8.8/10

Kritik: Avatar 2: The Way of Water

Der Herr der Sequels

Jetzt direkt streamen auf:

Genres: Abenteuer, Fantasy, Science Fiction, Startdatum: 15.12.2022

Interessante Fakten für…

  • Kate Winslet brach den Unterwasserfilmrekord von Tom Cruise aus Mission: Impossible – Rogue Nation (2015) von sechs Minuten mit einem neuen Rekord von sieben Minuten und 14 Sekunden.

James Cameron hat eine Sache, die andere Regisseure nicht haben: alle Zeit der Welt. 13 freche Jahre tüftelte er an seiner gigantischen Fortsetzung. Ob ‚Avatar: The Way of Water‘ den unmöglichen Erwartungen gerecht wird oder doch ins Wasser fällt, wollen wir nun herausfinden.

Avatar-Foto
#PotterUltra #SchwerMetaller #Storyteller

Darum geht’s

Viele Jahre nach dem Triumph über die Menschen müssen sich Jake Sully (Sam Worthington) und seine Familie einer neuen Gefahr stellen. Quaritchs geklonter Avatar (Stephen Lang) kehrt nach Pandora zurück, um an Jake Rache zu nehmen; dafür, dass er sein menschliches Selbst getötet hat.

Jake, Neytiri (Zoe Saldana) und ihre Kinder fliehen vor Quaritch und seiner Truppe ins Exil. Die Metkayina nehmen die Flüchtenden auf und unterrichten sie in ihrer Lebensweise, die eng verwoben mit dem Weg des Wassers ist.

Dreimal eine Stunde

Avatar: The Way of Water mag unverschämt lang sein, doch ist seine Struktur erstaunlich übersichtlich. Während die erste Stunde mit dutzenden Charakter-Einführungen als langer Prolog funktioniert, tauchen wir zur zweiten Stunde ab in die wunderbare Szenerie der Unterwasserwelt und lassen uns entschleunigen und treiben wie in einem All-Inklusive-Urlaub auf den Seychellen. Die dritte Stunde läutet den Sturm ein und befeuert uns mit einer Actionszene nach der anderen.

Diese Drei-Akt-Struktur auf drei Stunden gestülpt kennen wir bereits aus Titanic. Sie scheint James Camerons Geheimtrick zu sein, die tatsächliche Laufzeit seiner Mammutfilme zu kaschieren. Denn zäh oder gar langweilig ist Avatar: The Way of Water zu keiner Sekunde.

Klettern vs. Tauchen

Während wir in der ersten Stunde altbekannte Schauplätze erleben, die aufgrund der vielen High-Frame-Rate-Sequenzen hin und wieder etwas fremdartig wirken, sehen wir im zweiten Drittel das, was uns Cameron versprochen hat: eine völlig neue Facette von Pandora. Die Welt des Wassers.

Hier offenbaren sich 3D-Wunder, die einen nicht minder staunen lassen als 2009. Vermutlich liegt das auch daran, dass seit Avatar kein einziger 3D-Film an diese Messlatte herankam. Während 3D also zu einem wertlosen Gimmick verkommen ist, lehrt uns Cameron wieder das Staunen und lässt uns zwischen Walen, Korallen und sonstigen Wesen schwimmen.

Das „Fisch aus dem Wasser“-Prinzip, das den ersten Film so magisch gemacht hat, wird hier also fortgeführt: Für alle Hauptcharaktere ist die Welt des Wassers etwas neues, das es zu entdecken gilt. Dabei sind die Tauchgänge noch viel träumerischer gelungen als die nächtlichen Spaziergänge durch Pandoras Flora und Fauna. Auch die zuerst irritierende High Frame Rate funktioniert Unterwasser blendend.

Gegen den Strom

Ob sich Cameron absichtlich gegen Gepflogenheiten verschließt, die wir in modernen Blockbustern heutzutage sehen, oder er das Drehbuch schon 2010 fertiggeschrieben hatte und deswegen den Zug verpasst hat, ist nicht ganz klar. Denn in Avatar: The Way of Water bekommen wir eine fast schon konservative, patriarchische Story ohne extra Vielfalt oder Feminismus zu sehen. Familie Sully ist in ihren Rollenbildern so traditionell wie die Familien aus Weihnachtsfilmen der frühen 90er.

Für diese erzkonservative Philosophie des Storytellings hat sich Cameron bereits Feinde gemacht. Doch sowas passiert eben, wenn das Filmstudio an Camerons Schreibtisch nichts zu sagen hat. Das Positive daran ist jedoch, dass es keine Alibi-Botschaften gibt und Avatar 2 im Gegensatz zu einigen Marvel-Filmen kein fabriziertes und sorgfältig überwachtes Unternehmensprodukt ist, sondern die ungefilterte Vision eines Machers. Diese Liebe zum Detail und beinahe schon kindliche Naivität spürt man dem Film an und wirkt in der aktuellen Blockbuster-Welt beinahe schon erfrischend.

Message für die Masse

Doch so naiv die Story auch sein mag, einem politischen Thema hat sich Cameron wieder einmal verschrieben: dem Schutz der Natur – oder spezifischer – dem Schutz der Meere. Es ist spürbar, wie sehr Cameron das Thema am Herzen liegt. Mit Schlaghammer-Metaphern wird die Message in die Köpfe der Zuschauer:innen geprügelt. Nun, Subtilität war für Cameron schon immer ein Fremdwort. Doch nicht jede:r sucht Subtilität in einem Kinofilm und deswegen wird Avatar 2 seine Message vermutlich weiter streuen als es alle Aktivist:innen der Welt gemeinsam schaffen würden.

Knietief im Worldbuilding

In Avatar: The Way of Water sehen wir dutzende visuelle Eindrücke, die vor Kreativität kaum zu übertreffen sind. Das Kreaturen-Design und die fantastischen Gewächse sind in ihrer puren Ästhetik beinahe schon transzendental und stimulieren unsere Vorstellung eines Paradieses, eines ewigen Kreislaufes oder einer allgegenwärtigen Energie.

Das ist nicht nur schön anzusehen, es berührt uns tatsächlich fundamental. Für ein paar zynische Zuschauer:innen ist das nicht viel mehr als romantisierte Esoterik; und tatsächlich haben sie damit auch schlussendlich recht. Denn wenn man einmal seine 3D-Brille abnimmt, steckt in der Welt von Pandora (bisher) nichts wirklich Komplexes oder Tiefsinniges. Dennoch ist Cameron nicht um sonst als Meister-Manipulator bekannt, der ganz genau weiß, was bei Zuschauer:innen Resonanz erzeugt.

Der so wichtige „Weg des Wassers“ ist zum Beispiel nicht viel mehr als eine Füllphrase, die man auch in einem Meditations-Seminar oder einer Parfüm-Werbung finden könnte. Doch was bedeuten schon Worte, wenn es uns Cameron wirklich spüren lassen kann, was es bedeutet, eins mit der Natur zu werden?

Dennoch wünsche ich mir mehr Tiefe, mehr zum Nachdenken anregende Einfälle im Worldbuilding von Pandora. Das Potential ist da, doch wurde es bisher noch nicht ausgeschöpft. Die Ideen werden gesagt, jedoch nicht weitergedacht: Was bedeutet es tatsächlich, einen Wal als Seelenverwandten zu haben? Was ist Eywa wirklich? Wie werden die Seelen von Lebewesen im neuronalen Netzwerk von Pandora einverleibt? Man stelle sich einmal Inception ohne die vielen genialen Einzelheiten vor. In 195 Minuten Laufzeit hätte man sicher noch etwas tiefer graben können. Doch andererseits sind noch mindestens drei weitere Fortsetzungen geplant. Hier gibt es also noch genug zu entdecken.

Camerons Geheimnis

Letztendlich kann man an den beiden Avatar-Filmen viel kritisieren; wenn man möchte. Das immerwährende Argument, dass die Geschichte des ersten Films schlecht sei und nichts weiter als ein Pocahontas-Abklatsch sei, deutet daraufhin, dass man das grundlegende Prinzip des Storytellings nicht verstanden hat. Das Wie ist wichtiger als das Was. Die Beats sind wichtiger als die Plot.

Was alle Cameron-Filme gemeinsam haben, ist eine schlichte Story, die auf meisterhaftem Niveau erzählt wird. Genau diese Qualität fehlt gut Dreiviertel aller Superhelden-Filme und auch den neuen Star Wars-Filmen, die mit Ideen, Crossovern und Post-Credit-Scenes um sich werfen, aber es nicht schaffen, eine Geschichte rund zu erzählen, ohne sich die Spannung durch Referenzen oder inflationäre Riesenkonflikte zu erkaufen.

Was Avatar: The Way of Water und Top Gun: Maverick zu starken Blockbustern macht, ist nicht, dass sie das Filmemachen auf ein neues, technisches Level hieven. Beide Filme haben es schlichtweg verstanden, ein Publikum zu fesseln.

Weiterhin „Herr der Sequels“?

Fortsetzungen, die genauso gut oder besser als das Original sind: Auch dafür ist James Cameron bekannt. Die Frage, ob ihm der Trick auch mit Avatar 2 gelingt, wurde erwartet aber nicht unbedingt angenommen. Doch ist der zweite Teil nun besser als der Erste?

In einigen Aspekten definitiv; in anderen wiederum nicht. Unterm Strich ist es wohl ein Patt. Während der erste Avatar klarer strukturiert und flüssiger erzählt, während der zweite Film etwas uneben erscheint. Dafür wird im Sequel die schönere Seite Pandoras gezeigt. Auch die Emotionen brodeln stärker aufgrund der etablierten Familiendynamik.

Cameron darf seinen Titel also behalten. Ob er es schafft, uns um dritten Film erneut zum Staunen zu bringen, ist für mich noch schwer vorstellbar. Doch das nötige Vertrauen hierfür darf man Cameron mittlerweile schenken.

Fazit

8.8/10
Sehr gut
Community-Rating: (5 Votes)
Handlung 8/10
Visuelle Umsetzung 10/10
Emotionen 9/10
Action 9.5/10
Tiefgang 7.5/10
Details:
Regisseur: James Cameron,
FSK: 12 Filmlänge: 192 Min.
Besetzung: Kate Winslet, Sam Worthington, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Zoe Saldana,

Avatar: The Way of Water ist hochpotentes und kompromissloses Blockbuster-Kino. Cameron bleibt sich selbst treu und fesselt das Publikum dermaßen, dass man die Knietiefe der Handlung, Dialoge oder der inhaltlichen Konzepte überhaupt nicht sieht. Solange das 3D tief genug ist und die Immersion mit allen Sinnen und Emotionen spürbar ist, wird jede intellektuelle Auseinandersetzung hinfällig. Wie schon der erste Film ist auch die Fortsetzung dafür gemacht, die Massen zu berühren und den ultimativen Eskapismus zu liefern, während eine sehr deutliche Botschaft in den Köpfen der Hypnotisierten platziert wird, die absolut nichts mit Realitätsflucht zu tun hat.

Artikel vom 15. Dezember 2022

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

4001Reviews.de (V4) – Seit 2015