Kritik: Jack Ryan – Staffel 1

Versuch Nr. 5 - wieder gescheitert?
Spoilerfrei!
Lesedauer: 6 Mins.
Jugendgefährdende Inhalte
  • John Krasinski als Jack Ryan in Titelbild für Kritik Jack Ryan Staffel 1
  • Die zahllosen Schmöker des amerikanischen Schriftstellers Tom Clancy rund um den hyperintelligenten CIA-Analysten Jack Ryan wurden schon viermal verfilmt. Aber weder Alec Baldwin, Ben Affleck, Chris Pine und noch nicht einmal Harrison Ford konnten aus ihm einen James Bond oder Ethan Hunt machen. Liegt es vielleicht daran, dass ein Typ, der keine Fehler hat und in allem gut ist, einfach superlangweilig ist? Mehr in der Kritik. Wenig Zeit? Zum Fazit! Darum geht's: Der in einem Helicopter-Crash schwer verletzte Ex-Marine Jack Ryan (John Krasinski – Jim von The Office) arbeitet als Finanzanalyst in Langley, dem CIA-Headquarter. Er bekommt einen neuen Boss…

    61%

    Mäßig

    Handlung
    65%
    Spannung
    80%
    Action
    70%
    Schauspiel
    50%
    Charaktere
    40%
    User Rating: Be the first one !
  • Staffelstart: 31.08.2018
    Episoden: 8 in 1+ Staffel
    FSK: 16
    Genre: , , , ,
    Showrunner: ,
    Besetzung: , , , ,
    Bildrechte: © 2016 Amazon Instant Video

Gesamtbewertung:

Mäßig
61%

Die zahllosen Schmöker des amerikanischen Schriftstellers Tom Clancy rund um den hyperintelligenten CIA-Analysten Jack Ryan wurden schon viermal verfilmt. Aber weder Alec Baldwin, Ben Affleck, Chris Pine und noch nicht einmal Harrison Ford konnten aus ihm einen James Bond oder Ethan Hunt machen. Liegt es vielleicht daran, dass ein Typ, der keine Fehler hat und in allem gut ist, einfach superlangweilig ist? Mehr in der Kritik.

Darum geht's:

Der in einem Helicopter-Crash schwer verletzte Ex-Marine Jack Ryan (John Krasinski – Jim von The Office) arbeitet als Finanzanalyst in Langley, dem CIA-Headquarter. Er bekommt einen neuen Boss Jim Greer (Wendell Pierce, The Wire), der nicht nur schwarz sondern auch nach Auslandseinsätzen zum Islam übergetreten ist – Homeland lässt grüßen. Sorry – aber das war ein bisschen zu durchsichtig hier Spannung zu erzeugen – der Frage, ob Greer ein umgedrehter Agent ist, wird nicht wirklich nachgegangen, aber immerhin kann er später einem nationalistisch rumpöbelnden französischen Polizisten sauber über den Mund fahren.

Natürlich ist es Jack Ryan, der internationale Finanztransfers interpretiert und auf einen Terroristen hinweist, der nur unter dem Namen Suleiman bekannt ist. Das Schicksal nimmt seinen Lauf als Greer Jack zu einer Sitzung mitnimmt und ihm noch einbläut ja den Mund zu halten, was dieser – natürlich – nicht macht und schwupps schon ist er rekrutiert, Verdächtige in Syrien zu verhören. Der sympathischste Zug an der Figur des Jack Ryan, der auch von Krassinski deutlich herausgespielt wird, ist sein Mitleid und Verständnis für andere. Er ist der „good guy“– gradlinig und ein bisschen naiv. Aber natürlich muss er auch gute Kampffertigkeiten haben, die er dann auch gleich unter Beweis stellen kann.

Wendell Pierce und John Krasinski in einem Szenenbild für Kritik Jack Ryan Staffel 1

Boss Greer (Wendell Pierce) ist nicht glücklich über seinen vorlauten Mitarbeiter Jack (John Krasinski).

Handlung aus zwei Perspektiven

Die Handlung wechselt fast zu fünfzig Prozent zwischen dem Erzählstrang der Amerikaner und dem der syrischen Terroristen. Man hat sich hier wirklich Mühe gegeben, eine gut durchgearbeitete Hintergrundgeschichte für Suleiman und seinen Bruder auszuarbeiten. Sie sind einzige Überlebende eines Drohnenanschlags, (Suleiman trägt die Narben an den Händen, genauso wie Jack Ryan, sein Gegenspieler, sie auf dem Rücken trägt). Aber tatsächlich sind es nur zwei Aspekte, die die Wandlung zum abgrundtief bösen Terroristen auszumachen scheinen: der Drohnenangriff und ein Aufenthalt in einem französischen Gefängnis. Reicht das? Womöglich, doch die Serie kann die krasse Charakterwandlung dennoch nicht als glaubwürdig verkaufen. 

Das Leben von Suleimans Familie wird ebenfalls in den Fokus der Geschichte gerückt. Mir war das aber fast zu viel, obwohl die Location, eine Burg in der Wüste, wirklich spektakulär anzuschauen war. Zahllose Einheimische spielen mit und es wird sehr viel Arabisch gesprochen. Amazon hat für die Verfilmung viel Geld in die Hand genommen, das ist keine Frage.

Thema: Flüchtlingskrise

Später flieht die Frau mit den Töchtern und lässt den an Diabetes erkrankten Sohn zurück, sodass der Zuschauer eintaucht in eine höchst aktuelle Problematik – die Flüchtlingskrise und ihre Schlepperprofiteure, hier am Beispiel der Türkei. Greer und Jack suchen die Frau vor Ort und Jack kann seine Verachtung für die Menschenschlepper nicht verbergen. Doch sein Boss Greer holt den Idealisten Ryan des öfteren mit seiner trockenen und matter-of-fact Haltung wieder auf den Boden der Tatsachen:

I don’t know what the fuck you’re doing but you have to unclench your asshole. We need this guy.

Cleer zu Jack Ryan über den Flüchtlingsschlepper

Nachdem Suleiman einen verheerenden Anschlag mit Giftgas in Frankreich verübt hat und sein Bruder über die Alpen gejagt wird (sehr schöne Bilder, gute Actionszenen), setzt sich die Handlung in den letzten Episoden auf amerikanischem Boden fort und bietet alles auf, was so an Brennpunktthemen dem Zuschauer Panik bereiten könnte, von inszenierten Ebola-Epidemien bis zu radioaktiven Bomben.

John Krasinski als Jack Ryan in einem Flüchtlingsgebiet in einem Szenenbild für Kritik Jack Ryan Staffel 1

Die Flüchtlingssituation am Mittelmeer als aktuelles Thema.

So gut wie das Marketing?

Mein Hauptkritikpunkt ist aber das fehlende Überraschungsmoment. Jack Ryan rollt auf ausgetretenen und altbekannten Pfaden dahin, wie eine olle Straßenbahn und wir kennen schon jede Haltestelle, jedes bekannte Spion-, Terroristen- und Superheldenklischee, als dass uns das hier noch vom Hocker reißt. Noch nicht einmal ein good guy, der sich dann plötzlich als Verräter herausstellt, das wäre doch der geringste Twist, den man erwarten könnte.

Jack Ryan wurde als die neue Thriller-Serie angekündigt, mit unzähligen Werbespots und größenwahnsinnigen Plakatkampagnen. Aber das hat für mich nicht funktioniert und zwar aus dem einfachen Grund, dass Jack Ryan nichts bietet, was nicht schon so oder so ähnlich und viel besser anderswo dargestellt wurde. Ich denke da nur an Homeland, The Looming Tower und die sträflich unterschätzte deutsch-amerikanische Serie Berlin Station.

Thema: Drohnenkrieg

Genau wie in den Büchern werden hier letztendlich Klischées bedient, wenn man sich auch sehr bemüht, nicht in den altmodischen amerikanischen Patriotismus zu verfallen, der heute sicher nicht mehr funktionieren würde. Da ist z.B. die völlig ohne Zusammenhang da stehende Geschichte des Drohnenpilots Viktor, der an seinem Job verzweifelt. Positiv zu vermerken ist, dass hier schonungslos die kaltschnäuzige Brutalität dieser Art Kriegsführung kritisiert wird. Viktor erklärt es seiner Kollegin: Sie sind zwar auch Soldaten, aber sie sind sicher in ihrer Station, ihnen kann nichts passieren und deshalb ist der Kampf unfair und unmenschlich. Mir gefiel die Idee, dass Viktor sich aufmacht, um den Vater eines seiner (unschuldigen) Opfer zu besuchen und sich bei ihm zu entschuldigen. Diese Szene, in der keiner den anderen wegen der Sprache versteht, aber die Augen alles sagen, war ungemein stark. Da kann man auch über den Aspekt der Unwahrscheinlichkeit hinwegsehen.

Blutleere Charaktere

Aber der Rest hat mich leider nicht berührt. Kein Charakter erfährt eine Entwicklung, die Hintergrundgeschichten sind eher spärlich und das emotionale Eingebundensein ist einfach nicht da, da hilft auch nicht die halb ausgegorene Liebesgeschichte von Jack zu einer Ärztin weiter. Der Beziehung fehlt es an Drama und Leidenschaft und ist deshalb einfach nur langweilig.

Eigentlich mag ich intelligente Helden, die auch noch ein gewisses Maß an Badassqualitäten mitbringen, aber es muss auch die Zwischentöne geben, die Grauzonen, die uns an dem Helden zweifeln lassen. Er sollte unter vergangenen Taten leiden und weiter auf einem Pfad der Reue und des Leidens unterwegs sein. Das erzeugt Emotionen, die uns mit einem Charakter verbinden. Das was uns Jack Ryan hier präsentiert, reicht einfach nicht, auch nicht die Erklärung für den Helikopterabsturz ganz am Ende.

Fazit:

'Jack Ryan' - Staffel 1 wird dem Hype nicht gerecht

Jack Ryan ist solide gemacht, die Cinematographie ist sehr gut, die Actionszenen routiniert und glaubwürdig und der Versuch, das Menschliche in den Terroristen rauszuarbeiten ehrenwert. Wenn sie am Ende aber dann doch nichts weiter als Monster sind, dann ist der Versuch gescheitert. Man sollte sich besonders Staffel 2 von Berlin Station noch einmal ansehen und dann vergleichen, was zweideutige Charaktere sind, die man auch nach vielen Episoden nicht einordnen kann, und was sie mit uns gefühlsmäßig anstellen. Davon ist hier hier nichts zu finden. Jack Ryan ist empfehlenswert wenn man eine gute Mischung aus solider Action, aktueller Thematik und glaubwürdigen, wenn auch eindimensionalen Helden bevorzugt. Der Unterhaltungswert ist hoch, auf ein tiefgründigeres Interpretieren der politischen Geschehnisse wird verzichtet. Es gibt einfache Antworten auf die komplexe politische Weltlage und ein Held, der auf jeden Fall am Ende Recht behält.

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