Kritik: Berlin Station – Staffel 1

Spione an der frischen Berliner Luft
Spoilerfrei!
Lesedauer: 4 Mins.
  • Titelbild zur Kritik Berlin Station – Staffel 1
    © 2017 Epix
  • Die Menge an Geschichten, die in Filmen und Serien erzählt werden kann, ist offensichtlich begrenzt. So werden auch in 'Berlin Station' alte Stories neu verwurstet. Dennoch macht die Serie einiges verdammt richtig. Mehr dazu in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! In der ersten Staffel der Epix-Serie Berlin Station, die seit kurzem auf Netflix zu sehen ist, können wir verfolgen, wie die Mitarbeiter der Berliner CIA Niederlassung durch einen Verräter aus den eigenen Reihen nach und nach kompromittiert und ihre anrüchigen Machenschaften, die das Spionagewesen so mit sich bringt, in der Berliner Zeitung öffentlich gemacht werden. Panik breitet sich aus.…

    79%

    Gut

    Handlung - 80%
    Spannung - 80%
    Charaktere - 90%
    Visuelle Umsetzung - 85%
    Action - 60%

    'Berlin Station' bietet eine spannende Geschichte, faszinierende Charaktere und eine stimmige Inszenierung des grauen Berlin-Settings. Es fehlt jedoch etwas an Biss und Innovation.

    User Rating: 4.6 ( 1 votes)
  • Staffelstart: 18.07.2017
    Episoden: 10 in 1 Staffel
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Showrunner:
    Besetzung: , , ,
    Bildrechte: © 2017 Epix

Gesamtbewertung:

Gut
79%

Die Menge an Geschichten, die in Filmen und Serien erzählt werden kann, ist offensichtlich begrenzt. So werden auch in 'Berlin Station' alte Stories neu verwurstet. Dennoch macht die Serie einiges verdammt richtig. Mehr dazu in der Kritik.

In der ersten Staffel der Epix-Serie Berlin Station, die seit kurzem auf Netflix zu sehen ist, können wir verfolgen, wie die Mitarbeiter der Berliner CIA Niederlassung durch einen Verräter aus den eigenen Reihen nach und nach kompromittiert und ihre anrüchigen Machenschaften, die das Spionagewesen so mit sich bringt, in der Berliner Zeitung öffentlich gemacht werden. Panik breitet sich aus. Washington schickt einen Sonderermittler los (Richard Armitage, Thorin aus Der Hobbit). Das Chaos, das in der Führungsebene entsteht und die Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit dem BND bilden die Handlung in der ersten Erzählebene.

Was ist anders als bei 'Homeland' und Co.?

Wer von der rein actionlastigen Handlung der James Bond-Filme gelangweilt ist und sich an den trüben und unterschwelligen Verwicklungen der John Le Carré Bücher und Filme erfreuen kann (z.B. Tinker Taylor Soldier Spy), der sollte dieser Serie eine Chance geben.

Nicht nur agieren hier versierte Schauspieler, die sich bereits in anderen Serien einen Namen gemacht haben: Richard Armitage spielte bereits in Spooks eine Hauptrolle und einen Special Operator hinter den Reihen in Strike Back, aber auch Michelle Renee Forbes Guajardo ist bekannt aus zahlreichen Serien wie True Blood, 24, oder Prison Break. Doch das wirklich Schöne und Interessante für deutsche Zuschauer ist, dass die deutschen Gegenspieler der Amerikaner beim BND auch von deutschen Schauspielern gespielt werden, die wirklich deutsch sprechen – eine Seltenheit in amerikanischen Serien. Da wird der US-Zuschauer doch tatsächlich gezwungen, Untertitel zu lesen!

Der zweite Pluspunkt ist Berlin als Handlungsort - die Häuser, die Menschen, das multikulturelle Miteinander, die Graffiti und nicht zuletzt die Historie. In spektakulären Luftaufnahmen der alten CIA-Abhörstation Teufelsberg findet ein Handlungsstrang sein spektakuläres Ende.

Mit David Bowie’s I’m afraid of Americans als Intro-Song radelt Richard Armitage als Daniel Miller auf einem stylischen weißen Fahrrad durch die Straßen und der deutsche Zuschauer fühlt sich wie zu Hause und gleichzeitig beobachtet durch die Handlung, die aus der amerikanischen Perspektive erzählt wird.

Kommen wir also zu drittens: Ich konnte auch bei kritischem Hinsehen kein amerikanisches Pathos bzw. Bevorzugung der Amerikaner vor anderen Nationalitäten entdecken. Es ist schon fast eine erfrischende Abwechslung, die Berlin Station in diesem Punkt von anderen Polit-Formaten wie Homeland oder Designated Survivor abhebt. 

Klischées unvermeidlich?

Sicher, bestimmte Punkte müssen bedient werden: die Chefs sind korrupt und intrigant, die Abteilungsleiter hacken aufeinander rum, wie in jedem anderen Büro, namenlose deutsche Nebendarsteller haben unerklärlicherweise des Öfteren Schnurrbärte, Amerikaner ziehen sich Baseballcaps über, um nicht aufzufallen (Woher stammt dieser Film-Mythos eigentlich?) – und der Spion muss natürlich die Gegenspionin verführen und mit ihr im Bett landen. Gehört alles zum Job. 

Richard Armitage beschattet eine Person in Berlin in der Serie Berlin Station

Jeder, der sich eine Baseballkappe so ins Gesicht zieht, schreit ja gerade nach auffälliger Unauffälligkeit.

Geschenkt – wir haben es registriert und kümmern uns nicht weiter darum, denn die Handlung an sich ist brisant und hochaktuell: Terroristenbekämpfung mit illegalen Foltermethoden in Black Sites, IS-Thematik und islamistische Menschenverführer, die Mädchen nach Syrien bringen. 

Unter den gnadenlosen Leakings des Verräters Thomas Shaw, dessen Identität dem Zuschauer schon früh bekannt gemacht wird, zerbrechen die Machtverhältnisse beider Spionageorganisationen und mehrere Figuren werden schuldige oder unschuldige Opfer.

Wer sind die Akteure?

Herausragende schauspielerische Leistung liefern vor allem Rhys Ifans als innerlich zerrissener bisexueller Verräter-Spion, Leland Orser als pausenlos fluchender Chef in der Berlin Station, und natürlich Richard Armitage, der zwischendurch sogar ganz passables Deutsch spricht.

Aber wirklich in bleibender Erinnerung bleibt die Darstellung des deutsch-rumänischen Schauspielers Sabin Tambrea. Sei es Folteropfer, Drag Queen, kaltblütiger Kidnapper und Mörder oder verzweifelter Selbstmordgefährdeter – sein besonderes Gesicht und seine intensive Schauspielkunst heben Berlin Station auf ein höheres Level.

Fazit:

'Berlin Station' ist lupenreines Spionage-Drama und für deutsche Zuschauer besonders interessant

Wie bei den realistischen Spionagegeschichten von John Le Carée steigert sich die Spannung eher unterschwellig, die Intrigen und Verwicklungen erfordern höchste Aufmerksamkeit und die wenigen actiongeladenen Szenen sind schmerzhaft realistisch. Die letzte Episode erfordert noch einmal größte Aufmerksamkeit, denn alles ist natürlich nicht so, wie wir es gedacht haben. Es gibt eine vernünftige Auflösung und ein offenes Ende für die zweite Staffel, die schon in Arbeit ist. Wer von Tatort und Co. gelangweilt ist und sich am richtigen deutsch-amerikanischen Feeling für eine Serie erfreuen will, die es so wohl noch nicht gegeben hat, sollte Berlin Station nicht verpassen.

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