8.3/10

Kritik: Die Discounter – Staffel 2

Erstmal zu Kolinski

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Genres: Komödie, Startdatum: 11.11.2022

Interessante Fakten für…

  • Das Konzept ist von der niederländischen Serie Vakenvullers inspiriert.
  • Das Regie-Duo Oskar und Emil Belton sind auch wieder vor der Kamera zu sehen – sie sind nach wie vor Mitarbeiter in der konkurrierenden, ebenso erfolglosen Kolinski-Filiale.

Schwieriges Thema, aber so leicht umgesetzt. Ein junges Autorenteam findet den heiligen Gral, an den viele schon gar nicht mehr geglaubt haben: eine tatsächlich lustige, deutsche Serie! Nun müssen sie nur noch aufpassen, ihn nicht bis zum Überfließen aufzufüllen.

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#Kinogänger #Klassiker #Trashfan

Darum geht’s

In der Altonaer Filiale von Feinkost Kolinski ist alles beim alten: Einzelhandels-Kapitän Thorsten (Marc Hosemann) hält das Schiff irgendwie auf Kurs, während von Eingangstür bis Lagertor das Chaos herrscht. Dieser Sommer verlangt der Belegschaft alles ab: die Konkurrenz aus Eimsbüttel macht Stress, der Tagesumsatz wird nicht mal annähernd erreicht und auch untereinander ist es nicht leicht. Titus (Bruno Alexander) tänzelt nach wie vor um Lia (Marie Bloching) herum, Jonas (Merlin Sandmeyer) dreht Ehrenrunden in der emotionalen Achterbahn, außerdem machen Promis, BWL-Coaches und das Gesundheitsamt die Schicht im Supermarkt zur Tortur.

Zweite Kasse bitte!

Deutschland steuert auf einen kalten Winter zu. Serienfans sind vor allem immer um eines besorgt – wer legt einen Scheit nach ins ewige glühende Feuer der Lieblingsserie? Für den nicht mal einjährigen Überraschungserfolg Die Discounter wird direkt aufgeschichtet und Fans des alltäglichen Wahnsinns zwischen Tiefkühlregal und Kassenband dürfen aufatmen. Dass so schnell Nachschub kommt, ist dem unglaublich schnellem Tempo der Serie zu verdanken. Ein Gerüst aus lebendig ausstaffierten Figuren, die sich in einem Habitat mit tausend Möglichkeiten tummeln, zum Leben erweckt von authentischen Jungdarstellern, manövriert von wenig innovativer, aber sicher im Sattel sitzender Mockumentary-Regie.

Staffel 1 kam aus dem Nichts und bot sich schüchtern in Amazons Streaming-Bibliothek an – Für selbstbewusstes, breitbeiniges Marketing ist der deutsche Comedy-Markt dann doch zu fragil. Doch schnell mauserte sich die schnelllebige Serie zum Hit und das hatte neben dem unbestreitbaren Humor vor allem einen Grund: In die Drehbuch-Tastatur tippen keine vorbelasteten Schwergewichte, sondern Anfang-20er, welche neben deutlicher US-Comedy-Sozialisation vor allem heimischen Boden beackern. In den Gängen von Feinkost Kolinski gibt es wenig popkulturellen Referenzhagel wie etwa in How to Sell Drugs Online (Fast), dafür heimische Comedy-Lore von Arno Dübel bis zur Penny-Doku. Die Altonaer Truppe, weniger rough als die Kollegen der Eimsbüttler Filiale, weniger posh als die Eppendorfer Konkurrenz, ist ein Blick in das adoleszente Mittelfeld der Generation Z. Planlos, politisch halb-korrekt, liebenswürdig.

Mitarbeiter:innen des Monats

Die Kunst derartiger Comedy liegt in einer kreativen Verzahnung von Ensemble und Drehbuch: entwickle dynamische, einprägsame Figuren, werfe sie in unterschiedlichen Konstellationen und herausfordernde Situationen und sieh, was passiert – Comedy als Versuchsanordnung. Nachdem die erste Staffel mühelos charmanten Charakteren Leben einhauchte, können die Arbeitsschichten nun großzügig eingeteilt werden. Da ist zunächst Peter (Ludger Bökelmann), ein Highlight der Serie, hinter dessen Macho-Maske ein Gefühlsmensch darauf wartet, freigelassen zu werden. Pina (Klara Lange) ist das Pferdemädchen, welches stets den Überblick und einen angespitzten Bleistift zur Hand hat und nun vom Schichtplan bis zu den Bilanzen den Laden schmeißt. Sie jedoch als Streberin abzutun, wäre zu vorschnell. Cast und Crew der Serie sind nicht an solchen Pappfiguren interessiert, sie reizen Stereotypen aus und lassen Grenzen verschwimmen. So auch bei Security-Chef Jonas. Jeder seiner Momente ist eine Sternstunde. Der ehemalige Burgtheater-Schauspieler Merlin Sandmeyer fesselt auf phänomenale Weise, er lässt Zuschauer:innen lachen, weinen, schockiert zusammenfahren. Unfassbar ernsthaftes Spiel im Zeitalter von TikTok-Sketchen.

Doch nicht alle Mitarbeiter:innen begeistern gleichermaßen. 450er (David Ali Rashed) hat bereits in Staffel 1 sein Pulver verschossen und kein neues gesammelt. Titus (Bruno Alexander) funktionierte zu Beginn noch als Ankerpunkt der Zuschauer:innen, bleibt nun aber Lückenfüller, der außer seinem Crush auf Lia kaum Eigenschaften hat.

Allerdings ist diese Einordnung rein subjektiv und ebenso irrelevant: Jede:r wird seine eigenen Lieblinge finden – sie sind allesamt Identifikationsfiguren, in denen wir uns sehen können.

Auch in dieser Saison tummeln sich wieder Prominente in selbstironischen Cameos, die jedoch wenig Substanz haben. In Late Night Shows, Comedy-Serien und Werbespots sehen wir seit Jahren Stars, die sich selbst auf die Schippe nehmen. Ganz nett, aber eigentlich unnötig. Es bleiben unerhebliche Drehbuch-Gimmicks von der vorhersehbaren Promi-Clique. Mein Tipp für die Cameos in Staffel 3: Lars Eidinger, Haiyti, Kommissar Rex und Linda Zervakis.

Vorsicht vor Vorbildern!

Wie bereits erwähnt ist Die Discounter eine Serie mit gutem Gespür für unverbrauchten, überraschendem Humor, die eigene Stärken entwickelt anstatt zu kopieren. Dennoch macht sich die Nähe zu verwandten Formaten bemerkbar – und das nicht vorteilhaft. Von Modern Family über Parks and Recreation bis zur US-Version von The Office kratzen erfolgreiche Comedy-Formate häufig an der Schmerzgrenze des Kitsches. An die Stelle von dynamischem Humor treten dann Running Gags und interne Referenzen. Uninspirierte Durststrecken der Staffel werden aufgeblasen (Halloween-Special auf der Paintball-Anlage!) und regelmäßig resümiert eine Stimme aus dem Off: „Wir sind schon wirklich ein crazy Haufen – aber am Ende des Tages halten wir zusammen!“ Die zweite Staffel von Die Discounter erinnert in einigen Momenten an verwandte Workplace-Comedy und verzeichnet erste Ausschläge auf dem Cheese-o-meter, wie qualitätsmindert das empfunden wird, bleibt eigenes Empfinden. Auch sind einige Jokes dann doch drüber und machen „Was wäre das schlimmste, was jetzt passieren kann?“ zur Formel, doch für geübte Comedy-Fans gibt es nichts, was zum Abschalten provoziert.

Es bleibt jedoch zu hoffen, dass in Feinkost Kolinski weiterhin Hochwertiges statt Stangenware übers Band läuft. Und mit hochwertigen Waren sind die Regale schließlich prall gefüllt: Außerordentliches Schauspiel, tiefe authentische Figuren und tighte zwanzig Minuten-Plots. Auch diese Staffel führt den Erzählbogen zuende und verweigert sich dennoch gekonnt dem Happy End. Alle Zeichen stehen also auf Verlängerung der Arbeitsverträge der gesamten Belegschaft.

Fazit

8.3/10
Stark
Community-Rating: (3 Votes)
Humor 8.5/10
Schauspiel 9/10
Dialoge 8/10
Handlung 8/10
Charaktere 8/10

Die Discounter ist nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern eine hell leuchtende Flamme im dunklen Humor-Deutschland. Staffel 2 besinnt sich weiter auf die Stärken, ist stark geschrieben, einzigartig gespielt und vor allem eines: verdammt lustig. So unvorbereitet, lebendig und unmittelbar begegnet uns Humor auf dem Bildschirm selten. Leute, sammelt Einkaufswagen-Chips, Pfandflaschen und Einkaufsliste zusammen – und dann ab in den Discounter!

Artikel vom 21. November 2022

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