Vorschau: Oscars 2021

Welche Filme taugen was?
Lesedauer: 9 Mins.

Nach einem ungewöhnlichen Kinojahr, in dem fast alle Kinos geschlossen waren, wird wieder der größte Filmpreis der Welt verliehen. Im Vorfeld der diesjährigen Oscar-Verleihung haben wir uns die Nominierungen angesehen und hier die, aus unserer Sicht, wichtigsten Filme zusammengefasst.

Borat Anschluss Moviefilm

Vierzehn Jahre, nachdem Sasha Baron Cohen seinen kasachischen Starreporter auf die Kinoleinwand gebracht hat, kehrt er mit einer Fortsezung der abstrusen Geschichte seiner Kultfigur zurück. Auch wenn der erste Teil durch seine Radikalität und seine Selbstverpflichtung zum rücksichtslosen Humor und seine konsequent durchgehaltene, unangenehme Stimmung der bessere Film war, finde ich den zweiten in keinem Fall misslungen. Zwar ist er etwas milder, wirkt gestellter und ist nicht mehr so Lachen-im-Hals-stecken-bleiben-witzig wie der erste, wer aber den ersten Film mochte, wird der Fortsetzung etwas abgewinnen können. Eine ausführliche Kritik gibt es hier.

Borat Anschluss Movie-Film Plakat mit Sacha Baron Cohen

'Borat Anschluss Moviefilm' ist eine schwächere aber nicht mislungene Fortsetzung.

Marija Bakalowa ist für ihre Darstellung von Borats Tochter Tutar für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Zwar überzeugt Bakalowa, die bisher praktisch unbekannt war, im Film durchaus, doch vor allem, weil es beeindruckend ist, wie kaltblütig sie ihre Rolle in den absurdesten und unangenehmsten Situationen durchhält. Ob das allerdings eine gute schauspielerische Leistung ist, bleibt fragwürdig.

Der Rausch

Regisseur Thomas Vinterberg ist seit den 90er-Jahren eine der wichtigsten Akteuere des dänischen Kinos. In seinem neuen Film Der Rausch lässt er einen gewohnt großartigen Mads Mikkelsen als ausgebrannten Geschichtslehrer die Höhen und Tiefen des titelgebenden Alkoholrausches erkunden. Es ist bemerkenswert, wie gelungen tragisch-komisch Vinterberg Männer mittleren Alters und ihre fast bemitleidenswerte Albernheit und ihre doch eigentlich ach so blödsinnigen Midlife-Crisis betrachtet, vorführt und auf die Spitze treibt. Vinterberg und Mikkelsen hatten bereits in Die Jagd (2013) mit sehr beeindruckendem Effekt zusammengearbeitet, was eine Nominierung als bester fremdsprachiger Film für Vinterberg einbrachte. Der Rausch ist ebenfalls in dieser Kategorie nominiert. Zusätzlich hat Vinterberg noch eine Nominierung als bester Regisseur erhalten.

Leider ist bisher kein deutscher Kinostart für Der Rausch bekannt. Der Starttermin ist mehrfach verschoben und inzwischen ganz gestrichen worden. Ich hatten das Glück, den Film bereits gesehen zu haben und hoffe, dass sich bald auch in Deutschland die Möglichkeit ergeben wird, diesen sehr sehenswerten Film im Kino anzuschauen.

Der weiße Tiger

Die Buchvorlage zu Der weiße Tiger war ein internationaler Bestseller und Abräumer bei diversen Preisverleihungen. Die Geschichte wirft einen schonungslosen und dennoch leichten Blick auf das heutige Indien als tief gespaltenes Land. Das Buch ist ein moderner Schelmenroman und eine formale Glanzleistung, die nur sehr schwer als Film umzusetzen ist. Dennoch ist dieser Versuch gelungen, zu einem gewissen Grad. Und es ist durchaus berechtigt, dass Ramin Bahrani für sein Drehbuch auch für den Oscar in der Kategorie "Bestes adaptiertes Drehbuch" nominiert ist.

Der weiße Tiger ist als gute Mischung aus Unterhaltung und Gesellschaftskritik eine sehr lohnende Filmerfahrung. Meine ausführliche Kritik, die in Kooperation mit focus.de erschienen ist, ist hier zu lesen.

Judas and the Black Messiah

Wie bereits vor zwei Jahren Spike Lees Blakkklansman (2018) ist mit Judas and the Black Messiah ein großer Film über ein wichtiges Kapitel der jüngeren schwarzen Geschichte Amerikas in gleich sechs Kategorien für eine Auszeichnung nominiert. Die meisten davon sind durchaus nachvollziehbar. Daniel Kaluuya, der spätestens seit seiner Darstellung in Get Out (2017) ein Begriff sein sollte, spielt hervorragend als der Anführer der Black Panther in den 60er-Jahren. Zusätzlich ist aber auch die Darstellung von Lakeith Stanfield unbedingt zu erwähnen, der ebenfalls nominiert ist und eine Auszeichnung mindestens genauso verdient hätte.

Es sind vor allem die schauspielerischen Leistungen, die dieses nicht ganz historisch akkurate, wilde Drama sehenswert machen. Die übrigen Nominierungen sind sicher auch nicht unverdient. Die Kameraarbeit und das Drehbuch hauen einen aber auch nicht wirklich um.

Mank

David Fincher ist ein Meister des unaufgeregten und dennoch skandalös spektakulären Films. Der Liebling aller Film-Nerds hat mit Mank eine etwas nostalgische Geschichte aus der goldenen Ära Hollywoods vorgelegt, die nicht nur durch technisch und stilistisch absolut makelose Umsetzung überzeugt. Vor allem die zentrale Schauspielleistung Gary Oldmans und Amanda Seyfrieds, die beide in Darstellerkategorien nominiert sind, machen den Film sehenswert.

Gary Oldman in Mank

Gary Oldman in David Finchers großer Hollywood-Elegie aus vergangener Zeit.

Wenn auch jede technische Nominierung verdient ist und Mank durchaus sehenswert, ist es doch mit Abstand nicht der beste Fincher-Film. Er schafft es wahrscheinlich nicht mal in die Top-10. Eine ausführliche Kritik ist hier zu finden.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Letztes Jahr war mit Parasite ein koreanischer Film, über die elendigen Lebensumstände in einem sozial ungleichen Korea, der große Überflieger bei den Oscars. Dieses Jahr ist ein Film über eine koreanische Familie, die auf der Suche nach besseren Lebensumständen in die USA einwandert, nominiert. Das schauspielerisch starke und inhaltlich sehr einfühlsame Drama ist in seiner Darstellung sehr genau und durchaus sehenswert. Ob er jedoch als bester Film nomiert sein sollte, sei einmal in Frage gestellt. Insgesamt handelt es sich um einen recht konventionelles Drama. Anschauen kann man ihn sich, besonders lange in Erinnerung bleibt er nicht.

Neues aus der Welt

Regisseur Paul Greengrass ist ein routinierter Filmemacher. Leider kommt sein dystopisches Western-Drama zu routiniert daher und bleibt am Ende etwas enttäuschend und stellenweise sogar ein bisschen platt. Die Handlung ist zu klischiert und manchmal ziemlich langweilig. Dass der Film in vier vor allem technischen Kategorien nominiert ist, erscheint da passend. Er ist handwerklich gut gemacht, bleibt aber inhaltlich unbefriedigend. Eine ausführliche Kritik findet sich hier.

Titelbild Neues aus der Welt

'Neues aus der Welt' kann leider nicht leisten, was der Film sich offenbar vorgenommen hat.

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Nomadland

Als großer Favorit geht Nomadland ins Rennen. Und das sehr verdient. Wenn es nach den Nomierungen geht, ist bei den Oscars dieses Jahr das Jahr der Frauen. Es sind zwei Frauen für die beste Regie nominiert. Mehr gleichzeitig als je zuvor und so viele wie von 1929 bis 2002 zusammen. Und mehr als je einen gewonnen haben. Doch diese Männerüberlast mal beiseite: Regissuerin Chloé Zhaos (die auch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich war) Nomadland hat jede Nominierung verdient. Es ist ein bemerkenswerter Film, mit einer ebensolchen Frances McDormand in der Hauptrolle, die mit jedem Film aufs Neues noch überwältigender zu werden scheint.

'Nomadland' erkundet und hinterfragt die Gesellschaft und was Besitz eigentlich bedeutet.

Im Gegensatz zu Borat Anschluss Moviefilm funktioniert die Vermischung von Fiktion und Realität hier auf beeindruckende und nahtlose Weise. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Einer der besten Filme, die dieses Jahr unter den Nominierten sind. Eine ausführliche Kritik kann hier nachgelesen werden.

Promising Young Woman

Promising Young Woman erzählt eine ungewöhnliche Geschichte. Bzw. ist daran vor allem ungewöhnlich, dass eine Frau in ihrem Zentrum steht. Die Geschichte des gegen die Zustände und die an ihn gestellten gesellschaftlichen Erwartungen rebellierenden jungen Mannes ist seit Langem im Film etabliert. Ist das ein Problem? Nein, nicht wirklich. Promising Young Woman ist ein unterhaltsamer Film über eine Generation, die keine Lust mehr auf die im Titel anklingenden Bilder hat, die die Gesellschaft ihr aufdrängen will. Oder um es nicht ganz so aufzublasen: ein Film über junge Leute, die keine Lust mehr haben, dass sie "promising" sind, dass also von ihnen erwartet wird, irgendetwas zu werden.

Carey Mulligan ist in der Hauptrolle völlig zurecht nominiert. Insgesamt ist Promising Youn Woman sehenswert, aber doch sicher als "bester Film" überschätzt.

Soul

In der Animationsfilm-Kategorie sieht es in diesem Jahr nicht besonders umwerfend aus. Lediglich Soul weiß wirklich zu überzeugen. Mit einer selbst für Pixar herausragenden Spiellust und Kreativität platzt Soul fast for visuellen und gestalterischen Einfällen. Man ist nicht nur an die erzählerisch großen Hits der letzten Jahre wie Alles steht Kopf (2015) erinnert, sondern gar an die großen Animationsmeisterwerke wie Fantasia (1940). Ein absolutes Muss, sowohl für Disney-Fans als auch für Filmfreunde allgemein. Die Nominierung in den Kategorien Filmmusik, Ton und eben als bester Animationsfilm sind voll und ganz berechtigt. Für eine ausführliche Kritik hier klicken.

Ein großartig verspielter Animationshit, der uns rundum begeistert hat.

Sound of Metal

Ein leiser Film mit großem Knall. Sound of Metal erzählt die Geschichte eines Musikers, der sein Gehör verliert. Das Thema des Künstlers, der sein Werkzeug auf einmal nicht mehr beherrscht, ist so alt wie die Kunst selbst. Es ist daher umso bemerkenswerter, dass der Film es schafft, sie neu und bewegend in einem zeitgenössischen Setting zu erzählen. Ganz frei von Bildungshuberei und ohne affektiert zu sein schafft es Sound of Metal, eine tiefe und mitreißende psychologische Studie über den Kampf gegen sich selbst, das eigene Scheitern und den eigenen Verfall zu liefern.

Der ist ohne Einschränkungen zu empfehlen. Toller Film, tolle Darsteller. Eine ausführliche Kritik findet sich hier.

Titelbild zur Kritik "Sound of Metal"

'Sound of Metal' ist absolut sehenswert.

Tenet

Christopher Nolan ist ein technischer Perfektionist, der sich bei seinen Filmen oft vor allem darauf konzentriert, dass technische und wissenschaftliche Details stimmen. Dabei geht ab und an der Fokus für Handlung und Charakterzeichnung verloren. So leider auch in Tenet. Eine – um es vorsichtig zu fromullieren – komplexe Handlung, die sich ewig lange an den logischen Feinheiten des Zeitreiseplots und den Prämissen der Welt des Filmes aufhält, die am Ende vornehmlich besiedelt ist von pappaufstellerhaft bleichen Figuren. Auch nach mehrfachem Anschauen, dürfte es selbst dem aufmerksamsten Zuschauer schwer fallen, auch nur eine Eigenschaft der Charaktere zu nennen, die über ihre Funktion für die Handlung hinausgehen.

Poster für die Kritik Tenet mit John David Washington als Protagonist im Anzug in gespiegeltem Layout

'Tenet' kommt über den Palindrom-Twist des Titels eigentlich nicht hinaus.

Visuell exzeptionell und zurecht nominiert in den Kategorien Szenenbild und visuelle Effekte. Inhaltlich aber sehr verzichtbar. Eine ausführliche Kritik (die das etwas anders sieht) ist hier zu lesen.

The Father

Altern scheint ein Thema zu sein, das Hollywood in den letzten Jahren beschäftigt. Doch im Gegensatz zu Robert DeNiro, der in diversen "Grandpa"-Rollen (vgl. der schlimme Immer Ärger mit Grandpa) vor allem Fremdscham im Zuschauer auslöst, kann in The Father Anthony Hopkins noch einmal zeigen, dass er vollkommen zurecht zu den ganz großen Hollywoods zählt. Zusammen mit Olivia Coleman (The Favourite, The Crown) als Tochter verkörpert Hopkins den titelgebenden Vater, der in hohem Alter gepflegt werden muss. Manchmal schlittert der Film etwas zu sehr ins Kitschige und das Gebiet des Melodramas. Insgesamt ein ordentliches Familiendrama, aber auch nicht weltbewegend.

The Trial of the Chicago 7

Aaron Sorkin, der vor allem als Drehbuchautor (The Social NetworkSteve Jobs) bekannt ist, ist hier zum zweiten Mal als Regisseur tätig. Das Drehbuch des Gerichtsdramas ist in bekannter Sorkin-Manier voller cleverem und flottem Dialog und versucht durch die Darstellung eines historischen Stoffes die gegenwärtige politische Lage zu reflektieren. Der Film ist vollgestopft mit berühmten Schauspielern in fast allen Rollen. Und doch bleibt man am Ende recht unbefriedigt. So wird zu viel auf Schauspiel durch Haar und Maske gesetzt, und zu viel Schauspiel ist zu karikaturesk. Sicher kein schlechter Film, aber er haut auch nicht so richtig vom Hocker. Eine ausführliche Kritik (die auch das nicht ganz so bewertet) findet sich hier.

Fazit:

Ein okayes Kinojahr

Ein paar Filme haben uns sehr begeistert. Nomadland, Sound of Metal und Soul etwa sind ohne Einschränkungen zu empfehlen. Viele der nominierten Filme sind zwar gut, aber zu hoch bewertet. Einige der sehr politischen und politisch nominierten Filme haben die Aufmerksamkeit, die sie erhalten, verdient. Doch scheint die filmische Qualität neben der politischen Dimension manchmal zu sehr vernachlässigt zu sein.

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