Kritik: Little Women
HELDINNEN DES 19. JAHRHUNDERTS
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Wir schreiben das 19. Jahrhundert: Die vier Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Amy (Florence Pugh), Meg (Emma Watson) und Beth (Eliza Scanlen) könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die eine vom großen Erfolg als unabhängige Schriftstellerin träumt, wünscht sich die andere nichts sehnlicher als endlich zu heiraten. Trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten, die mehr als einmal für Streitereien sorgen, gehen die Schwestern durch dick und dünn und stellen sich gemeinsam auch den härtesten Widrigkeiten, die ihnen das Leben vor die Füße wirft.
Little Women ist keine neue Geschichte. Der erstmals im Jahr 1868 erschienene Roman der Autorin Louisa May Alcott wurde inzwischen ganze sieben Mal verfilmt. Dass sich die aktuellste Version des beliebten amerikanischen Romans trotzdem noch frisch und neu anfühlt, liegt zu großen Teilen an Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig.
Schon mit ihrem gefeierten Coming-of-Age-Drama Ladybird (2018) präsentierte Gerwig ein unglaubliches Feingefühl und Verständnis für ihre Charaktere. Dieses für den Regieposten so wichtige Talent stellt Gerwig in Little Women erneut unter Beweis. Sie versteht die Träume, Sehnsüchte und Ängste ihrer Protagonistinnen, die sich nicht sonderlich von der Gedankenwelt junger Frauen heutzutage unterscheiden. Dadurch, dass Gerwig in der Lage dazu ist, diese Brücke zu schlagen, fühlt sich das in den 1860ern spielende Drama überraschend modern und relevant an. Aber dazu später mehr.
Für den ein oder anderen mag das Historiendrama über die Schwestern March stellenweise etwas kitschig und langatmig wirken. Diesen Kinogängern kann man nicht wirklich widersprechen, denn vor allem gegen Ende greift Little Women hin und wieder mal in die Kitschkiste, was sicherlich nicht jedem gefallen dürfte.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen Filmen funktionieren die kitschigen Momente richtig gut und fühlen sich nicht Fehl am Platz an, ganz im Gegenteil sogar: Gerwig weiß, wie sie Kitsch inszenieren muss, damit dieser sich nicht unpassend oder nervig, sondern sogar schön und warm anfühlt.
Doch nicht nur der Regieposten ist ideal besetzt. Sei es Alexandre Desplat, der mit seinem Score erneut sein musikalisches Talent beweist oder Jess Gonchor und Jacqueline Durran, die mit authentischen Sets und Kostümen die Lebensrealität der 1860er Jahre ideal einfangen: Das Team um Gerwig beweist in jederlei Hinsicht viel Liebe zum Detail und macht Little Women so zu einer richtigen Perle in vielerlei Hinsicht.
Vor Drehbeginn sorgte der Cast der Romanverfilmung bereits für Furore: Mit unter anderen Saoirse Ronan, Florence Pugh, Timothée Chalamet sowie Laura Dern und Meryl Streep vereinte man einige der talentiertesten Schauspielerinnen und Schauspieler vor der Kamera. Dass die für das Casting verantwortlichen Kathy Driscoll und Francine Maisler hier genau die richtigen Entscheidungen getroffen haben, merkt man Little Women zu jeder Sekunde an.
Im Meer der fantastischen Darbietungen bleiben aber Saoirse Ronan als Jo March und Florence Pugh als Amy March besonders im Gedächtnis. Egal in welcher Szene die zwei Schauspielerinnen auftauchen, ungeachtet davon, ob sie mit Veteranen wie Streep oder jungen Talenten wie Chalamet zu sehen sind: Mit ihrem Charme, ihre schauspielerischen Geschick und ihrer emotionalen Bandbreite beweisen sie, warum sie zur Zeit zu den vielversprechendsten jungen Talenten in der Filmindustrie zählen.
Wie zu Beginn erwähnt fühlt sich Little Women trotz der Tatsache, dass es sich um einen Historienfilm handelt, überraschend modern an. Zum einen ist der Film mit seinen vier Protagonistinnen, die alle auf ihre Art für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen ohne sich gegenseitig für ihre Wünsche zu verurteilen, ein weiteres filmisches Plädoyer für Gleichberechtigung.
Zum anderen zeigt Little Women auf sehr angenehme Art, wie wichtig Repräsentation ist. Die Welt besteht nun mal nicht nur aus einem Typ Mensch. Jede Gruppe hat es verdient, dass ihre Geschichten erzählt werden. Wie schade wäre es, diesen emotionalen, witzigen und berührenden Geschichten anderer keinen Raum zu geben und sich selbst die Chance auf die Erweiterung des eigenen Horizontes zu nehmen, nur weil man eben nicht selbst in den Schuhen anderer steckt?
Mit Little Women inszeniert Greta Gerwig ein berührendes, lustiges und zum Nachdenken anregendes Historiendrama, dass trotz einiger Längen und einem Hauch Kitsch, der nicht jedem gefallen dürfte, nahezu auf ganzer Linie überzeugen kann, was unter anderem auch an dem fantastischen Cast liegt. Ein toller Start in das Kinojahr 2020!
Artikel vom 29. März 2020
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