8.5/10

Kritik: The Looming Tower – Staffel 1

KEIN PATRIOTISMUS, KEINE VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN

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Genres: Drama, Krimi, Thriller, Startdatum: 04.05.2018

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Der 11. September – was an diesem Tag passiert ist, wissen wir alle. Doch wie es überhaupt dazu kam, erzählt weitab von jeglichen Verschwörungstheorien diese Miniserie, die ab Mai 2018 auch in der deutschen Synchro auf Amazon Prime zu sehen ist, nachdem die erste Version aufgrund von Protesten wegen schlechter Qualität noch einmal neu beauftragt werden musste. Wie stark ‚The Looming Tower‘ letztendlich ist, erfahrt ihr in der Bewertung und Kritik.

Darum geht’s

Jeder, der alt genug ist, um sich noch an den katastrophalen Terroranschlag vom 11. September 2001 zu erinnern, der fast 3000 Menschen das Leben kostete und unzählige andere in Folge, wird sich wie alle anderen gefragt haben: Wie konnte es dazu kommen? Wo waren FBI und CIA? Hatten sie keine Informationen? Allmählich sickerte dann die Wahrheit durch – es gab genügend Hinweise, die aber in den Schluchten und Gräben der Bürokratie verschwunden waren und nie an die Oberfläche gerieten.

Die Serie basiert auf dem mit einem Pullitzer-Preis geehrten Buch The Looming Tower: Al-Qaeda and the Road to 9/11 von Lawrence Wright. Der unheimliche Turm ist eine Koransure, die anscheinend Osama Bin Laden vor den Anschlägen mehrmals bei Reden zitiert hat: „Wo ihr auch sein mögt, der Tod wird euch finden, und währet ihr im hohen Turm“.

Die Handlung zeigt diverse Perspektiven, von denen eine auch die der Terroristen ist, die sich in diversen Camps verstecken und Osama selbst wird als Filmschnipsel miteinbezogen.

Die eigentlichen Hauptpersonen sind John O’Neill (Jeff Daniels, Dumm und Dümmer, The Newsroom und zahlreiche Filme seit 1981) als Leiter der FBI Abteilung I-49 und sein Gegenspieler bei der CIA in der Antiterroreinheit Alec Station Martin Schmidt (Peter Sarsgaard, The Killing, The Slap), zwei Alpha-Männchen, die sich in einem egobasierten Machtkampf so ineinander verbissen haben, dass eine Kooperation nicht mehr möglich ist. Im Gegenteil, Schmidt, der in seiner Position die wichtigen Informationen aus erster Hand erhält, ist die meiste Zeit damit beschäftigt, diese geheimzuhalten und zu verhindern, dass das FBI involviert wird. Sein Argument: O’Neill versteht das Große und Ganze nicht und wird die Verdächtigen zu früh verhaften und somit verhindern, dass die wichtigen Spieler gefasst werden. Ganz Unrecht hat er damit wohl nicht, in einer Szene sieht man genau das. Allerdings bunkert er die Informationen nur, um sie dann soweit wie möglich nach oben zu tragen und präventive Drohnenschläge auf die Camps vorzuschlagen. Dass damit ein hoher Kollateralschaden bei den Zivilisten zu befürchten wäre, wischt er als irrelevant beiseite.

Zwei Welten – zwei Perspektiven

Das große Plus der Serie ist, dass man genau diese tragischen Ereignisse bei den „Feinden“ zu sehen bekommt. Die Aufnahmen in den Al Quaida-Camps sind intensiv. Gerade sieht man noch eine Gruppe von kleinen Jungs mit einem Stofffetzenball Fußball spielen und fasziniert die nächtlichen Lichtspiele der angreifenden Drohen beobachten, dann ist im nächsten Augenblick alles zerstört. Nur ein kleiner Junge überlebt. Sein weiterer Weg wird verfolgt und die Bilder seines abgestumpften Blicks, seine löchrigen Kleider und der kleine Stoffball, sein einziger Besitz, der ihm geblieben ist, sind an Intensität nicht zu übertreffen. Die Macher setzen hier auf die emotionale Karte, es wird nicht politisch erklärt, warum die islamische Welt gegen die USA mit Terror agiert. Hier lässt man einen kleinen Jungen sprechen, der nun im Jemen gelandet ist, kurz vor dem Terrorangriff auf eine amerikanische Fregatte mit zahlreichen Toten:

Meine Familie ist tot, mein Freund ist tot, die Erde raucht. Nun kommt der Teufel zu uns in einem eisernen Schiff….Er ist hier.

Die Ironie der Wirklichkeit (Leichte Spoiler)

Während Martin Schmidt (der wohl der real existierende Michael Scheuer sein soll) als eigentlich Verantwortlicher der Misere klar die Schuld zugewiesen bekommt, taugt auch John O’Neill nicht als Held der Geschichte. Er war ein Lebemann mit diversen Freundinnen und hoch verschuldet. Gerne hätte man die Bettszenen von Jeff Daniels weglassen können, aber der Schauspieler trägt doch einen Hauptanteil an der Spannung und Intensität des Ganzen. Er kann einen Verdächtigen so lange schweigend anstarren, dass man sich nicht wundert, wenn dieser entnervt zusammenbricht und gesteht. Der reale O’Neill, dessen konstante Warnungen nicht ernst genommen wurden, endete später als Sicherheitsmann genau in dem Zielobjekt des gefürchteten Anschlags, nämlich im World Trade Center, wo er ums Leben kam. Das Leben schreibt die brutalste tragische Ironie.

John O’Neill (Jeff Daniels) und Ali Soufan (Tahar Rahim) haben unterschiedliche Zugänge zur Terrorbekämpfung. Letztendlich wurden ihre Warnungen nicht ernst genommen.

John O'Neill (Jeff Daniels) und Ali Soufan (Tahar Rahim) reden an einem Schreibtisch in einem Szenenbild für Kritik The Looming Tower

Der eigentliche Held der Geschichte aber ist Ali Soufan (Tahar Ramin, französischer Schauspieler mit algerischer Abstammung), ein Mitarbeiter und Schützling von O’Neill und einer von nur acht arabisch sprechenden Ermittlern im FBI jener Zeit. Er verfolgt mit Hingabe und Aufopferung seines persönlichen Lebens die Spuren und steht natürlich mit zwei Füßen in verschiedenen Welten. Das wird immer deutlich, wenn er einen Verdächtigen in eine Moschee verfolgt und undercover mitbetet, gleichzeitig ist aber klar, dass dieses Gebet keine Show ist sondern sein wirklicher Glaube.

Unterschwellige Spannung einer Dokumentation

Der Stil der Serie ist als eher nüchtern zu beschreiben, Humor kommt nicht vor, wäre angesichts der Thematik auch fehl am Platz, aber die Spannung baut sich unterschwellig langsam auf. Natürlich weiß man als Zuschauer, wohin das Ganze führen wird. Dass das Zuschauen trotzdem lohnenswert und aufregend ist, liegt einerseits an der Qualität der schauspielerischen Leistung der Hauptpersonen, andererseits auch an den überzeugenden Aufnahmen von den Schauplätzen in afrikanischen und asiatischen Ländern. Man muss viel Untertitel lesen, wenn die Akteure arabisch sprechen, die Authentizität wird dadurch natürlich gesteigert.

Zehn Folgen – nicht genug

Ich muss gestehen, dass ich überrascht war, als ich plötzlich am Ende der letzten Folge angekommen und die Geschichte noch längst nicht zu Ende erzählt war. Gerade sah man Mohammad Atta, einen der Attentäter, in einem Unterschlupf ankommen und man wartet darauf, wie er nun weiter vorgehen wird – da ist schon Schluss. Die Serie braucht auf jeden Fall noch 10 Folgen und wird diese hoffentlich auch bekommen.

Fazit

8.5/10
Stark
Community-Rating:
Handlung 8.5/10
Spannung 8.5/10
Schauspiel 9.5/10
Emotionen 8/10
Visuelle Umsetzung 8/10
Details:

Die wahren Ereignisse werden politisch relativ neutral dargestellt, ohne amerikanisches Nationalpathos und ohne abstruse Verschwörungstheorien. Die zehn Folgen sind spannend, authentisch und in filmisch anspruchsvollen Bildern erzählt. Die menschlichen Abgründe und Schicksale werden intensiv dargestellt, die so oder so ähnlich passiert sind. Politische Schlussfolgerungen auf die momentane Weltlage liegen auf der Hand.

Artikel vom 14. Mai 2018

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