Kritik: Der Befreier

Holocaust in Zeichentrick
Spoilerfrei!
Lesedauer: 5 Mins.
  • Titelbild zur Miniserie "Der Befreier"
    © Netflix
  • Spannende Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die irgendwann verfilmt werden könnten, gibt es sicherlich noch für die nächsten 100 Jahre. Dabei schaffen es abwechselnd herausfordernde Geschichts-Aufarbeitungen und unsäglicher Murks auf die Leinwand. Ein wortwörtlich neues Bild auf das Kriegsgeschehen liefert nun 'Der Befreier'. Kann die eigenwillig inszenierte Serie punkten? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Worum geht’s? Am 9. September 1943 startet eine erste Offensive der Alliierten gegen die deutsche Wehrmacht. Unter dem Decknamen Operation Avalanche schlagen sich US-Soldaten von Italien bis nach Deutschland durch und erleben eine blutige Schlacht nach der anderen. Im Fokus…
    Kritik: Der Befreier tba
    1
    Handlung
    55%
    Animation
    75%
    Atmosphäre
    70%
    Tiefgang
    70%
    Action
    75%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 11.11.2020
    Episoden: 4 in 1 Staffel
    FSK: 16
    Genre: , , , , ,
    Showrunner:
    Besetzung: , ,
    Bildrechte: 2020 Netflix
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Gesamtbewertung:

Ganz Okay
69%

Spannende Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die irgendwann verfilmt werden könnten, gibt es sicherlich noch für die nächsten 100 Jahre. Dabei schaffen es abwechselnd herausfordernde Geschichts-Aufarbeitungen und unsäglicher Murks auf die Leinwand. Ein wortwörtlich neues Bild auf das Kriegsgeschehen liefert nun 'Der Befreier'. Kann die eigenwillig inszenierte Serie punkten? Erfahrt es in unserer Bewertung und Kritik.

Worum geht’s?

Am 9. September 1943 startet eine erste Offensive der Alliierten gegen die deutsche Wehrmacht. Unter dem Decknamen Operation Avalanche schlagen sich US-Soldaten von Italien bis nach Deutschland durch und erleben eine blutige Schlacht nach der anderen. Im Fokus steht das 157. Infanterie-Regiment der 45. Division unter der Führung von Felix Sparks (Bradley James). Das Besondere: seine Truppe setzt sich aus Strafgefangenen, amerikanischen Ureinwohnern und mexikanischer Einwanderern zusammen. Über 500 Tage sollte die Gruppe ununterbrochen im Einsatz sein…

Neuer Look für alte Geschichten

Schon nach dem Release des ersten Trailers von Der Befreier wurde viel über den Zeichentrick-Stil diskutiert. Mit der "Trioscope Enhanced Hybrid Animation"-Technologie werden reale Aufnahmen mit einem Filter kombiniert, der ein Stück weit an Graphic Novels erinnert. Das Resultat sind verfremdete Bilder mit geringerer Framerate, die alle Schauspielenden jedoch enorm realistisch wirken lassen. Größtenteils geht dieses visuelle Konzept auf, auch wenn einige Szenen in der „Uncanny Valley“ landen. Der Stil bringt jedoch zwei größere Probleme mit sich.

Soldaten verstecken sich in Gras in einem Szenenbild für Kritik Der Befreier von Netflix

Reale Aufnahmen, versteckt hinter einem Comic-Filter: Der visuelle Stil ist interessant, doch gewöhnungsbedürftig.

Einerseits wirken die Figuren immer losgelöst von ihrer Umgebung. Anders als in komplett animierten Filmen findet hier selten eine Interaktion mit der Filmwelt statt. Kein klebender Schlamm unter den Füßen, keine rollenden Steinchen beim Erklimmen eines Berges, selbst die Explosionen der Granaten wirken oft nur „aufgesetzt“. Das ist gewöhnungsbedürftig und könnte einige Zuschauende definitiv stören. Im schlimmsten Fall sieht das nämlich aus, als habe man die Schauspielenden aus dem Greenscreen durch einen Filter gejagt und dann auf einen statischen Hintergrund gesetzt. Während diese neue Technik vielversprechend ist, gibt es hier definitiv noch Luft nach oben.

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Braucht es diese optische Verfremdung?

Das zweite Problem mit der neuen Animationstechnik liegt in der Frage nach ihrer Daseinsberechtigung. Warum muss eine Weltkriegs-Geschichte im Cartoon-Stil erzählt werden? Die Meinungen dürften hier auseinander gehen. Ich finde: es gibt keinen plausiblen Grund für diese Entscheidung, bis auf die eingesparten Produktionskosten. Das mag für die Produktionsstudios ausschlaggebend sein, für die Zuschauenden allerdings nicht. In den schwächeren Szenen wirkt der animierte Stil nämlich nicht nur befremdlich, sondern verharmlosend: ein paar Soldaten rennen durch Sperrfeuer und fangen sich gelegentlich eine Kugel. Diese Distanziertheit wird dem blanken Horror des Kriegsgeschehens nicht gerecht. Die Bilder von Waggons voller vergaster Juden hingegen verlieren nichts von ihrer Kraft – trotz oder vielleicht sogar durch ihre Verfremdung wirken sie schockierend und erdrückend.

Dennoch gibt Der Befreier keine Antwort darauf, warum der Animations-Stil gerechtfertigt ist. Vergleichbare Werke wie A Scanner Darkly oder Ari Folmans meisterlicher Waltz With Bashir schafften es in ihrem Narrativ, auch die Motivation hinter dem Stil durchschimmern zu lassen. Diese Frage bleibt hier bis zum Ende offen.

Szenenbild für Kritik Der Befreier von Netflix zeigt einen Soldaten vor einer Explosion

Der Schrecken des Krieges wird verfremdet und verliert oft an Schlagkraft.

Diverser Cast ohne Raum

Was Der Befreier zu Beginn so ansprechend macht, ist die Konstellation der Figuren. Den Zweiten Weltkrieg durch die Augen indigener Amerikaner und mexikanischer Einwanderer zu erleben, birgt eine Menge Potenzial. Gerade die Geschichte von Native American Samuel Coldfoot, dem mehrfach Beförderungen verwehrt wurden, lässt tief in das fremdenfeindliche amerikanische System blicken. Immer dann, wenn kurze Konflikte, Hintergründe oder Momente allzu menschlicher Vorurteile thematisiert werden, ist Der Befreier am stärksten. Leider sind diese Szenen Mangelware. Hier wird deutlich, dass die ursprünglich auf acht Folgen angelegte Serie zugunsten des Budgets ordentlich kürzen musste.

Hinzu kommt, dass für die kurze Laufzeit recht ausgiebig eingeführte Charaktere relativ schnell aus dem Fokus geraten, weil sie entweder keinen Raum zur Entwicklung bekommen oder sehr schnell dem Krieg zum Opfer fallen. Die kurzen Momente mit dem diversen Cast geraten schnell in Vergessenheit, während am Ende vor allem der weiße, tugendhafte Offizier Sparks im Gedächtnis bleibt. Das wäre an sich nicht so tragisch, wenn die gesamte Truppe etwas mehr Zeit spendiert bekommen hätte. So fühlt sich die Erzählung nun wenig progressiv an.

Neue Grauzonen im bunten Geschehen

Doch es gibt auch einiges, was Der Befreier richtig macht. Besonders auffällig sind die immer wieder sorgsam etablierten Grauzonen, wenn es um die Moralinstanzen geht. Viele amerikanische Kriegsfilme entpuppen sich schnell als einseitige Angelegenheit, in denen der Feind schlicht böse und die eigenen Truppen Kriegshelden sind. Selbst bei modernen Klassikern wie Der Soldat James Ryan sorgte das für einen bitteren Beigeschmack. Der Befreier hingegen legt den Fokus immer wieder effektiv auf die Ungereimtheiten und blinden Flecke der jeweiligen Parteien. In der ersten Folge etwa konfrontiert ein deutscher Offizier einen Kriegsgefangenen mit der amerikanischen Rassentrennung, was diesen erst einmal sprachlos macht.

Die insgesamt stark inszenierte dritte Folge Der Feind dreht sich sogar ausführlicher um das Feindbild und bricht mit so einigen schwarz-weiß-Ansichten. Im Hinblick auf die durchaus heroisierenden Handlungselemente – Soldaten opfern sich heldenhaft für ihre Truppe auf und dergleichen – sind diese Blickwinkel enorm wichtig, da sie ein ambivalenteres und oftmals unerwartetes Gesamtbild schaffen. Hier wirft die kurze Laufzeit wieder einen Stock zwischen die narrativen Speichen, denn diese feinen Grauzonen hätten so einiges mit der Charakterentwicklung machen können. Das müssen sich die Zuschauenden nun meistens selbst zusammenreimen.

Im Westen nichts Neues

Im epischen Vorspann zur Serie wird das große Versprechen gegeben, dass wir der unbeugsamen 157. durch einige der wichtigsten Konflikte des Zweiten Weltkriegs folgen. Dafür sind die Schauplätze der Serie jedoch ausgesprochen schnell abgehandelt. Von der „Schlacht von Anzio“ über die deutsche Offensive „Unternehmen Nordwind“ in den Vogesen bis hin zum Häuserkampf in Aschaffenburg kommen zwar abwechslungsreiche Settings vor, doch werden diese relativ schnell verlassen. Die längere Exposition und der überlange Epilog grenzen das Geschehen zusätzlich ein. Auch hier wird deutlich: Der Befreier hätte wesentlich besser sein können, wenn man mehr Zeit für die Geschichte gehabt hätte. Und genau das sind ja die eigentlichen Vorzüge einer Serie, wie sie auch das große Vorbild Band of Brothers genutzt hat.

Fazit:

'Der Befreier' sieht gut aus, hat aber nichts zu sagen

Es gibt vieles, was Der Befreier richtig macht: Moralische Konflikte, teils gut inszenierte Kampfszenen und ein zumindest auf den ersten Blick innovativer visueller Ansatz. Doch diese Vorzüge helfen nicht über erzählerische Schwächen und die viel zu kurze Laufzeit hinweg. Wären wie geplant acht Folgen produziert worden, so würde es wesentlich leichter fallen, mit dem diversen Trupp mitzufiebern. Wer sich für Kriegsfilme und eigenwillige Animationen begeistern kann, findet kurzweilige Kost. Wer jedoch mehr Wert auf Tiefgang und historischer Akkuratesse legt, sollte sich lieber woanders umschauen.

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