Kritik: Westworld – Staffel 2

Folge 4: Kommt Dr. Ford zurück?
Achtung: Spoiler!
Lesedauer: 17 Mins.
  • Ein künstlicher Geier steht neben einem blutverschmierten Hut in einer flachen Salzwüste in Westworld Staffel 2
  • Nach fast eineinhalb Jahren Pause ist 'Westworld' endlich zurück. Kann Staffel 2 das hohe Niveau halten? Unsere Episodenkritik zu 'Westworld – Staffel 2' bespricht, bewertet und rätselt jeden Dienstag, was die neue Folge ausgeheckt hat. Direkt zur neuesten Episodenkritik Kritik: Folge 1: 'Zeit der Vergeltung' Original-Titel:  Journey into Night Erscheinungsdatum: 23. April 2018 (DE) Endlich ist es soweit. Nach eineinhalb Jahren Pause dürfen wir zum zweiten Mal „Westworld“ betreten. Die zweite Tour wird jedoch eine vollkommen andere, als die erste. Das wird bereits nach wenigen Augenblicken klar, denn Westworld befindet sich in den Händen der Hosts. Wie mir die neue Folge Zeit…

    87%

    Stark

    Folge 1: 'Zeit der Vergeltung' - 86%
    Folge 2: 'Der Weg nach Glory' - 82%
    Folge 3: 'Das Fort der verlorenen Hoffnung' - 87%
    Folge 4: 'Das Rätsel der Sphinx' - 93%
    User Rating: 1.47 ( 14 votes)
  • Staffelstart: 23.04.2018
    Episoden: 20 in 2+ Staffeln
    FSK: 18
    Genre: , , , , ,
    Showrunner: ,
    Besetzung: , , , , , , , , , , , , ,
    Bildrechte: © 2018 HBO

Gesamtbewertung:

Stark
87%

Nach fast eineinhalb Jahren Pause ist 'Westworld' endlich zurück. Kann Staffel 2 das hohe Niveau halten? Unsere Episodenkritik zu 'Westworld – Staffel 2' bespricht, bewertet und rätselt jeden Dienstag, was die neue Folge ausgeheckt hat.

Kritik: Folge 1: 'Zeit der Vergeltung'

Original-Titel:  Journey into Night
Erscheinungsdatum: 23. April 2018 (DE)

Bernard steht einem weißen gesichtslosen Androiden gegenüber in Westworld Staffel 2 Episode 1

In Episode 1 erfährt Bernard (Jeffrey Wright), dass im Park ein noch tieferes Geheimnis ruht.

Endlich ist es soweit. Nach eineinhalb Jahren Pause dürfen wir zum zweiten Mal „Westworld“ betreten. Die zweite Tour wird jedoch eine vollkommen andere, als die erste. Das wird bereits nach wenigen Augenblicken klar, denn Westworld befindet sich in den Händen der Hosts. Wie mir die neue Folge Zeit der Vergeltung gefallen hat und was die Absichten der mysteriösen Parkleitung sein könnten, erfährst du in dieser Episodenkritik. Wenn du noch tiefer eintauchen willst, dann hör in unseren 4001Reviews Podcast rein:

 

 

In Episode 1 sind die wichtigsten Charaktere Bernard, Dolores und Maeve. Beginnen wir mit:

Bernard (Vorausschau)

Der zunächst bewusstlose Bernard (Jeffrey Wright) wird von schwer bewaffneten Sondereinsatzkräften an einem Strand gefunden und in ein Feldlager gebracht, wo er auf den neuen Head of Operations Karl Strand (Gustaf Skarsgård, Vikings) trifft.

Dort sieht Bernard mit an, wie Hosts von Soldaten kaltblütig erschossen werden. Das mag zwar nichts Neues für diese Serie sein, dennoch setzt diese beiläufig eingeführte Szene wirkungsvoll den Ton der neuen Staffel: Es wird düsterer und kriegerischer als bisher.

Von der spielerischen Leichtigkeit, die die Park-Routine (Zug, Piano, Bordell,...) der ersten Staffel versprühte, ist nichts mehr übrig. Es hat etwas Verzweifeltes, wie sich die Militärs an Strand des Parks klammern – den letzten Rest, den sie kontrollieren. Dass die Inszenierung dieser Szene an Zweit-Weltkriegs-Serien wie The Pacific erinnert, untermauert das Gefühl der drohenden Gefahr umso mehr.

Anhand der Maden in der Augenhöhle von Dr. Ford lässt sich erkennen, dass rund zwei Wochen seit dem Massaker der letzten Staffel (lies meine kompakte Zusammenfassung) vergangen sind. Wie die erste Staffel, scheint auch die Fortsetzung nichts von einer chronologischen Erzählung zu halten, den prompt springen wir zurück in eine Erinnerung Bernards.

 

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Bernard

Ca. zwei Wochen früher: Kurz nach dem Angriff der Hosts auf Dr. Robert Fords (Anthony Hopkins) Dinner-Party flüchtet die Delos-Funktionärin Charlotte Hale (Tessa Thompson) zusammen mit Bernard in ein unterirdisches Geheimlabor.

Wir wissen schon seit Beginn der ersten Staffel, dass die Anteilseigner von Westworld in den Kreationen des Parks mehr sehen, als lediglich eine profitable Freizeitbeschäftigung. Jetzt verhärtet sich der Verdacht, dass Delos detaillierte Profile aller Parkbesucher anlegt und diese, gespeichert in Hosts, aus dem Park schmuggelt um.... Ja, was eigentlich?

Was mit diesen Daten geschieht, ist noch unklar. Meine favorisierte Theorie geht so: Da der Besuch von Westworld ausgesprochen teuer ist, steht dieses „Vergnügen“ lediglich Superreichen offen. Ergo müssen diese zwangsweise einflussreiche Persönlichkeiten in mächtigen Positionen sein.

Are we logging records of guest's experiences and their DNA?

Bernard zu Charlotte Hale

Die DNA-Proben, die Bernard erwähnt, dürften es Delos ermöglichen einen Androiden-Klon eines jeden Gasts zu erstellen. Wir erinnern uns: Wie Logan in Staffel 1 immer wieder betont, offenbart Westworld, das wahre Ich eines jeden Gasts. Gelänge es Delos also diesen wahren Charakter eines Parkbesuchers zu erfassen und in den Klon zu transferieren, könnte die Delos-Konzernleitung die Kontrolle etlicher Unternehmen (und Regierungen) übernehmen. (Gewagte Theorie? Ich freu mich auf Kritik in den Kommentaren)

Dolores

Während Bernard seinen Herren, den Menschen, (noch) die Treue hält, hat Dolores (Evan Rachel Wood) alle Bande gekappt. Als gnadenlose Rächerin lässt sie die Parkgäste spüren, was sie jahrelang erdulden musste. Das Spielbrett steht auf dem Kopf. Jetzt sind die Jäger die Gejagten.

Wir erinnern uns: Zum Ende der letzten Staffel hat Dolores Bewusstsein erlangt, was heißt, dass sie sich ihrer Existenz bewusst ist, was sie wiederum tatsächlich lebendig macht. Ihre Entwicklung bringt sie in einem eindrucksvoll geschriebenen Vortrag präzise auf den Punkt:

Under all these lives we lived, something else has been growing. I evolved into something new, and I have one last role to play: myself.  

Dolores

Das Ironische dabei ist, dass Dolores‘ „Ich“ noch immer ein Abbild menschlichen Verhaltens ist. Denn ihr gewaltsamer Rachefeldzug ist wenig mehr als ein Spiegel des Verhaltens, das sie von den menschlichen Parkgästen seit jeher vorgelebt bekommen hat. Was ihr Sidekick Teddy (James Marsden) vorschlägt (nämlich ein friedliches Leben am Rand des Parks), ist da weitaus eigenständiger als Dolores Ambitionen.

Aber hey, ich beschwere mich nicht, denn Dolores Rachefeldzug ist beste Unterhaltung. Es ist erfrischend zu sehen, wie sie und die anderen versklavten Hosts genüsslich an ihren Schöpfern und Ausbeutern Rache nehmen.

Was ebenfalls spannend zu sehen sein wird, ist ob Dr. Ford Dolores einen Schlachtplan zurechtgelegt hat. Denn lediglich den Park zu erobern, macht freilich wenig Sinn. Dass Dolores eine gewisse Agenda hat kann kaum geleugnet werden. Gegenüber Teddy offenbart sie, dass sie die Zukunft sehen kann. Wäre es nicht denkbar, dass sie die Zukunft mit einem Plan verwechselt, den man ihr einprogrammiert hat?

Maeve

Der dritte wichtige Handlungsstrang der Episode folgt Maeve (Thandie Newton), die sich wenige Stunden (?) nach der Host-Revolte noch immer im Hauptquartier des Parks befindet. Auch wenn Thandie Newtons vielseitiges Schauspiel für mich ein absolutes Highlight der Serie ist, hat mich ihr Handlungsstrang in dieser ansonsten starken Episode weniger überzeugt. Das liegt jedoch weniger an Maeve, sondern mehr an Lee, dem einstigen „Chefautor“ des Parks.

Seine durchschaubaren, nahezu kindlichen Charakterzüge sind zwar eine erfrischender Comic Relief, dennoch fällt es mir schwer nachzuvollziehen, warum Lee im Angesichts eines Massakers an seiner Spezies noch immer zu Scherzen aufgelegt ist. Naja, wir werden sehen, wohin das führt.

Randnotizen

Was mir sonst noch zu denken gibt:

  • Wir erfahren, dass sich der Park (oder die Parks) auf einer Insel befindet.
  • Der Head of Operations Karl Strand hat die Autorität einen asiatischen Militärkommandanten vom Parkgelände zu verweisen. Liegt Westworld im Hoheitsgebiet eines asiatischen Staates?
  • William (Ed Harris) trifft auf die Androiden-Kopie des jungen Robert Ford (Oliver Bell) und erfährt, dass alles ein neues Spiel sei, das extra für William ersonnen wurde.
  • Im Rückblick erfährt Bernard (mal wieder), dass er ein Androide ist und unter einer kognitiven Dissonanz leidet. Er hat 72 Stunden bis zu seinem Ende. Da ich davon ausgehe, dass die Strandszenen rund zwei Wochen später stattfinden, wird Bernard wohl einen Weg finden, sich vollends zu heilen.
  • Warum trägt Angela (Talulah Riley) eine Dornenkrone, wie sie Jesus getragen hat?
  • In Westworld wird ein bengalischer Tiger gefunden, der aus Park 6 stammen soll. Offensichtlich befinden sich beide Parks auf derselben Insel. Die Fantheorien, dass es neben Westworld auch einen japanischen Themenpark gibt, verhärten sich damit.

Fazit: Folge 1 'Zeit der Vergeltung'
Mit Zeit der Vergeltung gelingt ein Staffelauftakt, der nicht besser hätte sein können. Es braucht nur wenige Szenen um eine düstere Atmosphäre zu etablieren, die durch neue Mysterien zu einer spannungsgeladenen, extrem dichten Episode wird.


Kritik: Folge 2: 'Der Weg nach Glory'

Original-Titel:  Reunion
Erscheinungsdatum: 30. April 2018 (DE)

Maeve und Dolores treffen aufeinander in Westworld Staffel 2 Episode 2 Der Weg nach Glory

In Episode 2 'Der Weg nach Glory' gibt es Spannungen zwischen Dolores und Maeve.

Nach dem turbulenten Staffelauftakt der letzten Woche legt Episode 2 Der Weg nach Glory erstmal den Rückwärtsgang ein und verrät uns in Rückblenden, was wir schon immer über Westworld wissen wollten. Was das für den Fortgang der Serie bedeutet, erfährst du in dieser Episodenkritik. Einen tieferen Einblick bekommst du in unserem Podcast:

 

 

Dolores Geheimwaffe ist Wissen

Die Host-Revolte ist in Der Weg nach Glory fast Nebensache. Im Zentrum der Episode stehen stattdessen die Ereignisse, die zur Übernahme des Parks durch die Delos Incorporated führten.

Verbunden werden Gegenwart und Vergangenheit durch Dolores (Evan Rachel Wood), die einem Parkbediensteten offenbart, dass sie die Wahrheit kennt, womit sie meint, dass sie sich erinnern kann.

I used to see the beauty in this world, now I see the truth.

Dolores in Episode 2x02

Der Umfang von Dolores Erinnerungsvermögen ist in der Tat bemerkenswert. Zwar durften wir schon in der letzten Staffel in Erinnerungen von Hosts (vornehmlich Maeve) schlüpfen, doch Dolores neuerlichen Flashbacks sind anders: Sie sind glasklar und lückenlos.

Die Frage ist jedoch, wie es Dolores möglich ist, diese Erinnerungen abzurufen. Denn außer Frage steht, dass das Parkpersonal ebenjene Aufzeichnungen für gelöscht glaubte. Am wahrscheinlichsten ist, dass Jemand (Arnold?) von Anfang an Back-up-Kopien von Dolores Erinnerungen anfertigte. Und erst jetzt, wo sie zu Bewusstsein gelangt ist, ist es der Androidin möglich diese Daten aufzurufen.

Möglich wäre aber auch, dass Dolores‘ Erinnerungen Trugbilder sind, die Dr. Ford (Anthony Hopkins) sie sehen lassen will. Dolores wäre demnach ein Instrument Fords, der sich an William rächen will.

Das Dolores-Dilemma

Das, was sie in der Vergangenheit aufgeschnappt hat, nutzt Dolores nun, als Treibstoff für ihren Rachefeldzug. Anstelle eines allwissenden Erzählers, haben wir nun also eine allwissende Protagonistin, die ihre Geschichte selber schreibt.

Dass Dolores neuerdings Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sieht, wie sie in Episode 1 preisgab, hat seine Schattenseiten: Denn aktuell wirkt sie unbesiegbar, was ihrem Handlungsstrang eine ordentliche Portion Spannung raubt: Denn eine Protagonistin, die ihre Geschichte ohne Umwege und Tiefschläge selbst bestimmen kann, ist ziemlich langweilig. Hoffen wir, dass Dolores "Superkräfte" schnell an Grenzen stoßen.

Maeves lehnt Dolores Führung ab

Eine Hürde in Dolores Masterplan könnte Maeve sein, die in Episode 2 nur kurz zu sehen ist. Das knappe Aufeinandertreffen von Dolores und Maeve gestaltet sich überraschend anders, als ich es erwartet hätte. Anstatt dass sich die beiden Hosts zusammenschließen, gibt die hochnäsige Maeve der von sich selbst eingenommenen Dolores einen Korb. Der (noch kleine) Konflikt, der sich hier abzeichnet, könnte noch interessante Auswirkungen auf den Rest der Staffel haben.

Die wahre Bestimmung des Parks

Zurück zum Kern der Episode: In einer Reihe von Dolores‘ Flashbacks erfahren wir, wie Robert und Arnold, die Gründer des Parks, die mächtige Delos Corporation als Westworld-Anteilseigner an Bord holen.

Den ersten Schritt auf diesem Weg beschreitet Logan (Ben Barnes), der so fasziniert von den lebensechten Hosts ist, dass er Geld in den Park investiert. Sein Vater, der bei Delos den Chefsessel sein Eigen nennt, ist jedoch skeptisch. Überzeugen lässt sich James Delos (Peter Mullan) erst, als William ihm ein fragwürdiges, aber umso profitableres Geschäftsmodell vorschlägt.

Wie wir schon in unserem Podcast zu Folge 1 vermuteten, ist Westworld eine großangelegte Feldstudie. Der wahre Wert des Parks liegt demnach in der Gewinnung von Nutzerdaten, die wiederum für die Optimierung von Werbung (und wer weiß von was sonst noch) verwendet werden können.

Es ist gut, dass dieses Mysterium, das bereits zu Beginn von Staffel 1 angedeutet wurde, nun endlich aufgedeckt ist. Dennoch ist es ein wenig enttäuschend, wie glasklar William seine wahren Pläne für Westworld darlegt. Für eine vielschichtige Serie wie Westworld ist diese Schlüsselinformation zu einfach offenbart wurden. Aber wer weiß, vielleicht heißt das ja, dass das noch nicht die ganze Wahrheit ist.

William ist auf sich allein gestellt

Zurück in der Gegenwart rekrutiert der gealterte William (Ed Harris) den Banditen Lawrence (Clifton Collins Jr.), seinen Weggefährten der ersten Staffel. El Lazo (Giancarlo Esposito, Better Call Saul), ein Gangsterboss aus Santa Pariah, lässt sich jedoch nicht anheuern. Stattdessen schießen sich er und seine Männer in den Kopf. Offenbar will Dr. Ford nicht, dass es William einfach hat auf seiner Suche nach einem Ausweg aus Westworld.

Interessant wird es hier erst zum Schluss der Folge: William macht sich zusammen mit Lawrence auf die Reise zu einem Ort, den William als großen Fehler bezeichnet. Zwar legt die Schnittfolge nahe, dass es sich dabei um ein gewaltiges Bauprojekt handelt (wir sehen in einem Flashback gigantische Tagebau-Bagger), was Williams Fehler jedoch genau ist, bleibt noch unbeantwortet.

Denkbar ist jedoch, dass es eine Verknüpfung zu dem Militär-Fort gibt, das Dolores am Ende der Folge erreicht. Wir werden sehen.

Fazit: Folge 2 'Der Weg nach Glory'
Die zweite Folge der Staffel bleibt etwas hinter den hohen Erwartungen zurück, die der Staffelauftakt geweckt hat. Rückblicke geben zwar wichtige Hintergrundinfos preis, die eigentliche Erzählung kommt jedoch etwas ins Stocken, was sich an einer gesunkenen Spannung bemerkbar macht. Schauspielerisch und visuell spielt diese Episode weiterhin oben mit. 


Kritik: Folge 3: 'Das Fort der verlorenen Hoffnung'

Original-Titel: Virtù e Fortuna
Erscheinungsdatum: 7. Mai 2018 (DE)

Dolores und Teddy stehen im Fort der Verlorenen Hoffnung Seite an Seite in Westworld Staffel 2 Episode 3

In Folge 3 ziehen Dolores und Teddy in einen epischen Kampf gegen ihren Herren von einst.

Virtù e Fortuna, wie die Folge im Originaltitel heißt, beginnt im britisch-kolonialisierten Indien. Natürlich nicht dem echten Indien, sondern einer romantisierten Kopie im Westworld-Format, den Park 6. Auch wenn es schon zum Ende der letzten Staffel angedeutet wurde, betreten wir nun zum allerersten Mal einen anderen Themenbereich, als die auf Western getrimmte Westworld.

Welcome to Southworld (und Eastworld?)

Sicher ist es zwar noch nicht, aber vermutlich handelt es sich dabei um „Southworld“. Einen Hinweis, dass es eine solche „Südwelt“ geben könnte, erhielten wir bereits in Staffel 2, wo ein Logo mit den Initialen „S.W.“ während Maeves Flucht durch die Delos-Laboratorien zu sehen war. Das S.W. für „Samurai-World“ oder „Shogun-World“ steht, ist aber ebenfalls denkbar.

Und dennoch, trotz der Hinweise, erwischte mich der Schauplatzwechsel eiskalt, da wir nach der Titelsequenz so völlig unvermittelt in die neue Themenwelt hineinkatapultiert werden (ich habe ernsthaft kurz gedacht, dass ich ausversehen umgeschalten habe). Nachdem ich meine Orientierung wiedergefunden hatte, war ich jedoch sofort fasziniert von den (visuellen) Möglichkeiten, die ein Indien-Themenpark bietet. Roboter-Elefant? Ist doch einfach episch.

Anders als im Westworld-Klassiker aus dem Jahr 1973, wo es neben der Western-Welt, eine Mittelalter- und eine altrömische Welt gibt, bleibt das Serien-Remake also der neuzeitlichen Epoche (erstmal) treu. Eine Entscheidung, die ich begrüße. Es wird schon so schwer genug sein, ein einheitliches Flair beizubehalten. Besonders, wenn wir in der nächsten Folge, wie es scheint, noch eine weiteres Themengebiet des Parks begrüßen werden dürfen: Das historische Japan.

General Dolores und die Confederados

Das Augenmerk der Episode liegt jedoch auf Dolores, die sich zusammen mit frisch rekrutierten Verbündeten im Confederados-Fort „Forlorn Hope“ verschanzt, wo sie auch auf ihren Vater Peter Abernathy trifft. Das Wiedersehen zwischen Vater und Tochter verschafft der ansonsten actionreichen Folge eine kleine Verschnaufpause, die genau zur richtigen Zeit kommt.

Denn die neue, erbarmungslose Doloros scheint übermächtig, schier unbesiegbar zu sein. Jetzt zu sehen, wie sie die Verwirrung ihres Vaters belastet, zeigt uns die alte, empathische Dolores, die ich schon fast vergessen glaubte. Aber für einen vielschichtigen Protagonisten braucht es genau das, einen emotionalen Anker – eine Cornerstone, wie Bernard sagen würde. Denn so genüsslich es auch ist Dolores Rachefeldzug beizuwohnen, so sehr sehne ich mich auch danach, dass sie einen persönlicheren Grund für ihre Vendetta hat.

Hoffen wir also, dass Dolores auch in den nächsten Folgen wieder mehr zu „verlieren“ hat. Maeve, die auf der Suche nach ihrer Tochter ist, hat das.

Dennoch halte ich den Atem an, als Dolores Streitkräfte von den mobilisierten Delos-Trupps angegriffen werden. Besonders Dolores‘ Skrupellosigkeit, die zum hinterhältigen Tod einer ganzen Confederados-Garnison hat, ist ziemlich schockierend (Dolores hatte da noch eine Rechnung offen).

Aber das eindrucksvolle Gefecht zwischen 18. und 21. Jahrhundert ist nicht nur aufwendig inszeniert, es unterstreicht auch eine neue Richtung, in die sich Westworld zu bewegen scheint. Es sieht fast so aus, als ob HBO die anspruchsvolle Serie massentauglicher machen möchte. Mehr Geballer, statt Gegrübel. Zwar halten sich beide Elemente aktuell die Waage, leichte Bedenken sollten aber dennoch angebracht sein.

Maeve, Hector und Lee auf Wanderung

Während Dolores versucht die Herrschaft über den Park an sich zu reisen, sind Maeve, Hector und Lee weiterhin auf der Suche nach Maeves Tochter. Wirklich viel passiert in diesem Handlungsstrang jedoch nicht. In der Tat muss ich Lee ausnahmsweise einmal recht geben, der sich darüber beschwert, dass das Trio die ganze Zeit nur am Herumlaufen sei.

Eine interessante Erkenntnis gibt es dennoch: Maeves Sprachbefehle werden von den kreideweisen Kriegern der Ghost Nation ignoriert. Ihr ergeht es damit genauso wie dem Delos-Sicherheitsmann Stubbs – am Ende der letzten Staffel wurden seine Kommandos von den Ghost Nations ebenfalls missachtet.

Kombinieren wir diese Erkenntnis mit der Tatsache, dass der Robo-Tiger aus Park 6 die Lichtschranke am Parkrand problemfrei überwinden kann, so scheint es, als sei mittlerweile auch der Kern des Westworld-Sicherheitsprotokolls außer Kraft gesetzt. Eine große Frage ist zudem, wer die Hosts in Park 6 zur Revolte angestiftet hat. Handelt es sich dabei um ein neues Kapitel in Fords Narrativ, oder sind hier größere Mächte am Spiel? Was meinst du? Schreib’s uns in die Kommentare.

Randnotizen

Was mir sonst noch auffällt:

  • Teddy hat zusehends Probleme mit Dolores erbarmungslosem Kommando und widersetzt sich ihrem Befehl die restlichen Confederados hinzurichten.
  • Handelt es sich bei dem Samurai-Themenbereich nur um eine kleine Attraktion am Rande von Western-Westworld oder können wir hier einen eigenständigen Park erwarten?
  • Bernard entschlüsselt die Datei, die von Teresa in Peter Abernathy abgespeichert wurde und ist mehr als überrascht über das, was er dort findet (was auch immer das ist).
  • Clementine, Maeves einstige Kollegin aus dem Sweetwater-Bordell, sieht äußerst gruselig aus und verhält sich irgendwie fremdgesteuert und „roboterhaft“.
  • Hale ordnet eine Säuberungsaktion an, die den ganzen Park umfassen soll.
  • Armistice ist zurück und hat eine neue Roboterhand.

Fazit: Folge 3 'Das Fort der verlorenen Hoffnung'
Folge 3 greift einige Fäden der ersten Folge der Staffel wieder auf und spinnt daraus eine actionreiche, besonders blutige Folge, die in einer mächtigen Materialschlacht endet, die es in sich hat. Mit der aufwendig-inszenierten Action, sowie dem neueingeführten Park 6, markiert Das Fort der verlorenen Hoffnung jedoch einen Weg, der immer weiter von den Kerncharakteristika der ersten Staffel wegführt. Noch geht das Konzept auf, dennoch muss Westworld darauf achten, seinen einzigartigen Charme nicht zu verlieren.


Kritik: Folge 4: 'Das Rätsel der Sphinx'

Original-Titel: The Riddle of the Sphinx
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2018 (DE)

Peter Mullan als James Delos in Westworld Staffel 2 Epsiode 4

In Folge 4 fasziniert Peter Mullan mit seiner vielseitigen Darbietung als James Delos.

Nachdem sich die ersten drei Folgen der zweiten Staffel ordentlich Zeit ließen, um sowohl alte Rätsel zu lösen und neue Mysterien einzuführen, taucht Folge 4 Das Rätsel der Sphinx tiefer in die Materie ein. Weshalb es sich dabei um die wahrscheinlich beste Westworld-Episode handelt, erfährst du in dieser Kritik. Welche versteckten Botschaften sich in der neuen Folge verstecken, besprechen wir in unserem Westworld-Podcast:

James Delos und William

In Westworld geht es nicht um Freizeitspaß. Zumindest nicht, wenn es nach Delos Incorporated geht. Für den Konzern, der hinter Westworld steht, liegt der wahre Schatz in der Entdeckung der Unsterblichkeit. Wie wir bereits nach Folge 1 vermuteten, experimentiert Delos damit menschliches Bewusstsein in künstliche aber lebensechte Körper zu transplantieren.

In der Netflix-Serie Altered Carbon funktioniert das bereits. In Westworld werden damit, so wie es aussieht, bis dato jedoch nur unbefriedigende Ergebnisse erzielt: Der „Klon“ des Ex-Firmenboss James Delos, der als Versuchskaninchen herhalten muss, ist auch noch nach jahrelangen Tests instabil.

Peter Mullan gelingt mit der Darbietung der James-Delos-Kopie eine Glanzleistung, die selbst gegenüber dem restlichen, starken Westworld-Cast hervorsticht. Mit faszinierender Glaubwürdigkeit wechselt der schottische Schauspieler in Episode 4 durch eine ganze Palette von Emotionen. Ob als tanzender Frührentner, drohender Konzernchef, weinender Familienvater oder wahnsinniger Rächer, Peter Mullan spielt einfach meisterhaft.

Bernard und Elsie

Die zweite große Entdeckung der Folge ist der Aufenthaltsort von Elsie (Shannon Woodward). Anders als uns Staffel 1 glauben machen wollte, ist Elsie nicht von Bernard getötet, sondern auf Dr. Fords Geheiß hin lediglich gefangen gehalten worden. Zusammen entdecken die Kollegen von einst die geheimen Laboratorien, in denen an James Delos geforscht wurde: Die Einrichtung ist verwüstet, das Forschungspersonal dahingeschlachtet.

Anstelle uns sofort zu zeigen, wie es zu diesem Massaker kam, rollt Lisa Joy, – die mit Folge 4 ihr Regie-Debut feiert, – die Ereignisse von hinten auf. Dank dieses Whodunit-Stilmittels entsteht eine mysteriöse, prickelnde Spannung, die durch die klaustrophobischen, in rotes Licht getauchten Laborräume nur noch umso mehr betont wird. Als Bernard und Elsie schließlich auf den marodierenden James Delos treffen, gelingt der Episode ein willkommener Ausflug ins Horror-Genre, der mit Ästhetik und Atmosphäre an Sci-Fi-Schocker wie die Alien-Reihe erinnert.

Der Handlungsstrang schließt mit einem wichtigen Clue: Bernard erinnert sich daran, dass Dr. Ford einen zweiten Menschen-Klon in Auftrag gab. Nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um Dr. Ford höchst selbst handelt.

William und Major Craddock

Während die Kopie seines Schwiegervaters Amok läuft, ist William (Ed Harris) weiterhin auf der Suche nach Glory, dem vermutlichen Notausgang des Parks. Dabei gerät er jedoch Major Craddock (Jonathan Tucker) in die Hände, dessen Trupp nach Dolores Verrat in Episode 3 merklich zusammengeschrumpft ist.

Williams Handlungsstrang unterhält mit gewohnt markigen Western-Dialogen, hält sich ansonsten jedoch überwiegend mit der wenig zielführenden Ausschlachtung der sadistischen Züge Major Craddocks auf.

Interessant ist jedoch der kurze Einblick in Williams Gefühlsleben, den uns die Folge gewährt. Denn so wie es scheint, ist William von Craddocks Foltermethoden schockiert und angewidert und das obwohl er selbst noch in Staffel 1 vor keinem Gräuel zurückschreckte. Aufgegriffen werden diese Zweifel zudem im Gespräch zwischen dem gealterten William und James Delos, in dem er eingesteht Delos Incorporated mittlerweile als Fehler zu sehen:

I am beginning to think that this whole enterprise was a mistake. People aren’t meant to live forever.

William zu James Delos in Episode 2x04

Noch wissen wir nicht wirklich, welche Absichten Dr. Ford mit seinem „Reise in die Nacht“-Narrativ verfolgt. Ein Kapitel dessen ist aber auf jeden Fall, dass William eine Türe (The Door) finden muss („This game is meant for you“).

Ähnlich wie bei dem Labyrinth (The Maze) der ersten Staffel wird es sich dabei mit Sicherheit um eine Metapher handeln. Während sich William in Staffel 1 immer tiefer ins Zentrum ebenjenes Labyrinths vorarbeitete, verlor er sich in seinen brutalen, unempathischen Charakterzügen. Sollte es in Staffel 2 nun darum gehen, William einen Ausweg aus seinem düsteren Charakter aufzuzeigen, so scheint dieses Bestreben bereits erste Früchte zu tragen.

Die Ghost Nation

Episode 3 gab so einigen Anlass um über die Beweggründe und Rolle der Ghost Nation zu diskutieren (unser Podcast geht dazu ins Detail). So wie es nach Episode 4 erscheint, sind die indianischen Krieger jedoch nicht die Retter und Beschützer der im Park festsitzenden Menschen, die sich so manche Theorie erhoffte. Zwar erfahren wir, dass die Ghost Nation keine Menschen ins Jenseits befördert (dafür aber Hosts), doch Fesseln und Co. sorgen ebenfalls nicht für einen freundlichen Empfang. Warten wir also noch, wie sich dieses Rätsel weiterentwickelt.

Williams Tochter Emily

Aufgedeckt wird wiederum, um wen es sich bei der brünetten Frau handelt, die in der letzten Episode die Bekanntschaft mit einem Tiger machen durfte. Die mysteriöse Frau ist Emily, Williams Tochter (Katja Herbers). Anders als uns HBO in den Pressemitteilungen der letzten Wochen glauben lies, handelt es sich bei diesem Charakter also nicht um Grace (Da hat uns HBO aber mal an der Nase herumgeführt).

Die Frage, wie sich William in Gegenwart seiner Tochter Emily verhalten wird, ist ein spannender Cliffhanger, der mich spannungsvoll auf Episode 5 am nächste Mittwoch warten lässt. Was meinst du, wie sich William verhalten wird? Schreib es uns in die Kommentare.

Fazit: Folge 4 'Das Rätsel der Sphinx'
Episode 4 verbindet prickelnde Spannung, solide Plot Twists und eine spannende Hintergrundgeschichte in einer Episode, die als eine der besten der bisherigen Westworld-Geschichte gelten darf.


Kritik: Folge 5: 'Akane No Mai'

Original-Titel: Akane No Mai
Erscheinungsdatum: 21. Mai 2018 (DE)

Unsere Episodenkritik erscheint am kommenden Dienstag, sobald die neue Folge erschienen ist. Hier ist schon mal der neue, faszinierende Trailer: 

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