Lachen gibt es in Nazi-USA auch nicht wirklich.

Ick sprecke nikt Doitsch, spiele aber throtzdeim ein Nazi.

Rufus Sewell in The Man in the High Castle
Bösewicht Obergruppenführer Smith

Allen voran überzeugen die deutschen und japanischen Rollen. Auch wenn die meisten Deutschen gar keine Deutschen sind (die Schauspieler entlarven sich in den wenigen „Deutsch-Sprech-Sequenzen“), gibt es einige Überraschungen im Cast. Rufus Sewell als Obergruppenführer Smith bleibt dabei am meisten im Gedächtnis. Nicht ganz so schaurig wie Christoph Waltz’ „Hans Landa“ aus Inglorious Basterds, aber nahe dran.

Serie mit Hollywood-Feeling

Für eine Serie ist The Man in the High Castle sehr, sehr schick. Ein Beispiel, wie man mit wenig Budget den größten Effekt raushauen kann. Das Setdesign ist absolut authentisch, und die „manipulierten“ Aufnahmen der großen amerikanischen Städte sind sehr atmosphärisch. Die Kamera schwenkt mit edlen Einstellungen über das Geschehen, und ein sehr starker Soundtrack sorgt ab und zu für Gänsehautmomente.

Trotz des gemächlichen Erzähltempos, fesselt die Serie gnadenlos, und sorgt für einiges an Suspense. Das Staffelfinale endet schließlich mit einem sogenannten „Mindfuck“, der das Warten auf die nächste Staffel unerträglich macht. Eine Inception-mäßige Schlusssequenz lässt Freiraum für Interpretation, anstatt alle Fragen zu beantworten.

Fazit: Ein originelles und spannendes Serienkonzept

The Man in the High Castle ist eine der stärksten Serien-Newcomer der letzten Zeit. Anstatt die Serie zu beenden und abzuhaken, bleibt die Handlung weiterhin im Kopf, und man fängt an zu grübeln. Neben der bösen Gesellschaftskritik, die eventuell nicht jedem zumutbar ist, sieht man hier einen aufwendig produzierten Thriller der speziellen Art. 

The Man in the High Castle ist jetzt auf Amazon im Originalton verfügbar* – ab dem 18. Dezember auch auf deutsch

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