Review: The Night Manager – Staffel 1

Ist der Spionagethriller gut genug, um Tom Hiddleston zum nächsten James Bond zu machen?

The Night Manager

Mit The Night Manager - Staffel 1 wird der aktuelle Trend fortgeführt, Serienadaptionen statt Filme zu produzieren. Und genauso wurde der gleichnamige Roman von John le Carré als sechsteilige Amazon Prime-Miniserie (achteilige Miniserie hierzulande) umgesetzt, statt den Roman in einen Blockbuster zu quetschen, der bereits zwei Mal misslungen ist. Die Regisseurin Susanne Bier ist bemüht den Spionagethriller rund um Lügen, Betrug und Verrat in seiner ganzen Schönheit zu präsentieren. Atmosphäre und aufbauende Spannung, statt Hetze und Eile. Mit Tom Hiddleston als Sahnestübchen. Das funktioniere anscheinend nur in einer insgesamt 6-stündigen Miniserie. Ist der Serie die Romanadaption gelungen oder sollte man Buchverfilmungen doch den Kinofilmen überlassen?

Jonathan Pine (Tom Hiddleston, Loki aus den Marvel-Filmen) ist der Nachtmanager eines Luxushotels in Kairo während der ägyptischen Revolution im Jahr 2011. Dort macht er Bekanntschaft mit Sophie Alekan (Aure Atika), der Geliebten des einflussreichen Freddie Hamid (David Avery). Sie übergibt ihm diskret einige vertrauliche Dokumente, die er für sie kopieren soll. Diese enthalten Daten über illegale Waffengeschäfte mit dem Geschäftsmann und vermeintlichen Philantropen Richard Onslow Roper (Hugh Laurie, Dr. House aus House). Pine übergibt heimlich die Dokumente an die britischen Behörden, was allerdings bekannt wird und den Tod von Sophie zur Folge hat. Von Schuldgefühlen geplagt verlässt Pine Kairo und wird Nachtmanager in einem Hotel in Zürich. Vier Jahre später checken Roper und seine Leute in das Hotel ein. Da wird Pine von der Geheimdienstoffizierin Angela Burr (Olivia Colman) kontaktiert, die schon lange gegen Roper ermittelt und mit Jonathan den Plan ausmacht, ihn als Spion in Ropers Geschäfte einzuschleusen, damit er endlich gestellt werden kann. Getrieben von Entschlossenheit und dem Wunsch nach Wiedergutmachung willigt Pine ein und begibt sich auf einen gefährlichen Trip aus Täuschung und Betrug. 

Jonathan Pine
Der Hotelmanager Jonathan Pine (Tom Hiddleston) hat das Zeug zum Top-Spion.

Zwischen Schein und Sein

Vom Hotelmanager zum Spion. Pines Karriere nimmt eine steile Wendung ein. So findet er sich schnell in einem neuen Umfeld wieder - als Gast in eben diesem Luxus, den er bisher lediglich betreut hat. Doch die Pracht des Reichtums kann ihn nicht hinwegtäuschen, worauf das alles aufgebaut ist - auf Lügen und Krieg. Und genau das ist die Thematik der Serie: Trug und Fassade. Pine gibt eine falsche Identität genauso vor, wie es Roper vor den Medien vorgibt. Und auch die anderen Charaktere sind genauso undurchsichtig: Jed Marshall (Elizabeth Debicki), Ropers Geliebte ist ihm nicht so treu wie sie sein sollte und kommt Pine sehr nahe. Und auch die Secret Service Agentin Angela Burr verschweigt und verheimlich die Aktivitäten vor den anderen Geheimdiensten so gut sie kann, um mit allen Mitteln den Waffendealer dingfest zu machen. In dieser Welt lügt jeder.

Jed Marshall
Jed Marshall (Elizabeth Debicki) - Eine verführerische Schönheit, die in einem Spionagethriller nicht fehlen darf.

Es fragt sich, wie lange Jonathan sein Lügenspiel aufrecht erhalten kann, da unter anderem Lance ‘Corky’ Corkoran (Tom Hollander), Ropers rechte Hand ein zweifelndes Auge auf den "neuen Mann" geworfen hat. Eigentlich eine hervorragende Vorlage für eine klassische Story.

Nichts ist so wie es scheint - abgesehen von der Handlung. Denn seien wir mal ehrlich: Die Handlung glänzt nicht durch einzigartige Originalität. Im Vergleich zu High-Rise, dem anderen Werk mit Hiddleston, ist die Grundidee keine Neue. Es ist nun mal die Handlung eines klassischen Spionagefilms, was die Story an einigen Stellen berechenbar und vorhersehbar macht. Es sind dieselben Rollen und Stereotypen, die man schon kennt, seien es die idealistische Angestellte vom Secret Service, der Drecksack, der Verdacht schöpft und die verführerische Schönheit, von der der Protagonist die Finger nicht lassen kann. Auch die Ereignisse selbst rufen ein Gefühl unerwarteter Nostalgie hervor, die mit dem Setting der heutigen Zeit kontrastiert. Doch die geringe Innovation trägt nicht negativ bei. Im Gegenteil, diese Storyelemente passen perfekt zum Spionage-Setting und geben dem Zuschauer ein Gefühl der Vertrautheit. Außerdem funktioniert die Handlung einfach. Was will man mehr?

Hiddleston als neuer James Bond?

Einige Serien werben mit einem originellen Konzept, andere hingegen mit etablieren Schauspielern. The Night Manager nutzt letzteres dazu, um auf sich aufmerksam zu machen. Kaum eine Serie bietet so viele unverkennbare Gesichter wie Tom Hiddleston aka. Loki und Hugh Laurie aka. Dr. House. Beide zieren das Cover und sind das Kernelement, mit dem man die Serie als Erstes assoziiert. Doch auch abgesehen von dem Werbezweck überzeugen sie durch ihre individuellen Leistungen, statt sich im Schatten der früheren Erfolge auszuruhen. Beide sind das Rückrat, die die Serie aufrecht hält, auch wenn ihre Rollen nicht wirklich innovativ sind:

Tom Hiddleston präsentiert sich als etwas anderer Nachtmanager von einer komplett anderen Seite. Statt auf pompöse Auftritte zu setzen, mimt er den ruhigen und kühlen Spion zwischen den Fronten - und das erstaunlich überzeugend. Als anonyme Gestalt mit wechselnden Identitäten ist er ein undurchdringliches Rätsel mit konstantem Pokerface. Intelligent und mit fast schon unheimlichem Charme arbeitet er sich voran und bleibt undurchschaubar. Und das sowohl für Ropers Leute,  und seine Auftraggeberin Angela Burr, als auch für den Zuschauer selbst. Er ist dennoch nicht fehlerfrei, was der Figur eine menschliche Note verleiht. Hiddleston präsentiert sich hier von seiner starken Seite.

"Der schlimmste Mann der Welt"

Um die Leistung des Protagonisten auszugleichen muss ein entsprechend würdiger Gegenspieler her. Dieser ist mit Richard Onslow Roper mehr als nur gegeben. Hugh Laurie übernimmt die Rolle des skupellosen Waffendealers perfekt. Einerseits weis er sich als charmanter und philantopischer Geschäftsmann aufzuspielen, der nicht wenige Menschen davon überzeugt hat, dass er lediglich bedürftigen Kindern und Flüchtlingen helfen will. Andererseits überzeugt er als kalkulierender und fast schon unheimlicher Dirigent des Krieges. Elegant balanciert er auf dem schmalen Grad zwischen intellektuellen Geschäftsmann, der sein Luxusleben genießt und dem Überbringer von Tod und Unheil. Allein seine Anwesenheit erzeugt in der jeweiligen Szene Spannung und ein Gefühl von Intensität. Dennoch kann man nicht anders, als eine gewisse Sympathie für ihn zu entwickeln. Das ist vor allem bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie einfach man aus ihm einen stereotypischen Filmbösewicht hätte machen können. Am Schluss fragt man sich gar, auf wessen Seite man tatsächlich stehen soll. Die Leistung der beiden Schauspieler gehört zweifellos zur Stärke der Serie.

Pine und Roper
Pine und Roper (Hugh Laurie) spielen am Liebsten mit verdeckten Karten.

Das große Spionage 1 x 1

Nach all den unzähligen Action- und Agententhrillern, die über die Zeit hinweg erschienen sind, fragt sich der Zuschauer nach einer Weile: Was macht ein Spion wirklich? Ein Spion muss infiltrieren und Informationen sammeln und das mit dem geringsten Widerstand. Er wird sich nicht in brisante Actionszenen stürzen. Und genau so eine Spionenrolle übernimmt Jonathan Pine - ein ruhigerer James Bond. Statt sich actionreich von einem Szenario zum nächsten zu kämpfen, nutzt Pine seinen Intellekt und seine Auffassungsgabe und behält dabei einen kühlen Kopf. Schritt für Schritt dringt er immer tiefer in die zwielichtigen Geschäfte Ropers ein, sei es durch falsche Identitäten, oder durch die geschickte Ausnutzung seines Umfeldes. Hin und wieder wird in geheime Arbeitsräume geschlichen und auch mal was auf Zettel notiert. Spionagearbeit eben.

Die Spannung ist gegeben, auch ohne unnötige Action, die ziemlich rar gesät ist. Stattdessen wird die Spannung kontinuierlich gehalten und zwar durch die stetige Gefahr, in der Pine die ganze Zeit schwebt. Die ganze Serie über existiert ein Gefühl des Unbehagens und der Ruhe vor dem Sturm. Ständig wird damit gerechnet, dass etwas passiert und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Bombe platzt. Dennoch wünscht man sich, dass sich die Spannung gelegentlich deutlicher zeigt. Gewisse Stellen wirken zu langatmig und werden letztendlich ziemlich schnell aufgelöst.  Es wäre auch nicht schlecht gewesen, die Spannung durch mehr brenzlige Situationen anzutreiben. Doch trotz all dem überzeugt der Hotelmanager als Spion mehr, als der ein oder andere Film-Spion.

Die Schönheit des  Krieges?

Bereits das Intro gibt klar die Thematik der Serie zu erkennen: Der Ausgleich zwischen Luxus und dem Preis, der dafür zu zahlen ist. Hinter all der Schönheit im Vordergrund verbirgt sich Krieg und Zerstörung, der diesen Luxus ermöglicht. Ein ewiger Kontrast, der sich durch die Serie in Form der Schauplätze zieht. Statt eine, von vornherein düstere Atmosphäre aufzubauen, bekommt der Zuschauer einen wahren Augenschmaus von Optik: Das Setting ist schön und prunkvoll, die Gebäude luxuriös und schön anzusehen und das Leben der Reichen und Schönen lebhaft und berauschend. Auf der anderen Seite kann der Zuschauer diesen Anblick nur widerwillig genießen, da er weis, wie dieser Luxus ermöglicht wurde.

Jede Ortschaft gibt perfekt die aktuelle Stimmung wieder: Das sonnige Spanien mit all seinem Luxus, die verschneite Schweiz mit seinen isolierten und melancholischen Berggebieten, das triste London mit seinen zwielichtigen Tätigkeiten und die schmutzigen, abgeschotteten Gebiete im Osten, wo sich die ganz großen Deals abspielen. Regisseurin Susanne Bier versucht hier nicht mit künstlicher Düsternis oder anderen Effekten zu punkten. Stattdessen überzeugt sie hier mit subtilen, schönen, aber gleichzeitig erdrückendem Realismus.

Ropers Luxus
Luxuriöse Anwesen und Strandhäuser. Von hier aus wird der Krieg dirigiert.

Ohne Kritik kein Anspruch

Grundsätzlich wird in The Night Manager auf das Thema Realismus ein entscheidender Fokus gelegt. Ohne unnötiges Trara wir hier ein zynischer Blick darauf geworfen, wie sich die Kriegsführung nach dem kalten Krieg verändert hat: Der Krieg ist nicht verschwunden, er hat sich nur in den Hintergrund gezogen. Es wird ein trauriges Lied darüber gesungen, wie alle Parteien von der Gunst eines rücksichtslosen Waffenhändlers profitieren und den Krieg als etablierten Alltag ansehen, den sie von ihren Luxus-Anwesen aus dirigieren.

Auch wenn die Thematik gegeben ist, in der Praxis geht diese nicht immer auf. Dazu sieht man zu wenig vom Krieg und seinen Opfern selbst. Die meiste Zeit sieht man die Ereignisse von Seiten der Verhandlungen, entweder innerhalb von luxuriösen Gebäuden, oder in Kriegsgebieten, allerdings in klarem Abstand zum aktuellen Schlachtfeld. Der Schrecken vom Krieg erfolgt meist durch Hörensagen, statt durch aktuelle Ereignisse. Man lernt mehr über die Vorteile des Waffenhandels, als über seine Folgen. Klar ist auch hier Material für Kritik am Waffenhandel gegeben, doch es hätte auch effektiver umgesetzt werden können. Nichtsdestotrotz bietet die Serie einen erdrückenden Einblick in die Ereignisse der heutige Zeit, über die der Zuschauer noch einige Zeit lang nachdenken wird. 

Fazit: The Night Manager - Staffel 1 zeigt einen Spionagethriller mal anders

Die Prämisse von The Night Manager - Staffel 1 ist eine einfache, dennoch weis sie zu überraschen. Statt einem aufwändigen Actionfilm bekommen wir einen intensiven Spionagethriller serviert - mit Vorspeise und Nachtisch versteht sich. Denn Regisseurin Bier will von Anfang bis Ende fesseln und das bedacht und subtil. Die Serie hetzt nicht und lässt dem Zuschauer Zeit zum atmen. Hier zeigt sich klar der Vorteil einer Serienadaption, denn ein Film hätte das nicht geschafft. Was The Night Manager an geringer Originalität einbüßt, gleicht er durch seine Atmosphäre und seiner Liebe zum Detail aus. Das Luxusleben erscheint verführerisch und lässt verstehen, wieso sich so mancher zu dunklen Geschäften hinreißen lässt. Vor allem sind es die Charaktere, die der Handlung das nötige Leben einhauchen und durch ihre Präsenz für die nötige Intensität sorgen. Gerade die beiden wichtigsten Aushänge-Schauspieler wissen mit einem fast schon unheimlichen Charm zu überzeugen. Doch auch die anderen Charaktere sind durch ihre jeweiligen Schauspieler hervorragend in Szene gesetzt.

Alles in allem ist The Night Manager - Staffel 1 ein hervorragendes Ergebnis, dass seiner Romanvorlage gerecht wird. Hiddleston beweist tatsächlich das Potenzial für einen neuen James Bond . Es bleibt nur die Frage offen, ob Autor John le Carré durch die Serie überzeugt wird, eine Fortsetzung zu schreiben.

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