Kritik: The Hand of God
Junger weißer Mann
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Der schüchterne Fabietto (Filippo Scotti) beginnt gerade erst, sein Interesse an Frauen zu entdecken, als ein Unglück sein Leben schlagartig aller kindlichen Harmonie beraubt. Aller Haltepunkte beraubt tastet sich der junge Fabietto an die Liebe, Freundschaft und das Erwachsenwerden heran.
Bevor wir Platz am gedeckten Tisch der Familie Schisa nehmen können, erleben wir noch den vollen Wahnsinn Neapels. Menschen warten auf einen Bus, der nicht kommen wird, begegnen lokalen Sagengestalten, streiten sich und versöhnen sich. Stadtheilige, mysteriöse kleine Mönche, Casanovas, Huren und Frauenschläger. Ein moderner Märchenfilm? Nein, das sind die sagenhaften Figuren dieser Tragödie.
Als die Affäre von Vater Saverio auffliegt, bekommt die Idylle große Risse, doch Fabietto bleibt zunächst standhaft – auch im Sommerhaus konnte man trotz rissiger Fassade gut wohnen. Bis dann die größere, ungeahnte Katastrophe hineinbricht. Der Film beschreibt keine Transition in die Adoleszenz, sie ist ein unkontrollierter Unfall. In einem der vielen außerordentlich starken Dialoge fragt Fabietto seine Schwester, die schon lange von der Affäre des Vaters wusste, wann sie es ihm denn sagen wollte. „Wenn du älter bist.“ „Wann?“ „Jetzt.“. Aus Fabietto ist Fabio geworden.
Am tiefsten Tiefpunkt, der jugendlichen Unbeschwertheit beraubt, erlebt der 17-jährige seinen Wendepunkt. Im Morgengrauen am Meer gesteht er einem Fremden: „Ich mag die Realität nicht mehr. Ich will ein imaginäres Leben, wie früher“. Dies sind die stärksten Momente, in denen die Figuren ihr Schicksal selbst begreifen und in Worte fassen. Das gelingt überdurchschnittlich oft, aber nicht immer. Die meisten Charaktere bleiben eindimensional, doch die Spielzeit, immerhin ganze 130 Minuten, verfliegt.
Die Jugend ist eine Blackbox. Aus Geburtsort, Elternhaus, sozialen Umständen und der Zeitgeschichte entsteht ein Mensch. Paolo Sorrentino öffnet für uns diese Blackbox und wirft Licht auf seine eigene Jugend. Ein tragischer und zugleich hoffnungsvoller Film, zu jedem Moment voller Leben, die Bildsprache ist träumerisch. Die Geschichte bleibt eher individuell als universell, doch wer bei all der faden Massenware auf Netflix hochwertige Abwechslung sucht, ist hier richtig.
Artikel vom 26. Dezember 2021
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