Kritik: Haus des Geldes – Teil 1 & 2

Geisel(melo)drama
Spoilerfrei!
Lesedauer: 8 Mins.
  • Titelbild für Kritik Haus des Geldes mit einem durchbrennenden 50 Euro Schein, der im Brandloch die Gruppe von Hauptdarstellern zeigt
  • Nachdem Deutschland mit 'Dark' ein dickes Ei in die Netflix-Mediathek gelegt hat, wurde nun auch die spanische Fernsehserie 'Haus des Geldes' in mehrere Sprachen synchronisiert und als Netflix-Original etikettiert. Das Heist-Märchen hat bereits eine begeisterte, internationale Fanbase, die der Veröffentlichung von Teil 2 der Staffel am 6. April entgegenfiebert. Ob ihr noch schnell einen Binge-Watch der ersten Folgen einlegen, oder die Zeitressourcen sparen solltet, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Kritik 'Haus des Geldes' – Teil 1: Eine Gruppe von Profi-Kriminellen wird von einem mysteriösen „Professor“ (Álvaro Morte) angeheuert, um den epischsten Coup der Menschheitsgeschichte…

    63%

    Mäßig

    Handlung - 60%
    Spannung - 70%
    Charaktere - 50%
    Visuelle Umsetzung - 85%
    Emotionen - 50%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 22.12.2017
    Episoden: 13 in 1 Staffel
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Showrunner:
    Besetzung: , , , , , , ,
    Bildrechte: © 2017 Netflix

Gesamtbewertung:

Mäßig
63%

Nachdem Deutschland mit 'Dark' ein dickes Ei in die Netflix-Mediathek gelegt hat, wurde nun auch die spanische Fernsehserie 'Haus des Geldes' in mehrere Sprachen synchronisiert und als Netflix-Original etikettiert. Das Heist-Märchen hat bereits eine begeisterte, internationale Fanbase, die der Veröffentlichung von Teil 2 der Staffel am 6. April entgegenfiebert. Ob ihr noch schnell einen Binge-Watch der ersten Folgen einlegen, oder die Zeitressourcen sparen solltet, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.

Kritik 'Haus des Geldes' – Teil 1:

Eine Gruppe von Profi-Kriminellen wird von einem mysteriösen „Professor“ (Álvaro Morte) angeheuert, um den epischsten Coup der Menschheitsgeschichte zu drehen: Ein Überfall auf eine Banknotendruckerei. Nicht nur wollen sie dort einen Batzen Geld stehlen, sie wollen sich über mehrere Tage ihr eigenes Geld drucken. Dafür ist natürlich eine langwierige Geiselnahme notwendig.

Obwohl die Tat monatelang penibel geplant und geprobt wurde, kennen sich die Diebe nur unter ihren Decknamen. Jeder hat den Namen einer Stadt angenommen. So wird die Geschichte aus der Sicht von „Tokio“ (Úrsula Corberó) erzählt, einer aufgedrehten Bankräuberin, die mit dem jungen „Rio“ (Miguel Herrán), der obligatorische Profi-Hacker, eine Affäre startet. Dabei hat der Professor Liebesgeschichten strikt untersagt – wie sich herausstellt zurecht, da der raffinierte Plan an Tokios Herz für Rio zu scheitern droht.

Doch während die Geiselnehmer sich in der Banknotendruckerei verschanzen, koordiniert der Professor das Verbrechen aus einem sicheren Unterschlupf und bandelt gleichzeitig bei der leitenden Polizeiinspektorin Raquel (Itziar Ituño) an. Genialer Schachzug oder fataler Fehler?

'Ocean’s Eleven' trifft auf 'Prison Break'

Schon in den ersten Minuten wird klar, dass Haus des Geldes das ganze Arsenal von Heist-Film-Klischees bedient. Die Charaktere werden mit Mugshots und Off-Kommentaren vorgestellt, dazu schnelle Schnitte und lässige Musik. Das ist so käsig und altbacken, dass sich ein schiefes Grinsen kaum vermeiden lässt. Betrachten wir deshalb Haus des Geldes einfach als ein Hommage an den klassischen Heist-Movie und lassen das durchgehen.

Die Hauptcharaktere stehen um den Professor (Álvaro Morte), der auf eine Miniatur einer Banknotendruckerei zeigt in einem Szenenbild aus Kritik Haus des Geldes

Der Professor, die Banknotendruckerei und eine Crew von durchgeknallten Schwerkriminellen.

Die Konstruktion der Geschichte orientiert sich allerdings viel mehr an Prison Break. Auch hier startet der Coup bereits in der ersten Folge. Wie der genaue Plan aussieht, erfahren wir Stück für Stück in Rückblenden, die immer dann zwischengeschoben werden, wenn eine Situation erklärt werden muss. Wir sollen über die Genialität des Professors staunen, der wirklich jedes Szenario vorhergesagt und durchgeprobt hat. Auch wenn diese Erzählstruktur oft zu konstruiert wirkt, da man so lange wie möglich im Dunkeln gehalten wird, erschafft Haus des Geldes einen straffen Spannungsbogen ohne wirkliche Durchhänger. Damit eignen sich die ersten 13 Folgen hervorragend für einen Bingewatch. Vielleicht sind Raubüberfälle und Geiselnahmen auch einfach nur dazu prädestiniert, spannend zu sein.

Naiv wie ein "Räuber und Gendarm" Kinderspiel

Ähnlich wie Prison Break, erkauft sich Haus des Geldes den Unterhaltungsfaktor mit einer Menge kindischer Naivität. Die Charaktere sind eindimensional und überzeichnet – heißt, sie handeln immer genau so, wie man es von ihnen erwarten würde. Nur der charismatische „Berlin“ (Pedro Alonso), der die Geiselnahme von innen koordiniert, kann mit einer interessanten Vielschichtigkeit überzeugen. Der eloquente Psychopath mit Ehrenkodex stiehlt jede Szene für sich und gibt der Verbrechergruppe erst die nötige Dynamik.

Warum hat man Berlin nicht zum Hauptcharakter gemacht? Seine Off-Kommentare wären mit Sicherheit interessanter gewesen, als die stumpfen Beiträge von Tokio, die einfach alles erklären, was das Geschehen nicht selbst erklären will. Das ist ein ziemlich faules Stilmittel und kommt dennoch gut beim Zuschauer an, da es keine große Auseinandersetzung mit der Story erfordert. Wir bekommen alle Informationen vorgekaut. Ein bisschen mehr Subtilität hätte dem „Geiseldrama“ gut getan.

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Auf der anderen Seite ist Haus des Geldes gerade wegen seiner Naivität solide Unterhaltung. Die Spannung wird mit den gröbsten Werkzeugen nach oben geschraubt: Fake-Tode am Ende einer Folge gibt es mindestens vier Mal und Tokio erzählt Dinge wie „Und dann sollte alles schiefgehen…“. So affig diese Zuschauermanipulation auch ist, sie funktioniert weitgehend. Natürlich werden die meisten Problemsituationen mit „göttlichen“ Deus ex Machina wieder gelöst. Aber was soll’s. Nicht zu viel darüber nachdenken und Spaß haben.

Alles scheitert an der Liebe…

Was man Haus des Geldes allerdings nicht verzeihen kann, sind die bescheuerten Romanzen. Ach Gott, el amor. Sie versaut selbst den erfahrensten Verbrechern den Coup. Das zeigt sich bereits in der ersten Folge, als Tokio einen wahnsinnigen Shootout mit der Polizei provoziert, nur weil ihr Fast-Freund Rio angeschossen wurde. Ach, nein, die Polizei schießt zurück? No Shit.

Tokio (Úrsula Corberó) und andere Geiselnehmer mit roten Anzügen und Masken in einem Szenenbild für Haus des Geldes Szenenbild

Tokios Launen gefährden die gesamte Operation. Doch auch die anderen Geiselnehmer kämpfen immer wieder mit ihren Gefühlen... u.a. für die Geiseln.

Langsam merkt man, dass die Liebe an allem Schuld ist, was bei dem Überfall noch so schief laufen soll. Rio muss Prügel von den Kollegen einstecken und Tokio rebelliert schon wieder mit gefährlicher Dummheit. Der Professor gibt sich ultra-leichtsinnig einer Affäre mit der einsatzleitenden Polizeichefin Raquel hin, während er gleichzeitig als anonymer Geiselnehmer mit ihr über das Telefon flirtet. Man sollte meinen, dass wenigstens Raquel und der Professor einen Funken Professionalität besitzen, doch auch sie werden wortwörtlich blind vor Liebe – ganz abgesehen davon, dass die Chemie zwischen den beiden furchtbar ist und Raquel sich so schüchtern aufführt wie ein 14 jähriges Mädchen.

Krank vor Liebe ist aber vor allem Arturo (Enrique Arce), der Direktor der Banknotendruckerei. Er hat eine Affäre mit der jungen Sekretärin Monica (Esther Acebo) am Laufen. Sein Charakter ist wirklich schmerzhaft blöd und begibt sich aufgrund von Liebeskummer in die bescheuertsten Situationen (z.B. die Geiselnehmer mit einer Waffe bedrohen, von der jeder weiß, dass sie leer ist). Natürlich verliebt sich Monica aber in einen ihrer Geiselnehmer, genauso wie mindestens zwei weitere Geiseln. Ja, das Stockholm-Syndrom ist keine Erfindung, doch man hätte daraus kein Melodrama machen müssen.

Fazit: Haus des Geldes – Teil 1

In den letzten Folgen des ersten Teils zieht die Spannung zunehmend an und die Serie kann endlich ihre offensichtlichen Schwächen überspielen. Das „Midseason-Finale“ liefert grandiose Suspense, die sich verdächtig nach Breaking Bad anfühlt. Wem Spannung und Action wichtiger ist als Dialoge und storytechnische Raffinesse, der wird mit den ersten 13 Folgen Haus des Geldes mächtig Spaß haben. Der Rest wird sich an der eindimensionalen Charakterzeichnung und platten Story-Konstruktion stören – ganz zu schweigen von den peinlichen Romanzen. Doch mit Sicherheit wird der zweite Teil (übrigens auch das endgültige Finale der Serie) mehr gut als schlecht machen. Deshalb bekommt Haus des Geldes provisorische und gutmütige 71 Prozent.

Stand der Bewertung: 71%

Kritik: 'Haus des Geldes' – Teil 2

Die letzten neun Folgen des Geiseldramas setzen genau dort ein, wo der erste Teil aufgehört hat. Die Villa des Professors ist aufgeflogen und Raquel glaubt, damit eine heiße Spur gefunden zu haben. Nun liegt es am Professor, die Operation zu retten. Doch während er draußen die Spuren verwischt, kämpfen die Geiselnehmer mit einer zunehmenden Verzweiflung. Stress und Schlaflosigkeit lassen einige Mitglieder der Gruppe am Rad drehen...

Der Haupt-Cast in roten Overalls in einem Szenenbild für Kritik Haus des Geldes

Alles beim Alten – der Cast ist in Teil 2 immer noch (beinahe) vollständig.

Tokio kann keine Geschichten erzählen

Stilistisch hat sich mit dem zweiten Teil der Staffel natürlich nichts geändert. Jede Folge beginnt mit einer tickenden Uhr und Tokio moderiert das Geschehen mit ganz viel Pathos. Doch warum muss ein Geiseldrama unbedingt als modernes Märchen erzählt werden? Durch das ständige Nacherzählen wirkt Haus des Geldes wie eine "epische" Legende, die man seinen Kindern beim Schlafengehen erzählt. Auf der anderen Seite wollen die Serienmacher mit der ablaufenden Zeit einen Realismus suggerieren, in dem in jeder Folge Dauer und Uhrzeit der Geiselnahme dokumentiert wird. Diese Verwirrungen im Erzählstil annullieren jede echte Spannung, die im Geiseldrama aufkommen könnte. Das ist genauso, wie wenn ein Fußball-Kommentator das Spiel nacherzählen würde: "Doch Ronaldo wusste nicht, dass er in den letzten Minuten noch ein Tor schießen würde!" Man raubt der Situation die Echtheit – das Gefühl, dass alles passieren kann. Haus des Geldes braucht keine Moderatorin. Teil 2 belegt endgültig, dass es sich dabei nur um ein faules Drehbuch-Werkzeug handelt. Wenn man etwas nicht zeigen kann, wird es einfach erzählt.

Keine Überraschungen mehr

Während in Teil 1 noch genug Ungewissheit bezüglich des Handlungsausgangs bestand, ist Teil 2 so vorhersehbar wie eine Bauanleitung – am Ende wird schon das richtige Produkt rauskommen. Es geht nur noch darum, die letzten Schrauben festzuzurren. Genauso hakt Haus des Geldes die letzten Stationen der Story einfach ab.

Dennoch bewegt sich die Geschichte im Schneckentempo. Die komplette Staffel ist mindestens sieben Episoden zu lang. Der Spannungsbogen wurde massiv überspannt, bis er ausgerechnet in den letzten Folgen endgültig durchreißt. Diese Geiselnahme dauert viel zu lange und fühlt sich absolut nicht mehr wie eine gefährliche Situation an – mehr wie das klaustrophobische Set einer Soap-Opera.

Selbst die großen Enthüllungen, die wir alle kommen sahen, wirken schon beinahe belanglos. Das liegt vor allem daran, dass die Drehbuchautoren auf die falschen Aspekte wert legen. Richtig, in Teil 2 dreht sich beinahe alles um die Liebe.

Kitsch bis zum Abwinken

Teil 2 lässt die peinlichen Romanzen noch weiter hochkochen. Monica+Denver, Raquel+Professor und Tokio+Rio sind so arm an Chemie, dass jeder prickelnde Moment wie unangenehmes Petting wirkt. Der Begriff  "Stockholm-Syndrom" findet nun auch endlich Einzug in den Wortschatz der Drehbuchautoren und wird voll ausgeschlachtet. Dabei würde der Begriff "Titanic-Syndrom" viel besser passen: Die Charaktere verlieben sich nämlich innerhalb weniger Tage derart Hals über Kopf, dass es bereits nach 80 Stunden Geiselnahme erste Heiratsanträge gibt. Wir haben es in Teil 1 kommen sehen, nun ist es bestätigt. Haus des Geldes ist eine Romanze. Wer das romantisch finden will, muss die Serie im spanischen O-Ton anschauen, ohne Untertitel.

Action gibt's erst im Finale wieder. Doch bis auf ewige Schießereien, bei denen niemand zu sterben scheint, und ein paar bedeutungsschwangeren Monologen gibt's nicht viel zu erwähnen. Wer ein "Blow-my-mind!"-Finale erwartet hat, wird enttäuscht. Die Geschichte endet genau so, wie man es kommen sehen hat. Nur Berlin bleibt weiterhin erwähnenswert und reißt jede Szene mit seinem Charisma an sich.

Immerhin bilden die letzten zehn Minuten einen netten Bogen zum Anfang der Geschichte. Doch für eine Versöhnung ist es zu spät. Teil 2 ist erstaunlicherweise deutlich schwächer als Teil 1.

Fazit:

'Haus des Geldes' fällt in sich zusammen

Nein, das war nichts. Während Teil 1 naiv, aber unterhaltsam war, ist Teil 2 eine echte Geduldsprobe. Das billige Storytelling, das irgendwo zwischen epischer Nacherzählung und realistischem Geisel-Thriller torkelt, saugt der Handlung jede Spannung aus. Nervenkitzel und Suspense gibt's spätestens ab Teil 2 nicht mehr. Je näher wir uns dem Ende nähern, desto weniger werden wir überrascht. Statt das Momentum eines Geiseldrama zu nutzen , gibt's Fremdschäm-Romanzen und bedeutungsschwangere Monologe in bester The Walking Dead-Manier. Dass sich Haus des Geldes einige Elemente von Breaking Bad und Co. abgeschaut hat, macht die Sache nicht besser. Wer aber eine schnell zugängliche und unkomplizierte Serie für einen Bingewatch sucht, der darf Haus des Geldes gerne eine Chance geben. Mehr als eine spanische Seifenoper mit Waffen darf man allerdings nicht erwarten.

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